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    „Der Sturz der Muslimbrüder wird die sunnitische Welt erschüttern“

    Der belgische Dominikaner Emilio Platti, geboren 1943, war Professor für Islamwissenschaften in Löwen, Paris und Jakarta. Er ist Mitglied des Dominikanischen Instituts für Orientalische Studien in Kairo. Dort sprach „Die Tagespost“ mit ihm.

    Spott und Protest: Aktivisten auf dem Tahrir-Platz in Kairo haben das Schaf als Symbol der Muslim-Bruderschaft auserkore... Foto: dpa

    Der belgische Dominikaner Emilio Platti, geboren 1943, war Professor für Islamwissenschaften in Löwen, Paris und Jakarta. Er ist Mitglied des Dominikanischen Instituts für Orientalische Studien in Kairo. Dort sprach „Die Tagespost“ mit ihm.

    Pater Emilio, die Muslimbrüder sind in Ägypten von der Macht verdrängt worden. Welches Signal sendet das an die islamische Welt aus?

    Was jetzt in Ägypten geschehen ist, hat meiner Meinung nach nicht zu überschätzende Auswirkungen auf die islamische Welt. Es zeigt sich nämlich das Scheitern des politischen Islam. Die Muslimbrüder haben in der Regierung versagt. Das wird vor allem die sunnitische Welt erschüttern.

    Es gab Leute, die dachten, dass sich die Muslimbrüder mit der Übernahme von Regierungsverantwortung in Richtung der türkischen AKP entwickeln könnten. Islamisch-konservativ zwar, aber grundsätzlich mit einer modernen Demokratie vereinbar. Das ist nicht geschehen. Warum?

    Das hat mit der Ideologie des politischen Islam zu tun. Um sie zu verstehen, muss man sehen, wo sie geografisch entstanden ist. Das ist zum einen natürlich Ägypten – die Muslimbrüder kommen von hier –, zum anderen das islamische Indien und Pakistan. Beide Gegenden waren vom Westen, von den Briten, kolonisiert. Das wurde als große Demütigung empfunden. Vor diesem Hintergrund muss man den politischen Islam verstehen. Er erklärt den offensichtlichen Niedergang der islamischen Zivilisation gegenüber dem Westen durch den Abfall vom wahren Islam. Eine Lösung sieht er nur durch eine umfassende Umgestaltung des politischen, sozialen und wirtschaftlichen Lebens nach Gottes Gesetz, der Scharia.

    Der Slogan der Muslimbrüder „Der Islam ist die Lösung“ bringt das zum Ausdruck?

    Ja. Für den Vordenker der Muslimbrüder, Sayyid Qutb, fallen Islam und salam, Friede und Harmonie, zusammen. Er sagte einmal: „Letztlich wird die Welt nichts anderes machen können als sich dem Islam zuwenden, das einzige Mittel, den wahren Frieden auf dieser Welt aufzurichten und aufrechtzuerhalten.“ Das Fundament dieser Ordnung ist Gottes Gesetz, wie es in der islamischen Scharia zum Ausdruck kommt. Mit dieser Ideologie ist natürlich kein moderner Staat zu machen. Islamismus und säkulare, auf der Souveränität des Volkes beruhende Demokratie sind ein Widerspruch in sich. Das geht nicht zusammen. Die Interpretatoren der Scharia sind im wesentlichen mittelalterliche wie Ibn Hanbal. Das Bemühen, eine so interpretierte Scharia in die Moderne übertragen zu wollen, kann nur schiefgehen. Sie können das von Afghanistan bis Algerien sehen. All die Taliban und Bin Ladens: Das sind Symptome einer tiefen Krise des Islam. Das konnte man jetzt auch in Ägypten sehen. Hier hat sich das Volk die Revolution von den Muslimbrüdern zurückgeholt.

    Das Problem ist also im letzten die Volkssouveränität?

    Ja. Die verträgt sich nicht mit dem politischen Islam der Muslimbrüder, wonach einzig die Scharia das Fundament staatlicher Legitimität sein kann. Ein indisch-pakistanischer Islamist, Sayyid Maududi, schrieb einmal, dass die Nation nicht das Fundament der rechten Ordnung sein könne. Damit trat er in direkte Konkurrenz zum arabischen und indischen Nationalismus seiner Zeit. Nasser, Arafat, Saddam oder Assad waren oder sind Nationalisten. Das Fundament der Gemeinschaft ist die arabische Kultur und Sprache, nicht die Religion. Das schließt nicht aus, dass die genannten Vertreter des arabischen Nationalismus gelegentlich den Islam betonten. Aber sie taten das nur, weil er zur arabischen Kultur gehört. Die Muslimbrüder sind aufgrund dieser ideologischen Unterschiede in Ägypten deshalb auch stark verfolgt worden. Der arabische Nationalismus seinerseits bedeutete nicht zwangsläufig Demokratie und Menschenrechte nach westlicher Vorstellung. Das haben die letzten sechzig Jahre gezeigt.

    Viele Ägypter trauern Nasser, dem starken Mann des arabischen Nationalismus, aber bis heute nach. Sein Bild war jetzt auf dem Tahrirplatz allgegenwärtig. Könnte dieses Modell politischer Legitimierung neuen Aufwind bekommen?

    Dieses Modell hat viele Anhänger. Es ist tatsächlich nicht absehbar, in welche Richtung sich Ägypten entwickelt. Andererseits sind es nur wenige, die Ägypten komplett säkularisieren wollen. Eine laicite nach französischem Vorbild ist undenkbar. Die Mehrheit, Muslime wie Christen, wünscht sich eine religiöse Atmosphäre in Ägypten, aber sie wollen auch Demokratie. Das hat der Großscheich der Azhar-Universität immer wieder betont. Meiner Meinung nach entwickelt sich Ägypten zu einem neuen Modell des Verhältnisses von Staat und Religion. Aber insgesamt ringt die arabische Welt noch immer mit der Frage, was das Gemeinwesen begründen soll: der arabische Nationalismus, die Demokratie nach westlichem Vorbild oder der Islam.

    Warum tut sich das Christentum mit dem säkularen, demokratischen Staat offenbar so viel leichter als der Islam?

    Nun, Sie müssen sehen, dass das Christentum anders als der Islam und natürlich auch das Judentum kein Rechtssystem ist. Der Talmud oder die Scharia sind nicht mit dem kanonischen Recht der katholischen Kirche etwa gleichzusetzen. Die Scharia ist eine umfassende Lebensordnung. Das führt zu Kollisionen mit der Demokratie und ihren menschengemachten Gesetzen.

    Heißt das nicht, dass der Islam an sich unvereinbar mit der Moderne ist und nicht nur der Islamismus? Die Scharia gehört doch untrennbar auch zum traditionellen Islam.

    Nur mit dem Sufi-Islam gäbe es natürlich keine Probleme. Es gibt Leute, die sagen, dass der Islam in der Moderne nur durch seine mystischen Strömungen überleben kann. Ich sehe das nicht ganz so. Der traditionelle Islam als ethische und spirituelle Ordnung steht meiner Meinung nach nicht notwendigerweise im Widerspruch zur modernen Demokratie. Aber die Bedingung ist, dass eine Neuinterpretation der Scharia erfolgt.

    Aber hat der Islam im Unterschied zum Christentum nicht schon in seinen Quellen eine politische Vision?

    Es ist klar, dass Mohammed in Medina als Gesetzgeber und Organisator eines Gemeinwesens tätig war. In den in Mekka empfangenen Suren spielt das Politische keine so große Rolle. In der Folge hat man dann aber vor allem die medinesischen Suren und die Hadithen über Mohammed als politische Figur betont. Ich würde also sagen: Ja, der Islam hat in seinen Quellen eine politische Vision. Das Christentum nicht. Das ist der große Unterschied.