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    Der Wunsch nach Kontrollverlust

    Die Welt ist komplex geworden. Immer mehr scheint das Chaos zu regieren. Christen dürfen sich nicht täuschen lassen. Von Burkhardt Gorissen

    IAA Frankfurt
    Ohne Orientierung: Besucher einer Autoausstellung.dpa Foto: Foto:

    Kommt nach der Erlebnispädagogik der kreative Überwahn? Bernd Villhauer, Geschäftsführer des Weltethos-Institutes, sagte neulich in einem Vortrag an der Universität Tübingen, Chefs sollten ihre Firmen mit einem „kreativen Kontrollverlust“ führen. Ein zu starres Controlling, so Villhauer, behindere die Entwicklung einer Organisation. Konstruktiv sei es, das Erreichen von Zielen zu kontrollieren, aber für das Erreichen der Ziele alle Freiheiten zu gewähren.

    Das hört sich toll an. Nicht nur für Unternehmen, sondern auch für Politik, Kultur und Religion. Zumal wir in all diesen Bereichen zurzeit so etwas wie das Abstreifen aller Gewissheiten erleben. Der Kontrollverlust geschieht so en passant wie die Aufforderung, jeden Morgen ein Smoothie zu schlürfen. Nette, freundliche Fernseh- und Rock-Stars sagen uns, was wir zu tun und zu lassen haben: Mick Jagger segnet bei einem Konzert in Warschau das polnische Volk („Möge Gott mit Euch sein“). Auch Sting begnügt sich nicht mehr damit, Yoga- oder Rock 'n' Roll-Vorturner zu spielen, sondern macht auf Freizeitpolitiker im Sinne eines rigiden Humanismus. Die Fußball-Weltmeisterschaft wird – weil „zu nationalistisch“ – von ihm mental boykottiert. Wer keine Luxusvilla hat, werfe den ersten Stein.

    Dabei beginnt der „Kontrollverlust“ des Individuums schon in der Früh. Vorbei die Zeit, als der Mensch sein Frühstück einnehmen konnte, ohne mit Infos dauerbombardiert zu werden und zwar zeitgleich per Smartphone, TV, Computer, via Instagram, Facebook, Twitter und ähnlicher medialer Marter- und Desorientierungsinstrumente. Zeit zur Ruhe und inneren Einkehr – Fehlanzeige! Selbst die Kirche scheint dem Erosionsprozess unterworfen zu sein. Sie vermag vor lauter selbstreferentieller Beschäftigung kaum zur Behebung der spirituellen Krise beizutragen, in die unsere Gesellschaft immer tiefer zu versinken scheint. An der deutschen Autoindustrie kann man sich schon länger nicht mehr festhalten. Die „Umwertung aller Werte“ (Nietzsche) hat eine destruktive Dynamik erreicht.

    Alle sind außer sich, doch keiner weiß Bescheid. Dabei ist „alles so schön bunt hier“, wie schon Nina Hagen – damals gerade aus der DDR kommend – wusste. Der Multikulturalismus beschwört die sympathische Illusion herauf, dass wir alle zusammen im Transit zuhause sein könnten. Unsere Weltsicht ist touristisch, und in unserer Fixierung darauf, mit jedem korrekten Pinsel einen sauberen Strich zu malen, schmeicheln wir dem eigenen Selbstbild, um gleichzeitig die derbe Realität aus den Augen zu verlieren. Doch die gezielte Entfremdung von sozialen Bindungen hat leider nicht zur Befreiung der Spezies Mensch beigetragen, sondern zu Denunziations- und Repressionsriten geführt.

    Die „Kontrollverlust“-Demokratie fördert eine Kultur ohne Mitte. Stattdessen entpuppt sie sich mehr und mehr als Beschreibung eines therapeutischen Zustands. Schlagwörter bestimmen die Debatte, doch die tiefen Grabenrisse, die unsere Gesellschaft durchziehen, lassen sich durch politische Grenzenlosigkeit und diffamierende Etikettierungen nicht überbrücken. Es gibt keine ethischen Anker mehr und keine moralische Verpflichtung. Die idealisierende Prämisse, es reiche aus, alle Einschränkungen aufzuheben, erweist sich mehr und mehr als sentimentale Phantasie. Nach und nach verlernen wir, was richtig ist. Alles ist möglich. Alles relativ. Nur Tiefschläge gegen das (falsch verstandene) Christentum bleiben erlaubt.

    Wenn beispielsweise eine TV-Kabarettistin wie Carolin Kebekus sich in antichristlichen Ergüssen übt, ist das nicht nur unter öffentlich-rechtlichem Entleerungszwang zu verbuchen, sondern ein beredter Beweis für die reale Intoleranz vieler, die Offenheit und Dialog einfordern. Es wird auf der Aggressionsklaviatur geklimpert und eingespielte Lacher sagen dem „dummen Volk“, wann es zu lachen hat. Völliger Kontrollverlust? Natürlich nicht. Eher Chaos nach Design. Und so kann man sich fragen, ob wir zurzeit – maßgeblich befördert von der Pop- und Medienkultur – nicht die Etablierung einer globalen Ohnmachtskultur erleben, die jedem, der ihren Prinzipien widerspricht – berechtigt oder unberechtigt – ein Kainsmal („Nazi“, „Rassist“, „Fundamentalist“) auf die Stirn brennt, das zum Schweigen verdonnert.

    Für den Moment mag ein Wort wie „Gottesfurcht“ nicht Konjunktur haben. Aber niemand wird ratlos umherirren, wenn er das Reich Gottes in sein Herz aufgenommen hat. Nur gegenüber dem Höchsten lohnt sich die Selbstaufgabe.

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