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    Der Ort, an dem Wunder geschehen

    Jessica Hausners Spielfilm „Lourdes“, der nach seiner Teilnahme am Internationalen Filmfestival Venedig 2009 nun im deutschen Kino startet, beginnt mit den halbdokumentarischen Bildern eines noch menschenleeren Speisesaals, der sich zu den Klängen von Schuberts „Ave Maria“ nach und nach mit Menschen füllt. Ein Rollstuhlfahrer zischt vorbei. Zunächst bleibt die Kamera auf Distanz. Dann sucht sie ein Ziel, das zunächst eine junge Rollstuhlfahrerin zu sein scheint, um schließlich auf die Malteser-Hilfsleiterin Cecile (Elina Löwensohn) zu zoomen. Sie verkündet streng das Programm für die Wallfahrt mit ihrem durchorganisierten Ablauf: Besuch in der Grotte und den Heilbädern sowie der Prozession und der Heiligen Messe. Jessica Hausners Film wiederholt denn auch den genauen Verlauf einer fünftägigen Lourdes-Wallfahrt. Die Protagonistin von „Lourdes“ ist indessen nicht die Reiseleiterin, sondern die junge Rollstuhlfahrerin, an der die Kamera in der ersten Filmsequenz vorbeigefahren war: Christine (Sylvie Testud), die an Multipler Sklerose leidet und nur noch den Kopf bewegen kann. Gerade deshalb beobachtet sie ihre Umgebung genau, was sie zum idealen Standpunkt für den Zuschauer macht. Christine zeigt sich von Anfang an gegenüber Lourdes und dessen Wundern, aber auch der Kirche im Allgemeinen eher skeptisch. An der Wallfahrt nimmt sie teil, um ihrer von der Krankheit erzwungenen Einsamkeit zu entfliehen, obwohl sie lieber nach Rom gepilgert wäre, weil die Ewige Stadt in kultureller Hinsicht mehr biete.

    Jessica Hausners Spielfilm „Lourdes“, der nach seiner Teilnahme am Internationalen Filmfestival Venedig 2009 nun im deutschen Kino startet, beginnt mit den halbdokumentarischen Bildern eines noch menschenleeren Speisesaals, der sich zu den Klängen von Schuberts „Ave Maria“ nach und nach mit Menschen füllt. Ein Rollstuhlfahrer zischt vorbei. Zunächst bleibt die Kamera auf Distanz. Dann sucht sie ein Ziel, das zunächst eine junge Rollstuhlfahrerin zu sein scheint, um schließlich auf die Malteser-Hilfsleiterin Cecile (Elina Löwensohn) zu zoomen. Sie verkündet streng das Programm für die Wallfahrt mit ihrem durchorganisierten Ablauf: Besuch in der Grotte und den Heilbädern sowie der Prozession und der Heiligen Messe. Jessica Hausners Film wiederholt denn auch den genauen Verlauf einer fünftägigen Lourdes-Wallfahrt. Die Protagonistin von „Lourdes“ ist indessen nicht die Reiseleiterin, sondern die junge Rollstuhlfahrerin, an der die Kamera in der ersten Filmsequenz vorbeigefahren war: Christine (Sylvie Testud), die an Multipler Sklerose leidet und nur noch den Kopf bewegen kann. Gerade deshalb beobachtet sie ihre Umgebung genau, was sie zum idealen Standpunkt für den Zuschauer macht. Christine zeigt sich von Anfang an gegenüber Lourdes und dessen Wundern, aber auch der Kirche im Allgemeinen eher skeptisch. An der Wallfahrt nimmt sie teil, um ihrer von der Krankheit erzwungenen Einsamkeit zu entfliehen, obwohl sie lieber nach Rom gepilgert wäre, weil die Ewige Stadt in kultureller Hinsicht mehr biete.

    Christine wird von der jungen Malteserin Maria (Léa Seydoux) betreut, in der sie eine Jugend verkörpert sieht, die ihr versagt bleibt. Deutlich wird die ambivalente Beziehungen zwischen den beiden jungen Frauen etwa am Interesse, die sie am Malteserdienst-Leiter Kuno (Bruno Tedeschini) gleichzeitig und durchaus in Konkurrenz zueinander zeigen. Christines Zimmernachbarin Frau Hartl (Gilette Barbier) kümmert sich liebevoll um sie. In ihrem Gebet und der tatkräftigen Hilfe für die junge Gelähmte findet sie Trost und Lebenssinn. Die Charaktere aus „Lourdes“ stellen gewisse Mustertypen dar, ohne deshalb zu Abziehbildern zu verkümmern. Laut der Regisseurin fand sie diese Figuren während der Lourdes-Wallfahrten, die sie als Vorbereitung auf den Film unternahm: „Ich habe während dieser Pilgerreisen Interviews mit verschiedenen Leuten gemacht – Pilgern, Pflegern, Maltesern, Priestern. Sie sind zum Teil Vorbilder für meine Filmfiguren. Es war immer eine Art Spiel und Gegenspiel: Ich hatte eine bestimmte Figur im Kopf und habe ganz dezidiert bestimmte Leute angesprochen. Oder ich habe Leute angesprochen, die dann zu einer Filmfigur wurden.“ Inmitten der eher minimalistischen Handlung geschieht es dann doch: Plötzlich kann Christine wieder gehen. Das Wunder weckt allerdings bei den anderen Kranken und Mitpilgern nicht nur Hoffnung, sondern auch Neid: Warum gerade sie, die nicht gerade Rechtgläubige? Für Christine stellt sich natürlich auch diese Frage, aber eigentlich noch eher die, ob die Heilung wirklich von Dauer sein wird.

    Gedreht wurde „Lourdes“ an originalen Schauplätzen. Dennoch spielt der Film an wenigen Orten – Christines Krankenzimmer, dem Speisesaal, den Heilbädern, der Wallfahrtskirche. Die wenigen Totalen des Films gelten einem Gruppenfoto vor der Wallfahrtskirche und einem Ausflug in die unmittelbare Umgebung. Die meisterhafte Kamera von Martin Gschlacht arbeitet mit hochauflösender, fast hyperrealistischer Schärfe und insbesondere mit Farbkontrasten: das Blaugraue der Schauplätze auf der einen, die intensiv roten Malteseruniformen auf der anderen Seite.

    „Ein böses Märchen“ hat Regisseurin Jessica Hausner ihren Spielfilm „Lourdes“ genannt. „Ein Märchen ist es, weil es im Grunde eine einfache Erzählung ist, eine Parabel, ein Gleichnis. Die Figuren sind Prototypen, vergleichbar mit anderen Märchenfiguren wie etwa in ,Heidi‘ – die arme Clara im Rollstuhl, das ist Christine, oder die lustige Heidi, das ist die Helferin Maria. Und böse ist es deshalb, weil zwar ein Wunder geschieht, das aber neue Probleme hervorruft und nicht die gewünschte Erlösung bringt – und es hält möglicherweise nicht.“

    Jessica Hausners Film gelingt eine eigentümliche Ambivalenz, die etwa dazu führte, dass „Lourdes“ bei den 66. Filmfestspielen Venedig 2009 nicht nur den FIPRESCI-Preis der internationalen Filmkritik, sondern sowohl den Signis-Preis der ökumenischen Jury als auch den Brian-Preis der Union der Atheisten und Agnostiker erhielt. Denn eine klare Antwort auf die eigentliche Filmfrage, ob Christines offensichtliche Heilung wirklich als Wunder zu bezeichnen ist, gibt „Lourdes“ nicht. Vielleicht war sie lediglich der Traum, von dem Christine selbst erzählt: Sie sei gelähmt und die Jungfrau Maria sei ihr erschienen. Da sie sie aber nicht richtig habe verstehen können, sei sie aufgestanden – dadurch habe sie gemerkt, dass sie nicht mehr gelähmt sei.

    Weil jedoch der Film mit „Felicita“ endet, dem italienischen Schlager der 80er Jahre von Al Bano und Romina Power, entlässt „Lourdes“ den Zuschauer trotz der den ganzen Film durchziehenden Skepsis mit einem Gefühl von dem unbeschwerten Glück, das der Schlager besingt.

    Von José García