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    Der Anfang vom Ende des Kalten Krieges

    Eigentlich sollte Mike Nichols' Spielfilm „Der Krieg des Charlie Wilson“ („Charlie Wilson's War“) schön anachronistisch wirken, weil er in den achtziger Jahren angesiedelt ist und von einem Krieg erzählt, der in die längst vergangene Zeit des Kalten Krieges gehört. Dann aber macht ausgerechnet in der Woche, in der „Der Krieg des Charlie Wilson“ im deutschen Kino anlaufen soll, jenes Land Schlagzeilen, um das es hierbei geht: Afghanistan. „Der Krieg des Charlie Wilson“ stellt eine Binsenweisheit unter Beweis, an die jedoch wenigstens in Hollywood keiner so recht glauben mag: Dass die unglaublichsten Geschichten doch das Leben selbst schreibt. In Bezug auf die Wirklichkeitstreue des Spielfilms zitiert die Wiener Zeitung „Der Kurier“ den echten, heute 74-jährigen Charlie Wilson. Dieser halte das von Aaron Sorkin nach einem Sachbuch von George Crile verfasste Drehbuch sogar für „eine sanfte Version der Fakten“.

    Eigentlich sollte Mike Nichols' Spielfilm „Der Krieg des Charlie Wilson“ („Charlie Wilson's War“) schön anachronistisch wirken, weil er in den achtziger Jahren angesiedelt ist und von einem Krieg erzählt, der in die längst vergangene Zeit des Kalten Krieges gehört. Dann aber macht ausgerechnet in der Woche, in der „Der Krieg des Charlie Wilson“ im deutschen Kino anlaufen soll, jenes Land Schlagzeilen, um das es hierbei geht: Afghanistan. „Der Krieg des Charlie Wilson“ stellt eine Binsenweisheit unter Beweis, an die jedoch wenigstens in Hollywood keiner so recht glauben mag: Dass die unglaublichsten Geschichten doch das Leben selbst schreibt. In Bezug auf die Wirklichkeitstreue des Spielfilms zitiert die Wiener Zeitung „Der Kurier“ den echten, heute 74-jährigen Charlie Wilson. Dieser halte das von Aaron Sorkin nach einem Sachbuch von George Crile verfasste Drehbuch sogar für „eine sanfte Version der Fakten“.

    Ein dem Alkohol nicht abgeneigter Frauenheld

    Diese lassen sich wie folgt zusammenfassen: Im Jahre 1980 wird ein texanischer Abgeordneter des amerikanischen Kongresses auf den Krieg aufmerksam, den die Sowjets in Afghanistan führen. Mit der Unterstützung seiner antikommunistisch eingestellten Geliebten und eines CIA-Agenten betreibt er die geheime Finanzierung der afghanischen Mudschaheddin: Die vom Kongress bewilligten Geheimmittel steigen von fünf Millionen auf eine Milliarde Dollar jährlich an. Als die Rote Armee schließlich aus Afghanistan abzieht, resümiert der pakistanische Präsident: „Charlie hat es geschafft“.

    Regisseur Mike Nichols lässt sich Zeit, um diese drei Hauptfiguren zu etablieren: Charlie Wilson (Tom Hanks) tritt von der ersten Szene an als ein dem Alkohol nicht abgeneigter Frauenheld auf, der auch einmal auf Partys Drogen nimmt und sich selbst in seinem Abgeordnetenbüro mit jungen, attraktiven Frauen umgibt. Charlie Wilsons Gelegenheits-Geliebte Joanne Herring (Julia Roberts) wird zwar als eine gläubige Christin gezeichnet, die auch einmal gerne einen Bischof an ihre Tafel bittet, aber andererseits keine Gewissensbisse verspürt, ihren Mann etwa mit Charlie zu betrügen. Der flotten Inszenierung dieses Widerspruchs ist es anzumerken, wieviel Spaß solche Seitenhiebe dem Regisseur bereiten.

    Die texanische Millionärin drängt Charlie dazu, sich in einem afghanischen Flüchtlingslager ein Bild über die Lage zu verschaffen. Die erschreckenden Bilder von Kindern ohne Arme und die Hungersnot bestärken den Bonvivant mit gutem Herz darin, dass die Mudschaheddin mit Waffen versorgt werden sollen, mit denen sie die verheerenden sowjetischen Hubschrauber abschießen können.

    Bei der schwierigen politischen Großwetterlage im Jahr 1980 war Charlie Wilson allerdings noch etwas anderes klar: Diese Waffen durften keinen Hinweis ihres Ursprungs aus den Vereinigten Staaten tragen. Um die Waffenlieferungen über Drittländer zu organisieren, sichert er sich deshalb die Unterstützung durch den CIA-Agenten Gust Avrakotos (Philip Seymour Hoffman). Zusammen verhandeln sie mit Politikern und Waffenhändlern aus Israel, Pakistan und Ägypten, um die afghanischen Widerstandskämpfer mit den richtigen Waffen auszurüsten.

    Die Geister, die sie riefen und heute nicht mehr loswerden

    Am Ende dieser Kämpfe, die unter der afghanischen Bevölkerung etwa 1, 2 Millionen Todesopfer forderten und rund fünf Millionen Flüchtlinge verursachten, stand der Abzug der Sowjettruppen aus Afghanistan (1988–1989). Es war der erste unfreiwillige Rückzug sowjetischer Truppen aus einem besetzten Land und – dies legt wenigstens Mike Nichols' Film nahe – der Anfang vom Ende des Kalten Krieges.

    Dass der Zuschauer angesichts der Fülle an Schauplätzen und beteiligten Parteien leicht den Überblick verlieren kann, ist eher eine genre-immanente Nebenerscheinung. Schwerer wiegt jedoch, dass der Regisseur zwischen Realismus und politischer Satire laviert. Zwar sorgen die schlagfertig-witzigen Dialoge für eine gewisse Auflockerung in einem sonst eher trockenen Politmilieu, sie dienen jedoch offensichtlich eher dazu, eine aus heutiger Sicht ironische Distanz zu der damals überaus positiven Einstellung zum amerikanischen Engagement in Afghanistan zu schaffen. Dadurch, dass die Vereinigten Staaten die von Wilson geforderte Aufbauhilfe ablehnten, riefen sie in den Mudschaheddin – unter denen auch Osama Bin Laden kämpfte – die Geister, die sie heute nicht mehr loswerden. Diese Folgerung liefert wenigstens Mike Nichols' „Der Krieg des Charlie Wilson“.

    Von José García