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    Der Wunsch, die leibliche Mutter kennenzulernen

    Die Suche eines zur Adoption freigegebenen Kindes nach dessen leiblichen Eltern stellt ein häufiges Sujet von Spielfilmen dar, so etwa zuletzt im norwegischen Film „Rosemari“ (DT vom 27. Mai), in dem eine 16-Jährige mithilfe einer Fernsehjournalistin durch ganz Norwegen fährt, um ihren eigenen Ursprung kennenzulernen.

    Zusammen mit ihrem 10-jährigen Sohn Noah (Elyes Aguis) kehrt Elisa Bérard (Céline Sallette) nach Dünkirchen zurück, um n... Foto: filmkinotext

    Die Suche eines zur Adoption freigegebenen Kindes nach dessen leiblichen Eltern stellt ein häufiges Sujet von Spielfilmen dar, so etwa zuletzt im norwegischen Film „Rosemari“ (DT vom 27. Mai), in dem eine 16-Jährige mithilfe einer Fernsehjournalistin durch ganz Norwegen fährt, um ihren eigenen Ursprung kennenzulernen.

    Eine solch lange Reise braucht die Physiotherapeutin Elisa Bérard (Céline Sallette) im Spielfilm „Ich wünsche Dir ein schönes Leben“ (Je vous souhaite d?etre follement aimée“) nicht zu machen. Die 30-Jährige weiß, wo sie anonym geboren und sofort nach ihrer Geburt von ihrer leiblichen Mutter zur Adoption freigegeben wurde. Deshalb zieht die frisch geschiedene Elisa zusammen mit ihrem 10-jährigen Sohn Noah (Elyes Aguis) zurück in ihre Geburtsstadt Dünkirchen. Auf die Frage, warum Elisa erst jetzt vom Wunsch angetrieben wird, ihre leibliche Mutter zu finden, geben Regisseurin Ounie Lecomte und ihre Mit-Drehbuchautorin Agnes de Sacy keine ausdrückliche Antwort. Es mag wohl damit zusammenhängen, dass Elisa in ihrem Sohn Noah einen arabischen Einschlag bemerkt, der nicht von seinem leiblichen Vater stammt, weshalb dafür nur Elisas unbekannte Eltern infrage kommen können. Noah beginnt sich in der Schule mit den arabisch stämmigen Kindern zu solidarisieren. Als ihm sogar in der Schulkantine Schweinefleisch vorenthalten wird, erkennt Elisa, dass sie auch für Noah Antworten zu ihrer unbekannten Familie finden muss.

    Dies ist in Frankreich für ein adoptiertes Kind jedoch gar nicht einfach, wenn sich die leiblichen Eltern dagegen sträuben, was Elisas Mutter auch tut. In der Adoptionsstelle bekommt Elisa lediglich die Auskunft, die damalige Hebamme habe vermerkt, die Mutter sei eine „junge, verängstigte, weiße Frau“ gewesen, „die nichts über den Vater sagen konnte“. Mehr darf von der Behörde nicht verraten werden. Bald weiß jedoch der Zuschauer, was Elisa noch nicht wissen kann. Denn zunehmend tritt in den Fokus der Kamera von Caroline Champetier die ältere Annette (Anne Benoit), die ausgerechnet in der Kantine der Schule arbeitet, die Noah besucht. Obwohl auch Annette noch nicht weiß, dass der Junge ihr leiblicher Enkel ist, fühlt sie sich eigenartigerweise zu ihm hingezogen. Der Zufall – oder eben das Filmdrehbuch – will darüber hinaus, dass Annette nach einem Unfall an Elisas Praxis überwiesen wird. Im Laufe der Sitzungen entsteht zwischen den Frauen eine gewisse Vertrautheit. Die alleinstehende Annette, die Ende fünfzig noch immer im selben Haus wie ihre Mutter lebt, und in der Provinz ein bescheidenes, zurückgezogenes Leben führt, empfindet Elisas Nähe zunächst als etwas Wohltuendes. Als sich aber Elisa zunehmend sicher ist, dass ihre Suche ein Ende gefunden hat, zieht sich Annette beleidigt zurück. Das Drama beginnt erst jetzt, als nicht nur der Zuschauer, sondern auch die Beteiligten erkannt haben, was sie verbindet.

    Obwohl der Film in einem Handlungsnebenstrang von der erneuten Schwangerschaft Elisas und ihrer Abtreibung in Belgien – in Frankreich darf nach der 12. Schwangerschaftswoche das ungeborene Kind nicht mehr abgetrieben werden – handelt, konzentriert sich „Ich wünsche Dir ein schönes Leben“ weitestgehend auf die Beziehungen zwischen den ungleichen Frauen. Vielleicht, so suggeriert der Film, steht Elisas Ablehnung ihres ungeborenen Kindes im Zusammenhang mit Annettes Weigerung, sie als Tochter anzuerkennen. Für Elisa steht und fällt offensichtlich alles damit, die Anerkennung ihrer leiblichen Mutter zu erfahren, obwohl dieser blinde Punkt in ihrer Biografie Jahrzehnte lang unterdrückt wurde. Für Annette wiederum kommt eine grundlegende Veränderung in ihrem Leben überhaupt nicht infrage. Sie hat sich darin eingerichtet, und nimmt sogar die Hänseleien der Kinder in der Schule einfach in Kauf, ohne sich dagegen zu wehren. Beim Anblick des kleinen Noahs werden allerdings offenbar in ihr Erinnerungen an eine längst vergangene Liebe wach.

    Stärker als im belgischen Spielfilm „Alle Katzen sind grau“ (DT vom 31.03.2016) oder in dem eingangs erwähnten „Rosemari“, die um ein ähnliches Thema kreisen, steht die Frage der Mutterschaft im Mittelpunkt von „Ich wünsche Dir ein schönes Leben“. Dies hängt sicherlich damit zusammen, dass Elisa im Gegensatz zu Rosemari im gleichnamigen Film und zu Dorothy im belgischen Spielfilm, bereits selbst Mutter ist – und ihrer zweiten Mutterschaft dann ein gewaltsames Ende bereitet. Andererseits ist dies ebenso darauf zurückzuführen, dass sich die in Korea geborene und in Frankreich aufgewachsene Regisseurin und Mit-Drehbuchautorin Ounie Lecomte für ihren zweiten Spielfilm von ihrer eigenen Lebensgeschichte inspirieren ließ: Sie wurde im Alter von acht Jahren nach der Scheidung ihrer Eltern zur Adoption freigegeben.

    Ounie Lecomte wechselt die Perspektiven der zwei Frauen, Mutter und Tochter, immer wieder ab. Mal steht Elisa im Vordergrund, die ihren Ursprung kennenlernen will, mal aber auch Annette, die durch die Begegnung mit ihrer lange Zeit verdrängten leiblichen Tochter von einer Vergangenheit eingeholt wird, die sie ebenso lange unterdrückt hatte. Trotz der großen Rolle, die das Drehbuch dem Zufall überlässt, überwiegt letztendlich die zurückgenommene Regie, die den beiden Protagonisten genügend Raum lässt, um ihre inneren Verwundungen spürbar werden zu lassen. Dazu tragen in hohem Maße zwei ausgezeichnete Darstellerinnen bei, die ihre jeweilige Figur insbesondere durch die Körpersprache authentisch mit Leben füllen.