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    Den Ärmsten widmete er sich ein Leben lang

    Er fühlte sich zutiefst als Seelsorger. Das war sicher nicht nur in seinem Elternhaus begründet, einem reformierten Pfarrhaus in der niederländischen Gemeinde Zundert. Es gehörte einfach zum Charakter Vincent van Goghs (1853–1890), dass er sich um die Einfachen und Ärmsten kümmern wollte und dabei bewusst an die Ränder der damaligen Gesellschaft ging. Als van Gogh probeweise als Evangelist im belgischen Kohlebergwerk von Borinage Arbeit fand, schrieb die Frau seines Bruders Theo in einem Brief 1913: „Er sucht die Lehre Christi buchstäblich in die Praxis umzusetzen, verschenkt alles, sein Geld, seine Kleider, sein Bett, verlässt die gute Unterkunft und Verpflegung und zieht allein in eine armselige kleine Hütte, wo es am nötigsten fehlt.“ Und als er einmal gefragt wird, „Herr Vincent, warum geben Sie alle Ihre Kleider weg. Sie sind doch aus einer feinen holländischen Pastorenfamilie“, antwortete er, „ich bin ein Freund der Armen, wie es der Herr Jesus war“.

    Die Mühen der Arbeit machte er immer wieder zum Motiv seiner Bilder: „Der rote Weingarten in Arles“ von Van Gogh, 1888. Foto: IN

    Er fühlte sich zutiefst als Seelsorger. Das war sicher nicht nur in seinem Elternhaus begründet, einem reformierten Pfarrhaus in der niederländischen Gemeinde Zundert. Es gehörte einfach zum Charakter Vincent van Goghs (1853–1890), dass er sich um die Einfachen und Ärmsten kümmern wollte und dabei bewusst an die Ränder der damaligen Gesellschaft ging. Als van Gogh probeweise als Evangelist im belgischen Kohlebergwerk von Borinage Arbeit fand, schrieb die Frau seines Bruders Theo in einem Brief 1913: „Er sucht die Lehre Christi buchstäblich in die Praxis umzusetzen, verschenkt alles, sein Geld, seine Kleider, sein Bett, verlässt die gute Unterkunft und Verpflegung und zieht allein in eine armselige kleine Hütte, wo es am nötigsten fehlt.“ Und als er einmal gefragt wird, „Herr Vincent, warum geben Sie alle Ihre Kleider weg. Sie sind doch aus einer feinen holländischen Pastorenfamilie“, antwortete er, „ich bin ein Freund der Armen, wie es der Herr Jesus war“.

    Mit derselben, man möchte fast sagen, Besessenheit, mit der er den Menschen hilft, malte er auch seine mehr als 400 Bilder, manchmal wochenlang fast ohne zu essen, wobei er sich mit dem Wechsel von Kaffee und Alkohol in halluzinatorische Zustände bringt. Im Alter von 15 Jahren hat Vincent die Schule verlassen, bummelte einige Monate herum und wurde dann auf Empfehlung eines Onkels in einer Filiale der Pariser Bildergalerie Goupil & Cie in Den Haag angestellt. Kunsthandel und Theologie waren die bisherigen Wege in seiner Familie. Nach vier Jahren wird er dann 1873 nach London versetzt, wo er die englische Malerei entdeckt. Zugleich vertieft er in London die Lektüre der Bibel, besucht regelmäßig Gottesdienste und liest zumeist christliche Bücher; besonders die „Nachfolge Christ“ von Thomas von Kempen beeinflusst ihn nachhaltig, ebenso Jules Michelets Ausführungen zur Liebe. Auch van Gogh sucht nach Innerlichkeit. Er vernachlässigt seine Arbeit, auch abgelenkt durch die bald scheiternde Liebe zur Tochter seiner Pensionswirtin. Sein Wunsch, Prediger zu werden, ist groß, und so findet er eine Anstellung als Hilfsprediger bei einem Methodistenpastor in Isleworth, einem Vorort von London. Ein Rednertalent ist er nicht, aber er will den Unglücklichen, oft Arbeitern in menschenunwürdigen Zuständen, das Evangelium bringen. Er will sich opfern und dienen; wer nicht anderen dient, dessen Leben sei nutzlos, sagte er damals. An seinen Bruder Theo schreibt er 1876: „Theo, ich wäre unglücklich, wenn ich nicht das Evangelium predigen könnte, wenn es nicht mein Ziel wäre zu predigen, wenn ich nicht meine ganze Hoffnung und all mein Vertrauen auf Christus gesetzt hätte. Dann wäre wirklich das Unglück mein Teil, während ich jetzt doch trotz allem ein wenig Mut spüre.“

    Vincent wird durch gewaltsame Selbstkasteiungen krank, was er aber als Zeichen Gottes versteht, den Schwachen und Kranken näher zu sein. Er gab sich so sehr der Nächstenliebe hin, dass er erschöpft zu seinen Eltern zurückkehren musste. Onkel Cent besorgt ihm daraufhin Arbeit in einer Bücherei in Dordrecht. Aber wie erwartet scheitert van Gogh auch hier, nimmt immer wieder Anläufe, um seinen bei London als Prediger noch nicht erfüllten Wunsch zu verwirklichen. Er zweifelt an sich selbst und schreibt an Theo, „Ich bin an allem schuld, und ich bringe nichts fertig, als die anderen zu betrüben.“ Im belgischen Borinage empfindet er die Lebensumstände der Arbeiter noch schlimmer im Vergleich zu London; unter Vierzehnjährige werden in die Kohlengruben hinabgeschickt und bekommen kaum Lohn. Seinen eigenen Lohn gibt er den Armen, wie auch seine Kleidung. Aber er malte die Menschen, Frauen etwa, die Kohlensäcke davontrugen. Hier unter den Armen wandelte sich das Leben des Malers. Der Blick des Missionars auf das Elend wird zum Blick des Künstlers. Noch hilft er den Verletzten nach einer Grubenexplosion im Nachbarort Frameries. Doch dann kommt die endgültige Wende, der Ausschuss für Glaubensverbreitung verurteilt sein Verhalten und lehnt seine missionarische Arbeit ab; man denkt, Vincent hätte ein wenig den Kopf verloren bei seiner Hilfe der Verletzten. Manch einer hielt ihn für verrückt.

    In Brüssel versucht er sich nun autodidaktisch auszubilden, finanziell unterstützt von seinem Bruder und den Eltern. Er besucht Museen und beginnt zu zeichnen, „Der Kanal“ (1880), „Am Ufer des Kanals“ (1880/81) oder „Die Landstraße“ (1880/81). Er gewinnt an Selbstsicherheit. Über sein Scheitern in der Liebe schreibt eine Biografin: „In menschlicher und sozialer Hinsicht ist der Mann verloren, ein einsamer und verfluchter Pilger, der Maler aber ist gerettet... Misserfolg und Unterwerfung seines Lebens, unbedingte Unnachgiebigkeit im Bereich seiner Kunst und ihrer Prinzipien, das ist der Kern des Dramas.“ Sein Kampf mit dem Leben entfernt ihn zunehmend vom Glauben seines Elternhauses, er folgt seiner eigenen Moral. So etwa im Zusammenleben mit der Prostituierten Christien Hoornik, die er Sien nennt und auch heiraten wollte. Doch auch von ihr wird er sich trennen.

    Das unstete Leben scheint sich auch in van Goghs Farbauffassung zu spiegeln. Von den Webern lernte er, wie man „gebrochene Farben“ mischt, die den reinen vorzuziehen seien: „Ein Grau, das aus roten, blauen gelben, schmutzig weißen und schwarzen Fäden zusammengewebt wird; ein Blau, das ein grüner und ein oranger, ein roter oder gelber faden bricht, wirken ganz anders als einfache farben; sie flimmern natürlich mehr, und reine Farben werden hart und leblos daneben“, schrieb er in einem Brief. Der frühe van Gogh begeisterte sich noch für die düsteren „Rembrandtartigen Effekte“, dann für Delacroix. Einige der berühmtesten Bilder im dunklen erdfarbigen Stil sind „Die Leute beim Kartoffelessen“ (1885), „Hütte im Abendlicht“ (1885) oder „Der Weber“ (1884). Bis zu seiner Zeit in Arles wird sich sein Konzept völlig ändern. Hier fühlt er sich wie in Japan, die kräftigen Farben der Landschaft versetzen ihn nach Ostasien. Er schreibt an seinen Bruder: „... Das Wasser schäumte weiß, gelb und perlgrau durcheinander. Der Abendhimmel war lila mit orangenstreifen. Die Stadt violett. Auf dem Schiff kamen und gingen kleine blaue und schmutzig weiße Arbeiter, die ausluden. Das war reiner Hokusei“, also der japanische Holzschnitzer, der neben Hiro-shige zu den bekanntesten zählt und die Impressionisten in ihrer Maltechnik beeinflusst hat. Nachdem der amerikanische Kunstsammler Bing Schiffsladungen voller Holzschnitte nach Frankreich brachte, hatte auch van Gogh einige im Original gesehen und auch kopiert. Japan wird zum Ideal für van Gogh. „Sieh, ist, was uns die Japaner zeigen, nicht beinahe eine wahre Revolution, diese einfachen Japaner, die wie Blumen in der Natur leben?“, schreibt er in einem Brief.

    In Arles will van Gogh mit Gaugin zusammenarbeiten und leben; doch der ist mittellos und krank, kann seinem Malerkollegen aber zeitweilig einiges beibringen. Van Gogh malt in dieser Zeit in wahrer Arbeitswut Bild für Bild. Er schreibt, „je hässlicher, älter, böser, kränker, ärmer ich werde, desto mehr will ich mich durch eine leuchtende strahlende, wohldisponierte Farbe rächen.“ Er versucht seine Existenz durch Farben zu übersteigern und malt „Das Nachtcafé“ (1888) oder im selben Jahr „Die Sternennacht über der Rhône“. Als Gaugin in sein Haus in Arles einzieht, hat Vincent an die Wand geschrieben „Ich bin heilig Geist/ Ich bin gesunden Geistes“.

    Beide fühlen sich in Arles nicht wirklich wohl und untereinander entstehen Spannungen. Nachdem sich van Gogh im Dezember 1888 ein Ohr abgeschnitten hat, wird er ins Hospital in Arles eingeliefert; ab Mai 1889 wird er in Nervenheilanstalten betreut und stirbt am 29. Juli 1890, nur 37 Jahre alt. Zwei Tage vorher hat er sich in die Brust geschossen. Ob es wirklich Selbstmord war, wird neuerdings bezweifelt, so in der Biografie von Steven Naifeh und Gregory White Smith: „Van Gogh. Sein Leben“ (2012); sie halten einen Unfall für möglich oder die Tat eines Anderen. Vom Glauben hat sich van Gogh aber bis zuletzt nicht abgewendet. Zwei Jahre vor seinem Tod schrieb er an seinen Bruder Theo über seine Suche nach Religion: „Ich wünschte nur, man fände etwas, das uns Ruhe gäbe und uns tröstete, damit wir uns nicht mehr schuldig und unglücklich fühlen. Dann könnten wir schon fortschreiten, ohne uns in die Einsamkeit oder in das Nichts zu verlieren oder in jedem Schritt voller Angst ein Übel zu fürchten oder erwarten zu müssen, dass wir, ohne es zu wollen, es den anderen zufügen.“ Berühmt wurde er erst nach dem Tod.