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    Der Glanz Gottes

    Kultur und Kunst sehen sich heute nicht selten Angriffen und Kritik ausgesetzt. Oft ist nicht klar, was mit den beiden Begriffen wirklich gemeint ist. Doch schon im 13. Jahrhundert finden sich bei Thomas von Aquin wichtige Anhaltspunkte zu deren Bedeutung. Zwar gehören Kultur und Kunst nicht zu den zentralen Feldern im beeindruckenden Gedankengebäude des Aquinaten und spielen heute in der Thomas-Forschung nach einem Aufschwung Ende des 19. Jahrhunderts eine Nebenrolle. Aber vielleicht sind sie gerade deshalb einer besonderen Betrachtung wert.

    Der Glanz ist eine wichtige Kategorie, mit der Thomas von Aquin und die mittelalterliche Theologie Kunst zu fassen suche... Foto: dpa

    Kultur und Kunst sehen sich heute nicht selten Angriffen und Kritik ausgesetzt. Oft ist nicht klar, was mit den beiden Begriffen wirklich gemeint ist. Doch schon im 13. Jahrhundert finden sich bei Thomas von Aquin wichtige Anhaltspunkte zu deren Bedeutung. Zwar gehören Kultur und Kunst nicht zu den zentralen Feldern im beeindruckenden Gedankengebäude des Aquinaten und spielen heute in der Thomas-Forschung nach einem Aufschwung Ende des 19. Jahrhunderts eine Nebenrolle. Aber vielleicht sind sie gerade deshalb einer besonderen Betrachtung wert.

    Martin Grabmann hat in seinen vielfältigen Arbeiten über Thomas von Aquin auch dessen Kulturphilosophie und den Bezug zur Kunst besonders gewürdigt: Die Kulturphilosophie des Hl. Thomas von Aquin (Augsburg 1925). Damit steht Grabmann in der deutschsprachigen Forschung über Thomas nahezu allein.

    Die Untersuchung der Konzeptionen von Kultur und Kunst bei Thomas kann dabei helfen, die heute nicht immer klare Bestimmung dieser Begriffe zu verbessern. Thomas trägt damit dazu bei, den gemeinsamen Boden Europas gerade in Bezug auf den Kulturbegriff wiederzugewinnen. Eigene Abhandlungen zu Kultur und Kunst gibt es bei Thomas zwar nicht, aber in der „Summa Theologiae“ kommen diese Themen an einigen Stellen zur Sprache.

    Die Kultur und ihre Güter sind für Thomas ein Ausfluss aus metaphysischen und theologischen Prinzipien: Alles ist letztlich auf Gott als Ziel hingeordnet und hängt von ihm ab. Er ist das „summum bonum“, das höchste Gut. Ist die Kultur also am Christentum orientiert, hilft sie dem Menschen dabei, seine Gottebenbildlichkeit zur Geltung zu bringen und sein Streben auf Gott hinzulenken. So kann die Kultur als ein Ergebnis des gütigen Wirkens Gottes angesehen werden, wodurch Gott dem Menschen eine Hilfe auf seinem Lebensweg gibt.

    Gott hat seiner Schöpfung, unserer Welt, eine harmonische Ordnung gegeben, die auf ihn hinführt. Auch in der Kultur soll diese göttliche Seinsordnung zum Ausdruck kommen, damit sie ihre hilfreiche Wirkung für den Menschen entfalten kann. So sind beispielsweise Sakralbauten, wie die gotischen Dome, in ihrer Architektonik ein Abbild dieser göttlichen Ordnung. Nicht selten ergeben die Fresken in alten Kirchen Bilderzyklen, die dem meist unkundigen Menschen abstrakte theologische Inhalte wie die Dreieinigkeit Gottes veranschaulichen sollten.

    Es ist ebenfalls nötig, dass die Bildung in ihrem Kanon dem Willen Gottes und der Natur des Menschen entspricht. Nur so kann die Bildung dem Menschen wirklichen Erfolg bescheren und geistiges Wachstum geben.

    Aristoteles sieht in der geistigen Schau der Prinzipien, der „theôría“, den Moment höchster Glückseligkeit für den Menschen, wie er in der Nikomachischen Ethik schreibt: „Auch das, was man ,sich selbst genügende Unabhängigkeit‘ (Autarkie) nennt, ist vor allem bei der Verwirklichung der geistigen Schau zu finden.“ Augustinus lenkt zu Beginn seiner „Confessiones“, seiner Bekenntnisse, das Ziel der geistigen Schau der Wahrheit auf den dreieinigen Gott hin: „(...) Du hast uns auf Dich hin geschaffen, und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in Dir.“ Bei Thomas heißt es schließlich in der „Summa Theologiae“: „Daher kann Gott allein den Willen des Menschen ausfüllen.“ Auch die Kultur und ihre Güter stehen also bei Thomas klar in der göttlichen Ordnung. Darin haben sie die Aufgabe, den Menschen Gott näherzubringen. Diese Ordnung muss sich in allen Feldern der Kultur und in den Bildungskanones widerspiegeln, damit die Kultur ihrer Aufgabe, den Menschen in Wahrheit zu bilden, gerecht werden kann.

    Hinsichtlich der Kunst ist zu sagen, dass sich Thomas insbesondere auf die bildende Kunst bezieht. Dies hat seinen Grund darin, dass Thomas sich dem Thema der Kunst über den Begriff der äußerlichen Schönheit (pulchritudo) nähert. Nur über die Sinne des Sehens und des Gehörs nimmt der Mensch das Schöne wahr, das die Kunst für Thomas in besonderem Maße kennzeichnet. Mit Kunst sind hier also nicht die „Sieben freien Künste“ (artes) gemeint, die die Grundlage der europäischen Universitäten bilden: Grammatik, Rhetorik, Dialektik sowie Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik.

    Thomas legt auch einen Begriff des Schönen in der Natur, des Erhabenen, nahe. Die Unterscheidung von Natur-Schönem und Kunst-Schönem lebt in Immanuel Kants Ästhetik fort, die er in der „Kritik der Urteilskraft“ (1790) grundgelegt hat. Ähnlich wie Kant in Bezug auf das Schöne in dieser Schrift von „Wohlgefallen (...) ohne alles Interesse“ spricht, soll sich bereits bei Thomas der Mensch an der Schönheit des Kosmos um ihrer selbst willen erfreuen. In einer ersten Bestimmung ist für Thomas das Schöne in der „Summa Theologiae“ folgendes: „(...) schön wird das genannt, dessen Anblick Wohlgefallen hervorruft.“

    Das Kunstwerk bildet wie der Kosmos die göttliche Seinsordnung ab. So führt eine weitere Bestimmung auch auf innere Geordnetheit und Vollständigkeit des Kunst-Schönen hin: Ganzheit, Vollkommenheit, Vollendung, Ebenmaß und Gleichklang sind nötig, um von einem Kunstwerk zu sprechen. Nicht zuletzt weist auch der äußere Glanz auf ein Kunstwerk hin. Etwas Unvollständiges kann Thomas zufolge kein Kunstwerk sein.

    Die Ganzheit ist ein wesentliches Merkmal der Schönheit eines Kunstwerks, wie auch Gott vollkommen und ganz ist. Schließlich drückt sich die Perfektion eben durch die Abgeschlossenheit eines Werkes aus, ganz gleich um welche Kunstgattung im heutigen Sinne es sich handelt. Dabei geht die Abgeschlossenheit aus dem Kunstwerk selbst hervor, auch wenn es nach menschlichem Plan und Wahrnehmen unvollständig ist. Ein Beispiel mag die „Unvollendete“ Symphonie in h-Moll (D 759) von Franz Schubert sein, die trotz ihrer beiden „fehlenden“ Sätze eine Abgeschlossenheit zeigt.

    Das Ebenmaß ist als weiteres Charakteristikum des Kunstwerks schon seit Platon bekannt, ist doch das Schöne (to kalón) immer auch von Gleichmaß (symmetría) geprägt. Ein Kunstwerk, zumal in der bildenden Kunst, muss sich durch einen proportionierten Aufbau auszeichnen. Nichts darf zuviel und nichts übergewichtig sein. Mit dem Begriff „consonantia“ (Gleichklang) klingt in diesem Zusammenhang im wahrsten Sinne des Wortes die Musik an, die auf Harmonie ausgelegt ist. In der Zeit des Thomas gehörte die Musik jedoch noch zu den mathematischen Disziplinen, da sie in der Harmonik das Verhältnis unterschiedlich langer schwingender Saiten untersucht.

    Der Glanz (splendor) eines Kunstgegenstandes zeigt nach außen die innere Wohlgeformtheit. Auch hier wird ein Grundsatz der griechischen Antike deutlich: die „kalokagathía“. Etwas innerlich Gutes (agathón) zeichnet sich durch äußere Schönheit (kállos) aus und umgekehrt. Ohne diesen äußeren Glanz kann kein Kunstwerk bestehen. Bei Thomas heißt es in der „Summa Theologiae“: „Und deshalb wird das Gute auch als schön gerühmt.“

    In diesen Ordnungsprinzipien des Kunstwerks folgt Thomas der Philosophie der klassischen Antike und überträgt sie auf die christliche Philosophie. Letztlich sind es „splendor ordinis“ (Glanz der Ordnung) und „splendor formae“ (Glanz der Form), durch die Göttliches in einem Kunstwerk hindurchscheint.

    Doch nicht nur das Kunstwerk ist für Thomas schön. Auch Geistiges, auch Gott selbst, ist schön. Eine Seele ist schön, wenn sie sich am Willen Gottes ausrichtet. Sie zeichnet sich dann durch geistige Schönheit (pulchritudo spiritualis) aus. Dies spiegelt sich nicht zuletzt im Text der dritten Strophe des Kirchenliedes „Lobe den Herren“ wider: „(...) der künstlich (= kunstvoll) und fein Dich bereitet“ (Joachim Neander, 1680). Damit ist die körperliche Schönheit des Menschen angesprochen, aber auch seine innere Schönheit, die Schönheit der Seele. Hier zeigt sich erneut der enge Zusammenhang zwischen Schönheit und Kunst, der in der Kunsttheorie noch bis ins 20. Jahrhundert vorherrschend war. Thomas bezieht sowohl die innere Empfindung als auch das äußerlich Wahrnehmbare in seine Überlegungen zur Kunst mit ein. Sein Begriff von Schönheit ist universal.

    Sogar theologische Dichtungen sind von Thomas bekannt: Die Fronleichnamssequenz „Lauda Sion“, der Sakramentshymnus „Adoro Te devote“ und möglicherweise auch verschiedene Praefationes stammen von ihm. Zentrale Punkte katholischer Dogmatik kommen in dieser liturgischen Poetik komprimiert zum Ausdruck. Schließlich hat Thomas auch auf die profane Literatur einen großen Einfluss ausgeübt, wie die Themenwahl der Danteschen „Divina Commedia“ unübersehbar verdeutlicht.

    Thomas von Aquin gibt mit seinen Ausführungen zur Kultur und zur Schönheit in der Kunst, die dem Menschen dabei helfen sollen, sich nach Gottes Willen zu bilden, Orientierung in Bezug auf heute oft unklare Kriterien. Kultur und Kunst sind keineswegs allein durch subjektive Wahrnehmung geprägt. Sie sind nicht allein dem Geschmacksurteil des Einzelnen unterworfen. Allerdings räumt Thomas dem subjektiven Empfinden des Menschen gerade in Hinblick auf die Kunst eine nicht unerhebliche Bedeutung ein. Jedoch ist dabei nicht zu übersehen, dass es eine objektive Vorstellung von dem gibt, was mit Schönheit gemeint ist, und nach welchen Kriterien sich das Schöne richtet.

    In modernen Kunsttheorien ist dieses objektive Moment sehr stark in den Hintergrund getreten. Kunst dient überwiegend dem persönlichen Ausdruck, insbesondere von Empfindungen. Jedoch muss sich jeder Kunstschaffende stets fragen, was er mit welchen Mitteln im jeweiligen Kunstwerk zum Ausdruck bringen will. Andernfalls wird der Kunstbegriff so stark entleert, dass er womöglich einmal als entbehrlich angesehen wird.

    Ähnlich verhält es sich mit der Kultur an sich. Auch die Kultur muss sich an Ziele binden, um dem Menschen das zu geben, was er von ihr verlangt: Bildung des Geistes und des Herzens. Der Verlust an Bildung findet häufig seinen Ursprung in einer unklaren und ungeklärten Vorstellung von dem, was Kultur überhaupt ist: eine Hilfe, die dem Menschen innewohnende Gottebenbildlichkeit zur weiteren Entfaltung zu bringen.