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    Dem Rätsel um „Rosebud“ auf der Spur

    Ranglisten gibt es nicht nur im Sport – von der FIFA-Fußball- bis zur Tennis-Weltrangliste –, sondern auch im Kulturbereich. Denn was sind „Best Seller“-Listen anderes als die Rangliste der meistverkauften Bücher? Im Filmbereich gibt es solche Ranglisten vielfach. Das prestigeträchtigste Ranking der besten Filme aller Zeiten führt allerdings das Magazin „Sight & Sound“ des British Film Institute, das seit 60 Jahren Filmregisseure und Filmkritiker nach ihrer Meinung befragt. Die letzte, im August 2012 veröffentlichte „Sight & Sound“-Liste brachte eine Sensation mit sich: Zum ersten Mal seit 50 Jahren wurde nicht mehr Orson Welles' „Citizen Kane“, sondern Alfred Hitchcocks „Vertigo” als bester Film aller Zeiten gekürt. Der Fairness halber soll auch erwähnt werden, dass „Citizen Kane“ in der Zuschauergunst nicht so hoch steht: In der Rangliste der wohl größten Filmdatenbank der Welt „Internet Movie Data Base“ (IMDb) belegt Welles' Film den 65. Platz. „Vertigo“ rangiert übrigens dort auf dem 67. Platz.

    Orson Welles als Charles Foster Kane in dem Film, der seinen Weltruhm gründete, seinem Spielfilmdebüt als Regisseur „Cit... Foto: IN

    Ranglisten gibt es nicht nur im Sport – von der FIFA-Fußball- bis zur Tennis-Weltrangliste –, sondern auch im Kulturbereich. Denn was sind „Best Seller“-Listen anderes als die Rangliste der meistverkauften Bücher? Im Filmbereich gibt es solche Ranglisten vielfach. Das prestigeträchtigste Ranking der besten Filme aller Zeiten führt allerdings das Magazin „Sight & Sound“ des British Film Institute, das seit 60 Jahren Filmregisseure und Filmkritiker nach ihrer Meinung befragt. Die letzte, im August 2012 veröffentlichte „Sight & Sound“-Liste brachte eine Sensation mit sich: Zum ersten Mal seit 50 Jahren wurde nicht mehr Orson Welles' „Citizen Kane“, sondern Alfred Hitchcocks „Vertigo” als bester Film aller Zeiten gekürt. Der Fairness halber soll auch erwähnt werden, dass „Citizen Kane“ in der Zuschauergunst nicht so hoch steht: In der Rangliste der wohl größten Filmdatenbank der Welt „Internet Movie Data Base“ (IMDb) belegt Welles' Film den 65. Platz. „Vertigo“ rangiert übrigens dort auf dem 67. Platz.

    Wie man auch immer zu solchen „Rankings“ stehen mag: Wenn sich ein Spielfilm aus dem Jahre 1941 jahrzehntelang auf den ersten Ranglisten-Plätzen hält, dann muss er schon etwas Besonderes sein. „Citizen Kane“ erzählt in Rückblenden das Leben des fiktiven Zeitungsmagnaten Charles Foster Kane, dem der real existierende Verleger William Randolph Hearst als Vorlage diente. Der Film setzt beim einsamen Tod des Medienmoguls auf seinem Privatschloss Xanadu ein, als er gerade eine gläserne Schneekugel betrachtet. Beim Sterben kann Kane (Orson Welles selbst) noch ein letztes Wort flüstern: „Rosebud“. Das Rätsel um die Bedeutung dieses zuletzt gesprochenen Wortes zieht sich durch den ganzen Film. Dramaturgisch folgt „Citizen Kane“ den Nachforschungen des Nachrichtenreporters Jerry Thompson (William Alland), der nach der Bedeutung von „Rosebud“ sucht.

    Besonders an „Citizen Kane“ war nicht so sehr die Handlung, sondern das der nicht chronologisch aufgebauten Erzählstruktur zugrundeliegende filmästhetische Konzept. Orson Welles setzte Kameraeinstellungen ein, die zusammen mit der Lichtführung und der Schärfentiefe an die deutschen Expressionisten und das russische Kino erinnern. Die extremen Unter- und Aufsichten betonten die jeweilige Gefühlslage der Figuren. Überblendungen, Spiegelungen und lange Einstellungen vervollständigen den revolutionären Charakter von „Citizen Kane“, der auf die Filmgeschichte einen bedeutenden Einfluss ausübte. Mit seinem Spielfilmdebüt gewann Orson Welles den Oscar in der Kategorie „Bestes Drehbuch“ (zusammen mit Hermann J. Mankiewicz) und wurde in zwei weiteren Sparten – „Bester Hauptdarsteller“ und „Beste Regie“ – nominiert.

    Orson Welles, der vor genau 100 Jahren am 6. Mai 1915 geboren wurde, drehte sein Langspielfilmdebüt „Citizen Kane“ mit 25 Jahren. Obwohl Welles bis zu seinem Tod im Oktober 1985 im Alter von 70 Jahren noch weitere fünfzehn Filme drehte, konnte er nicht mehr die filmische Qualität seines Regiedebüts erreichen. Dennoch hinterließ Orson Welles eine Reihe bemerkenswerter Filme, so etwa die Shakespeare-Adaptionen „Macbeth“ (1948) und „Othello“ (1952), in denen er darüber hinaus die Hauptrolle übernahm. Eine ganz eigene Shakespeare-Verarbeitung lieferte Welles 1965 mit „Falstaff – Glocken um Mitternacht“ (OT: „Campanadas a medianoche“), in der er Falstaffs Geschichte anhand von fünf verschiedenen Shakespeare-Werke rekonstruiert. Der Film, der als „eine Summe seiner künstlerischen Arbeit und ein Rechenschaftsbericht seines Lebens“ bezeichnet wurde, gilt als einer der Höhepunkte seiner Karriere als Regisseur. Unvollendet blieb sein „Don Quixote“, für den er zwischen 1955 und 1969 Szenen drehte und an dem er bis zu seinem Tod 1985 arbeitete. Mit Welles' Material fertigte Jess Franco den Film „Don Quijote de Orson Welles“, der 1992 bei den Filmfestspielen von Cannes seine Weltpremiere feierte. Noch vor „Citizen Kane“ hatte der Regisseur erwogen, Joseph Conrads „Herz in der Finsternis“ zu drehen. Das Projekt wurde aber bald verworfen, so dass die berühmteste Filmumsetzung von Conrads Roman Francis Ford Coppola 1979 unter dem Titel „Apocalypse Now“ lieferte.

    Als Schauspieler wirkte Orson Welles in mehr als achtzig Filmen mit, auch in kleinen Nebenrollen, etwa in John Hustons „Moby Dick“ (1965, mit Gregory Peck in der Hauptrolle). Einen größeren Part bekam Wells ein Jahr später in Fred Zinnemanns mit sechs Oscars ausgezeichneten „Ein Mann zu jeder Jahreszeit“ („A Man for All Seasons“) über die Weigerung des Thomas Morus, der Scheidung von König Heinrich VIII. und damit der Trennung von Rom zuzustimmen. Orson Welles verkörperte Lordkanzler Kardinal Wolsey, der vergeblich Morus (Paul Scofield) umzustimmen sucht. Aber als Welles' Paraderolle bleibt seine Darstellung des Harry Lime in Carol Reeds „Der dritte Mann“ („The Third Man“, 1949) in Erinnerung. Die thrillermäßige Handlung über den Medikamenten-Schwarzmarkt und die von Anton Karas gespielten Zitherklänge des Harry-Lime-Themas haben sich in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. Zur Wirkung von „Der dritte Mann“ trugen jedoch auch die expressionistischen Kameraeinstellungen bei, die unweigerlich an „Citizen Kane“ erinnern.

    Noch ehe sich Orson Welles dem Film zuwandte, wurde er durch sein auf H.G. Wells? Science-Fiction-Roman „Der Krieg der Welten“ basierendes Hörspiel „War of the Worlds“ berühmt. Die fiktive Reportage soll 1938 eine Massenpanik ausgelöst haben – eine Erinnerung daran liefert beispielsweise Woody Allen in seinem Film „Radio Days“ (1987). In die Geschichte eingegangen ist Orson Welles aber insbesondere als Regisseur eines der „besten Filme aller Zeiten“, „Citizen Kane“.