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    Der Preis des Fußball-Traums

    Vor etwa fünf Jahren gewährte Sönke Wortmann mit seinem Dokumentarfilm „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (DT vom 07.10.2006) einen Einblick in die deutsche Nationalmannschaft während der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Wortmanns Film legte sein Hauptaugenmerk auf das Gemeinschaftsgefühl unter Fans und Spielern sowie unter den Akteuren selbst. „Deutschland. Ein Sommermärchen“ kann als eine kollektive Momentaufnahme bezeichnet werden, was zweierlei bedeutet: „Ein Sommermärchen“ hebt keine singuläre Persönlichkeit hervor. Eine wie auch immer geartete Fußball-Karriere zeichnet Wortmanns Film erst recht nicht nach.

    Nach mehreren Jahren mit Höhen und Tiefen in der Bundesliga scheint der inzwischen 30-jährige Thomas Broich (rechts) bei... Foto: mindjazz

    Vor etwa fünf Jahren gewährte Sönke Wortmann mit seinem Dokumentarfilm „Deutschland. Ein Sommermärchen“ (DT vom 07.10.2006) einen Einblick in die deutsche Nationalmannschaft während der Fußball-Weltmeisterschaft im eigenen Land. Wortmanns Film legte sein Hauptaugenmerk auf das Gemeinschaftsgefühl unter Fans und Spielern sowie unter den Akteuren selbst. „Deutschland. Ein Sommermärchen“ kann als eine kollektive Momentaufnahme bezeichnet werden, was zweierlei bedeutet: „Ein Sommermärchen“ hebt keine singuläre Persönlichkeit hervor. Eine wie auch immer geartete Fußball-Karriere zeichnet Wortmanns Film erst recht nicht nach.

    Der Dokumentarfilm „Tom Meets Zizou – Kein Sommermärchen“ von Aljoscha Pause, der im März 2011 das 8. Internationale Fußballfilmfestival „11 mm“ in Berlin eröffnete und nun im regulären Kinoprogramm anläuft, setzt unter beiden Gesichtspunkten einen Kontrapunkt zu Sönke Wortmanns Fußball-Märchen. Drehbuchautor und Regisseur Pause zeigt den Werdegang des Fußballprofis Thomas Broich, der jedoch keineswegs märchenhaft verläuft. Drückt der Untertitel „Kein Sommermärchen“ den Gegensatz zum gutgelaunten Film von Sönke Wortmann geradezu plakativ aus, so geht der Titel „Tom Meets Zizou“ auf Broichs seit seiner Jugend etablierte Emailadresse tommeetszizou@aol.com zurück, durch die der junge Spieler seine Bewunderung für den französischen Ausnahmespieler Zinedine Zidane zum Ausdruck brachte. Aljoscha Pause begleitete Thomas Broich von 2003 bis 2011. Daraus wurde die erste Langzeit-Dokumentation über einen deutschen Fußballprofi.

    Die Einblendung „Australien, Januar 2011“ zu Beginn führt in die Rahmenhandlung ein, in die Thomas Broichs Fußballer-Biografie eingebettet wird. Ein ziemlich entspannter junger Mann macht zusammen mit einem Freund Urlaub und gibt offenherzig Auskunft über sein Leben als Fußballprofi mit Höhen und Tiefen. Auch wenn die Dokumentation immer wieder von heutigen Bildern unterbrochen wird, zeichnet sie Broichs Fußballer-Leben chronologisch nach: Als 2003 Aljoscha Pause mit den Dreharbeiten begann, spielte der damals 22-jährige Broich bei Wacker Burghausen in der 2. Bundesliga. Der junge Spieler galt neben Bastian Schweinsteiger, Lukas Podolski und Philipp Lahm als „Hoffnungsträger“ für die Nationalmannschaft, die drei Jahre später an der Weltmeisterschaft im eigenen Lande teilnehmen würde. Broich weckte das Interesse des Filmemachers deshalb, weil er kein typischer Fußballer war: Broich las viel, hörte klassische Musik und spielte selbst Gitarre und Klavier, weshalb der junge Spieler von seinen Kameraden den Spitznamen „Mozart“ verpasst bekam.

    Als er im Januar 2004 zu Borussia Mönchengladbach in die 1. Liga wechselte, wurde Broich von den Medien als neuer Günter Netzer gefeiert. Nachdem der junge Spieler in der U21-Auswahl und im Team 2006 mitgespielt hatte, schien seiner Berufung in die A-Nationalmannschaft nichts mehr im Wege zu stehen. Doch es kam anders: Eine Verletzung und die Differenzen mit dem neuen Trainer Dick Advocaat machten die dazu erforderliche Spielpraxis unmöglich. Nach dem Wechsel zum 1. FC Köln im Sommer 2006 schien Broich wieder Spaß am Fußball zu bekommen. Als aber im November Christoph Daum 1. FC-Trainer wurde, wiederholte sich die Geschichte: Genauso wie unter dem autoritären Advocaat konnte Broich unter Daum in der Mannschaft keinen Fuß fassen. Nachdem auch im Jahre 2009 in Nürnberg ein letzter Versuch scheiterte, in einem Bundesligaclub Stammspieler zu werden, fühlte Thomas Broich die Symptome einer „Fußball-Depression“. Der Spieler wollte weg, so weit weg wie nur möglich. So landet er in Australien, wo Thomas Broich mit Brisbane Roar im März 2011 in einem dramatischen Endspiel australischer Meister wird. Damit gewinnt Broich den ersten Titel in seiner nun elfjährigen Fußballprofi-Karriere, und Aljoscha Pauses „Tom Meets Zizou – Kein Sommermärchen“ findet ein Happy End. Die Prophezeiung, die Thomas' Emailadresse tommeetszizou@aol.com ausdrückte, erfüllte sich übrigens im doppelten Sinne nicht. Vor einiger Zeit legte Thomas Broich sie denn auch ab.

    Obwohl Pauses Film im Gegensatz etwa zu Sönke Wortmanns „Sommermärchen“ kaum kinotaugliche Bilder liefert – die Bilder des Endspiels erhielt der Regisseur etwa vom australischen Sender „Fox Sports“ –, besticht „Tom Meets Zizou – Kein Sommermärchen“ gerade durch die Offenherzigkeit seines Protagonisten. Denn Thomas Broich, der im Sportstudio Johannes B. Kerner erklärte, er habe keine Lust darauf, Hoffnungsträger für die Nationalmannschaft zu sein, zeigt sich heute selbstkritisch. Er habe dieses Image des „Anderssein“ selbst gepflegt: „Ich habe mich natürlich geschmeichelt gefühlt. Durch die Mozart-Nummer konnte ich mich von anderen abheben.“

    Aljoscha Pauses Film zeigt eine bemerkenswerte Sicht auf den Profifußball jenseits der Hochglanz-Reportagen über die Siegertypen aus den einschlägigen Magazinen und Fernseh-Sportsendungen. Hier steht ein junger Mensch aus Fleisch und Blut im Mittelpunkt, der zwar einen Traum leben will, aber sich auch die Frage stellt, welchen Preis er dafür zu zahlen bereit ist– oder eben nicht.