• aktualisiert:

    „Der Triumph der Märtyrer“

    Es ist eines der Wahrzeichen der Stadt Rom – das Kolosseum. Der Dichter Marcus Valerius Martialis (40–104 nach Christus) vergleicht es in seiner Schrift „De spectaculis“ (Über die Schauspiele) mit den Weltwundern der Antike. Auch wenn man nicht allzu viel über das Martyrium von Christen in diesem Amphitheater weiß, so ist es doch seit langem ein Gedenkort für die Blutzeugen, die dort für ihren Glauben eintraten. Am Karfreitag eines jeden Jahres betet der Papst beim Kolosseum den Kreuzweg.

    Die den Märtyrern geweihte Kirche sollte im 18. Jahrhundert innerhalb des Kolosseums entstehen und dessen Mauern weithin... Foto: Nersinger

    Es ist eines der Wahrzeichen der Stadt Rom – das Kolosseum. Der Dichter Marcus Valerius Martialis (40–104 nach Christus) vergleicht es in seiner Schrift „De spectaculis“ (Über die Schauspiele) mit den Weltwundern der Antike. Auch wenn man nicht allzu viel über das Martyrium von Christen in diesem Amphitheater weiß, so ist es doch seit langem ein Gedenkort für die Blutzeugen, die dort für ihren Glauben eintraten. Am Karfreitag eines jeden Jahres betet der Papst beim Kolosseum den Kreuzweg.

    Das gewaltige Monument, das beim Domus Aurea, dem „Goldenen Haus“ Neros, seinen Standort hat, fordert auch heute noch seinem Betrachter Staunen und Respekt ab. Nach Neros Tod und dem Vierkaiserjahr (68–69 nach Christus) führte Vespasian viele Privatgüter des letzten Imperators aus dem julisch-claudischen Geschlecht wieder in öffentlichen Besitz über. Der große künstliche See beim „Goldenem Haus“ wurde trockengelegt – im Jahre 72 begann man an dieser Stelle mit den Arbeiten für das Amphitheater. Im Mai des Jahres 80 fand unter Kaiser Titus die Eröffnung des „Amphitheatrum Flavium“ mit hundert Tage dauernden Spielen statt. Endgültig fertiggestellt wurde es jedoch erst unter Kaiser Domitian (81–96).

    Mit der Christianisierung des römischen Imperiums kündigte sich auch langsam ein Ende der Gladiatorenkämpfe und Tierhatzen an. Kaiser Konstantin verbot 326 die „damnatio ad bestias“ (die Ausführung eines Todesurteils durch Tiere in der Arena). Und Theodosius der Große untersagte erstmals 380 die „ludi gladiatorii“, die Gladiatorenkämpfe. Dass die entsprechenden Dekrete nicht eingehalten wurden, zeigt eine Verordnung Kaiser Theodoros' aus dem Jahre 399, in der er vehement die Schließung der Gladiatorenschulen befahl. Kaiser Honorius erklärte Anfang des 5. Jahrhunderts das offizielle Ende der blutigen Schauspiele. Doch der Widerstand des Volkes gegen diese kaiserlichen Entscheide blieb beträchtlich.

    Noch über hundert Jahre standen das Kolosseum und viele andere Amphitheater entgegen offizieller kaiserlicher Weisung in Gebrauch. 483 berichtete der Kirchenvater Augustinus nach einem Besuch der Ewigen Stadt, er habe noch immer die Schreie der Menschen im Ohr, die „Tötet ihn, tötet ihn“ riefen. Im Jahre 523 fanden im Kolosseum zum letzten Mal Kämpfe statt. Anlass dieser letzten Spiele war der Amtsantritt des Konsuls Maximus gewesen, der dafür eigens die Erlaubnis des in Ravenna residierenden Gotenkönigs Theoderich des Großen (Dietrich von Bern) eingeholt hatte. 536 verbot König Totila für sein ganzes Reich (Italien) endgültig die Tierhatzen.

    Das einstige Prunkstück kaiserlicher Machtentfaltung musste, nachdem es für den ursprünglichen Zweck nicht mehr zur Verfügung stand, seinen Tribut an die Zeit zahlen. Es verkam zur Ruine. Große Erdbeben – wie jene der Jahre 847 und 1231 – begünstigten diese Entwicklung. 1244 wurden in den Arkaden Wohnungen und Werkstätten eingerichtet. Doch schon im Jahre 1300 wurden diese durch ein erneutes schweres Erdbeben völlig zerstört. Während des ganzen Mittelalters nutzten die Baumeister Roms die Ruinen der antiken Monumente als Steinbrüche. Auch dem Kolosseum blieb dieses Schicksal nicht erspart. Im Pontifikat Nikolaus' V. (Tommaso Parentucelli, 1447–1455) sollen an die 2 500 Wagenladungen Steine von dort in den Vatikan gebracht worden sein. 1675 wurden im Amphitheater Lagerräume für eine Pulverfabrik untergebracht. Als achtundzwanzig Jahre später ein Erdbeben große Teile des ersten und zweiten Stockwerks einstürzen ließ, nutzte man das Material für die Errichtung des Porto di Ripetta, des römischen Stadthafens.

    Zu Beginn des 18. Jahrhunderts war der Gedanke aufgetaucht, Carlo Fontana (1638–1714), der 1697 das Amt eines Chefarchitekten von Sankt Peter übernommen hatte, zu bitten, das Kolosseum in ein riesiges Gotteshaus umzuwandeln. Die den Märtyrern geweihte Kirche sollte im Südosten innerhalb des Kolosseums entstehen und dessen Mauern weithin sichtbar überragen. Der vom Kirchengebäude nicht in Anspruch genommene Innenraum des Amphitheaters war als ein von Hallen umgebener Vorhof geplant. Die Kirche selbst hatte Fontana als einen Zentralbau mit Kuppel und zwei seitlichen Glockentürmen konzipiert. Die Kuppel sollte entgegen der üblichen Bauweise keine Laterna aufweisen, sondern eine Figurengruppe. Zuoberst befand sich eine mit der Tiara gekrönte Gestalt, den Kelch in der Hand, von Fontana in seinem Plan als „Santa Fede cattolica trionfante“ bezeichnet. Sie stand auf einem Postament, das von den vier Evangelisten umgeben war. In dem Postament waren Lichtöffnungen vorgesehen, die für die Helligkeit im oberen Kuppelraum sorgen sollten.

    Über dem mittleren Tambourfenster und als Bekrönung der beiden Glockentürme waren von Engeln gehaltene Medaillons angebracht, die Symbole trugen, die auf das Martyrium Bezug nahmen. Über dem Portal befand sich das Wappen der Familie Albani, aus der Papst Klemens XI. (Giovanni Francesco Albani, 1700–1721) stammte, und das von zwei sitzenden Gestalten flankiert wurde. Diese und die auf den Balustraden stehenden Figuren stellten Märtyrer dar. Fontana hatte 42 Standbilder vorgesehen. Sie sollten nicht alle am Kirchengebäude selbst Aufstellung finden, sondern auch über den Bogenhallen, die ringsum den Platz säumten. Die Hallen schlossen an den Portikus des Gotteshauses an und folgten ihm in der Bauweise; auch sie sollten mit Emblemen des Martyriums geschmückt sein. Für den Hof war ein großer, aus dem Wasser der „Acqua Felice“ gespeister Brunnen geplant.

    Eine Gedächtnisstätte des christlichen Martyriums

    Im Zentrum der kreisrunden, von Kapellen umsäumten Kirche zeigte der Entwurf einen Doppelaltar mit zwei gegeneinander gestellten Mensen, überdeckt von einem Baldachin, und von einer ringsum laufenden Kommunionbank umgeben. Der vordere der beiden Altäre war ausdrücklich als Kommunionsaltar bestimmt. Da Fontana auch zahlreiche Beichtstühle eingezeichnet hatte – und zwar nicht nur im Kircheninnern, sondern auch in den Hallen des Hofes – war wohl an eine massenweise Spendung dieser Sakramente gedacht worden. Hier sollten sich bei besonderen Gelegenheiten – vor allem während Heiliger Jahre – Pilgerscharen versammeln können und ihnen in einem Maße die Möglichkeit geboten werden, zu beichten und das Altarssakrament zu empfangen, wie es in Sankt Peter schwer durchführbar war. Der Architekt des Papstes hatte sogar erwogen, in den gewölbten Räumen des Kolosseums, außerhalb des eigentlichen Sakralbereiches, Andenkenläden errichten zu lassen.

    Carlo Fontanas Entwurf lag ein wichtiger symbolischer Gedanke zugrunde: „die Entprofanierung dieser geheiligten Märtyrerstätte und die Errichtung eines Siegesdenkmals“ (Eduard Coudenhove-Erthal). Doch schließlich wurde das Projekt fallengelassen. Eine Vielzahl von Gründen hatte dagegen gesprochen. Bewunderer der römischen Antike klagten unverhohlen über die „barbarische Idee“. Nicht zuletzt aber dürften finanzielle Erwägungen ausschlaggebend gewesen sein. 1744 befahl Benedikt XIV. (Prospero Lambertini, 1740–1758), in der Mitte der Arena des Kolosseums ein großes Holzkreuz aufzustellen. Im Heiligen Jahr 1750 bat der heilige Leonardo da Porto Maurizio, der große Prediger aus dem Franziskanerorden, Papst Benedikt XIV., in der antiken Kampfstätte Kreuzwegstationen errichten zu lassen. Der Heilige Vater stimmte zu, und im Kolosseum wurde erstmals die „Via Crucis“ gebetet. 1756 erklärte der Papst das Flavische Amphitheater zur Gedächtnisstätte des christlichen Martyriums und weihte es der Passion Jesu Christi. Es sollte ein Mahnmal für all jene Gläubigen der Welt werden, die ihr Bekenntnis zum wahren Gott mit ihrem irdischen Leben bezahlt hatten.