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    Der Nutzen für alle ist keine Lösung

    Math.
    Noch haben Hunde nicht beweisen können, dass sie vernünftiger sind als Kleinkinder, wie Peter Singer behauptet. Der aust... Foto: Adobe Stock

    Im Vorfeld der Vortragsveranstaltung an der Philosophischen Fakultät der Universität Paderborn mit dem australischen Philosophen Peter Singer hatte es Kritik und Diskussionen in der Regionalpresse gegeben. Vor allem der CDU-Landtagsabgeordnete Daniel Sieveke hatte sich über die Vortragseinladung an Singer beschwert. Unter Berufung auf Singers umstrittene Thesen zum Infantizid bei schweren Behinderungen, die aus christlicher Sicht verabscheuungswürdig seien, erklärte er, die Universität habe eine „rote Linie“ überschritten und forderte künftig „mehr Fingerspitzengefühl“ bei der Einladung von Gastrednern.

    Doch entgegneten die Veranstalter, es habe sich bei Sievekes Intervention um uninformierte Kritik gehandelt. Das Philosophische Kolloquium fand so auch wie angekündigt am 17. Juni statt, und zwar vor großem Publikum, das auch von außerhalb der Universität kam – ganze gymnasiale Leistungskurse waren anwesend. Die Veranstalter plädierten nachdrücklich dafür, sich mit „Anstand und Vernunft“ (Frank-Walter Steinmeier) mit Singers Thesen auseinanderzusetzen, da Freiheit Regeln brauche. Man müsse weder Utilitarist noch Veganer oder Vegetarier sein, um Singer zuzuhören.

    So seien hier Singers Ausführungen näher beschrieben. Denn es ist unbestreitbar ein Phänomen der zeitgenössischen Kultur, dass Vorstellungen zur Befreiung der Tiere, wie Singer sie vertritt, eine immer größere Verbreitung erlangt haben und die Lebenspraxis ebenso wie die moralischen Intuitionen vieler Menschen nachhaltig prägen.

    Singer ist bekannt als Vertreter einer utilitaristischen Ethik, die auf Leidensvermeidung und Lusterhöhung zielt. (In diesem Rahmen gehört er auch zu den entschiedenen Vertretern einer sogenannten Beihilfe zur Selbsttötung, befürwortet daher auch die weitere Liberalisierung in diesem Bereich, wie er in der Diskussion unterstrich.)

    Im Zentrum seines Vortrags standen aber nicht diese Probleme, die in Singers Praktischer Ethik diskutiert werden, sondern seine Vorstellungen über das, was man Tierethik nennen könnte. Singer blickte zurück auf sein Buch über die „Befreiung der Tiere“ von 1975, das zu den kulturell wirkungsmächtigen Werken unserer Zeit gehört. Es gelang Singer damit nämlich, in Analogie zu den Übeln des „Rassismus“ und „Sexismus“ auch dasjenige des „Speziesismus“ zu popularisieren. Dieser bestehe darin, wenn ein Angehöriger einer Art Vorurteile zugunsten der eigenen Art und zu ungunsten anderer Arten hege. So jedenfalls seine sehr allgemeine Definition (die aber in Wirklichkeit nur auf die Menschen sinnvoll angewendet werden kann, weil anderen Arten ein solcher Vorwurf kaum gemacht werden kann). Entsprechend muss Singer auch die biblische Vorstellung zurückweisen, dem Menschen sei von Gott die Herrschaft über die Tiere zugesprochen worden. Es solle stattdessen eine Art grundlegender Gleichheit zwischen den verschiedenen Arten herrschen, was bedeute, unabhängig von der Spezies ähnlichen Interessen eine gleiches Gewicht zuzusprechen (was sich als normative Forderung auch nur an die Menschen richten kann).

    Singer teilt die Auffassung des englischen Utilitaristen Jeremy Bentham, der meinte, ein ausgewachsenes Pferd (oder Hund) sei vernünftiger als ein neugeborenes Kind, und es sei verkehrt, auf das Potenzial der Entwicklung von Neugeborenen zu verweisen, weil dies nicht bei allen vorhanden sei.

    Für Singer stellt sich die Frage, wie die Erfahrungen der Tiere aussehen und wie Lust und Leid von Schimpansen, Schweinen, Hunden, Kühen, Hühnern oder Fischen mit denen normaler Menschen verrechnet werden könnten. Für Singer ist klar, dass wir langfristig den Tieren mehr Schaden zufügen als uns selbst Gutes tun. Dass es sich hierbei um ein ethisches Problem ersten Ranges handelt, hängt auch mit den großen Zahlen zusammen, um die es geht: Dutzende Milliarden Tiere würden jedes Jahr für die Nahrungsproduktion aufgezogen und getötet.

    Aus der Sicht der Tieremanzipation sei seit den 1970er Jahren zwar viel erreicht worden, so etwa was die verbesserte Tierhaltung bei Kühen, Schweinen oder Legehennen angehe. Dies gelte indes nicht für die Massentierhaltung bei Hühnern zur Fleischgewinnung, die nach wie vor ein Skandal sei – aktuell im Licht der Öffentlichkeit auch durch das Urteil des Bundesverwaltungsgerichts zum Schreddern von männlichen Küken.

    Nicht nur das Töten von Tieren zur Fleischproduktion lehnt Singer ab, auch die Milchproduktion erscheint ihm zweifelhaft, weil sie die frühe Trennung von Mutterkuh und Kalb erfordere. Singer setzte sich mit dem Gegenargument des bekannten englischen konservativen Philosophen Roger Scruton auseinander, wonach das Töten von Tieren nicht als tragisch angesehen werden könne. Anders als bei Menschen gebe es bei Tieren keinen unzeitigen Tod. Singer kontert darauf indes in typischer Weise, dies gelte umgekehrt auch für einige Menschen!

    Schließlich sprach Singer noch die Frage von Tierversuchen an. Während radikale Tierrechtsvertreter wie Tom Regan alle Tierversuche ablehnen, weil in einer Art erweitertem Kantianismus allen Tieren Selbstzweckhaftigkeit zugesprochen werde, ist Singer selbst kein Vertreter einer Rechtsperspektive. Als Utilitarist glaubt er nicht, dass Tierversuche niemals gerechtfertigt sind. So könnte es etwa legitim sein, Experimente an 100 Affen durchzuführen, wenn dadurch zehntausenden Parkinsonkranken geholfen werden könne. Der positive Nutzen solcher Forschungen kann aber nicht im Vorhinein bestimmt werden.

    Beim Anflug auf Paderborn sah Singer die zahllosen Windräder, die hier inzwischen die Landschaft verschandeln, und fand das wegen der Notwendigkeit, den Klimawandel zu bekämpfen, schlicht wunderbar. Dass aber Mäusebussarde und vor allem die gefährdeten Rotmilane regelmäßig durch diese Windräder getötet werden, scheint dabei vernachlässigbar, kam jedenfalls nicht zur Sprache: aus utilitaristischer Sicht vielleicht auch nur ein Kollateralschaden des größeren Gesamtnutzens.

    Von Till Kinzel

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