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    Der Henker von Prag und seine Attentäter

    Im Mai 1942 wurde in Prag ein Attentat auf Reinhard Heydrich verübt, der acht Tage später seinen Verletzungen erlag. Es blieb der einzige erfolgreiche Anschlag auf ein Mitglied der Führungsschicht des nationalsozialistischen Staats. Denn Heydrich war der „zweite Mann“ der SS nach Heinrich Himmler. Der 1904 geborene Heydrich wurde von Himmler mit dem Aufbau des „Sicherheitsdiensts des Reichsführers SS“ SD, also des Geheimdienstes der NSDAP, beauftragt. Die Leitung des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapa) und der Sicherheitspolizei sowie die Gründung des „Reichssicherheitshauptamts“ RSHA folgten. Das Reichssicherheitshauptamt koordinierte denn auch die Schaffung von Ghettos in Mittel- und Osteuropa sowie die Deportationen und Massentötungen der europäischen Juden. Heute ist Reinhard Heydrich insbesondere wegen der „Wannseekonferenz“ bekannt, die am 20. Januar 1942 unter seinem Vorsitz stattfand.

    Josef Gabcik (Cillian Murphy, zweiter von links) soll in Prag ein Attentat auf Reinhard Heydrich durchführen. Die Vorber... Foto: universum

    Im Mai 1942 wurde in Prag ein Attentat auf Reinhard Heydrich verübt, der acht Tage später seinen Verletzungen erlag. Es blieb der einzige erfolgreiche Anschlag auf ein Mitglied der Führungsschicht des nationalsozialistischen Staats. Denn Heydrich war der „zweite Mann“ der SS nach Heinrich Himmler. Der 1904 geborene Heydrich wurde von Himmler mit dem Aufbau des „Sicherheitsdiensts des Reichsführers SS“ SD, also des Geheimdienstes der NSDAP, beauftragt. Die Leitung des Geheimen Staatspolizeiamtes (Gestapa) und der Sicherheitspolizei sowie die Gründung des „Reichssicherheitshauptamts“ RSHA folgten. Das Reichssicherheitshauptamt koordinierte denn auch die Schaffung von Ghettos in Mittel- und Osteuropa sowie die Deportationen und Massentötungen der europäischen Juden. Heute ist Reinhard Heydrich insbesondere wegen der „Wannseekonferenz“ bekannt, die am 20. Januar 1942 unter seinem Vorsitz stattfand.

    Berühmt-berüchtigt wurde Reinhard Heydrich jedoch ebenfalls als „Henker von Prag“. Sein offizieller Titel lautete „Stellvertretender Reichsprotektor in Böhmen und Mähren“. Nach dem erzwungenen Rücktritt des „Reichsprotektors“ Konstantin von Neurath übte Heydrich die tatsächliche Macht in der sogenannten „Rest-Tschechei“ aus, und residierte ab Ende September 1941 in Prag. Seinen Spitznamen gab ihm die Prager Bevölkerung wegen der drastischen Maßnahmen gegen die Zivilbevölkerung: Bis Ende November 1941 wurden 6 000 Menschen verhaftet und offiziell 404 Todesurteile vollstreckt. Dazu kamen die Deportationen in das Konzentrationslager Mauthausen sowie die auf Heydrichs Veranlassung erfolgte Errichtung des KZ Theresienstadt für die jüdische Bevölkerung Böhmens und Mährens.

    Mit Originalaufnahmen aus der Zeit der deutschen Besetzung der freien Tschechoslowakei im Jahre 1938 sowie von Heydrich als Repräsentant des Deutschen Reiches in Prag lässt Regisseur Sean Ellis seinen auf wahren Begebenheiten beruhenden Spielfilm „Operation Anthropoid“ beginnen. Es folgen Fallschirmsprünge aus einer britischen Maschine. Die tschechoslowakische Exilregierung schickt die beiden Exil-Tschechen Josef Gabcik (Cillian Murphy) und Jan Kubis (Jamie Dornan) nach Prag mit dem Auftrag, mit Unterstützung des tschechischen Widerstands ein Attentat auf Heydrich durchzuführen. Weil der ursprüngliche Zielort Pilsen nicht erreicht wird, landen Gabcik und Kubis in einem Wald in der Nähe von Prag. Die beiden Fallschirmspringer müssen die Stadt selbstständig aufsuchen, um den örtlichen Widerstand zu kontaktieren. Bereits zu Beginn zeigen Sean Ellis und sein Mit-Drehbuchautor Anthony Frewin die Schwierigkeit, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden. Denn die vermeintlichen Sympathisanten des Widerstands, die Gabcik und Kubis zu ihren Kontaktleuten bringen wollen, locken sie in eine Falle.

    Schließlich schaffen sie es, zu den Widerständlern Onkel Hajsy (Toby Jones) und Ladislav Vanek (Marcin Dorocinski) Kontakt aufzunehmen. Nach dem durchaus gut inszenierten Beginn wird die Handlung notgedrungen ruhiger, denn nun ziehen sich die Vorbereitungen über Monate hin. Die logistisch zentrale Frage lautet: An welchem Ort hat das Attentat die größte Chance zu gelingen?

    Dafür müssen die Widerständler insbesondere Heydrichs Tagesablauf detailgenau studieren und herausfinden, unter welchen Umständen die „Zielperson“ mit oder ohne Eskorte durch die Stadt fährt. Und schließlich: Wo muss Heydrichs Auto bremsen beziehungsweise besonders langsam fahren?

    Die Angst vor furchtbaren Repressionen war groß

    Weil dies offenkundig filmisch nicht besonders spannend wirkt, führen die Filmemacher eine doppelte Liebesgeschichte ein. Was zur Tarnung beginnt – für die Attentäter ist es sinnvoller, sich in der Öffentlichkeit in Begleitung einer Frau zu zeigen – führt zu einer Liebesbeziehung: Kubis verliebt sich in die hübsche Marie (Charlotte Le Bon), und auch Gabcik beginnt, auf Maries Freundin Lenka (Anna Geislerova) ein Auge zu werfen.

    Interessanter als dieser eher klischeehafte Handlungsnebenstrang nimmt sich die Diskussion um die Zweckmäßigkeit eines solchen Attentats aus. Denn, so befürchtet ein Teil des Widerstand, ein Anschlag auf Heydrich würde unabhängig von dessen Ausgang furchtbare Repressalien nach sich ziehen, und den Kampf der deutschen Besatzung gegen den tschechoslowakischen Widerstand noch erbitterter werden lassen. Die Handlung kommt dann wieder voran, als plötzlich Eile geboten ist. Denn es verbreitet sich schnell die Nachricht, dass Heydrich nach Berlin und von dort weiter nach Paris fahren soll. Wenn Kubis und Gabcik das Attentat durchführen wollen, müssen sie schnell handeln.

    Obwohl „Operation Anthropoid“ in Deutschland nicht im Kino gezeigt wurde, sondern seine Erstveröffentlichung als DVD erlebt, handelt es sich um eine verhältnismäßig große Produktion, wie etwa die detailgenaue Rekonstruktion von Prag mit den vielen Komparsen unter Beweis stellt. Dass der Film nicht in eine Art „Ausstattungskino“ verfällt, ist einerseits das Verdienst der guten Darsteller, insbesondere von Cillian Murphy, andererseits aber auch der Inszenierung durch Sean Ellis, die immer nahe an den Protagonisten, an ihren Beweggründen, aber auch an ihren Zweifeln bleibt. Dadurch zieht „Operation Anthropoid“ im Unterschied zu manchen Historienfilmen den Zuschauer unmittelbar in seinen Bann.

    „Operation Anthropoid“. Regie: Sean Ellis, Tschechien, Frankreich, Großbritannien 2016, 118 Min., FSK ab

    16 Jahren, DVD: EAN 889853862290, EUR 12,99