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    Der Mann, der eine Hochspringerin war

    Der Fall der 18-jährigen Südafrikanerin Caster Semenya, die im August bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin im 800 Meter-Lauf Gold holte, sich aber wegen ihres männlichen Aussehens einem Geschlechtertest unterziehen musste, brachte ähnliche Begebenheiten in Erinnerung, bei denen Männer an Sportwettbewerben der Frauen teilnahmen.

    Der Fall der 18-jährigen Südafrikanerin Caster Semenya, die im August bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Berlin im 800 Meter-Lauf Gold holte, sich aber wegen ihres männlichen Aussehens einem Geschlechtertest unterziehen musste, brachte ähnliche Begebenheiten in Erinnerung, bei denen Männer an Sportwettbewerben der Frauen teilnahmen.

    So nahm „Dora“ Ratjen bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin am Hochsprung der Damen teil und wurde mit einer Höhe von 1,58 Meter Vierte. Später holte der 1918 eigentlich als Horst geborene Bremer bei der Europameisterschaft in Wien den Titel. Nachdem jedoch ein Arzt festgestellt hatte, dass die „Weltmeisterin“ ein Mann war, wurde der Rekord aberkannt. „Dora“ Ratjen wurde die Startberechtigung bei internationalen Wettbewerben entzogen. Horst (oder Herrmann) Ratjen erklärte 1957, damals vom Bund Deutscher Mädel zu der Teilnahme gezwungen worden zu sein, um die Medaillenchancen für Deutschland zu verbessern. Ratjen starb am 22. April 2008.

    Diese vergessene Episode erzählt nun der „auf einer wahren Geschichte“ beruhende Spielfilm „Berlin '36“. Eine junge Frau läuft durch ein Waldgebiet: Marie Ketteler (wie Dora Ratjen im Film heißt) trainiert eisern und ehrgeizig, sehr zum Missfallen der Mutter, die für diese Art von Körperertüchtigung kein Verständnis hat. Marie soll vielmehr auf dem Bauernhof arbeiten und ein Mädchenkleid anziehen. Bereits hier ist es dem Zuschauer klar: Marie (Sebastian Urzendowsky) ist in Wirklichkeit ein junger Mann, der von seiner Mutter gezwungen wird, sich als Mädchen auszugeben.

    In „Berlin ‘36“ spielt Marie Ketteler allerdings eine Nebenrolle. Nach einem Drehbuch von Lothar Kurzawa konzentriert sich Regisseur Kaspar Heidelbach auf das Schicksal einer anderen Hochspringerin: Gretel Bergmann (Karoline Herfurth). Die damals beste deutsche Hochspringerin wurde nach der „Machtergreifung“ wegen ihrer jüdischen Abstammung aus ihrem Sportverein ausgeschlossen. Deshalb emigrierte Gretel Bergmann bereits 1933 nach England, wo sie 1934 die Britische Meisterschaft gewann. Obwohl die junge Sportlerin im britischen Kader an den Olympischen Spielen teilnehmen möchte, haben die Nazis für sie andere Pläne.

    Denn die Vereinigten Staaten drohen mit einem Boykott der Spiele, sollten jüdische Sportler vom Wettbewerb ausgeschlossen werden. Deshalb soll Gretel nach Deutschland zurückkehren. Da Gretels Eltern und Geschwister, eine jüdische Fabrikantenfamilie, in Deutschland leben, bleibt der Hochspringerin keine Wahl, als einzuwilligen.

    Den Nazis wird allerdings das Risiko allzu deutlich, dass Bergmann den Hochsprung-Wettbewerb gewinnen könnte. Deshalb sucht Reichssportführer Hans von Tschammer und Osten (Thomas Thieme) nach einer Alternative, und stößt dabei auf die völlig unbekannte Marie Ketteler. Die Bedenken ihres Adjutanten, dass sich Ketteler zu einem „delikaten Fall“ entwickeln könnte, schlägt der Reichssportführer in den Wind. Marie geht auf das Angebot der Nazis ein, weil sie ihr das Versprechen geben, dass sie/er nach den Spielen endlich als Mann leben kann.

    So fahren Gretel und Marie zum Trainingslager, wo sie sich ein Zimmer teilen. Dass Marie nach dem Training statt die gemeinschaftlichen Duschen eine separate Kabine mit Badewanne aufsucht, erklärt sie zunächst mit Schüchternheit. Unter den gegebenen Umständen ist es freilich eine Frage der Zeit, bis Gretel hinter die wahre Identität Maries kommt. Nachdem sich die Amerikaner auf den Weg nach Berlin gemacht haben, schickt indessen Reichssportführer von Tschammer und Osten Gretel eine offizielle Absage ihrer Olympiateilnahme.

    Regisseur Kaspar Heidelbach hat seit einem Vierteljahrhundert Fernsehfilme gedreht, darunter die herrlich schräge Ruhrpott-Charakterstudie „Nie mehr zweite Liga“ (2000), zu der ebenfalls Lothar Kurzawa das Drehbuch schrieb, sowie das preisgekrönte Drama „Das Wunder von Lengede“ (2003). In seinem Spielfilmdebüt findet die solide handwerkliche Leistung freilich ihre Grenzen in den Spezialeffekten, die sich wenig kinotauglich ausnehmen.

    Die an die Szenenfolge im Fernsehen angelehnte Dramaturgie mit einer allzu konventionellen Kameraführung sowie die überladene Musik überschatten einen Film, dessen außergewöhnliche Geschichte unter einer kunstfertigeren Regie den Zuschauer weitaus mehr gefesselt hätte.

    Denn die systematische Zerstörung der sportlichen Karriere Gretel Bergmanns steht für eine menschenverachtende Politik, die sich etwa auch in der Abschiebung von Trainer Hans Waldmann (Axel Prahl) äußert, der wegen des zu loyalen Verhaltens gegenüber einer „Nicht-Arierin“ seines Amtes enthoben und durch den politisch konformen Sigfrid Kulmbach (Robert Gallinowski) ersetzt wird.

    Gretel Bergmann wanderte 1937 in die Vereinigten Staaten aus. Die seit 1942 amerikanische Staatsbürgerin lebt heute 95-jährig mit ihrem drei Jahre älteren Mann Bruno Lambert in New York.

    Von José García