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    Der Ideologie widerstanden

    Liu Xiaobo – Der Mann, der Peking die Stirn bot“, heißt ein äußerst sehenswerter Film von Pierre Haski. Der Kultursender ARTE strahlt ihn am 6. Juni um 14.15 Uhr im Rahmen eines Themenabends zum 30. Jahrestag des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens aus. Pierre Haski war lange Chinakorrespondent für französische Medien und ist Präsident von „Reporter ohne Grenzen“ in Frankreich. Sein Film über Liu Xiaobo wurde jetzt in einer Filmpremiere im Berliner Studio „Filmkunst 66“ vorab gezeigt.

    Liu Xiaobo in einem Interview vor seiner Verhaftung
    Begab sich lieber in Gefahr, als sein Gewissen zu verleugnen: Der chinesische Oppositionelle Liu Xiaobo in einem Intervi... Foto: Arte

    Liu Xiaobo – Der Mann, der Peking die Stirn bot“, heißt ein äußerst sehenswerter Film von Pierre Haski. Der Kultursender ARTE strahlt ihn am 6. Juni um 14.15 Uhr im Rahmen eines Themenabends zum 30. Jahrestag des Massakers am Platz des Himmlischen Friedens aus. Pierre Haski war lange Chinakorrespondent für französische Medien und ist Präsident von „Reporter ohne Grenzen“ in Frankreich. Sein Film über Liu Xiaobo wurde jetzt in einer Filmpremiere im Berliner Studio „Filmkunst 66“ vorab gezeigt.

    Während seiner Zeit in China traf Haski regelmäßig den späteren Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo. Wie Philippe Muller von ARTE in Berlin erklärte, hatte man erst vor etwa drei Jahren beim Umzug eines Kameramannes in Kartons noch ein Interview mit Liu Xiaobo aus dem Jahr 2008 entdeckt. Haski erklärte in Berlin, das Regime in Peking wolle die Erinnerung an Liu Xiabo möglichst auslöschen, umso wichtiger sei es, diese wachzuhalten: „Liu Xiaobo ist, so hoffe ich, auch für die Zukunft Chinas wichtig.“

    Die wesentlich von Liu mitverfasste „Charta 08“ bleibt ein bedeutendes Vermächtnis. In dem Film erklärt der heute im Exil lebende Menschenrechtsanwalt Teng Biao über Lius Arbeit an der „Charta“: „Ich habe ihm ein paar juristische Ratschläge gegeben. Es war eine Phase, in der sehr viele Menschen unter strengster Geheimhaltung an der Verbesserung des Entwurfs arbeiteten.“

    Doch im Interview von 2008 erklärte Liu Xiaobo bereits: „Alles wird überwacht, mein Telefon, mein Computer und so weiter. Sie folgen mir auf Schritt und Tritt. Und heute ist es nicht mehr wie in den 90ern. Wenn sie mich damals beschattet haben, versteckten sie sich und wollten nicht gesehen werden. Wenn man sich abrupt umdrehte, sah man, wie sie sich hektisch verbargen. Heute überwachen sie dich offen. Sie wollen, dass du weißt, dass du überwacht wirst. Manchmal gehen sie sogar neben mir her und wir unterhalten uns.“

    Zwei Tage vor der geplanten Veröffentlichung der Charta wurde Liu am 8. Dezember 2008 zum letzten Mal festgenommen. Zu elf Jahren Haft verurteilte ihn 2009 ein „Volksgericht“. Den ihm 2010 zuerkannten Friedensnobelpreis konnte er nie entgegennehmen. 2017 starb er nach neun Jahren im Gefängnis.

    Haskis Dokumentation zeichnet alle wichtigen Stationen im Leben Lius nach, einschließlich der Ereignisse am Tiananmen, bei denen Liu Xiaobo eine bedeutende Rolle spielte. Der Film zeigt packende historische Aufnahmen von den jungen hoffnungsvollen Studenten, die damals für Freiheit und Demokratie auf die Straße gingen. Aber auch schreckliche Bilder von der Niederschlagung der Studentenbewegung, blutige Opfer, die auf Lkw-Ladeflächen abtransportiert werden oder auf den Straßen liegen. Auch der „Tank man“, der bis heute unbekannter Chinese, der sich alleine vor einen Panzer stellte und ihn am Weiterfahren zu hindern suchte, ist in einer längeren Filmsequenz zu sehen.

    Mehrere Weggefährten und Mitstreiter Lius kommen zu Wort, die heute im Exil leben. Darunter die wichtigen Studentenführer des Jahres 1989 Wu?er Kaixi und Wang Dan oder der Schriftsteller Bei Ling. Bei diesem wohnte Liu noch 1989 in New York, bis er sich wegen der aufblühenden Demokratiebewegung zur Rückkehr nach Peking entschloss. Auch sein alter Freund Liao Yiwu schildert Erinnerungen; er selbst wurde wegen seines Gedichtes „Massaker“ zu vier Jahren Haft verurteilt. Liao, der heute als Schriftsteller im Berliner Exil lebt, hatte sich sehr für die Ausreise von Lius Ehefrau Liu Xia nach Deutschland eingesetzt. Liu Xia ist auch in einer kurzen erschreckenden Aufnahme am Sterbebett ihres Mannes zu sehen, in Anwesenheit ausländischer Ärzte, die man erst nach internationalem Druck zu ihm ließ und als ihm medizinisch nicht mehr zu helfen war.

    Über den 4. Juni am Tiananmen berichtet Liu Xiaobo in der ARTE-Dokumentation: „Von allen Seiten kamen Leute und riefen: ,Sie haben auf Studenten geschossen!‘ Dann wurde der Platz von der Armee abgeriegelt und keiner kam mehr von dort weg. Weil ich ein Blutbad verhindern wollte, habe ich ein Gewehr zertrümmert, eine halbautomatische Schusswaffe. Ich hatte das große Glück, die Ereignisse des Pekinger Frühlings zu überleben, während viele andere bei dem Massaker ums Leben kamen.“

    Ein Weggefährte Lius erklärt: „Liu Xiaobo wollte Leben retten, er hat alles versucht. Er ging mit einer weißen Fahne auf die schießenden Soldaten zu und verhandelte mit ihnen. So war er. Er fühlte sich verantwortlich.“ Liu erklärt: „Ich wollte den Toten Gerechtigkeit widerfahren lassen und hielt es für meine Pflicht hierzubleiben, in der Gesellschaft ihrer Seelen. Das ist der Hauptgrund, warum ich in China geblieben bin.“

    Im Interview von 2008 erklärt Liu auch: „Ich glaube, ich habe die richtigen Entscheidungen getroffen. Natürlich sind die Konsequenzen für mich gravierend. Aber Tatsache ist: Wenn man in China lebt, zahlt man einen Preis.“ Wer anders entscheide, müsse auch einen Preis zahlen: „Man ist zum Beispiel gezwungen zu lügen. Man muss der vorherrschenden Ideologie folgen, um ein gutes Einkommen und eine gute Stelle zu bekommen und zu behalten.“ Man könne dann nicht die geringste Kritik an der Regierung äußern. „Ich dagegen“, sagte er, „ziehe es vor, mich in größere Gefahr zu begeben, als jemand zu werden, der sein Gewissen verleugnet“.

    Liu Xiaobo – Der Mann, der Peking die Stirn bot“, auf Arte am 4.6. um 1.15 Uhr nachts, am 6.6. um 14.15 Uhr sowie auf der ZDF-Mediathek.

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