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    Der deutsche Unglücksrabe

    Der Regisseur Dani Levy liebt offenbar die Provokation. Seinen letzten Film, die Hitler-Parodie mit dem Titel „Mein Führer. Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (DT vom 13. Januar 2007), verstand er als „subversive Antwort“ auf Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ (DT vom 14. September 2004). Ausgerechnet ein inzwischen im KZ Sachsenhausen inhaftierter jüdischer Darsteller sollte in einem zutiefst depressiven Adolf Hitler die alte Rede-Kampfeslust wieder erwecken.

    Der Regisseur Dani Levy liebt offenbar die Provokation. Seinen letzten Film, die Hitler-Parodie mit dem Titel „Mein Führer. Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (DT vom 13. Januar 2007), verstand er als „subversive Antwort“ auf Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ (DT vom 14. September 2004). Ausgerechnet ein inzwischen im KZ Sachsenhausen inhaftierter jüdischer Darsteller sollte in einem zutiefst depressiven Adolf Hitler die alte Rede-Kampfeslust wieder erwecken.

    Levys neuer, nun im regulären Kinoprogramm anlaufender Spielfilm „Das Leben ist zu lang“ enthält die Provokation gleichsam im Titel. Denn welcher Zeitgenosse würde in einer sich immer schneller beschleunigenden Gesellschaft behaupten, das Leben sei zu lang? Provozieren möchte Levy offenbar darüber hinaus mit lustig-tiefsinnigen Aussagen wie „Ich bin Jude, sogar Vierteljude“, besonders aber mit der allerdings kaum originellen Entlarvung des Fernsehbetriebs als bloßer Geldmacherei und mit einer ebenfalls nicht wirklich neuen Selbstbezüglichkeit der Filmwelt.

    Zu lang findet das Leben allerdings Alfi Seliger (Markus Hering), denn der jüdische Filmemacher und notorische Hypochonder steckt in einer tiefsitzenden Lebenskrise: Seine pubertierenden Kinder Romy (Hannah Levy) und Alain (David Schlichter) finden ihn einfach nur lächerlich, seine Ehefrau Helena (Meret Becker) fühlt sich mehr zu ihrem Kollegen Johannes (Justus von Dohnányi) als zu ihrem Mann hingezogen. Zu allem Überfluss geht seine Bank insolvent, und sein neues Filmprojekt, eine Komödie über den dänisch-islamischen Karikaturenskandal, in die er fünf Jahre seines Lebens investiert hat, scheint niemand mehr zu interessieren – was Dani Levy durch Alfis unerwiderte Anschlussversuche während einer Party verdeutlicht. Denn dort servieren den sich anbiedernden Alfi in Gastauftritten Michael „Bully“ Herbig und Katja Riemann glattweg ab.

    Der Party-Gastgeber, ein Produzentenmogul (Hans Hollmann), hält Alfi zunächst nur hin, lässt sich jedoch von seiner russischen Frau Natasha (Veronica Ferres), die am Autor Gefallen findet und sich nebenbei eine Rolle im Film erhofft, sowie von seiner ehemaligen Geliebten und Alfis Mutter (Elke Sommer) umstimmen.

    Der steinreiche Produzent bietet dem Autor also doch noch einen Vertrag an (als Hauptdarsteller kommen in Frage „Bully oder Jürgen Vogel, Til Schweiger lieber nicht!“), verfolgt allerdings in Wahrheit eigene, im Kleingedruckten versteckte Ziele, nämlich Alfis Stoff zu einem TV-Mehrteiler für RTL umschreiben zu lassen. Der Autor wittert eine Verschwörung, muss außerdem einen Darmkrebs besiegen und seine Frau zurückerobern. Als ihm selbst sein Psychiater (Udo Kier) rät, seinem Leben ein Ende zu machen, versucht Alfi Seliger einen theatralischen Abgang in einem Hotelzimmer. Aber selbst das misslingt ihm: Alfi wacht scheinbar in seinem alten Leben auf, allerdings mit der Erkenntnis, lediglich die Figur eines Autoren zu sein. Der liebenswerte Versager macht sich auf, den realen Regisseur Dani Levy aufzusuchen und ihn zur Rede zu stellen.

    Dani Levys „Das Leben ist zu lang“ erinnert unweigerlich an die Filme Woody Allens, nicht nur weil der Name der Hauptfigur Alfi Seliger ähnlich klingt wie Alvy Singer („Der Stadtneurotiker“, 1977) oder wie der von Anthony Hopkins gespielte Hauptcharakter „Alfie“ im noch nicht in Deutschland angelaufenen Woody-Allen-Film „You Will Meet a Tall Dark Stranger“ (2010). Der deutsche Regisseur zitiert den New Yorker Regie-Altmeister regelrecht, etwa in den wohlmeinenden Ratschlägen, die Alfi Seliger immer wieder zu hören bekommt („Machen Sie versöhnliche Komödien“), die sich bereits der von Woody Allen selbst gespielte Komödien-Regisseur in dessen Film „Stardust Memories“ (1980) anhören musste, oder mit dem „Wahrheitsserum“, das unübersehbare Anklänge an das von einem chinesischen Arzt gemischte Wundermittel in Woody Allens „Alice“ (1990) besitzt. Darüber hinaus scheint der „Unglücksrabe“ Alfi Seliger einem Woody Allen-Film aus den siebziger und achtziger Jahren entsprungen zu sein.

    Hätte es Dani Levy bei dieser Woody-Allen-Hommage bewenden lassen, wäre ihm eine kurzweilige Komödie gelungen. Die Wendung, die „Das Leben ist zu lang“ nach Alfis Selbstmordversuch nimmt, in der es um die durchlässige Grenze zwischen dem realen Leben und dem Leben als Kunstfigur oder auch zwischen Schein und Sein geht, gerät jedoch vollends aus den Fugen. Die angebliche Parodie auf den Fernsehbetrieb (auch dies ein roter Faden in den früheren Woody-Allen-Filmen) wird zur Plattitüde („Wir machen hier kein Kino“), die angeblich philosophischen Fragen gehen im selbstbezüglichen Slapstick unter. Dem Zuschauer drängt sich der Eindruck auf, nicht das Leben, sondern Dani Levys Film sei viel zu lang.