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    Der Karneval und die Macht

    Es ist soweit: Heute ist Weiberfastnacht. Die heiße Phase des Karnevals hat damit begonnen, der Sitzungskarneval geht über zum Straßenkarneval – mit dem Rosenmontag Anfang nächster Woche als Höhepunkt. Mit dem Veilchendienstag zum langsam Aussacken. Bis zum Aschermittwoch, an dem dann bekanntlich alles vorbei ist, feiern die Narren und Närrinnen aller Karnevalshochburgen des Landes und halten dabei vor allem den Politikern den Spiegel vor – die dazu natürlich gute Miene machen. Wo sonst, wenn nicht beim Karneval, lässt sich leichter der Eindruck erwecken, man sei bürgernah und könne über sich selbst lachen? Also winken die Politiker vom Umzugswagen dem gemeinen Narrenvolk zu und eilen von Sitzung zu Sitzung – besonders, wenn dort schon Kameras und Fotoapparate warten.

    Superstimmung: Vertreter des Bundes Deutscher Karneval zu Gast im Kanzleramt. Foto: dpa

    Es ist soweit: Heute ist Weiberfastnacht. Die heiße Phase des Karnevals hat damit begonnen, der Sitzungskarneval geht über zum Straßenkarneval – mit dem Rosenmontag Anfang nächster Woche als Höhepunkt. Mit dem Veilchendienstag zum langsam Aussacken. Bis zum Aschermittwoch, an dem dann bekanntlich alles vorbei ist, feiern die Narren und Närrinnen aller Karnevalshochburgen des Landes und halten dabei vor allem den Politikern den Spiegel vor – die dazu natürlich gute Miene machen. Wo sonst, wenn nicht beim Karneval, lässt sich leichter der Eindruck erwecken, man sei bürgernah und könne über sich selbst lachen? Also winken die Politiker vom Umzugswagen dem gemeinen Narrenvolk zu und eilen von Sitzung zu Sitzung – besonders, wenn dort schon Kameras und Fotoapparate warten.

    Es ist ein Geben und Nehmen. Die Karnevalisten schmücken sich mit Prominenz, die Politiker mit ihrem volksnahen Image. Oft, zum Beispiel beim Orden wider den tierischen Ernst, den zahlreiche prominente Politiker verliehen bekamen – dieses Jahr der FDP-Vorsitzende Christian Lindner –, oder wenn Vertreter des „Bundes Deutscher Karneval“ im Bundeskanzleramt in Berlin ihre Aufwartung machen, sind die Übergänge zwischen Ober-Narren und politischen Amtsträgern fließend.

    Das war nicht immer so: Das Bedürfnis, nach einem langen Winter ausgelassen zu feiern, ist ebenso alt wie der Wunsch, „verkehrte Welt“ zu spielen: Schon bei den römischen Saturnalien-Feiern tauschten Herr und Sklave vorübergehend die Rollen. Unter den Sklaven wurde ein Scheinkönig ausgelost, der während der Feiern regierte und – nicht ganz so zum Lachen – zum Ende der Festzeit hingerichtet wurde. Solche Motive nahm die mittelalterliche Fastnacht auf: Ehe dem Fleisch Lebe wohl – „carne vale“ – gesagt wurde und die Fastenzeit begann, wurden die Fleischvorräte gegessen und gefeiert: Standesunterschiede fielen, die Armen konnten, geschützt durch Verkleidung und Maske, frei sprechen. Und auch der Narrenkönig wurde, freilich nur noch symbolisch, am Ende zu Grabe getragen.

    Während Martin Luther gegen den Karneval als „der Christen Bacchanali“ humorlos wetterte und evangelische Kirchenordnungen kaum minder grießgrämig die „papistische“ Fastnacht verboten, hat die katholische Kirche am Karneval oder eben an der Fastnacht stets festgehalten und sie überall dort eingeführt, wo sie erfolgreich missionierte. Selbst ein dem Karneval gegenüber eher skeptisch eingestellter Papst wie Benedikt XIV. betonte 1748 in einem kurzen Schriftstück, die Fastnachtsbräuche widerstritten zwar den heiligsten Gebräuchen der Christen, würden aber von der Kirche mit gutem Grund gestattet. Schon vorher hatten Päpste den Karneval gefördert: Dazu gehören Paul II., Clemens IV., Sixtus IV. und Clemens XI., der 1 701 Frauen erlaubte, maskiert am Umzug teilzunehmen, was bis dahin verboten war. Ein evangelischer Jurist aus Jena namens Christian Wildvogel stellte sogar die Frage, welcher Papst die Fastnacht eingeführt habe. Seine Antwort, es sei im zweiten Jahrhundert Papst Telesphorus gewesen, ließ sich zwar nicht halten, aber an der Katholizität des Karnevals haben führende Vertreter der katholischen Kirche nie gezweifelt: So meinte der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, einmal, dass „der Karneval in der Nähe Gottes sehr gut gedeihe“. Karneval sei „die tiefe Überzeugung, dass Christi Kreuz allen Unsinn in Sinn umqualifiziert habe“. Ein wahres, heiter-tröstliches Wort, nicht nur zur Karnevalszeit.

    Aber wie reimen sich Narretei und christliche Tradition konkret? Geht dem christlichen Leben in der Fastenzeit nicht die Darstellung des Unchristlichen – des mithin Bösen – in der Fastnacht voraus? Diese Paradoxie erklärt sich aus der Übertragung des Zwei-Staaten-Modells des Heiligen Augustinus auf den christlichen Kalender. Wenn zu Ostern das überzeitliche Reich der Königsherrschaft Gottes gefeiert wird und die Fastenzeit auf dieses Fest vorbereitet, steht die Fastnacht für das Gegenreich, für das vergängliche Reich irdischer Pracht. Dieser Kontrast soll die Lebensalternative zwischen einer Diesseits- und einer Jenseitsorientierung aufzeigen. Die zeitlichen Reiche dieser Welt, die Augustinus in der Nachfolge des antiken Babylons sah, hatte der Kirchenlehrer in seinem Werk „De civitate Dei“ (Über den Gottesstaat) als verkehrte Gegenmodelle dem Reich der Königsherrschaft Gottes gegenübergestellt, das ohne Ende sei: dem Gottesstaat Jerusalem. Augustinus sah den Menschen vor die Wahl zwischen Babylon und Jerusalem gestellt. Der Mensch müsse, so der theologisch und philosophisch versierte Rhetoriker, sich für eine der miteinander unvereinbaren Gemeinschaften entscheiden: für die „cupido“ (Begierde)-Gemeinschaft der Narren, die nach ihren eigenen Vorstellungen leben oder für die „Caritas“ (Liebes)-Gemeinschaft der Gläubigen.

    Die Bräuche und Spiele während der Fastnacht sollten den Gläubigen vor dem Eintritt in die Fastenzeit ein Leben nach dem eigenen Willen, der nicht Gottes Willen gehorcht, vor Augen stellen und so ihre Umkehr fördern. Abschreckung durch Erfahrung, so könnte man diese Pädagogik aus heutiger Sicht bezeichnen. Schließlich ist es eine verkehrte Welt, die in der Fastnacht für kurze Zeit aufgerichtet wird, eine zeitlich begrenzte Umkehr aller Werte. Doch Vorsicht: hin und wieder verwandelte sich dieses Spiel der geduldeten Anarchie auch schon mal in blutigen Ernst. Gerade die Karnevalsgeschichte Kölns spiegelt dieses närrisch-realpolitische Kräftemessen zwischen Bürgern und Machtvertretern exemplarisch wider.

    Im Jahr 1794 hatte sich die Stadt den französischen Revolutionstruppen ergeben, 1800 gehörte Köln wie das ganze Rheinland links des Stroms zu Frankreich. 1801 wurden im Vertrag von Lunéville die neuen Grenzen festgeschrieben. Doch der Traum manches Kölners von einer cisrhenanischen Republik, also die Ausrufung einer demokratischen Tochterrepublik zu erleben, erfüllte sich nicht. Zwar bekamen Juden und Protestanten gleiche Rechte, die Stadt erfuhr einen gewissen Modernisierungsschub, doch Napoleons Imperium zerbrach und die neuen Herren des Rheinlands, die Preußen, traten auf. Ordnungsliebend und streng. Die Kölner fanden sie auf Anhieb unsympathisch. Und ihre Abneigung wurde von den neuen Herren herzlich erwidert. Was tun? Die Kölner Jecken, von den Preußen misstrauisch beäugt, setzten auf die subversive Kraft des Humors und begannen mit Tricksereien. Wenn an närrischen Tagen „E – L – F“ skandiert wurde, meldete ein preussischer Spitzel nach Berlin, das bedeute , „Ei, lustig und fröhlich!“ Tatsächlich gemeint war mit E, L, F aber der Ruf „Egalité, Liberté, Fraternité“ – Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit, die Ideale der Französischen Revolution.

    Trotzdem gab es ab 1823 einen wohlgeordneten Umzug der Bürger. Im Festwagen thronte der gekrönte „Held Karneval“, mehrspännige Wagen folgten – der Rosenmontagszug war erfunden worden. 1825 stellte das „festordnende Komitee“ erleichtert fest: „Gottlob, die organisierten Maskenzüge haben Gemeinheit und ekelhafte Vermummung von den Straßen verscheucht.“ Doch so politisch zahm, wie die Preußen wollten, wurde der Karneval nie. Als im Jahr 1830 die Franzosen König Karl X. fortjagten und durch den Bürgerkönig Louis-Philippe ersetzten, und sich dazu im Osten die Polen gegen den russischen Zaren erhoben, untersagte die Preußische Obrigkeit aus Angst vor weiteren Ordnungsumstürzen das Karnevalsfest – ohne großen Erfolg. Die Narren feierten einfach hinter verschlossenen Türen weiter und sangen in Anlehnung an die bekannte Polen-Hymne „Noch ist der Karneval nicht verloren!“ Am Rosenmontag 1845 erlebte Köln zwei Umzüge – den etablierten und einen satirischen. Spöttisch pries ein Plakat eine „Zensur-Wurst und Berliner Kotzwürste“ an, „eine Fastenspeise, da ihr Inhalt nur aus Kartoffeln und Erbsen besteht“. 1848 erfasste die Revolution dann doch ganz Europa: Einen Tag nach Weiberfastnacht marschierten mehrere tausend Handwerksgesellen zum Kölner Rathaus, an ihrer Spitze der Arzt Andreas Gottschalk. Vor dem Rat forderte dieser ein Allgemeines Wahlrecht, Presse- und Versammlungsfreiheit, Schutz der Arbeit, Sicherstellung der menschlichen Lebensbedürfnisse für alle und Erziehung aller Kinder auf öffentliche Kosten. Damit nicht genug: Die Menge drang ins Haus, in Panik sprang ein Ratsherr aus dem Fenster und brach sich beide Beine. Erst als das Militär das Rathaus mit Gewalt räumte, kehrte in Köln wieder Ruhe ein.

    Mit dem Scheitern der Revolution von 1848 wurde der Karneval dann wieder braver. Nach der Reichsgründung 1870/71 verflachte der revolutionäre Impetus dann noch mehr – man durfte und wollte keinen karnevalistischen Kulturkampf anzetteln. Während der Hitler-Diktatur agierte der organisierte Karneval dann allerdings richtig unrühmlich. Der Mainzer Karneval spielte 1935 mit der Wahl des Mottos „Alles unner änner Kapp!“ (Alles unter einer Kappe) zwar noch kritisch auf die Gleichschaltung an und 1937 wurden zum Teil noch systemkritische Büttenreden gehalten. 1937 wurde aber auch ein Dachverband gegründet, dem sich alle Karnevalsvereine anschließen mussten. Jüdische Vereinsmitglieder wurden fortan ausgeschlossen, in den Kölner Rosenmontagszügen wurden Juden verhöhnt. Die Grenze des Humors war damit eindeutig überschritten. Die Ideologie bestimmte das Lachen. Nur wenige Karnevalisten ließen sich nicht von den Nationalsozialisten vereinnahmen – etwa der Kölner Büttenredner Karl Küpper, der 1939 wegen „Verächtlichmachung des Deutschen Grußes“ Redeverbot erhielt. Zum erhobenen Arm hatte er nicht „Heil Hitler“ gesagt, sondern „So hoch liegt bei uns der Dreck im Keller“.

    Heute müssen Rede-, Meinungs- und Versammlungsfreiheit nicht mehr erstritten werden. Wer die Mächtigen kritisieren will, braucht sich hinter keiner Maske mehr verstecken. Die bereits erwähnte Kumpanei zwischen Obernarren und Politik zeigt dagegen: der Karneval wirkt eher stabilisierend als kritisierend.„Der rheinische Karneval (...) gehörte zur Bonner Republik wie die erfolgreiche Westbindung, die soziale Marktwirtschaft und die Römischen Verträge“, schrieb die Vorsitzende des Kölner Presseclubs, die Journalistin Hildegard Stausberg einmal. Daran ändere auch der Umzug von Parlament und Regierung nach Berlin nichts: „Die fünfte Jahreszeit gehört längst zum politischen Alltag – und ist damit auch Teil der Berliner Republik.“

    Eine Einschätzung, die – gewollt oder ungewollt – mit einem Prozess korrespondiert, den man als die „Karnevalisierung der Politik“ bezeichnen kann. In Zeiten, in denen politische Lager erodieren und Parteibindungen schwinden, interessiert sich die Öffentlichkeit offenbar mehr für die medialen Fähigkeiten und Inszenierungskünste von Politikern als für ihre Positionen. Vom „Guidomobil“ bis hin zu Rudolf Scharpings medial inszeniertem Badespaß auf Mallorca, um nur zwei Klassiker der „Karnevalisierung“ zu nennen – wo gäbe es ein größeres Podium, um solche Lächerlichkeiten drastisch-satirisch zu entlarven als im Karneval?

    In der verkehrten Welt der Fastnacht, in der das oberste zuunterst gekehrt wird, wird das Falsche, das Aufgeblasene und Unechte, das, was die Wahrheit verstellt, sichtbar: Komik entlarvt, Lachen befreit, Humor ist, wenn man trotzdem lacht – vorausgesetzt, diese kritische Distanz wird nicht durch einen allzu großen Schmusekurs zwischen Obernarren und politischem Establishment aufgeweicht. Die Anarchie herrscht schließlich, um den Kontrast zwischen dem, was gut und böse, richtig und falsch ist, aufzuzeigen und zu einer gerechten Ordnung umzukehren.

    Deshalb ist die Zeit des Mummenschanzes (im Idealfall) so knapp bemessen. Und deshalb ist es so wichtig, dass alle die Narretei gemeinsam beenden, die Fastnacht begraben und sich am Aschermittwoch wiedersehen und erkennen können: Man hat die Maske abgelegt, isst gemeinsam Fisch, denn „piscis significat Christum“ (der Fisch symbolisiert Christus) – „weil er im Abgrund unserer Sterblichkeit wie in der Tiefe des Meeres lebendig blieb“, wie der Heilige Augustinus schreibt – und bereitet sich mit der Fastenzeit auf das Osterfest vor. Mit dieser Dimension ist Karneval mehr als nur Klamauk und hat mit der unverbindlichen Spaßgesellschaft unserer Tage nichts zu tun. Denn: Wer sich auch außerhalb der närrischen Saison über alles und jeden lustig macht, gleicht den Unernsten, von denen Friedrich Hölderlin in seinem Distichon „Die Scherzhaften“ schreibt: „Immer spielt ihr und scherzt? Ihr müsst! Oh Freunde! Mir geht dies / in die Seele, denn dies müssen Verzweifelte nur.“ Wahrer Karnevalshumor dagegen besitzt Hoffnung.