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    Der Rätsellöser

    Der Erste Weltkrieg war gerade vorbei, da machte Gilbert Keith Chesterton sich auf in die Wüste. Von London fuhr der stattliche Engländer nach Frankreich, am Gare du Lyon setzte er sich in den Zug, nahm die Bastille in den Blick und ließ so beginnen, wieder einmal beginnen, was schon damals als typisch chestertonianisch galt, einen weiteren „Fortschritt nach rückwärts“ – diesmal buchstäblich, „von älteren zu immer älteren Dingen, von Paris nach Rom und nach Ägypten, ja fast bis nach Eden“. Jerusalem hieß das Ziel.

    G.K. Chesterton fand Klarheit und Entschiedenheit gegenüber den wichtigsten Fragen des Lebens in der Katholischen Kirche
    Fand die Klarheit und Entschiedenheit gegenüber den wichtigsten Fragen des Lebens in der Katholischen Kirche: G.K. Chest... Foto: dpa

    Der Erste Weltkrieg war gerade vorbei, da machte Gilbert Keith Chesterton sich auf in die Wüste. Von London fuhr der stattliche Engländer nach Frankreich, am Gare du Lyon setzte er sich in den Zug, nahm die Bastille in den Blick und ließ so beginnen, wieder einmal beginnen, was schon damals als typisch chestertonianisch galt, einen weiteren „Fortschritt nach rückwärts“ – diesmal buchstäblich, „von älteren zu immer älteren Dingen, von Paris nach Rom und nach Ägypten, ja fast bis nach Eden“. Jerusalem hieß das Ziel.

    Von seinen Erfahrungen und Eindrücken kündet das 1920 erschienene, 1930 ins Deutsche übersetzte Buch „The New Jerusalem“ (Das neue Jerusalem). Im ersten Kapitel, „Das Wesen der Städte“, zeigt sich der Erfinder von „Father Brown“ und unermüdliche Erzähler, Essayist und Romancier, laut Ernst Bloch „einer der gescheitesten Männer, die je gelebt haben“, als Abenteurer des Geistes: „Der moderne Mensch gleicht einem Reisenden, der den Namen des Ziels vergessen hat und nun seinen Weg zurückverfolgen muss, um festzustellen, wohin er eigentlich will.“

    Da es der Menschheit nicht anders ergehe, musste er deren Ursprung entdecken. Wo, wenn nicht in Jerusalem, ist man der Wiege der Gattung am nächsten? So fasste er „um die Weihnachtszeit“ in seinem geliebten Beaconsfield den Entschluss zum Aufbruch. Er wollte das „gesamte moderne Problem westlicher Kultur“ begreifen, „ein Rätsel, das gelöst, ein Knoten, der entknotet werden muss. Zur Lösung des Knotens ist es erforderlich, das rechte Ende und insbesondere das andere Ende des Problems zu finden. Wir müssen mit dem Anfang beginnen, wir müssen zu unseren ersten Ursprüngen in der Geschichte zurückkehren, gleichwie wir zu unseren ersten Prinzipien in der Philosophie zurückkehren sollten.“ Auf nach Jerusalem!

    Den „ersten Prinzipien in der Philosophie“ sollte er sich 1933 zuwenden, in „St. Thomas Aquina“ (Thomas von Aquin). Dazwischen lag der – neben der Heirat 1901 mit Frances – folgenschwerste Tag seines Lebens, die Konversion im Jahr 1922 vom anglikanischen zum römisch-katholischen Glauben. Aus Gründen, bei deren Relektüre sich die Frage stellt, ob sie heute noch stichhaltig wären: „Die Klarheit und Entschiedenheit gegenüber den wichtigsten Fragen des Lebens finde ich nur in der katholischen Kirche, und deswegen wurde ich Katholik.“ Außerdem wollte er von seinen Sünden frei werden, „es gibt kein anderes religiöses System, das wirklich verkündet, die Menschen von den Sünden frei zu machen“, dank der Beichte, nach der „der Sünder wirklich neu anfängt, wie wenn er nie gesündigt hätte“.

    In „Thomas von Aquin“, das der Bonner Verlag nova & vetera 2003 zusammen mit dem für Chestertons geistige Entwicklung nicht minder bedeutsamen „Franz von Assisi“ (1923) erstmals in kompletter Übersetzung vorlegte, heißt es, knapp 80 Jahre vor der Freiburger Rede von Papst Benedikt XVI.: „Wenn die Kirche zu weltlich wird, so hat die Welt kein Salz, um sie in ihrer Verweltlichung zu durchwürzen.“ Im heiligen Thomas sah Chesterton jenen Apostel des gesunden Menschenverstandes, als der er sich selbst begriff. Er nennt ihn „einen der großen Befreier des menschlichen Geistes“. Thomas habe die Religion mit der Vernunft versöhnt, „er bestand darauf, dass die Sinne das Fenster der Seele seien, dass die Vernunft ein göttliches Recht darauf habe, mit Tatsachen genährt zu werden und dass es Aufgabe des Glaubens sei, den schweren Stoff der dichtesten und wirklichkeitsnächsten heidnischen Philosophie durchzuarbeiten. (…) Das Vertrauen auf die Vernunft ist der Lebenskern der thomistischen Lehre, während Luthers Lehre von dem gänzlichen Misstrauen gegen die Vernunft lebt.“

    In der Wüste hat die Vernunft keine guten Karten, in der Wüste regiert der Islam: So ließe sich eine pointierte Summa aus dem „Neuen Jerusalem“ ziehen. Was in den Städten begann, in London, Paris, Rom, sollte in die Ebenen Palästinas führen. Der innere wie äußere Reisebericht von 1920 hob an mit dem „Wesen der Städte“ und setzte sich mit dem „Wesen der Wüste“ fort. In den Städten des Westens sorge ein Kapitalismus, der „ethisch diskreditiert“ sei und „geschäftlich versagt“ habe, für Armut und freiheitswidrige Monopole, während der Sozialismus das Heil in Verstaatlichungen und einer gleichheitswidrigen „Diktatur des Proletariats“ erblicke; „deswegen erinnert London an ein Gefängnis verlorener Worte und verloren gegangenen Verstandes“. Chesterton zog aus diesem doppelten Ruin das Motiv für einen dritten Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus, den er gemeinsam mit Hilaire Belloc entwickelte und den sie auf den Namen Distributismus tauften und in Vereinsarbeit wie Publizistik praktisch werden ließen. Dieser Distributismus sollte, abermals gut 85 Jahre später, Michel Houellebecq zu seinen wirtschaftstheoretischen Überlegungen in „Unterwerfung“ inspirieren. Chesterton ist ein Dichter der Nachhaltigkeit. Seine besten Einsichten zünden in der Zukunft.

    Wenn die Krise der Städte eine Krise der Moderne und ihrer weltanschaulichen Antinomien ist – was hat die ältere Wüste uns zu sagen? Chesterton landete mit dem Schiff in Alexandria, damals Teil des britischen Empire, und „je weiter ich vordrang, desto klarer und klarer wurde die Vision unserer eigenen Kultur in jener Gestalt, in der sie sich schließlich zu einer Einheit formte. Nie erkannte ich das schärfer als damals, da ich sie hinter mir zurückgelassen hatte.“ In Kairo spürte er „die zahlreichen Vorzüge des Moslems, aber (…) auch den militärischen Charakter des muslimischen Ruhms“. Saladin habe die Tempel und Grabmäler der Ägypter vernichtet und eine Zitadelle errichtet, von der aus „der Reisende zum ersten Mal die Wüste erblickt, von der die große Eroberung kommt“, mit ihr „jene Macht, die der Wüste entstammt, die große Religion Mohammeds“.

    Chesterton deutet den Islam als Wüstenreligion. Was ist das Charakteristische der Wüste? Ihre Menschenleere. „In einer solchen Einsamkeit neigt der Mensch dazu, nach den schlichtesten Gedanken zu greifen, als wären sie gänzlich neue Vorstellungen.“ Der Moslem sei klug genug, um an Gott zu glauben, „aber seinem Glauben fehlt jene menschliche Vielgestaltigkeit, die aus Vergleichsmöglichkeiten entspringt. (…) Daher besitzt seine Religion (…) nicht das Abwechslungsreiche und Lebenskräftige jener Kirchen, die von Menschen begründet wurden, welche in Wäldern und Obstgärten wandelten.“ Der Mensch der Wüste neige zu „allzu starker Vereinfachung und hält die erste Wahrheit für die letzte Erkenntnis“. Deshalb gebe es „in der Natur des Moslems auch eine tiefe und fast gefährliche Möglichkeit zum Fanatismus (...). Der Fanatiker der Wüste ist gerade deswegen gefährlich, weil er seinen Glauben als Tatsache begreift und nicht nur als eine Wahrheit in unserem mehr transzendentalen Sinne.“

    Der typische Moslem wäre demnach ein einsamkeitsgewohnter Tatsachenmensch mit dem Talent der Beharrung und der Versuchung zur Unduldsamkeit, ein Gottgläubiger und ein Mann. Ja, schrieb Chesterton, „der Islam ist ein bewundernswerter Verfechter der Gleichheit der Menschen, aber es handelt sich nur um Gleichheit für das männliche Geschlecht. (…) Der männliche Moslem ist insbesondere in seiner eigenen Familie König und Priester und Richter.“ Schon der Fez lege Zeugnis ab. Ein Moslem, wie ihn Chesterton konturiert, kann – anders als ein Christenmensch des Westens – der Schwäche mit Mitleid begegnen, aber nie mit Ehrfurcht. Der Islam nehme alles buchstäblich, nichts spielerisch, er kenne den „Zwiespalt von Pathos und Ironie“ nicht, „der in den Herzen der Urchristen angesichts der großen heidnischen Literatur und Kunst entstand“. Fehlende Differenzerfahrung auch hier.

    Chesterton formuliert mit Sinn für die Physiognomien einer Kultur, Muslime nähmen die Überzeugung, „dass wir hier auf Erden keine bleibende Statt besitzen“, derart ernst, dass es letztlich nur ein Haus gebe, „das der Moslem einem Hause, ja sogar einem Heim entsprechend erbaut, mit Mauern und Dach und Tür, quadratisch wie ein Landhaus, stark wie eine Festung, und das ist sein Grab. Ein muslimischer Friedhof gleicht buchstäblich einer kleinen Stadt, einem Städtchen, das man bei Nacht nicht gerne durchwandern möchte.“ Chesterton schließt ganz auf der Linie eines Dan Diner, der 85 Jahre später das muslimische Zeitkonzept auf den Begriff der im und durch den Islam „versiegelten Zeit“ bringt: „Zwischen Zelt und Grabmal hat nichts anderes Geltung.“ So müsse es sein in einer Religion, deren höchster Schlachtruf eine Tautologie sei, „Gott ist Gott!“.

    Wenn Michel Houellebecq explizit Chesterton, den Distributisten, in seinen Roman von der freiwilligen „Unterwerfung“ Frankreichs unter einen smarten Islam aufnahm und namentlich erwähnte – tat er es auch implizit mit Chesterton, dem Verteidiger der Differenz, des Spielerischen und der Geselligkeit in Ansehung eines fanatismusgefährdeten Islam? Es verblüfft, wie kurz der Weg ist von Chestertons „Chrislam“ zu Houellebecqs „Unterwerfung“. Genau 100 Jahre, bevor Houellebcq sich ein kapitulierendes Frankreich ausdachte, hatte Chesterton ein kapitulierendes England ersonnen. In der Zukunftsgroteske „The Flying Inn“ (Das fliegende Wirtshaus) von 1914 bezirzt Mister Misysra Ammon, ein „kleiner alter Mann mit einem Eulengesicht und einem rotem Fez“, die bessere Gesellschaft, die Medien und die Politik, bis der „Chrislam“ herrscht: eine angeblich menschenfreundliche Verbindung von Christentum und Islam unter muslimischer Oberhoheit.

    Misysra Ammon punktet in den höheren Kreisen, denen Chesterton lebenslang Skepsis entgegenbrachte, weil Ammon den Islam als humanistische Wellness-Religion anpreist. Ammon spricht im Namen einer „höheren vegetarischen Ethik“, die zum Wohl des Menschen einen großen Bogen um das Schwein macht. Er lobt das Alkoholverbot, das die britische Regierung – auf Druck freilich der zuvor in einem Krieg siegreichen Türkei – eingeführt hat und das von einem britischen Diplomaten geadelt wird: Der Islam sei „die fortschrittlichste aller Religionen“, sie halte die „gefährliche verführerische Kraft des Weines“ in Zaum.

    Die Elite, daran lässt Chesterton keinen Zweifel, beugt sich dem Chrislam. Das kleine Volk rebelliert, weil es sich den Spaß an Fleisch und Rum nicht nehmen lassen will. „Gott“, sagt der Rädelsführer wider den Chrislam, „Gott will, dass der Mensch seinen Spaß haben soll.“ Im Islam nach Houellebecq und Chesterton haben ihn höchstens die Männer.

    Hat Chesterton das „gesamte moderne Problem westlicher Kultur“ gelöst, am Ende in Jerusalem? Er erkannte, als er sich umtat zwischen orientalischen Christen und würdigen Muslimen, dass „nichts unseren modernen religiösen Idealen so völlig fehlt wie das Ideal der Beharrlichkeit“. Und als er umherlief zwischen geheiligten Steinen und über das „dunkle Geheimnis der Örtlichkeit“ nachdachte, als er vom Reisenden zum Pilger wurde und die Stadt Lod erreichte, wo der heilige Georg „am Rande der Wüste“ geboren worden sein soll, da sah er. Er sah und begriff, dass Christus gegen Dämonen kämpfte, weil „unmittelbar vor unseren Füßen gleich einem unter Blumen verborgenen Abgrund unergründbare Sünde lauert“.

    Er sah und begriff, dass „in unser aller Hirn, bestimmt in dem meinen, Dinge beerdigt liegen, arg wie nur eines, das unter dem bitteren Meere begraben ruht, und falls Er nicht kam, um mit diesen Dingen selbst in der Finsternis des Hirns des Menschen zu kämpfen, dann weiß ich nicht, weshalb Er kam. Bestimmt kam Er nicht, um nur über Blumen oder Sozialismus zu sprechen.“ Aberhundert Texte sollte Gilbert Keith Chesterton nach der Schau von Lod noch schreiben, darunter „Der unsterbliche Mensch“, „Die Rückkehr des Don Quijote“, „Autobiographie“, „Die Paradoxe des Mr. Pond“, ehe er 1936 im Alter von 62 Jahren starb. Pius XI. ernannte ihn zum Fidei Defensor. Die Erkenntnis von Lod aber blieb der dunkle Grund eines so heiteren und menschenfreundlichen Werks: Kultur und Glaube verdienen ihren Namen, wenn sie über allen Wandel hinweg zu beharren vermögen. Und wenn sie sich nicht wechselseitig vorlügen, der Mensch könne sich erlösen, könne leben, ohne zu sündigen. In Lod sah Chesterton ein für alle Mal „Sodom gleich Satan niedergestreckt auf dem Boden der Welt. Und weit, weit fort und hoch, matt durch Höhe und Ferne, klein, aber immer noch sichtbar, ragte der Turm der Auferstehung gleich dem Schwert des Erzengels, erhoben zum Gruß nach gefälltem Streich.“

    Der Autor ist Ressortleiter „Salon“ beim „Magazin Cicero“. Zahlreiche Sachbücher, u.a.: „Der aufgeklärte Gott. Wie die Religion zur Vernunft kam“ (2008), „Papst im Widerspruch. Benedikt XVI. und seine Kirche 2005–2013“ (2013) und „Keine Toleranz den Intoleranten. Warum der Westen seine Werte verteidigen muss“ (2015).