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    „Der Staat hat eine Mitschuld, wenn junge Täter rückfällig werden“

    „Richter Gnadenlos“ nannte ihn die Boulevardpresse. Doch das ist Andreas Müller, heute als Jugendrichter in Bernau nördlich von Berlin tätig, nicht, und er will es auch auf gar keinen Fall sein.

    Andreas Müller bei der Buchvorstellung in Berlin. Foto: Krips-Schmidt

    „Richter Gnadenlos“ nannte ihn die Boulevardpresse. Doch das ist Andreas Müller, heute als Jugendrichter in Bernau nördlich von Berlin tätig, nicht, und er will es auch auf gar keinen Fall sein.

    Müller wollte alles andere als ein strenger Richter werden. „Das Schlimmste, was passieren kann, ist, dass ich Leute einsperren muss“, sagte er sich zu Beginn seiner Berufslaufbahn und da hatte er schon ein bewegtes – und kein gutes – Leben hinter sich. 1961 in Meppen geboren, musste er in seiner Jugend gleich mehrere tragische Erfahrungen verarbeiten: die letztlich tödlich endende Alkoholsucht seines Vaters und die Drogenabhängigkeit seines vier Jahre älteren Bruders. „Der eine kiffte, der andere soff“, beschreibt Müller lakonisch-jovial – auf seine Art eben – die Umstände in der Familie. Nach 20-jähriger Tätigkeit als Richter zieht er jetzt Bilanz. Seine Thesen, die kürzlich unter dem Titel „Schluss mit der Sozialromantik“ erschienen sind und mit denen er schon bei Jauch und Lanz zu Gast war, stellte er kürzlich auf einer von der liberalen Friedrich-Naumann-Stiftung organisierten Veranstaltung im Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte in Potsdam vor und diskutierte sie mit der rechtspolitischen Sprecherin der FDP im Brandenburger Landtag, Linda Teuteberg.

    Müllers Hauptthese: jugendliche Straftäter brauchen statt Milde und Nachsicht, wie sie von „linken Sozialromantikern“ geübt werden, ein unverzügliches und beherztes Eingreifen.

    Ein „Zuwarten“ – im Grunde nur eine andere Bezeichnung für ein „untätiges“ Warten – wie es von den Sozialromantikern bevorzugt und befördert wird, begünstige nur die Zunahme der Kriminalität unter den Jugendlichen. Es „leert die Knäste nicht“, sondern fülle sie stattdessen. Schließlich gibt es, so Müller, 8 000 bis 10 000 Jugendliche in Deutschland, die 70 bis 80 Prozent aller jugendlichen Straftaten begehen. Die „Intensivtäter“ – von den Sozialromantikern zumindest begrifflich abgeschafft – würden durch zu gewährende Verfahrensweisen erst selbst produziert. Der Staat sei mit schuld, wenn junge Menschen immer wieder rückfällig werden, weil sie statt einer Jugendstrafe, die für den Juristen – selbst Vater zweier Töchter – einen erzieherischen Wert hat, lediglich die Begleitung durch Sozialarbeiter erfahren und somit glaubten, ihr Verhalten ziehe keine Konsequenzen nach sich.

    Dass er selbst entschlossen durchgreifen kann, hat er mit zahlreichen seiner Urteile unter Beweis gestellt. Müller berichtet an diesem Abend in Potsdam von seinem Kampf gegen „Rechte“ und Skinheads, mit denen er es vor allem in Brandenburg zu tun hat. Der „kreativste Richter Deutschlands“ – eine Pressezuschreibung, die ihm gefällt – machte auch schon mal mit aufsehenerregenden Gerichtsentscheidungen von sich reden. So verurteilte er eine Fünfzehnjährige, die öffentlich den Hitlergruß gezeigt hatte, dazu, an einem Imbissstand in Berlin-Kreuzberg zusammen mit türkischen Jugendlichen einen Döner zu verzehren. Springerstiefel sind bei ihm im Gerichtssaal tabu. „Ich habe den Skins die Schuhe ausgezogen“, sagt Müller. Das martialische Schuhwerk demonstriere nicht nur „symbolische Macht“, man könne es auch sehr wirkungsvoll als Waffe einsetzen. Sein entschiedenes Handeln und seine von manchen als hart empfundenen Urteile, die ihm den Beinamen „härtester Richter Deutschlands“ einbrachten, haben ihn zum Feindbild all derer gemacht, die einer Alt-68 er-Idylle vom „guten“ Menschen anhingen, denen nach der Vorstellung „linker“ Gesellschaftsveränderer ausschließlich mit Milde zu begegnen sei. „Knast macht böse Buben noch böser“, sagen sie. Einer seiner Widersacher ist der Kriminologe Christian Pfeiffer, Direktor des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, dem Müller in seinem Buch ein eigenes Kapitel zugeeignet hat. Pfeiffer war mehrere Jahre lang Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für Jugendgerichte und Jugendgerichtshilfe (DVJJ), die laut Müller eine „Bastion der linken Sozialromantik“ ist.

    Pfeiffer ist es auch gewesen, der Müllers langjährige Kollegin Kirsten Heisig, mit der der Bernauer Jugendrichter lange Jahre befreundet war, wegen ihrer Vorgehensweise in Berlin-Neukölln scharf attackierte. Das von der Berliner Jugendrichterin, die sich 2010 das Leben nahm, propagierte „Neuköllner Modell“ sah ein konsequentes und promptes Handeln vor: durch die Vereinfachung von Jugendstrafverfahren sollte es möglich werden, dass sich junge Täter bereits nach drei bis fünf Wochen vor Gericht zu verantworten haben. Der Jugendrichter aus Bernau setzt sich zudem für die Einführung eines bundesweiten Zentralregisters für jugendliche Straftäter mit Bewährungsauflagen ein, um überall in Deutschland zügig reagieren zu können, was eine verstärkte Zusammenarbeit von Polizei und Jugendgericht erforderlich macht.

    So konsequent wie Müller mit seinen stringenten Forderungen auftritt, ist er nicht immer gewesen. Zunächst stand er grünen und SPD-Positionen nahe, vor zwölf Jahren wollte er für die PDS in den Brandenburger Landtag einziehen und nun ist er parteilos. Nicht alle seine Überzeugungen fügen sich nahtlos und widerspruchsfrei in eine im wahrsten Sinne des Wortes nüchterne Betrachtungsweise über einen angemessenen Umgang mit Jugendkriminalität ein. So mag sein vehementes Eintreten und auch an diesem Abend leidenschaftlich vorgetragenes Plädoyer für die Freigabe von Cannabis, das er bereits als Jugendlicher in der Schülerzeitung an einem bischöflichen Gymnasium gehalten hat, eher befremdlich als erhellend wirken.

    Sein Buch ist dennoch sehr lesens- und empfehlenswert.

    Andreas Müller: „Schluss mit der Sozialromantik! – Ein Jugendrichter zieht Bilanz“. Herder Verlag 2013, 240 Seiten, EUR 16,99