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    Der Schriftsteller Umberto Eco glaubt, den Relativismus verteidigen zu müssen

    Umberto Eco wird wegen seiner jüngsten Bücher wieder hochgelobt, aber wie steht er überhaupt zum Glauben? In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau hat der italienische Semiotikprofessor und Romanautor Umberto Eco festgestellt, Papst Benedikt XVI. sei – „auch wenn das im Allgemeinen so dargestellt“ werde – kein großer Philosoph und Theologe. Die Ausführungen des Papstes gegen den Relativismus seien einfach nur grob und verallgemeinernd. Und gegenüber der Wochenzeitschrift l'Espresso verteidigte er den Relativismus. Er selbst könne innerhalb von sechs Monaten ein Seminar mit 20 verschiedenen relativistischen Positionen organisieren.

    Umberto Eco bei der Vorstellung seines Buchs „Der Friedhof in Prag“. Foto: dpa

    Umberto Eco wird wegen seiner jüngsten Bücher wieder hochgelobt, aber wie steht er überhaupt zum Glauben? In einem Interview mit der Frankfurter Rundschau hat der italienische Semiotikprofessor und Romanautor Umberto Eco festgestellt, Papst Benedikt XVI. sei – „auch wenn das im Allgemeinen so dargestellt“ werde – kein großer Philosoph und Theologe. Die Ausführungen des Papstes gegen den Relativismus seien einfach nur grob und verallgemeinernd. Und gegenüber der Wochenzeitschrift l'Espresso verteidigte er den Relativismus. Er selbst könne innerhalb von sechs Monaten ein Seminar mit 20 verschiedenen relativistischen Positionen organisieren.

    Als Eco noch nicht als „zweitwichtigster Intellektueller der Welt“ (so das britische Magazin Prospect im Jahre 2005) galt und nicht aller Kritik enthoben war, wies auch Hellmuth Karasek im Literarischen Quartett einmal darauf hin, dass es etwa mit den Deutschlandkenntnissen des Romanciers nicht allzu weit bestellt sein könnte: In Das Foucaultsche Pendel (Il pendolo di Foucault, 1988, das der Spiegel als „sterbenslangweilig“ und „unverdauten Romanbrei“ verriss) hatte Eco Blasmusikanten in Lederhosen in einer von Schweinshaxendüften erfüllten Schwabinger Bar beschrieben.

    Hinter den vielen gelehrten Worten, die Eco gerne macht, verbirgt sich oft ein kaum kaschiertes Desinteresse daran, das worüber er schreibt, auf seinen ursprünglichen Sinn hin zu reflektieren. Der Autor aus Alessandria will vorrangig durch sein (in vielen Fällen natürlich durchaus fundiertes) Wissen brillieren und durch ironisch-witzig vorgetragene rhetorische Übungen unterhalten – mag der Preis dafür auch die Verzerrung von Wahrheiten und eine heiter-plätschernde Oberflächlichkeit beinhalten. Das Interesse am Menschen sowie diesen betreffende Sinnfragen treten gegenüber dem Verlangen, das Publikum durch die Darstellung eigener intellektueller Brillanz zu amüsieren, in den Hintergrund.

    Das wirkt sich auch auf seine Erfolgsromane aus. Diese repräsentieren, so der romanistische Literaturwissenschaftler Manfred Hardt, „eine im Grunde kalte und konstruierte, weil an menschlichen Problemen und deren Darstellung, Bewusstmachung oder Bewältigung nicht interessierte Kombinatorik, eine exhibitionistische und übersteigerte Anhäufung von Materialien, die weder durch eine innere, engagierte und kreative Perspektive noch durch eine kohärente Psychologie und ebenso wenig durch einen stilistisch konsequenten sprachlichen Ausdruck zu einer authentisch darstellenden oder erkenntnisfördernden Gesamtstruktur vereint werden“.

    In den Romanen Ecos fehlt der Glaubensernst

    Besonders evident tritt dies ausgerechnet beim, davon unbenommen spannend und unterhaltsam zu lesenden, Bestseller „Der Name der Rose“ hervor. Am Ende stehen dort nämlich nicht verschiedene Deutungsmöglichkeiten nebeneinander, was eine ertragreiche Diskussion über die von dem Roman gestreiften theologischen, philosophischen und historischen Themenbereiche fördern könnte, sondern es herrscht schlicht und einfach völlige Beliebigkeit hinsichtlich jeglicher Sinnfrage. Der geschichtliche und religiöse Hintergrund wird von Eco lediglich zu einer spielerisch-ungeordneten, wenngleich allein quantitativ beeindruckenden, Aneinanderreihung von Elementen mittelalterlicher Kultur genutzt, ohne dass dabei der Versuch gemacht würde, Wahrheiten hinter den Überzeugungen der Charaktere zu suchen oder gar nachzuvollziehen.

    Alles verbleibt somit „im Bereich des Unverbindlichen ohne metaphysische Wucht und ohne moralische Verpflichtung“. Und das erweist sich für einen das Mittelalter thematisierenden Roman als fatal. Denn Eco vermag es aus genau diesem Grunde nicht, wirklich lebendige Charaktere zu erschaffen, fehlt seinem Werk und dessen Figuren so doch gerade das fundamentale Merkmal der mittelalterlichen Welt schlechthin: der Glaubensernst.

    Deshalb bleibt das Buch letztlich eine zwar geschickt verpackte, aber im Grunde sinnentleerte Anhäufung von beliebig zusammengefügtem Material über das Mittelalter. Was die Menschen der von ihm beschriebenen Epoche dachten und fühlten, die Motivation für ihr Handeln und ihre intellektuelle Produktion, ihre Sorgen und Ängste – das alles interessiert Eco nur insofern, als er es zu einer Zur-Schau-Stellung des eigenen Wissens verwenden kann.

    Entsprechend spielen moralische Fragen für ihn, in grundlegendem Gegensatz zum mittelalterlichen Menschen, bestenfalls eine Nebenrolle. Und darum scheitert er nicht nur an der Schilderung seiner Charaktere, sondern auch an der Aufgabe, der Epoche, über die er schreibt, gerecht zu werden. Man braucht sich nur die wirklich große Literatur des Mittelalters und ihre ständige Sorge um den Menschen und seine ethische Dimension anzusehen (seien es die literarisch herausragenden Werke Dantes, die rhetorisch-moralischen Traktate eines Bono Giamboni, die Lauden Jacopone da Todis, die Lyrik Guittone D'Arezzos oder die Predigten Giordano da Pisas, um nur einige Beispiele aus dem italienischen Raum zu nennen), um zu erkennen, wie weit Eco davon entfernt ist, diese Zeit tatsächlich nachzuempfinden und ihr Denken für seine Leser wirklich in seiner ganzen Tiefe verständlich zu machen.

    In Umberto Ecos jüngstem Roman, „Der Friedhof von Prag“ (2010), der seit dem vergangenen Herbst auch in einer deutschen Übersetzung vorliegt, verfolgt der Autor nun nach eigener Aussage tatsächlich eine gewisse moralische Intention: die Protokolle von Zion, das wohl fatalste der zahlreichen eine omnipotente jüdische Weltverschwörung suggerierenden antisemitische Pamphlet, als die krude Fälschung bloßzulegen, die sie sind. Durch die Form des Abenteuerromans erhofft Eco, diese Botschaft an Adressaten zu vermitteln, die sie als Ergebnis historischer (etwa von Norman Cohn oder Pierre André Taguieff) oder sprachwissenschaftlicher (von Cesare G. De Michelis) Studien verweigern. Ob dies gelingt, darf allerdings bezweifelt werden. Denn bereits nach wenigen Seiten des gleich mehrere vermeintliche oder tatsächliche Verschwörungen des 19. Jahrhunderts ausbreitenden Werkes tritt die durchaus ehrenwerte Absicht, die Absurdität allumspannender Weltverschwörungstheorien zu denunzieren, in den Hintergrund. Wie schon im „Foucaultschen Pendel“ dominieren von Beginn an intertextuelle Spielereien, weitschweifige, nur scheinbar beiläufig gelehrte Exkurse und trickreiche Thematisierungen des komplexen Beziehungsgeflechtes zwischen Autor, Erzähler(n) und Lesern. Schnell wirkt der Roman überladen – und kann, da zudem bereits nach wenigen Kapiteln überdeutlich wird, worauf Eco hinauswill und sich rasch der Eindruck einstellt, das alles schon einmal gelesen zu haben, die Langeweile kaum vermeiden. Wiederum müssen die Protagonisten seiner Erzählung – die Hauptfigur Simonini erscheint als zwar abstoßende, im Grunde jedoch platte Karikatur eines Antisemiten –, eine den Leser für das Geschehen direkt interessierende sowie emotional berührende narrative Stringenz und auch der moralische Impuls des Werkes hinter Ecos narzisstischem Bedürfnis, eigene intellektuelle Brillanz zur Schau zu stellen, zurückstehen.

    Und so erklärt sich auch, warum der wohl bedeutendste Semiotiker der Gegenwart derart empfindlich auf die Kritik des Papstes an der „Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt“, reagiert: Er fühlt sich und sein literarisches Werk, das eben jene moralische Beliebigkeit propagiert, direkt angegriffen. Seine mit wahrhaft diktatorischer Willkür vollzogene Infragestellung der theologischen Kompetenzen des Heiligen Vaters lässt somit vor allen Dingen erahnen, dass Eco selbst zumindest unbewusst spürt, worauf der in seinem eigenen Schaffen nachweisbare Relativismus letztlich hinweist: Umberto Eco ist kein großer Romanautor – „auch wenn das im Allgemeinen oft so dargestellt wird“.