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    Dekalog der Postmoderne: „Nichts was unmenschlich ist, ist mir fremd“

    Bischöfe kritisieren Biopolitik im Zeitalter des „zivilisierten Barbarismus“

    Marx: „Zielrichtung von Humanae vitae hat an Stärke gewonnen“

    „Stummen eine Stimme geben“ prangte es in großen Lettern, schwarz auf weiß auf einem der zahlreichen Plakat- und Anzeigenmotive, mit denen das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) bundesweit für die Teilnahme am 97. Katholikentag warb. Und als fürchtete das ZdK, von der unabhängigen Medienlandschaft in Deutschland missverstanden werden zu können, stellte das Kleingedruckte unmissverständlich klar, dass dieser Aufruf keineswegs dem Lebensschutz galt, sondern der „Vision“ einer „unabhängigen Medienlandschaft in Afrika“. Verantwortlich dafür, dass der Lebensschutz während des Katholikentags, wenngleich nicht im offiziellen Programm, dennoch zur Sprache kam, ist denn auch nicht das ZdK, sondern – sieht man einmal von den Ständen der Lebensrechtler auf der „Kirchenmeile“ ab – der Professor für Christliche Sozialwissenschaften am Institut für Katholische Theologie der Universität Osnabrück, Manfred Spieker.

    Spieker: Die Kirche muss den Stummen eine Stimme geben

    Gleich zwei Veranstaltungen der von Spieker in diesem Sommersemester angebotenen 13-teiligen Ringvorlesung „Biopolitik – Probleme des Lebensschutzes in der Demokratie“ fanden parallel zum Katholikentag statt. Jene mit dem großen Philosophen Robert Spaemann (vgl. DT vom 27. Mai) sowie eine, in der gleich drei Bischöfe über die Biopolitik in ihren jeweiligen Heimatländern berichteten und unmissverständlich Stellung bezogen.

    Den Anfang machte freilich der Gastgeber. In seiner Einleitung verwies Spieker darauf, der mit seiner Ringvorlesung während des Katholikentags in einen Vortragssaal der Volkshochschule ausgewichen war, dass der Lebensschutz lange Zeit kein Gegenstand der christlichen Gesellschaftslehre gewesen sei. Dies sei solange unproblematisch gewesen, „wie der Lebensschutz durch staatliche Gesetze sichergestellt wurde“. Weil aber das inzwischen anders geworden sei, zähle es heute zu den vorrangigen Aufgabe der Kirche, den tatsächlich „Stummen eine Stimme zu geben“. Spieker berief sich dabei auf Papst Johannes Paul II., der geäußert habe, dass die Sorge der Kirche, die im 19. Jahrhundert berechtigterweise den Arbeitern gegolten hätte, heute den ungeborenen Menschen gelten müsse.

    Die selbstgestellte, rhetorische Frage, ob die Kirche dies begriffen habe, beantwortet der Sozialwissenschaftler mit einem „mal mehr, mal weniger“ und fügte hinzu: „In den USA mehr, in Deutschland weniger“. Als positiv wertete Spieker, dass sich die katholischen Bischöfe in Deutschland „alle einmütig, wenn auch nicht alle gleich laut“ gegen eine Novellierung des Stammzellgesetzes ausgesprochen hätten.

    Klare Worte scheuten auch die Bischöfe auf der Veranstaltung nicht. Den Auftakt machte der Erzbischof von Lublin, Jozef Zycinski. In Polen sei die biopolitische Situation eine völlig andere als in Deutschland. Weil es an Geld mangele, gebe es etwa keine staatliche Unterstützung für künstliche Befruchtungen, die in Polen etwa rund 3 000 Euro kosteten und für eine Zielgruppe von rund einer Million an Unfruchtbarkeit leidenden Polen interessant sei. Wie Deutschland habe auch Polen, das rund 38 Millionen Einwohner zählt, die stark umstrittene Bioethik-Konvention des Europarates bislang nicht ratifiziert. Aus diesen Gründen besäßen die Debatten, die in Polen derzeit über bioethische Fragen geführt würden, oft einen eher theoretischen Charakter. Ihre Auswirkungen für das geistige Klima dürften jedoch keineswegs unterschätzt werden. „Extrem liberale Kreise“ würden auch in Polen die Lehren des australischen Philosophen Peter Singer und des britischen Biologen Richard Dawkins wiederholen. Positiv sei, so der Oberhirte von Lublin, dass sich der Sprachgebrauch gegenüber der marxistischen Epoche Polens deutlich verändert habe, und der Embryo inzwischen überwiegend als „Mensch im embryonalen Stadium“ bezeichnet werde.

    Gleichwohl gestalte sich die Verwirklichung der katholischen Lehre, die wie Zycinski klarstellte, schon deshalb keine Sonderlehre sein könne, „weil in der Vergangenheit jeder von uns ein Embryo war“, im postmodernen „Zeitalter des zivilisierten Barbarismus“ schwierig. Der Dekalog der Postmodernen könne, zitierte Zycinski abschließend den französischen Philosophen André Glucksmann, auf die Formel gebracht werden: „Nichts was unmenschlich ist, ist mir fremd.“

    Der Erzbischof von München und Freising Reinhard Marx setzte sich in seinem Statement zunächst mit den Versäumnissen der Kirche in Deutschland, beginnend mit der Zeit des Nationalsozialismus, auseinander. Damals habe die Kirche der Einteilung in „wertes und unwertes Leben“, die in der Neuzeit eine „neue Qualität“ bekommen habe, zwar deutlich widersprochen, wenn auch „nie zu hundert Prozent“. Als dann Papst Paul VI. der Kirche die Enzyklika „Humanae vitae“ geschenkt habe, da seien er und seine Altersgenossen „eigentlich dagegen gewesen“. Er sei, erinnerte sich der Erzbischof, damals Schulsprecher gewesen „und irgendwie war uns das peinlich“. Heute sehe er das freilich „ganz anders“.

    Man könne sicher auch heute noch über die Sprache und einzelne Formulierungen diskutieren, aber die „Zielrichtung der Enzyklika, die Zeugung nicht vom Geschlechtsakt zu trennen, hat an Stärke gewonnen“, so Marx. Versäumnisse gebe es auch bei der Rezeption der „Instruktion der Kongregation für die Glaubenslehre über die Achtung vor dem beginnenden menschlichen Leben und die Würde der Fortpflanzung“ (Donum vitae). Während einige Moraltheologen die homologe Insemination (künstliche Befruchtung innerhalb der Ehe) als erlaubt ansähen, lehre „Donum vitae“ das Gegenteil.

    In der Scheinfrage hätten die Bischöfe schließlich „lernen müssen, dass in einer pluralen Gesellschaft manchmal das Wichtigste ein eindeutiger Standpunkt ist“. Auch sei die Enzyklika „Veritatis splendor“ hierzulande noch nicht hinreichend rezipiert worden. Zu wenig beachtet werde, dass das „intrinsische Übel“ (das in sich Schlechte), nicht bloß ein „geringeres Übel“ sei. Werde die Lehre vom geringeren Übel mit dem technischen und ökonomischen Imperativ verknüpft, so führe das zwangsläufig auf eine ethisch abschüssige Bahn, so Marx.

    Der Salzburger Weihbischof Andreas Laun sparte in seinem Statement nicht mit Kritik an der Politik. Die Politik müsse der Natur des Menschen Rechnung tragen. Angesichts der demografischen Entwicklung, der Lage der Familien und des Lebensschutzes sei es an der Zeit, sich Gedanken über eine „artgerechte Haltung des Menschen zu machen“. Niemand käme auf die Idee „Ölquellen einfach abzufackeln“. Dennoch würden ungeborene Kinder, die wichtigste Ressource der Gesellschaft, nach wie vor massenhaft abgetrieben. Angesichts dieser Lage sei es eine Illusion zu glauben, dass die Euthanasie nicht kommen werde. Wenn Menschen getötet werden dürften, „die noch alles vor sich haben, dann wird dies auch nicht anders sein bei Menschen, die bereits alles hinter sich haben“, sagte Laun.

    Als unvereinbar mit einer seiner Natur entsprechenden „artgerechten Haltung des Menschen“ nannte Laun ferner, dass der Staat sich anschicke, „brutal nach der Kindererziehung zu greifen“, die Gender-Ideologie und den Irrglauben der „absoluten Autonomie des Menschen“. Christliche Politiker seien heute gefordert, sich vom „Zwang der Mehrheit“ zu lösen und den „Zwang der Vernunft“ zu entdecken.

    Beziehung zwischen Bischöfen und Lebensrechtlern verbessern

    In der anschließenden Diskussion kritisierte Spieker, dass die Bischöfe in Deutschland, anders als etwa in den USA und in Italien, die Lebensschutzbewegung seit Jahren ignorierten. Erzbischof Marx räumte ein, dass die Beziehungen zwischen der Deutschen Bischofskonferenz und den Lebensrechtlern „enger“ sein könnten, und „verbessert“ werden müssten. Allerdings sei es auch nicht leicht, die verschiedenen Gruppen an einen Tisch zu bekommen. Hier sei „Arbeit von beiden Seiten erforderlich“. Verbessert werden müsse laut Marx auch die „Kampagnenfähigkeit der Kirche in einer pluralen Gesellschaft“. Das sei keine Absage an die plurale Gesellschaft „die wir wollen und die die Grundlage der Demokratie ist“. Aber um sich in einer solchen Gesellschaft stärker Gehör zu verschaffen, benötige die Kirche ein „öffentlichkeitswirksames mediales Konzept“.

    Als einen Grund für dessen Fehlen nannte Marx die „starke Zersplitterung“ des politischen Katholizismus in Deutschland. Dem pflichtet auch Erzbischof Zycinski bei. Auf der einen Seite gebe es heute „extrem liberale Katholiken, die im Grunde keinen Glauben“ besäßen und die Lehre der Kirche als ein „dekoratives Element“ betrachteten, auf der anderen Seite, gäbe es „radikale Katholiken“, die auf keinem Feld zu Kompromissen bereit seien und sich stets im Recht wähnten.

    Schließlich ging Marx auch noch auf die jüngst von Bundestag beschlossene Novellierung des Stammzellgesetzes ein. Eine „klassische Dilemma-Situation“ habe hier nicht vorgelegen, wie auch die Lektüre von „Evangelium vitae“ (Nr. 73) zeige. Die Zustimmung für eine Weigerung, den Stichtag zu verlegen, hätte laut Marx größer sein können, „wenn es keine ökumenischen Irritationen gegeben hätte und Frau Schavan nicht in die falsche Richtung marschiert wäre“. Auch die Rolle von Ethikkommissionen weckten bei den Bischöfen zumindest gemischte Gefühlen. Während Weihbischof Laun erklärte, die „beste Ethikkommission“ habe am Sinai getagt und nur aus „Gott und Mose“ bestanden, sagte Marx, Ethikkommissionen seien nicht „nur hilfreich, sondern würden mitunter auch als Möglichkeit verstanden, die Kirche domestizieren zu können“.

    Die Gefahr, dass es dazu kommt, schien angesichts solcher Hirten, zumindest in Osnabrück, in sehr weiter Ferne zu liegen.

    Von Stefan Rehder