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    Der Weg nach innen

    „Gott helfen, damit er nicht verloren geht“ – Zu den Tagebuchnotizen von Etty Hillesum. Von Manfred Gerwing

    Die Buchautorin Etty Hillesum. Foto: IN

    Es gab bei ihr einen auffallenden Gegensatz zwischen ihrem erotischen Verhalten und ihren feinsinnigen philosophischen Auffassungen. Wenn sie diese beiden gegensätzlichen, sich ständig widerstreitenden Tendenzen an den Tag legte, musste ich an Dostojewski denken. Aber sie ging hoch, wenn man es ihr offen sagte.“

    Die Rede ist von Etty (Esther) Hillesum (1914–1943), die seit ihrer Adoleszenz nicht nur durch ihre brillante Intelligenz, sondern auch durch ihr amouröses Verhalten auffiel. Mit gut 25 Jahren begann sie auf Anraten ihres Freundes, des Psychoanalytikers und Begründers der Psycho-Chirologie Julius Spier (1887–1942), regelmäßig Tagebuch zu führen. Tatsächlich schrieb die niederländische Jüdin im besetzten Amsterdam von 1941 bis zu ihrer Ermordung 1943 im KZ Auschwitz-Birkenau alles auf, was sie innerlich bewegte und beeindruckte. Nach Auschwitz wurde sie im September 1943 gemeinsam mit ihrer Familie vom Lager Westerbork aus deportiert.

    Paul Lebeau beschreibt ihre persönliche und spirituelle Entwicklung anhand ihrer Tagebuchnotizen und Briefe. Vor allem aber lässt er sie selbst immer wieder zu Wort kommen. Der jesuitische Autor erkennt einen inneren Weg, einen geistig-geistlichen Reifungsprozess, den er auch bei großen spirituellen Meistern wie Ignatius von Loyola zu entdecken glaubt. Wer die Tagebücher von Etty Hillesum gelesen hat (herausgegeben von J. G. Gaarlandt, Hamburg 2003), bekommt jedenfalls durch dieses Buch einen hermeneutischen Schlüssel in die Hand, mit dem die zahlreichen Anspielungen, erwähnten Personen und geschilderten Ereignisse, bis hin zu denen im Lager Westerbork, eingeordnet und erhellt werden können.

    Zunächst wird Einblick in den psychischen Zustand der Etty Hillesum zu Beginn ihrer Aufzeichnungen geboten. Ihr flatterhaftes Gemüt kommt zur Sprache, ihr verzweifeltes Suchen nach Sinn und Wahrheit, ihre Sehnsucht nach innerem Frieden, nach Selbsterkenntnis und Wahrhaftigkeit und vor allem nach Liebe. Sie hat einen etwa gleichaltrigen Freund, lebt mit einem älteren Mann in einer eheähnlichen Beziehung und weiß sich gleichzeitig auch erotisch angezogen von dem 27 Jahre älteren Spier, der aber bereits gebunden ist.

    Immer mehr entdeckt sie auch ihre Liebe zum Schreiben und ihre schriftstellerische Kompetenz. Kenner der niederländischen Sprache zögern nicht zu sagen, dass wir uns „vor einem Höhepunkt niederländischer Literatur befinden“ (Abel Herzberg). Ihre schönsten Nächte, so notiert sie in ihrem Tagebuch, sind die Nächte, in denen sie stundenlang einfach das zu Papier bringen kann, was sie innerlich bewegt und was in ihr lebt.

    In ihrem Innern aber entdeckt sie Gott. Dem will sie helfen, wie sie sagt, „dass er nicht schwindet“. Mit ihm im Herzen erträgt Etty den Terror der Nationalsozialisten. Dabei gibt sie sich keinerlei Illusionen hin. Sie erkennt klar, was auch den niederländischen Juden bevorsteht. Sie weigert sich unterzutauchen. Den Tod nimmt sie geistig vorweg und innerlich an; und zwar in der Hoffnung auf den rettenden Gott, in dem sie sich geborgen weiß, auch wenn man ihr das Leben nimmt. Zum Schluss hat sie unter unmenschlichen Bedingungen der Lagerhaft die seelische Kraft, „der Welt einen neuen Sinn“ anzubieten, „der aus den tiefsten Brunnen unserer Not und unserer Verzweiflung kommt“.

    Wer das Buch liest und den inneren Weg von Etty Hillesum mitgeht, fängt unweigerlich an, in sich selbst hineinzuhorchen. Er wird das Buch nicht in einem Zug lesen. Vielmehr wird er regelmäßig das Buch zur Seite legen und versuchen, auf seine eigene innere Stimme zu hören. Er wird sich mit sich selbst auseinandersetzen und zwar so ehrlich, wahrhaft und schonungslos wie möglich, kurz: so kritisch und konstruktiv wie Etty Hillesum es getan hat.

    Und das ist genau das, was die „Heldin“ gewollt hat: Sie wollte gern dazu beitragen, anderen Menschen zu helfen, sich selbst zu verstehen und innerlich zu wachsen, ja sie wollte dazu beitragen, dass andere Gott bei seinem Kommen kein Hindernis in den Weg legen, sondern sich ihm öffnen und ihm „eine Wohnstatt in sich“ errichten.

    Der Autor wurde für dieses Buch, das in Brüssel bereits 1998 in französischer Sprache erschien, mit dem belgischen Prix des Scriptores Christiani ausgezeichnet. Peter Knauer, ebenfalls Jesuit und emeritierter Professor für Fundamentaltheologie in St. Georgen, Frankfurt am Main, ist es durch seine sorgfältige Übersetzung, bei der er auch die ursprünglich niederländischen Textpassagen neu übersetzte, zu verdanken, dass Etty Hillesum auch endlich im deutschsprachigen Raum bekannt wird.

    Paul Lebeau: Das suchende Herz. Der innere Weg von Etty Hillesum. Aus dem Französischen und Niederländischen von Peter Knauer. Patmos Verlag, Ostfildern, 336 Seiten, ISBN 978-3-8436-0780-3, EUR 19,99

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