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    Der Mann, der zum Sieger wurde

    Bei manchen Persönlichkeiten der Weltgeschichte kommt man an kein Ende: Winston Churchill, dessen Todestag sich heute zum 50. Mal jährt, ist eine solche Persönlichkeit. Denn obwohl der britische Staatsmann, der sein Land im Zweiten Weltkrieg erfolgreich gegen Hitler verteidigte und zusammen mit den Vereinigten Staaten wesentlich zur Befreiung Westeuropas beitrug, bis heute auf der Insel außerordentlich populär ist und viele seiner Aussprüche („Ich habe nichts anzubieten außer Blut, Mühen, Tränen und Schweiß“; „No sports“) Kultcharakter besitzen – manche Aspekte seines Lebens sind noch unerforscht, andere hat man vergessen oder verdrängt.

    Schriftsteller, Politiker und Maler: Multitalent Winston Churchill (1874–1965). Foto: dpa

    Bei manchen Persönlichkeiten der Weltgeschichte kommt man an kein Ende: Winston Churchill, dessen Todestag sich heute zum 50. Mal jährt, ist eine solche Persönlichkeit. Denn obwohl der britische Staatsmann, der sein Land im Zweiten Weltkrieg erfolgreich gegen Hitler verteidigte und zusammen mit den Vereinigten Staaten wesentlich zur Befreiung Westeuropas beitrug, bis heute auf der Insel außerordentlich populär ist und viele seiner Aussprüche („Ich habe nichts anzubieten außer Blut, Mühen, Tränen und Schweiß“; „No sports“) Kultcharakter besitzen – manche Aspekte seines Lebens sind noch unerforscht, andere hat man vergessen oder verdrängt.

    Beispielsweise die Tatsache, dass Churchill, dessen Großvater der Herzog von Marlborough war, zwar eine Reihe von Eliteschulen besuchte, sich auf diesen durch mehrmaliges Sitzenbleiben aber keine besonderen Meriten erwarb. Erst auf der Militärakademie, die ihn beim dritten Anlauf akzeptierte, fühlte sich der junge Draufgänger wohl und entdeckte dabei – nicht unähnlich zu Ernst Jünger – auch gleich seine schriftstellerischen Interessen und Begabungen. So kam es, dass Churchill um die Jahrhundertwende nicht nur als Soldat an verschiedenen Kolonialkriegen teilnahm, sondern auch als Reporter. Doch damit nicht genug: Wie schon seinen Vater zog es ihn ins britische Unterhaus, dem Churchill von 1901 an mit kurzen Unterbrechungen bis fast an sein Lebensende angehörte. Mal als Konservativer, dann als Liberaler, später wieder als Konservativer. Ein Wechselspiel, das Churchill in den Augen des politischen Establishments („brillant, aber unsolide“) lange Zeit verdächtig machte.

    Doch was hätte wohl erst ein Übertritt zum Islam ausgelöst, mit dem Churchill den aktuellen Angaben des Historikers Warren Dockter von der Universität Cambridge zufolge zu Beginn des 20. Jahrhunderts geliebäugelt haben soll? Doch Churchill blieb in dieser Hinsicht brav und stillte seine religiösen Bedürfnisse stattdessen lieber als Meister vom Stuhl einer Londoner Freimaurerloge und trat – jedem seinen Spleen – 1908 einem Druiden-Orden bei. Im selben Jahr heiratete er auch (nach zwei vergeblichen Heiratsanträgen bei anderen Damen) die in vieler Hinsicht attraktive Clementine Ogilvy Hozier. Fünf Kinder gingen aus dieser Ehe, seiner einzigen, hervor.

    Als Marine- und Munitionsminister nahm der jungen Familienvater Churchill dann nicht nur vom Schreibtisch aus am Ersten Weltkrieg teil. Doch der Ausgang seiner militärischen Pläne, wie etwa der Seeangriff auf die Dardanellen („Schlacht von Gallipoli“) im Februar 1915, war extrem verlustreich und verlief insgesamt so desaströs, dass Churchill seinen Hut nehmen musste.

    Experte für einfallsreiche und kontroverse Bemerkungen

    Dieser Flop bedeutete jedoch kein Hindernis für Churchills Ernennung zum Kriegsminister nach Kriegsende. Später folgten die Berufungen zum Luftfahrt- und Kolonialminister. Auch das Amt des Finanz- und Wirtschaftsministers hatte Churchill eine zeitlang inne. Schon damals fiel Churchill durch seine exzellenten rhetorischen Fähigkeiten und den Sinn für Bonmots auf. Doch ob sein damaliger, wenig bekannter Ausspruch „Ich bin sehr für den Einsatz von Giftgas gegen unzivilisierte Stämme“ bei den heutigen Hütern des öffentlichen und politischen Anstands große Begeisterungsstürme auslösen würde, darf bezweifelt werden. Auch für den Unabhängigkeitsgeist eines Mahatma Gandhi („ein halbnackter Fakir“) zeigte der dem Sport (Polo, Fechten, Schwimmen) übrigens in jungen Jahren gar nicht so abgeneigte, in reiferen Jahren dann aber doch recht bullig wirkende Politiker wenig Verständnis – stattdessen aber ausgerechnet für den im Deutschen Reich emporschießenden Adolf Hitler. Für dessen „patriotische Leistung“ (1937) hatte Churchill, der in den 1930er Jahren bereits als Polit-Rentner galt und sich die Zeit mit dem Malen von Landschaftsbildern schöngeistig verkürzte, durchaus anerkennende Worte übrig. Doch schon bald erkannte Churchill, dass dem nationalsozialistischen Diktator mit Lob und „Appeasement“ nicht beizukommen war.

    Churchill meldete sich immer lauter als Kriegswarner zu Wort, kehrte schließlich zurück ins Kabinett und wurde im Mai 1940 im Alter von 65 Jahren sogar Premierminister. Ein Amt, das er bereits in jungen Jahren mit kühnem Selbstbewusstsein, aber erfolglos angestrebt hatte. Jetzt gab es das Amt im Paket mit dem Amt des Verteidigungsministers und Churchill lief gerade angesichts der fatalen Situation, in welcher sich die Alliierten und insbesondere das militärisch schwache Großbritannien damals befanden, zu großer, zu ganz großer Form auf. Als wären alle politischen, militärischen und schriftstellerischen Abenteuer der Vergangenheit nur eine Vorübung, ein Reifeprozess für diese entscheidende Phase seines Lebens gewesen.

    „Wir werden kämpfen bis zum Ende. Wir werden uns nie ergeben.“ Mit diesen markigen Worten rüstete Churchill sein Volk für die totale Verteidigung. Und wirklich, besonders dank der Unterstützung durch die polnischen Jagdflieger, gelang den Briten im August 1940 ein unerwartetes militärisches Patt mit dem Dritten Reich. Die Nazi-Invasion fand nicht statt. Der Sieger-Mythos Hitlers fing an zu bröckeln. Zumal die Zahl der britischen Luftangriffe gegen die Industrieanlagen des Ruhrgebiets zunahm und sich als probates Mittel des Schreckens und der Zerstörung erwiesen. Was die hohe Opferzahl unter der deutschen Zivilbevölkerung gerade gegen Ende des Krieges nicht schönreden soll. Ende 1941 hatte Churchill auch die Vereinigten Staaten als langersehnten Bündnispartner an seiner Seite, nachdem er bereits am 14. August 1941 beim Treffen mit dem amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt die sogenannte „Atlantik-Charta“ unterzeichnet hatte, die als Grundlage der „Vereinten Nationen“ gilt. Mit dem sowjetischen Diktator Stalin traf der Zigarren- und Alkohol-Freund Churchill mehrmals zusammen. In seinen Kriegserinnerungen „Der Zweite Weltkrieg“ schildert er offen seine Unsicherheit vor der ersten persönlichen Begegnung mit dem bolschewistischen „Todfeind“ im August 1942 in Moskau: „Zu welchen Worten war ich nun heute verpflichtet?“ Bei der Konferenz von Jalta und der von Potsdam (beide 1945) sah man sich wieder. Zum letzten Mal, denn während der Potsdamer Konferenz erfuhr der internationale Kriegsgewinner Churchill, dass er in der Heimat als Premier inzwischen abgelöst worden war. Undank ist des Demokraten Lohn. Doch er blieb der Politik als Abgeordneter verbunden und auch als gefragter Redner. Mit visionärer Schärfe sprach sich Churchill in seiner berühmten im Europarat in Straßburg (1949) gehaltenen Rede für die „Vereinigten Staaten von Europa“ aus, wobei er sich ein davon unabhängiges Großbritannien wünschte („Verbunden, aber nicht eingeschlossen“). 1951 wurde der 76-jährige Churchill noch einmal zum Premier gewählt. 1953 erhielt er den Literatur-Nobelpreis und wurde zum Ritter des Hosenband-Ordens geschlagen. „Die Geschichte wird mich nett in Erinnerung behalten, weil ich sie selbst schreibe“, sagte er damals. Und wenn man sieht, mit welcher Verehrung Großbritannien heute in Form von Ausstellungen, Dokumentationen und neu erschienenen Biografien dieses großen Mannes gedenkt, so lässt sich attestieren: Churchill hat recht behalten. Der Mann, dessen Lebensweg trotz vieler Privilegien nicht einfach war und der oftmals als Verlierer wirkte, gehört zu den unsterblichen Helden der Weltgeschichte. Ein echter Sieger aus Blut, Schweiß und Tränen.