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    Der Tod als Unterhaltungsfaktor

    Der „Tatort“ machte in letzter Zeit durch Starschauspieler Furore. Warum nicht auch durch ein provokatives Drehbuch? Beispielsweise die Geschichte von Hanna, einer lebenslustigen Frau, deren Mann an einem wissenschaftlichen Institut in München arbeitet. Ihr Arzt diagnostiziert bei Hanna Multiple Sklerose. In den folgenden Szenen verändert sich ihr Leben dramatisch, die Lebensqualität verschlechtert sich, Lähmungserscheinungen nehmen zu, als Atemlähmungen hinzukommen, bittet Hanna den Arzt um Sterbehilfe, doch der weist dies empört zurück. Schließlich gibt Hannas Mann ihrem flehentlichen Bitten nach. Er verabreicht ihr eine tödliche Überdosis ihres Schmerzmedikaments. Nachdem der Arzt Hannas Tod feststellt, erstattet er Anzeige. Der Film nimmt eine Wende. Verhöre erfolgen, Hannas Mann wird wegen aktiver Sterbehilfe, angeklagt. Vor Gericht stellt er die Tat als humanitären Akt dar. Sein Gesicht drückt Leiden und Mitleiden aus. In raffinierten Schnitten wird sein Gesicht immer dann von Hannas friedfertigem Lächeln überblendet, wenn der Staatsanwalt mit fordernder Stimme gegen ihn Anklage erhebt. Der Arzt, zunächst trotz Ladung nicht erschienen, nimmt später doch vor Gericht Stellung. Ein Vorfall in seiner Praxis veranlasste ihn zum Umdenken: Er hatte ein an Hirnhautentzündung erkranktes Kind mit allen Mitteln am Leben erhalten. Dessen Eltern warfen ihm daraufhin vor, dass ihr Kind als Folge der Behandlung nun blind, gelähmt und geistesgestört in einer Anstalt lebt. Der Arzt bestätigt vor Gericht, dass er inzwischen Sterbehilfe in „ausweglosen Fällen“ gutheißt. Beim Zuschauer bleibt ein beklemmendes Gefühl.

    Aus Kinder- und Jugendzimmern kaum noch wegzudenken: Die bleichen Vampirhelden der Filmserie „Twilight“. Auf die Dauer s... Foto: IN

    Der „Tatort“ machte in letzter Zeit durch Starschauspieler Furore. Warum nicht auch durch ein provokatives Drehbuch? Beispielsweise die Geschichte von Hanna, einer lebenslustigen Frau, deren Mann an einem wissenschaftlichen Institut in München arbeitet. Ihr Arzt diagnostiziert bei Hanna Multiple Sklerose. In den folgenden Szenen verändert sich ihr Leben dramatisch, die Lebensqualität verschlechtert sich, Lähmungserscheinungen nehmen zu, als Atemlähmungen hinzukommen, bittet Hanna den Arzt um Sterbehilfe, doch der weist dies empört zurück. Schließlich gibt Hannas Mann ihrem flehentlichen Bitten nach. Er verabreicht ihr eine tödliche Überdosis ihres Schmerzmedikaments. Nachdem der Arzt Hannas Tod feststellt, erstattet er Anzeige. Der Film nimmt eine Wende. Verhöre erfolgen, Hannas Mann wird wegen aktiver Sterbehilfe, angeklagt. Vor Gericht stellt er die Tat als humanitären Akt dar. Sein Gesicht drückt Leiden und Mitleiden aus. In raffinierten Schnitten wird sein Gesicht immer dann von Hannas friedfertigem Lächeln überblendet, wenn der Staatsanwalt mit fordernder Stimme gegen ihn Anklage erhebt. Der Arzt, zunächst trotz Ladung nicht erschienen, nimmt später doch vor Gericht Stellung. Ein Vorfall in seiner Praxis veranlasste ihn zum Umdenken: Er hatte ein an Hirnhautentzündung erkranktes Kind mit allen Mitteln am Leben erhalten. Dessen Eltern warfen ihm daraufhin vor, dass ihr Kind als Folge der Behandlung nun blind, gelähmt und geistesgestört in einer Anstalt lebt. Der Arzt bestätigt vor Gericht, dass er inzwischen Sterbehilfe in „ausweglosen Fällen“ gutheißt. Beim Zuschauer bleibt ein beklemmendes Gefühl.

    Ja doch, durch den Fernseher sind wir den Tod gewöhnt. Täglich servieren uns die Nachrichten zum Abendbrot Kriegsbilder, Krimibilder, Tote en masse so weit das Auge reicht. Den echten Tod inklusive Sterbeprozess schieben wir dagegen am liebsten in Krankenhäuser und Altenheime ab. Leiden verdirbt den Appetit. Und den Spaß. Solange wir mitten im Leben stehen, halten wir uns für unsterblich. Einstweilen sind die gröberen Reize für uns wichtig. In der Postmoderne gewinnt vor allem das Triviale an Bedeutung. Im multimedialen Bilderrausch fließt alles in prätentiöser Banalität zusammen. Die grobe Vermischung von Träumen, Sehnsüchten und Gewalt bietet einen aufgepeppten Abglanz des Alltäglichen, mitunter eingewürzt mit den süßstoffgeschwängerten Toleranzideen humanistischer Bildungsbarbarei. Der Tod spielt dabei eine tragende Rolle, sozusagen als letztes Mittel, um Gefühle zu inflationieren. Diese werden dargestellt, wenn sich die Kandidaten einer Casting-Show an die Hand fassen und mit bänglichem Augenaufschlag ihre Angst, aus der Sendung herausgewählt zu werden, ausdrücken. Jeder Blick scheint zu sagen: Gib mir den Tod voraus. Die geistige Klonierung scheint geglückt, alles ist Geste, alles Hollywood. Ganz großes Kino. Aber alles wirkt kalt wie der Tod. Wie die Dinge ohne Sein eben sind – Augustinus weist darauf hin. Einen belastbaren Jenseitsglauben hat die Postmoderne nicht zu bieten.

    Doch der Tod lässt uns nicht los, deshalb taucht er in den Medien immer wieder so ungeschlacht auf wie das Krokodil im Kasperltheater. Der Tod in den Medien verhilft uns zur Erinnerungsflucht. Immerhin ist die Befürwortung von Sterbehilfe nichts anderes als Angst vor Verantwortung, gepaart mit der naiven Ansicht, der Mensch wäre Biomasse und damit denselben Gesetzen unterworfen wie das Laub im Herbst. Die Phantasmagorien des atheistischen Solipsismus' scheinen in einer Epoche wie der Postmoderne, die für die absolute Künstlichkeit und die Glorifizierung des kulturellen Relativismus steht, am kräftigsten zu gedeihen.

    Dieser Entwicklung ging ein langwieriger Prozess voraus. Während die – gewiss höchst unterschiedlichen – Schriften eines Thomas von Aquin, Cusanus oder Johannes vom Kreuz Christus verpflichtet sind, ging die Renaissance daran, andere Götter neben dem Christentum aufzubauen. Ein paar Zeigerumrundungen der Weltenuhr später fiel schließlich das Interpretationsmonopol für die letzten Fragen in die geschäftigen Hände der Aufklärer. Von der heiligenden Handhabung der Sprache blieb nicht viel übrig. Sie imitierten die Form ohne den Heiligen Geist. Rousseau, Voltaire und der nachfolgende Rattenschwanz an Freidenkern von Kant bis Hegel entwickelten vermeintlich Rationales, das jedoch nichts Besseres tat, als in allen Fasern den Götterschrott der Antike zu recyceln. Das Neuheidentum war geboren. Durch die humanistische Vereinnahmung des Himmels entstanden Verdrängungsmechanismen, die das Sterben zwar nicht ungeschehen machen konnten, aber auf eine soziale Frage herunterbrachen. Das Lebensende, dem Paulus noch so jubilierend entgegentrat, erfuhr nun wieder Angstzuwachs. Der Humanismus gab dem Tod seinen Stachel wieder. Das geschah auf dem kunstvoll verschlungenen Weg jenes geistigen Bankrotts, mit dem man Gott kurzerhand für tot erklärte. Jean Paul verkündete es mit napoleonischer Schärfe vom Tempeldach der Klassik. Das drückte sich facettenreich in verschiedensten Formen der Todessehnsucht aus. Altmeister Goethe ließ die „Leiden des jungen Werther“ im Suizid enden, was einige seiner Leser veranlasste, es dem Romanhelden gleichzutun. Knapp 200 Jahre später sollten die Autoren der Beat-Generation, Jack Kerouac (On the road) und William S. Burroughs (The Wild Boys: A Book Of The Dead) ihr Publikum unverhohlen zum exzessiven Leben inklusive Drogenkonsum auffordern. Doch Menschenopfer sind nicht zwangsläufig das Ergebnis gnostischer Erlebnisliteratur. Zu Füßen der klassischen Tempel begann die blaue Blume der Romantik zu blühen. Die wiederum hat den Tod ästhetisiert. Glimmender Weltschmerz äußert sich in Wilhelm Müllers „Winterreise“, der erst Schuberts geniale Vertonung einen Platz in der Nachwelt sicherte. Der stets todessehnsüchtige Novalis wollte seiner früh verstorbenen Geliebten „entgegensterben“. Heine jagte zynische Bonmots in den Himmel und bejammerte selbstmitleidig sein Schicksal in der Matratzengruft. Eichendorff nährte den melancholischen Wunsch, zu bewahren, was in der verlorenen Heimat liegt. Doch originelle Metaphern, wie die vom Himmel, der „die Erde küsst“, sind auch bei ihm eine Rarität.

    Die Lockerung religiöser Sitten oder sogar deren Aufgabe setzte das Gefühl frei, alles Glück der Welt für das kurze Erdenleben zu fordern. Den zunehmend am Materialismus ausgerichteten Dichtern und Denkern wollte es dann auch nicht mehr gelingen, die „Flügel ihrer Seele“ auszubreiten. Seele, das war von nun an Bearbeitungsgebiet der Psychologie. Wirtschaft und Politik fühlten sich mit zunehmender Industrialisierung als legitime Verwalter des Lebens. Auf allen Gebieten der Forschung zeigten sich immense Erfolge und die schönen neuen Maschinen erlaubten die Illusion, von jetzt an sei alles menschenmöglich. Von daher erklärt sich die ungeheure Diesseitsverhaftung, die noch heute wie ein Dynamo den Fortschritt erzeugt. Doch es waren Wissenschaft und Technik, die erst das Massensterben ermöglichten. Der emphatische Anspruch, den die Literatur seither erhob, steigerte das humanistische Pathos von der Freiheit des Menschen bis ins Absurde. Daraus ergaben sich weitreichende Konsequenzen. Andererseits musste der Tod den Hauch von Sensation bekommen (um ihn als pädagogischen Popanz einzusetzen), zugleich musste er Bedrohung sein, Chiffre eines geheimnisvollen Jenseits. Deshalb tendiert die humanistische Literatur dazu, das Leben zu erhöhen, was nicht selten, wie in den Fällen von Baudelaire, Stefan George oder Nietzsche, zu einem artistisch gehandhabten Kitsch führt. Glück als einziges Lebensziel, doch die Antwort lautete Tod. Baudelaire begann als Erster, Tod und Verfall zu zelebrieren. Mit genießerischer Häme verätzt er jedes religiöse Gefühl. Hier treibt der zuvor von der Aufklärung herbeirevolutionierte Antiautoritätswahn hässliche Blüten – „Die Blumen des Bösen“. Ebenso entfaltet Edgar Allen Poe vor unserem geistigen Auge einen Bilderreigen von apokalyptischem Glanz. Anfangs noch meint man die Gerechtigkeit des Todes zu spüren, die sich jedoch mit steigendem Gruseln in panische Angst verwandelt. Im Expressionismus wurde erstmals der Selbstekel kultiviert. Der luzide, heimatlose Dichter gab nur noch gleisnerisch wieder, was ihm an Schockierendem begegnete. Doch niemand lieh den grausam in den Schützengräben des I. Weltkriegs Verendeten seine Stimme, abgesehen von einigen verunglückten Versuchen, die August Stramm oder Erich Mühsam ins Werk setzten. Gottfried Benn, Prototyp des zynischen Citoyen, zerrte die nicht im Stahlbad Ertrunkenen durch die „Krebsbaracke“. Der Tod war zu massenhaft, zu skandalös geworden, um noch greifbar zu sein, die Literatur verharrte im kataleptischen Schock. Zu dieser Zeit gelangte das Bild in Bewegung. Der Film versetzte mit seinen Bilderwellen die Welt in einen wahren Sinnesrausch.

    Wenn schon das Wort nicht mehr die Schrecken der Moderne fassen konnte, dann die laufenden Bilder. Einige der frühen Stummfilme bezogen sich auf die Grauen des Krieges und sind ein Hilfsmittel um zu begreifen, „was hinter diesem ungeheuren Geschehnis liegt, das daherbrauste wie ein kosmischer Vampir“ (Albin Grau). In den frühen 1920ern nahm das Böse Gestalt an in Form des „Dr. Mabuse“ (Fritz Lang) und „Dr. Caligari“ (Robert Wiene); Murnaus Darsteller des „Nosferatu“, Max Schreck, soll ein echter Vampir gewesen sein, der sich angeblich seinen täglichen Blutbedarf in seinem Filmvertrag festschreiben ließ, wie E. Elias Merhiges achtzig Jahre später in seinem Film „Shadow of the Vampire“ darstellen lässt. Bestseller wurden Filme dieser Art allemal, weil sie wegen der Schockwirkung auf verführerische Weise spannend sind; was wohl den anhaltenden Erfolg der amerikanischen „Twilight“-Filme rund um die Teenie-Idole Robert Pattinson und Kristen Stewart ausmacht. Die Bilder sind mal kokett, mal visionär-düster, mal findet man im Rückgriff auf die Romantik (Caspar David Friedrich) Naturdarstellungen und Bildkompositionen voll verklärender Elemente. Es geht aber auch surrealistisch brutal a la „Ein andalusischer Hund“ (Bunuel/Dali). Insbesondere die Eröffnungsszene dieses Films, in der der jungen Frau mit einem Rasiermesser das Auge zerschnitten wird, erlangte Weltruhm. Brutalität oder plumpe Effekthascherei zogen ins Kino und damit in die Köpfe der Zuschauer ein. Nur nebenbei: Beide Hauptdarsteller (Pierre Batcheff, Simone Mareuil) begingen Selbstmord. Der Verschleiß an Metaphern und Stars ist im Filmgeschäft ebenso groß wie in der ganzen Pop-Art, schafft es doch Götzen und Abgötter. Der Film setzt den Tod voraus. Insofern erhebt sich der Film selbst zur Religion, ohne deren kathartische Wirkung zu besitzen. Antichristliche Symbole liefert Hollywood seit Bestehen ebenso reichlich wie Schlachtengemälde, die nicht immer gleich opulente Massenszenen beinhalten müssen wie Ben Hur. Regisseure wie Roman Polanski jonglieren mit Poes dämonischen Bildern meisterhaft. Filme wie „Rosemaries Baby“ (1968) oder „Das Schweigen der Lämmer“ (Regie: Jonathan Demme) 23 Jahre später, stellen, metaphorisch verstanden, das moralische Siechtum des christlichen Abendlandes dar.

    Die Katharsis im Film zielt immer auf das banal Gegenständliche, will dem Menschen ein geschlossenes Weltbild bieten, Werteordnungen aufstellen und dem Verhalten im Leben eine Richtung geben: Aber es bleibt eben unmöglich, dass er über das Leben hinaus wirkt. Der Tod ist in Film und Literatur lediglich zu einem Unterhaltungsmonster geworden. Er braucht künstliche Spannungsmomente, etwas Einmaliges, Massenmord und sadistische Qual. Wenn der Tod als Sujet beliebt ist, dann vor allem deshalb, weil er effektvoll inszeniert werden kann, das bedient massentauglich sentimentale Gefühle. Die Hamletfrage wird verdünnt zu einer intellektuellen Bettelsuppe. Sein oder Nichtsein werden ersetzt durch „Gib Gas, ich will Spaß“, wie ein Film aus den Zeiten der Neuen Deutschen Welle verspricht. Auch die Trivialisierung des Bösen schreitet voran. Sie brachte Comedy-Serien und Zeichentrickserien wie „South Park“ hervor.

    „Wer die Bilder beherrscht, der beherrscht die Köpfe“, hat Bill Gates festgestellt. Er ist ein kluger Mann. In der Tat, Bilder sagen nicht nur mehr als tausend Worte, sie manipulieren auch mehr als tausend Worte. Sie sind Schlüssel zur Manipulation der Massen. Deshalb ist es wichtig, seinen Blick zu behüten, ihn nicht dem Schund, der uns aus den Medien entgegenschlägt, zu überlassen. Den anfänglich erwähnten Film gibt es bereits. „Ich klage an“ ist ein nationalsozialistischer Propagandastreifen von Wolfgang Liebeneiner, der 1941 uraufgeführt wurde. Wegen seiner Werbung für Euthanasie ist der Film nur eingeschränkt zugänglich. Einstweilen. Bis ein Drehbuchautor das Thema nach den Maßgaben politischer Korrektheit mediengerecht bearbeitet. Für einen Tatort vielleicht.