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    Der Friede in uns

    Sie sind zuende: Die XXII. Olympischen Winterspiele im russischen Schwarzmeerkurort Sotschi, bei denen es von Anfang an um mehr ging, als nur um Sport. Zunächst beschäftigte die Einstellung des Gastgebers, Präsident Wladimir Putin, zur Homosexualität die Gemüter, dann standen die bürgerkriegsähnlichen Spannungen im Nachbarland Ukraine im Fokus. Eigentlich keine so große Überraschung. Olympische Spiele waren immer schon mehr als große Sportveranstaltungen. Sie verweisen auf politische Umstände (der Verweis führte schon zum Boykott der Spiele durch einzelne Länder). Darüber hinaus sollen sie eine Botschaft der Völkerverständigung und des Friedens aussenden. So wie auch die Vereinten Nationen, so wie jeder Einzelne von uns. Doch lässt sich mithilfe von Olympia wirklich Frieden schaffen?

    Bei der Olympischen Abschlussfeier in Sotschi wurden wieder alle Show-Register gezogen – doch der Friede bleibt ein Appe... Foto: dpa

    Sie sind zuende: Die XXII. Olympischen Winterspiele im russischen Schwarzmeerkurort Sotschi, bei denen es von Anfang an um mehr ging, als nur um Sport. Zunächst beschäftigte die Einstellung des Gastgebers, Präsident Wladimir Putin, zur Homosexualität die Gemüter, dann standen die bürgerkriegsähnlichen Spannungen im Nachbarland Ukraine im Fokus. Eigentlich keine so große Überraschung. Olympische Spiele waren immer schon mehr als große Sportveranstaltungen. Sie verweisen auf politische Umstände (der Verweis führte schon zum Boykott der Spiele durch einzelne Länder). Darüber hinaus sollen sie eine Botschaft der Völkerverständigung und des Friedens aussenden. So wie auch die Vereinten Nationen, so wie jeder Einzelne von uns. Doch lässt sich mithilfe von Olympia wirklich Frieden schaffen?

    Eine Rückblende: Olympische Spiele wurden in der Antike seit 776 v. Chr. als Abschluss einer Olympiade (ein Zeitraum von mehreren Jahren) zu Ehren der Götter gefeiert. Voraussetzung für ein unbeschwertes Fest und nicht zuletzt, um den Athleten überhaupt die sichere An- und Abreise zu den Wettkampfstätten im griechischen Olympia zu ermöglichen, war die olympische Waffenruhe, die 884 v. Chr. als ausdrücklicher Gottesfriede in einem Abkommen verschiedener Stämme verstetigt wurde und damit eine proto-völkerrechtliche Bedeutung hat. In der Geschichte der Olympischen Spiele der Neuzeit wurde die Waffenruhe nicht immer eingehalten, um die Spiele zu ermöglichen, sondern umgekehrt: Krieg verhinderte dreimal die Austragung des globalen Sportfests: 1916 (wegen des Ersten Weltkriegs); sowie 1940 und 1944 (wegen des Zweiten Weltkriegs). Um den Gedanken des Olympischen Friedens zu erneuern, rief das Internationale Olympische Komitee im Jahre 2 000 die „Stiftung für den Olympischen Frieden“ ins Leben.

    Über die Erfolgsaussichten darf man skeptisch sein, wie ein Aufsatz des Sportphilosophen Gunter Gebauer zeigt, in dem beispielsweise die jüngste Geschichte Sarajevos, Austragungsort der Olympischen Winterspiele von 1984, untersucht wird. „Kein Zweifel“, schreibt Gebauer darin, „in Sarajevo hatte ein friedliches und gemeinschaftsstiftendes olympisches Fest stattgefunden.“ Und doch: „Von den Olympischen Spielen in Sarajevo ist nicht der Frieden, nicht die Einheit und nicht die Zukunft geblieben.“ Stattdessen die Erinnerung an Krieg und Zerstörung. Die heutige Hauptstadt der Föderation Bosnien und Herzegowina wurde nur acht Jahre nach den Winterspielen von bosnischen Serben belagert und war vier Jahre lang Schauplatz ethnischer Säuberungen. 10 000 Menschen starben, es gab 50 000 Verletzte. Auch 30 Jahre später, im Jahr 2014, war nicht damit zu rechnen, dass die Menschen zumindest in der Zeit der Olympischen Spiele von kriegerischer Gewalt verschont bleiben würden – nicht in Syrien, nicht im Südsudan und auch nicht in der Zentralafrikanischen Republik. In Nigeria kam es während der Spiele neuerlich zu einem Islamisten-Massaker an der christlichen Bevölkerung. Im russischen Nachbarland Ukraine kam es auf dem Maidan in Kiew zu Blutvergießen und Krawallen. Es ging um Leben und Tod, nicht um Gold, Silber oder Bronze.

    „Was also können Olympische Spiele bewirken, wenn sie nicht Frieden schaffen?“, fragt Gebauer weiter und schildert die Absichten des Erfinders der Spiele in der Neuzeit, des Franzosen Pierre de Coubertin. „Unzweifelhaft erzeugen sie in der Zeit, in der sie abgehalten werden, spürbare Effekte. Coubertin hatte mit der Aufführung eines Kultes eine Art magischer Formel gefunden. Das Interessante daran ist, dass niemand an die Wirksamkeit der rituellen Akte, Beschwörungen, Zauberworte dieses Kults glaubt, dass ihn kaum jemand richtig zur Kenntnis nimmt, ja, dass er in Einzelheiten manchmal lächerlich, manchmal peinlich wirkt. Es kommt auf den Inhalt kaum an. Er besitzt keine Botschaft, sondern er ist selbst die Botschaft. (...) Die Stimmung bei den Spielen hat einen mobilisierenden Charakter: es ist die Stimmung eines Versprechens, das feierliche Versprechen von Wettkampf und Frieden zugleich.“

    Als am Sonntag die Olympischen Winterspiele in Sotschi endeten, konnte auch die farbenfrohe Schlussfeier nicht darüber hinwegtäuschen, dass es auch diesmal bei einem Appell bleiben musste. Wenn also Olympische Spiele den Frieden nicht schaffen, sondern nur einen Appell aussenden können, wer kann ihn dann aufnehmen und umsetzen? Eine Zeit lang dachte man an eine internationale Gemeinschaft der Staaten, wie sie nach dem Zweiten Weltkrieg in den Vereinten Nationen (UNO) Gestalt annahm. In der Blockkonfrontation gelang jedoch nicht der organisierten Weltgemeinschaft, sondern ironischerweise den hochgerüsteten Supermächten USA und Sowjetunion der globale Erhalt des „Friedens“. Dabei lag und liegt das Problem im Völkerrecht selbst: die mangelnde Rechtsbindungs- und -durchsetzungsmöglichkeit in den Beziehungen souveräner Subjekte, wie sie Staaten nun einmal sind und auch im Rahmen der UNO bleiben wollen.

    Ein altes rechtsphilosophisches Problem, das bereits im deutschen Idealismus unter dem Eindruck der sich auflösenden Feudalstruktur und des beginnenden „nation building“ Ende des 18. und Anfang des 19. Jahrhunderts eine Rolle spielte. Während Immanuel Kant den Frieden zum höchsten politischen Gut erklärt und sich von einem Völkerbund „ewigen Frieden“ verspricht, lehnt Georg W. F. Hegel in seinen „Grundlinien der Philosophie des Rechts oder Naturrecht und Staatswissenschaft im Grundrisse“ (1820) eine solche Haltung als wirklichkeitsfremd ab, weil Kant voraussetze, dass die Rechte der Staaten „ihre Wirklichkeit in einem allgemeinen zur Macht über sie konstituierten Willen“ haben. Dies sei aber gerade nicht der Fall, denn die Wirklichkeit der Staaten beruhe auf „unterschiedenen souveränen Willen“, denen man keinen übermächtigen „Föderalwillen“ überstülpen könne.

    Die von Kant vorausgesetzte Einstimmigkeit des Völkerwillens tritt nach Hegel nur zufällig, nicht aber mit Notwendigkeit ein. Die Souveränität der Nationen als „vollkommen selbstständige Totalitäten“ stehe daher einer globalen staatsübergreifenden Organisation im Wege. Es ist mit Hegels Worten „keine Gewalt vorhanden, welche gegen den Staat entscheidet, was an sich Recht ist, und die diese Entscheidung verwirklicht“, also müsse es „in dieser Beziehung immer beim Sollen bleiben“. Das ist für eine Rechtsbeziehung aber zu wenig.

    Daran hat sich bis heute nichts geändert. Gleichwohl wird die UNO für den Weltfrieden in die Pflicht genommen, nachdem der Traum vom Frieden nach der Überwindung der Spaltung der Welt zerplatzte. Als am 9. November 1989 auf der Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor Menschen aus Ost und West tanzten und feierten, dachte man noch, es bräche nun eine Ära mit utopischem Charakter an, eine Zeit der Überwindung von Teilung und Trennung, eine Zeit des Friedens und der Zusammenarbeit im „globalen Dorf“ (Marshall Mc Luhan). Das „Ende der Geschichte“ (Francis Fukuyama) schien nahe. Doch es kam anders: Heute haben wir es zwar nicht mehr mit der militärisch bipolaren Ordnung zu tun, aber eben auch nicht mit dem „ewigen Frieden“ einer republikanisch organisierten Welt (Kant). Stattdessen gibt es den „Neuen Krieg“ (Herfried Münkler), der eine „neue Ordnung“ verlangt. Tragisch-ironischerweise setzt diese neue Friedensordnung aber auf Krieg, nämlich auf „Humanitäre Interventionen“.

    Dem entsprechen politische Anstrengungen zur Reform des Völkerrechts, die auf einem Paradigmenwechsel von der Souveränität zur Humanität basieren: Das Gewaltverbot der UN-Charta, die noch den alten Kriegsbegriff unterstellt, soll einem Interventionsrecht weichen: „Responsibility to Protect“ (R2P, Verantwortung zum Schutz) ist das neue Zauberwort. Es handelt sich dabei um eine nach dem Völkermord in Ruanda (1994) entwickelte Doktrin in der Politik internationaler Beziehungen, die unter der Maßgabe, Souveränität bedeute in erster Linie die Verantwortung eines Staates für den Schutz seiner Bürger, völkerrechtliche Reformen zugunsten eines mehrstufigen Konzepts für einen humanitären Interventionismus vorschlägt, damit die Weltgemeinschaft unter dem Dach der Vereinten Nationen systematischen Vernachlässigungen dieser Verantwortung wirksam begegnen kann.

    Ein Vorstoß, der bereits praktische Wirkung entfaltete. So erhebt eine 2005 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedete Entschließung die Idee des Schutzes der Bevölkerung zur Leitlinie staatlicher Souveränität. Ferner hat die Doktrin 2006 Eingang gefunden in eine Resolution des Sicherheitsrats über den Schutz von Zivilpersonen im bewaffneten Konflikt. Bestätigt wurde diese Tendenz auch in den Resolutionen zu Darfur (2007). Doch auch hier ist die Frage der Durchsetzungsfähigkeit zu stellen. Die gute Absicht eines Staates zur Unterstützung einer die Gewalt beendenden Intervention oder gar zur Beteiligung daran, hängt nicht nur von humanitären Gesichtspunkten und dem Willen zum Frieden ab, sondern auch von anderen, oft sehr handfesten Interessen ab, sodass eine Interventionsentscheidung immer von verschiedenen Motiven getragen ist: „Es scheint, dass Staaten ihre Soldaten nicht in andere Staaten schicken, nur um Leben zu retten“ (Michael Walzer). Ernüchternd, aber wahr.

    Es hilft nichts: Entscheidend ist und bleibt die Friedenshaltung des Einzelnen, gewissermaßen als „innere Prävention“. „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“, rät der Apostel Paulus den Christen in Rom. Und zu Weihnachten singen die Engel von der Ehre Gottes und dem Frieden auf der Erde – den Menschen Seiner Gnade, den Menschen guten Willens. Der Fall ist klar: Krieg soll nach Gottes Willen nicht sein, doch der Mensch muss in diesen göttlichen Willen einstimmen, damit Friede möglich wird, echter Friede, der nicht nur eine „Abwesenheit des Krieges“ bedeutet, sondern eine Beziehungskultur der Verständigungsbemühung auf der Basis der Gerechtigkeit. Papst Johannes XXIII. betont in seiner damals friedenserhaltenden Enzyklika „Pacem in Terris“ (1963) die Bedeutung der Gerechtigkeit für den Frieden. Papst Franziskus schließt im ersten Jahr seines Pontifikats daran an, mit dem Ruf nach Solidarität und der beständigen Erinnerung an die „Option für die Armen“. Franziskus verweist zudem auf die Bedeutung des Gebets für den Frieden. So rief er im September 2013 zu einem weltweiten Gebets- und Fasttag für den Frieden in Syrien und an anderen Konfliktherden weltweit auf. In der Generalaudienz vom 18. September sagte der Heilige Vater: „Ich lade alle Katholiken auf der ganzen Welt ein, sich den anderen Christen anzuschließen, um weiter von Gott den Frieden an den am meisten gequälten Orten zu erflehen. Der Friede, Geschenk Jesu, möge immer in unseren Herzen wohnen und die Vorsätze und Handlungen der Verantwortlichen der Nationen und aller Menschen guten Willens stützen.“ Das Gebet hat Kraft, hat Macht. Das Gebet ist eine Tat, die das konkrete Tun stärken und motivieren, nicht aber ersetzen kann. Gott braucht uns Menschen, damit das „Geschenk Jesu“ (Papst Franziskus) auch den schwächsten und kleinsten Empfänger erreicht. Letztlich schaffen also wir alle den Frieden oder die Voraussetzung dafür, durch das Gebet und die Arbeit an uns. In unseren Beziehungen, in uns selbst, können wir Frieden stiften oder Konflikte schüren – wir haben es in der Hand, ganz ohne Olympia und UNO. So antwortete schon Mutter Teresa nach der Verleihung des Friedensnobelpreises 1979 auf die Frage eines Journalisten, der wissen wollte, was er denn für den Frieden in der Welt tun könne: „Geh' nach Hause und liebe Deine Familie!“