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    Der Mythos 1968 und die aktuellen Folgen

    Der Reigen von Jubiläumsveranstaltungen im Zusammenhang mit dem Gedenken an den Kulturumbruch von 1968 dürfte bald beginnen. Wie prägte dieser unsere jetzige Welt? Nun sind direkt-kausale Bezüge zwischen 1968 und 2018 schwer herzustellen. Die gegenwärtige Welt ist eine komplett andere und hat nur noch wenig mit der damaligen zu tun. Seinerzeit herrschte der Ost-West-Konflikt vor, mittlerweile haben wir uns in der globalen Welt eingerichtet. Die Nachkriegszeit ging in den 1960er Jahren durch den Generationenwechsel langsam zu Ende. Die Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit wurde in allen gesellschaftlichen Bereichen intensiver. Anders als seinerzeit macht sich heute lächerlich, wer das Ende des Privateigentums fordert, sieht man von der Überführung maroder Banken in die Hand des Staates einmal ab. Damals gehörte es zum guten Ton in Intellektuellenkreisen, die kapitalistische Wirtschaftsordnung als Vorform des Faschismus zu betrachten. Nimmt man diese Perspektive ernst, wäre augenblicklich die ganze Welt faschistisch, da die digitale Variante des Kapitalismus sich in Sekundenbruchteilen um den halben Erdball ausbreitet.

    Das waren noch Zeiten: Der aus Frankreich ausgewiesene Studentenführer Daniel Cohn-Bendit sprach den Studenten 1968 im A... Foto: Konrad Giehr/dpa

    Der Reigen von Jubiläumsveranstaltungen im Zusammenhang mit dem Gedenken an den Kulturumbruch von 1968 dürfte bald beginnen. Wie prägte dieser unsere jetzige Welt? Nun sind direkt-kausale Bezüge zwischen 1968 und 2018 schwer herzustellen. Die gegenwärtige Welt ist eine komplett andere und hat nur noch wenig mit der damaligen zu tun. Seinerzeit herrschte der Ost-West-Konflikt vor, mittlerweile haben wir uns in der globalen Welt eingerichtet. Die Nachkriegszeit ging in den 1960er Jahren durch den Generationenwechsel langsam zu Ende. Die Auseinandersetzung mit der jüngsten Vergangenheit wurde in allen gesellschaftlichen Bereichen intensiver. Anders als seinerzeit macht sich heute lächerlich, wer das Ende des Privateigentums fordert, sieht man von der Überführung maroder Banken in die Hand des Staates einmal ab. Damals gehörte es zum guten Ton in Intellektuellenkreisen, die kapitalistische Wirtschaftsordnung als Vorform des Faschismus zu betrachten. Nimmt man diese Perspektive ernst, wäre augenblicklich die ganze Welt faschistisch, da die digitale Variante des Kapitalismus sich in Sekundenbruchteilen um den halben Erdball ausbreitet.

    Der „Mythos 1968“ entstand vornehmlich dadurch, dass nachträglich vieles, wohl zu vieles den 68ern zugeschrieben wurde, sei es Positives oder Negatives. Selbst ein unermüdlicher Gegner der Studentenrevolte wie der verstorbene Philosoph Günter Rohrmoser adelte manches Mal seine Opponenten ungewollt. Obwohl sich seinerzeit das Geschlechterverhältnis langsam zu wandeln begann, war Frauenemanzipation nicht vorrangige Absicht der Altvorderen. Im Mittelpunkt stand als Ziel die Zerschlagung der bürgerlichen Familie. Immerhin erreichten die Revolutionäre hierbei einen aus ihrer Sicht respektablen Teilerfolg: Die Lebensformen haben sich seither stark pluralisiert. Nachdem die Zerschlagung der freiheitlichen Staats- und Wirtschaftsordnung, ein anderes Ziel, gescheitert war, mutierten die Berufsrevolutionäre mehrheitlich zu Reformern, die alsbald verkünden konnten, wenigstens den kulturellen Sektor umgepflügt zu haben.

    Oft zu wenig beachtet sind die Voraussetzungen der Erschütterung der gesellschaftlichen Tektonik: Die Eruptionen sind hauptsächlich den Wertewandelprozessen geschuldet, die ohne Wirtschaftswunder nicht zustande gekommen wären. Bereits um 1960 waren erste Wandlungsprozesse demoskopisch greifbar. Sie belegen eine breite Hinwendung zu individualistisch-zivilen Präferenzen.

    Teile der Bevölkerung erfuhren besonders durch Pkw und die Verbreitung des Fernsehens einen Mobilitäts-, Technisierungs- und Kommunikationsschub. Gestiegener Lebensstandard bedeutete größere Disponibilität, die Bildungsmöglichkeiten für die Jüngeren vergrößerten sich spürbar. Gerade der wachsende akademische Sektor und die Genese eines immer einflussreicheren „Tertiärbürgertums“ (Arnold Gehlen) waren wesentlich für die folgenreiche „Linksverschiebung“ (Jürgen Habermas). Die Individualisierung steht nur scheinbar im Widerspruch zu den kollektivistischen Kostümierungen, die bald zusammen mit den Mao-, Marx- und Ho-Chí-Minh-Konterfeis wieder in der Mottenkiste verschwanden. Individualistischer Hedonismus, Antiautoritarismus und ästhetischer Konsumismus erwiesen sich im Unterschied zum neomarxistischen Vokabular als zukunftsfähig. Sie konnten in den 1970er Jahren leicht umfunktioniert werden angesichts der Akzentverschiebung in Richtung Ökologie, Feminismus und Friedenspolitik. Und die linksgrünen Erben der partiell erfolgreichen Umstürzler? Seit geraumer Zeit agieren sie von einer bequemen Verteidigungsposition aus: Haben die Sonntagsprediger der angeblich restaurativen 1950er Jahre bürgerliche Werte (Religion, Familie, Arbeitsfleiß und so fort) ein letztes Mal hochgehalten, so spielen nunmehr Progressive auf der Moraltrompete. Das Gute, Wahre und Schöne hat längst die Seiten gewechselt. Es wird ausbuchstabiert in Weltverbesserungsplänen, die von der Glorifizierung natürlicher Energieversorgung über das Verbot des Dieselkraftstoffes bis zur willkommenskulturellen Ekstase reichen, flankiert durch penetrant wirkende Toleranz- und Weltoffenheitsparolen.

    Die hypermoralistischen Begleiterscheinungen der Wohlstandsgesellschaft, deren Nachteile Gehlen, der mittlerweile als Vordenker der Neuen Rechten geächtet wird, bereits in den späten 1960er Jahren einer eindringlichen Prüfung unterzogen hatte, machten sich nirgendwo so bemerkbar wie im neudeutschen Helfersyndrom.

    Ein derartiger Humanitarismus kommt noch eindrucksvoller daher als inflationäres Gerede von sozialer Gerechtigkeit, das gegenüber früherer Kapitalismuskritik freilich eher bescheiden wirkt. Die EU-Begeisterung der Linken ist nicht ohne Paradoxa zu haben. Eine grenzenlose Welt führt zu beträchtlichen sozialen Verwerfungen. Die Konsequenzen haben vor allem die unteren Schichten zu tragen, als deren Fürsprecher man sich gerne ausgibt. Trivial ist es, die Unvereinbarkeit dauerhafter sozialstaatlicher Leistungsfähigkeit mit ungebremster Zuwanderung festzustellen. Die Depotenzierung des Nationalstaates raubt jede realistische Chance, der Dampfwalze des globalen Kapitalismus etwas entgegenzusetzen. Jeder, der die Wirtschaftsverfassung der EU kennt, weiß um ihre Ausrichtung am Leitbild globaler Deregulierung. Weitere Widersprüche liegen auf der Hand. Die Umbrüche nach 1968 brachten eine Säkularisierungswelle mit sich, die viele Linke nur noch bedingt als positiv erachten. Nur wenige säkulare Sozialdemokraten protestieren gegen den Schmusekurs ihrer Partei mit dem Islam, der sich im Berliner Wahlkampf zeigte, als der regierende Oberbürgermeister auf einem Wahlplakat mit einer Muslima zu sehen war, die sich selbstbewusst mit Kopftuch präsentiert. Dass sich die umworbenen Neubürger mit nicht selten traditionellen Geschlechtervorstellungen in nennenswerter Zahl für die Konzepte von Gendermainstreaming engagieren, kann niemand annehmen.

    Nichtsdestotrotz gilt der Migrant als „exotische Projektionsfläche für Ideen und Träume“ (Reinhard Mohr) sämtlicher Formationen der Linken. Autoaggressive Gesinnung und Unternehmungen („Nie wieder Deutschland“) lassen sich mit Blick auf die Belastungen der Vergangenheit unschwer begründen. Insofern ist die Kritik der Kulturrevolutionäre an der Vergangenheitsbewältigung wohl der präsenteste Teil ihrer Aktivitäten. Diese Stimmungslage ist der zentrale Hintergrund für die Ablehnung verbindlicher Konstanten, seien es Formen nationaler, seien es solche religiös-kultureller Identität. Für die linken Post-68er sind alle verbindlichen Maßstäbe rote Tücher. So laufen SPD und die Grünen Sturm gegen das bayerische Integrationsgesetz, das die christlich-abendländische Leitkultur von der Kita an zur Richtschnur des Zusammenlebens machen will. Solcher Widerstand ermutigt nicht zuletzt „Scharia-Polizisten“, verstärkt Sozialkontrolle in islamischen Milieus zu praktizieren. Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner konterte die Thesen des amtierenden Bundesinnenministers über Leitkultur, die der AfD wohl den Wind aus den Segeln nehmen sollen, mit Verweis auf das „liberale, bunte, weltoffene Grundgesetz“. Dessen Beachtung müsse reichen. Kommentatoren sehen in solchen immer wieder aufflackernden Debatten eher einen „Ausdruck von Ratlosigkeit“ (Rüdiger Safranski).

    Der Grundgesetz- oder Verfassungspatriotismus, eine von führenden Intellektuellen wärmstens empfohlene „Schrumpfvariante“ (Safranski) von Identität, ist blass. Deutscher zu sein (genauso wie Italiener, Holländer oder Franzose) könnte hingegen auch als eine lebendige geschichtliche Erfahrung geschätzt werden. Realistisch – mit allen Licht- und Schattenseiten. Als Angehöriger einer Nation ist man eingebettet in deren Narrativ, ja die Nation ist selbst die große Erzählung, die einen breiten geschichtlichen Strom einschließt, inklusive aller guten und schlechten Seiten der eigenen Geschichte. Die Identifikation mit der eigenen Nation ist also nicht gleichzusetzen mit der Abarbeitung eines Katalogs von bestimmten Eigenschaften, an dessen Ende die Integration steht.

    Die Diversity-Fraktion, die heute einflussreicher wirkt als der einst in Intellektuellenkreisen gehandelte Marxismus, besitzt auf entsprechende Fragen zur Identität keine überzeugenden Antworten. Nach dem Ende der großen Erzählungen, der vereinheitlichenden Monologien, ist nunmehr das Gegenteil einer der Schwerpunkte von Kampagnen: das Lob der Vielfalt. Führen diese Weichenstellungen „nur“ zur Abwertung herkömmlicher Lebensformen oder bekommen dabei auch zentrifugale Kräfte die Oberhand, die den Zerfall des Gemeinwesens vorantreiben könnten?