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    Der absolutistische Moralist

    Seit Günter Grass sein israelfeindliches Elaborat, von ihm Gedicht genannt, veröffentlicht hat, reißt die Diskussion darüber nicht ab. Es überwiegt die strikte Ablehnung von Grass inhaltlicher These, Israel gefährde den Weltfrieden, während der iranische Diktator Ahmadinedschad lediglich zum Maulheldentum neige. So weit, so gut. Lohnt sich eine weitere Auseinandersetzung überhaupt noch, oder sollte man das Machwerk nicht dem Vergessen überlassen?

    Eine Teilnehmerin auf der Abschlusskundgebung der Ostermärsche in Frankfurt am Main trägt ein selbstgemaltes Porträt des... Foto: dpa

    Seit Günter Grass sein israelfeindliches Elaborat, von ihm Gedicht genannt, veröffentlicht hat, reißt die Diskussion darüber nicht ab. Es überwiegt die strikte Ablehnung von Grass inhaltlicher These, Israel gefährde den Weltfrieden, während der iranische Diktator Ahmadinedschad lediglich zum Maulheldentum neige. So weit, so gut. Lohnt sich eine weitere Auseinandersetzung überhaupt noch, oder sollte man das Machwerk nicht dem Vergessen überlassen?

    Letzteres ist nicht ratsam, denn der Fall Grass wirft ein paar tiefergehende Fragen auf.

    Über Jahrzehnte gerierte sich der Schriftsteller gemeinsam mit einigen Altersgenossen als unerbittliche moralische Instanz – erst der Bundesrepublik, später des vereinten Deutschland. Seine Urteile dabei waren oft ebenso rigoros wie fragwürdig.

    „Wie sollen wir der gefolterten und ermordeten Widerstandskämpfer, wie sollen wir der Ermordeten von Auschwitz und Treblinka gedenken, wenn (...) die Mitläufer von damals die Richtlinien der Politik bestimmen?“, hielt Grass 1966 dem frisch gewählten Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger vor. In Anbetracht der jüngsten Grass-Äußerungen soll hier daran erinnert werden, dass ein im Archiv des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ befindliches Protokoll des Reichssicherheitshauptamtes der SS vermerkt, Kiesinger habe während seiner Tätigkeit in der Rundfunkpolitischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, deren stellvertretender Leiter er seit 1943 gewesen war, antijüdische Aktionen gehemmt und verhindert. Von Grass' eigenen Aktivitäten dagegen bei der Waffen-SS gibt es nur die Selbstentlastung, er sei als Ladeschütze lediglich für das Nachladen der Waffen, nie für das Schießen selbst zuständig gewesen. Allerdings galt das Panzerregiment „Frundsberg“, dem Grass angehörte, als Eliteeinheit unter der Waffen-SS.

    Elitär ist Grass immer geblieben, vor allem in seinem Absolutheitsanspruch. Er brachte es fertig, gegen den Besuch von Bundeskanzler Helmut Kohl auf dem Soldatenfriedhof Bitburg schärfstens zu polemisieren, weil dort auch 49 Angehörige der Waffen-SS, also seine Kameraden, begraben sind. Die meisten von ihnen gehörten zu den Jahrgängen, die, wie Grass für sich in Anspruch nimmt, einfach eingezogen wurden.

    „Es musste heraus“, kommentierte der Schriftsteller sein spätes Eingeständnis, selbst Mitglied der Waffen-SS gewesen zu sein. Folgte aber daraufhin eine kritische Selbstreflektion über seine vorherigen Verbalattacken auf Kohl und Kiesinger zu der Zeit, als er seine Waffen-SS-Mitgliedschaft noch nicht offengelegt hatte? Fehlanzeige. Formulierte Grass Scham oder Demut wegen seines langen irritierenden Schweigens? Nichts zu spüren. Grass bleibt in einem Maße selbstgefällig und selbstgewiss, die Staunen erregt. Die Öffentlichkeit machte es ihm leicht. Sogar die Ehrenbürgerschaft von Danzig durfte Grass nach seinem späten Eingeständnis behalten. Seine Eignung als moralische Instanz wurde nicht wirklich in Frage gestellt.

    Für Grass war ja auch die DDR nur eine „kommode Diktatur“

    Hängt das etwa damit zusammen, dass der alte bundesrepublikanische Westen es sich ersparen will, darüber nachdenken zu müssen, dass seine moralischen Zuchtmeister aus der Generation Grass mehrheitlich mit dem NS-Regime verbandelt gewesen waren? Walter Jens, Henry Nannen oder Martin Walser beispielsweise waren während der Nazizeit aktiv und hatten später ihre NSDAP-Mitgliedschaft oder Zugehörigkeit zur SS entweder vergessen oder verleugnet. Ihre moralischen Verdikte gelten dennoch ungebrochen weiter.

    Dieselben Männer übten Nachsicht mit der zweiten deutschen Diktatur. Günter Grass, dessen Neigung zum Fehlurteil auch an seiner Ablehnung der deutschen Vereinigung deutlich wird, die er zwanzig Jahre danach noch als „Anschluss“ bezeichnet, prägte das Wort von der „kommoden Diktatur“, die seiner Meinung nach in der DDR geherrscht hat. Man kann also in seinen politischen Äußerungen durchaus eine Neigung zu Diktatoren feststellen, denen Grass gedient oder die er verharmlost hat – von Hitler über die SED-Politbürokraten bis zu Ahmadinedschad. Ganze Generationen sind mit solchen Zerrbildern aufgewachsen.

    Bislang wurde jedoch kaum die Frage gestellt, was das für das geistige Klima in unserem Land bedeutet. Denn hat nicht die bleibende Anfälligkeit der Deutschen für Ideologien etwas mit den geistigen Leitlinien zu tun, die Grass und Co. mit ihrem moralischen Rigorismus vorgegeben haben?

    Eine Analyse der aktuellen Grass-Debatte kann einigen Aufschluss über diese Frage geben. Bleiben wir erst einmal bei dem „Gedicht“, das nichts als eine in reimlose Versform gepresste politische Botschaft ist. Schon die Überschrift „Was gesagt werden muss“ erinnert an das „Es musste heraus“ von Grass' Bekenntnis seiner Waffen-SS-Zugehörigkeit. Grass überhöht damit seine Botschaften zu einer nicht zähmbaren Naturgewalt. Am Inhalt seiner Mitteilung an die Welt, die er in drei Ländern zugleich veröffentlichte, um die Dringlichkeit zu unterstreichen, gibt es nichts zu deuteln: Israel, das niemals die Existenz des Iran in Frage gestellt hat und dem permanent von Irans Diktator die Auslöschung angedroht wird, gefährdet den Weltfrieden. Grass tut so, als würde er damit eine bislang verborgene Tatsache aussprechen, über die zu reden unter Kuratel steht. In Wirklichkeit bedient er sich nur eines Klischees des modernen, linken Antisemitismus, der als Israel-oder Zionismus-Kritik daherkommt.

    Es ist für diese Kritik durchaus kein Widerspruch, sich, wie der Bundestagsabgeordnete der Linken. Norman Paech, im Ausschwitz-Komitee zu engagieren und gleichzeitig auf Hamas-Schiffen, auf denen jede Stunde der Ruf „Vernichtet Israel“ erschallt, gen Gaza zu schippern, oder sich am „Jerusalemmarsch“, ebenfalls von der Hamas mitorganisiert, zu beteiligen, dessen erklärtes Ziel die Verletzung der israelischen Grenzen ist. Die Zahl der Israel-Kritiker, die sich berufen fühlen, „wegen der deutschen Schuld“ einen „Völkermord“, den Israel zu begehen angeblich im Begriffe ist, zu verhindern, ist inzwischen Legion. Es wird so ausführlich über die Unterdrückung der Palästinenser durch die Israelis debattiert, dass die wirklichen Völkermorde, die in Ruanda, Darfur oder Kenia stattgefunden haben, daneben verblassen. Kaum ein Wort wird über die aktuell stattfindenden Christenmorde in Ägypten, Nigeria und anderswo verloren. Selbst die Wiedereinführung und Praktizierung der Todesstrafe in Gaza wird nur am Rande erwähnt. Der Fokus liegt auf Israel, dem Günter Grass jetzt noch unterstellt hat, die Auslöschung des Iran zu planen.

    Bei aller Kritik für den Inhalt seiner Aussagen nun, die der Nobelpreisträger, der sich in die Tradition von Jassir Arafat gestellt hat, einstecken musste, wird Grass dennoch überwiegend vor einem Vorwurf des Antisemitismus in Schutz genommen. So machte sich der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Manfred Kock, für Grass stark. Der Schriftsteller sei kein „Antisemit und kein Feind Israels“, sagte Kock in einem Deutschlandfunk-Interview. Dieser Vorwurf hinge damit zusammen, „dass wenn Israel kritisiert wird (...) meistens die Keule des Antisemitismus“ geschwungen werde. Wieso sich gerade die Deutschen berufen fühlen müssen, Israel zu kritisieren, dazu sagt Kock nichts. Schließlich ist das deutsche Engagement in Afghanistan kaum Gegenstand von Deutschland-Kritik in Israel. Dass der ehemalige Ratsvorsitzende befindet, Israel brauche zu seinem Schutz keine U-Boote, ohne ein Wort darüber zu verlieren, dass regelmäßig Hamas-Raketen in Sderot niedergehen und immer wieder Todesopfer fordern, ist leider bezeichnend.

    Die Verzerrung der Realität ist einfach gefährlich, die durch aggressives Moralisieren hervorgerufen wird. Ein weiteres Lehrbeispiel dafür ist die Berichterstattung über die aktuellen Ostermärsche in der öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendung der ARD „Tagesschau“ am vergangenen Sonntag. Zur besten Sendezeit wurde ausführlich berichtet, dass sich die „Friedensbewegung“ hinter Grass gestellt habe. Dann äußerte eine Aktivistin im Interview mit einem ARD-Journalisten, es ginge nicht um Israel, sondern den „Angriffskrieg“, den es plane. Da wird also vom Staatsfernsehen Grass' Unterstellung Millionen Fernsehzuschauern als Tatsache serviert – unkommentiert.

    „Es denkt“, beschreibt der Publizist Henryk M. Broder den uneingestandenen, aber latenten modernen Antisemitismus. Er führte in seinem neuen Buch, das wenige Wochen vor der Publikation des Grass-Gedichtes erschien, diesen Schriftsteller schon als Beispiel an. Grass hatte nämlich im vergangenen Jahr in einem Gespräch mit dem israelischen Schriftsteller Tom Segev auf dessen Frage, warum der Holocaust nur eine Nebenrolle in seinen Aufzeichnungen über die NS-Zeit spiele, darüber sinniert, dass die sechs Millionen deutschen Soldaten, die in sowjetischer Kriegsgefangenschaft umgekommen seien, auch keine Rolle im öffentlichen Bewusstsein spielten. Broder macht klar, was die Botschaft dieses Denkens ist: Die Deutschen haben sechs Millionen Juden umgebracht. Dafür sind sechs Millionen deutsche Soldaten durch die Sowjets umgekommen. Das hebt sich auf. Dass es eher 1,1 Millionen deutsche Soldaten waren, die in den Kriegsgefangenenlagern den Tod fanden, stört Grass beim Vergleichen nicht.

    Eine EU-Kommissarin und der Mord an jüdischen Kindern

    Beispiele für einen solcherart unterbewussten Antisemitismus findet man auch außerhalb Deutschlands: Die EU-Außenkommissarin Catherine Ashton reagierte auf die jüngste Ermordung von jüdischen Kindern und Lehrern in Toulouse, indem sie an die Kinder in Gaza erinnern zu müssen glaubte. Die Botschaft: Den von einem Terroristen ermordeten jüdischen Kindern in Toulouse ist nur geschehen, was den Kindern in Gaza durch die Antiterrormaßnahmen der Israelis zugefügt wird. Ashton musste nach diesem Fauxpas nicht gehen, sondern sich nur etwas korrigieren, indem sie ihrem Statement die Kinder von Sderot hinzufügte. Der treffendste Kommentar dazu stammt vom israelischen Psychoanalytiker Zivi Rex: „Auschwitz werden die Deutschen den Juden nie verzeihen.“

    Die Europäer, wie das Beispiel Ashtons beweist, auch nicht.