• aktualisiert:

    Der allerletzte Zeuge

    Die Ruine des alten Hörsaals in der Berliner Charité, in dem der berühmte Pathologe Rudolf Virchow in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Studenten unterwies, ist bis auf den letzten Platz gefüllt, viele Zuhörer können nur noch einen Stehplatz ergattern und stehen dicht gedrängt in den historischen Mauern an diesem warmen Montagabend im April. Es ist erst 18.00 Uhr, offenbar sind die Menschen direkt von der Arbeit hierher geeilt. Ein verblüffender Tatbestand, denn der Anlass ist ein eher gruseliger: Berlins oberster Rechtsmediziner liest aus seinem Buch „Dem Tod auf der Spur“, in dem er zwölf Fälle aus seinem Arbeitsalltag beschreibt.

    Die Ruine des alten Hörsaals in der Berliner Charité, in dem der berühmte Pathologe Rudolf Virchow in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine Studenten unterwies, ist bis auf den letzten Platz gefüllt, viele Zuhörer können nur noch einen Stehplatz ergattern und stehen dicht gedrängt in den historischen Mauern an diesem warmen Montagabend im April. Es ist erst 18.00 Uhr, offenbar sind die Menschen direkt von der Arbeit hierher geeilt. Ein verblüffender Tatbestand, denn der Anlass ist ein eher gruseliger: Berlins oberster Rechtsmediziner liest aus seinem Buch „Dem Tod auf der Spur“, in dem er zwölf Fälle aus seinem Arbeitsalltag beschreibt.

    Professor Michael Tsokos, Jahrgang 1967, leitet das Institut für Rechtsmedizin der Charité und das Landesinstitut für gerichtliche und soziale Medizin in Berlin. Als Mitglied der Identifizierungskommission des Bundeskriminalamtes war er an zahlreichen rechtsmedizinischen Projekten im In- und Ausland beteiligt, unter anderem in Bosnien und in Thailand nach dem verheerenden Tsunami.

    Und er ist auch einer der Kuratoren der ausgezeichneten Ausstellung „Vom Tatort ins Labor – Rechtsmediziner decken auf“, die noch bis zum 13. September 2009 im Medizinhistorischen Museum der Berliner Charité zu sehen ist.

    Die Ausstellung führt den Besucher vom nachgestellten Schauplatz eines Raubmords im Wohnzimmer einer alten Dame durch alle Arbeitsbereiche der Rechtsmedizin. Verschiedene gewaltsame Tode – durch Wasser, Feuer, spitze bzw. schwere Gegenstände, Strangulation – werden anschaulich beschrieben, man erfährt, durch welche Hinweise und Untersuchungen sich eine Todesart herausfinden lässt. Das ist so sachlich und informativ dargestellt, dass niemand schockiert wird und alle Interessierten wirklich etwas lernen. Diese wohltuende Sachlichkeit zeichnet auch das Buch von Michael Tsokos aus.

    In seinen einführenden Worten nimmt er die Beantwortung der Frage vorweg, die vermutlich die meisten seiner Zuhörer und Leser beschäftigt: wie lebt man mit einem Beruf, der einen tagtäglich mit Toten konfrontiert, die in der Mehrzahl keines natürlichen Todes gestorben sind und meistens Opfer äußerer Gewalt geworden sind, sei diese Gewalt nun selbst beigebracht oder von anderen zugefügt.

    Für Michael Tsokos laufen in der Rechtsmedizin alle Fäden zusammen, hier findet er auf der Grundlage von Anatomie und Pathologie den gesamten medizinischen Fächerkanon wieder, und ihn reizt die psychologische Komponente, denn: „Kein anderer Arzt schaut so tief in die menschlichen Abgründe wie der Rechtsmediziner.“

    Der Wissenschaftler empfindet sich als privilegiert, weil seine „Patienten“ schon tot sind. Er liebt seine Arbeit, die erst beginnt, wenn das Leben bereits beendet ist und doch für die Lebenden immens wichtig ist, denn die Resultate der Obduktionen helfen nicht selten, weitere Tode zu verhindern – etwa wenn eine Operationsmethode oder eine medikamentöse Behandlung versagt hat und daraus der Tod eines Patienten resultiert. Auch können durch seine Arbeit Mörder und andere Gewaltverbrecher überführt und so weitere potenzielle Opfer vor ihnen geschützt werden. Er beschäftigt sich aus der Sicht des Todes mit dem Leben.

    Dieser Arzt, der alle nur denkbaren Grausamkeiten zu sehen bekommt, sagt, dass er das Leiden auf einer Kinderkrebsstation oder im Hospiz nicht ertragen könnte. Die Erfahrung des Versagens ärztlicher Kunst, das Eingeständnis, letztlich doch keine Macht über Leben und Tod zu haben – damit muss sich ein Rechtsmediziner nicht auseinandersetzen. Er hat nicht das „Warum“ zu klären, sondern das „Wie“, und das tut er mit allen wissenschaftlichen Methoden, die ihm zur Verfügung stehen, seien sie nun chemischer, physikalischer oder mathematischer Natur. Aber auch Phantasie und Kreativität gehören dazu, wie er anhand einiger im Buch beschrieben Fälle anschaulich beweist.

    Der Mediziner strahlt Lebensfreude aus, Humor und Selbstbewusstsein – und die nötige Distanz zum Schicksal der Opfer. Vielleicht lernt man, das Leben bewusster wahrzunehmen, wenn man täglich mit dem Tod zu tun hat. Michael Tsokos redet gerne über seine Arbeit und man hört ihm gerne zu. Tod und Grauen haben Hochkonjunktur, wie die vielen Fernsehserien zum Thema Pathologie beweisen. Auch dass diese Filme eher selten der Realität entsprechen, hat Michael Tsokos dazu bewogen, an der Ausstellung zum Thema mitzuwirken und ein Buch über authentische Fälle zu schreiben.

    Gewaltsame Todesfälle sind immer auch ein Spiegel der Zeit, in der sie geschehen. In den 50er Jahren gab es Jugendliche, die sich mit gestohlenen Wagen halsbrecherische Rennen lieferten, in den 90ern begann das oft tödlich endende S-Bahn-Surfen. Selbst hergestellte Designerdrogen führen häufig zum Tod, ebenso das momentan exzessiv auftretende „Komasaufen“. In letzter Zeit häuft sich der Diebstahl von Kupferkabeln, die allerdings oft unter Starkstrom stehen.

    Das Leben schreibt die besten Kriminalromane? Sehr sachlich werden die zwölf Fälle geschildert, nicht moralisierend und ohne Wertung. Das ist auch nicht nötig, der Stoff spricht für sich, und Michael Tsokos erspart dem Leser nichts. Wir werden Zeugen eines Mordes unter geistig verwirrten Menschen und eines Mordes im Zuhältermilieu, wir erleben einen tödlichen Unfall aufgrund von Unachtsamkeit bei der Jagd, erfahren, wie ein Drogenkurier an seinen Transportgütern stirbt und wie Alkohol und Kälte einen Tod verursachen. Wir lesen von dem tödlichen Einfallsreichtum von Menschen, die entschlossen sind, aus dem Leben zu scheiden: durch eine im fahrenden Auto ausgelöste Explosion, durch Aderlass und anschließende Selbstenthauptung und durch das Aufschneiden der Pulsadern in einer Regentonne als selbst gewähltem Versteck vor der Welt der Lebenden. Wären diese Menschen in der Lage, ihre Kreativität positiv und lebensbejahend einzusetzen – welche Möglichkeiten stünden ihnen offen!

    Michael Tsokos beschreibt sehr bewusst Fälle, die sich in unserer unmittelbaren Nähe abgespielt haben könnten, die „Reichen und Schönen“ überlässt er der Sensationspresse. Ein Fall allerdings erreichte traurige Berühmtheit, und das ist auch der einzige, bei dem Namen und Ort nicht verschlüsselt sind: der Fall Jessica in Hamburg, Mit dem Fall des kleinen Mädchens, das an Vernachlässigung starb, beginnt der Mediziner seine Lesung in der Charité. Da merkt man dem sonst so nüchternen Wissenschaftler dann doch die innere Bewegung an, obwohl er sich einer moralischen Beurteilung enthält.

    Auf die Frage, ob er an die Existenz des Bösen glaube, antwortet er nach einigem Zögern, das ginge doch sehr in die Philosophie und er sei ein Wissenschaftler, der darüber nicht zu befinden habe. Dass ihm das Nachdenken über die letzten Fragen aber durchaus nicht fremd ist, merkt man seinen Worten und seinem Buch dann doch deutlich an. Er erzählt, dass die Sanitäter, die in der Regel zuerst eine Wohnung betreten, in der ein toter Mensch liegt, die Fenster öffnen, damit die Seele heraus kann.

    Das Werk ist allgemeinverständlich geschrieben und gut lesbar, aber nichts für sensible Gemüter. Wer sich dennoch hinein begibt in diese Welt, ist dankbar für Menschen wie Michael Tsokos, die ihren Teil dazu beitragen, die nicht immer erklärlichen Wege der menschlichen Schöpfung trotz all ihrer Abgründe anzunehmen.

    Mortui vivos docent – die Toten lehren die Lebenden.

    Von Gerhild Heyder