• aktualisiert:

    Dein Herz aber bleibt bei uns...

    „Hut ab, ihr Herren, ein Genie.“ Was Robert Schumann über den zwanzigjährigen Frédéric Chopin geschrieben hat, ist kein unbesonnenes Kompliment. Der bisweilen gnadenlos kritische deutsche Komponist hat in dem jungen Polen den Schöpfer einer neuen Klavierkunst erkannt. Chopins Klavierstücke haben damals ihr Publikum im Sturm genommen und halten die Seelen der Zuhörer bis heute besetzt.

    „Hut ab, ihr Herren, ein Genie.“ Was Robert Schumann über den zwanzigjährigen Frédéric Chopin geschrieben hat, ist kein unbesonnenes Kompliment. Der bisweilen gnadenlos kritische deutsche Komponist hat in dem jungen Polen den Schöpfer einer neuen Klavierkunst erkannt. Chopins Klavierstücke haben damals ihr Publikum im Sturm genommen und halten die Seelen der Zuhörer bis heute besetzt.

    Vorbei die Zeiten, da Chopin als Salon-Komponist galt, als Verfasser süßlicher Kantilenen, den man im Vergleich mit den titanischen Schöpfungen eines Beethoven nicht allzu ernst nehmen müsse. Zu seinen Lebzeiten riefen der Bruch mit der musikalischen Konvention, die Neuheit seiner Mittel, die Intensität des Ausdrucks, die stupende pianistische Technik die Kritiker auf den Plan. Später war es der edle Klavier-Belcanto seiner Melodien, der Argwohn weckte. Gerne übersah man, wie untadelig in Technik und Konzeption der beinahe quälerisch selbstkritische Chopin seine Kompositionen in mühevollem Prozess geschaffen hat. Heute liebt die Welt den Polen, wird ihm niemand mehr voreilig „widerwärtige Verrenkungen“ oder „bizarre Originalität“ vorwerfen, wie es der Berliner Kritiker Ludwig Rellstab 1833 getan hat.

    Der Keim eines großen Talents

    Vor 200 Jahren erblickte Chopin das Licht der Welt. Angeblich sollen auf dem Hof von ¯elazowa Wola reisende Musikanten Mazurken gespielt haben, als der kleine Fryderyk Franciszek geboren wurde. Auf dem Gut westlich von Warschau war der Vater, ein Franzose aus Lothringen, als Hauslehrer beschäftigt. Geburts- und Taufurkunde nennen den 22. Februar als Geburtstag; in der Familie galt jedoch der 1. März als richtiges Datum, das auch Chopin selbst stets angegeben hat. Heute geht die Forschung davon aus, dass Vater Mikolaj sich um eine Woche verrechnet hat und den Fehler ebenso wenig korrigieren ließ wie etwa die Schreibung seines Namens als „Choppen“ im Taufdokument.

    Noch im Geburtsjahr 1810 zieht das Baby mit seinen Eltern nach Warschau. Dort erhält der Vater eine Stelle am Lyceum und betreibt mit seiner Frau Justyna eine Pension für Schüler. „Frycek“, wie seine Mutter das Kind in Briefen liebevoll nennt, erweist sich als sensibel und begabt. Mit sechs bekommt er in Woyciech Zywny seinen ersten Lehrer. Der Vater notiert die ersten Kompositionen, zwei Polonaisen in g-Moll und B-Dur, die den „Keim eines großen Talents“ erkennen lassen und neben den Werken eines damals beliebten Polonaisen-Komponisten wie Micha³ Kleofas Ogiñski bestehen können.

    Eine solche Begabung kann nicht lange verborgen bleiben. Doch Vater Chopin zögert länger, bis er den Bitten des Fürsten Radziwill nachgibt: Fryderyk tritt im Februar 1818 bei einem Wohltätigkeitskonzert auf. Fortan reißen sich hohe und höchste Herrschaften um den Knaben. Doch der liebenswürdige Pädagoge lässt nicht zu, dass sein Sohn als Wunderkind verheizt wird: Fryderyk beginnt mit zwölf ein Studium beim Gründer des Warschauer Konservatoriums, dem Schlesier Josef Elsner. Er absolviert Mittelschule und Konservatorium. Elsner bescheinigt ihm „besondere Begabung, musikalisches Genie“. Chopin schreibt Polonaisen und Walzer, angeregt von Volksmusik, die er bei Besuchen auf dem Lande kennengelernt hatte. In Warschau brilliert er als junger Virtuose. Fasziniert vor allem von den Problemen pianistischer Technik und seiner Fähigkeit, sie leicht zu bewältigen, erhält der junge Chopin in Wilhelm Wac³aw Würfel einen erstrangigen Führer durch die Klavierwelt, vor allem durch den damals modernen „style brillant“ eines Hummel, Ries oder Kalkbrenner.

    Chopin war sich seines Werts bewusst. Er sehnt sich danach, andere europäische Musikzentren zu besuchen. Der Achtzehnjährige reist nach Berlin, hört Opern wie Webers „Freischütz“ und findet Händels „Cäcilien-Ode“ dem Ideal entsprechend, das er sich von großer Musik gebildet hatte. Er will sich seinen Platz unter den führenden Musikern Europas erobern, reist 1829 nach Wien. Man muss ihn überreden, seine – lebenslang anhaltende – Panik vor öffentlichen Auftritten in großem Rahmen zu überwinden. Mit zwei Konzerten gewinnt er die Anerkennung der Presse: „Herausragender Pianist, voll Zartheit und tiefster Empfindung“. Seine Liebe zur Konservatoriumsschülerin Konstancja G³adkowska wagt der schüchterne Chopin nicht zu gestehen; das Mädchen bleibt für ihn Quelle der Sehnsucht und Inspiration. 1830 schafft Chopin, inspiriert von den Vorbildern des Iren John Field, seine ersten Nocturnes, intime Miniaturen voll träumerischer Poesie und klanglichem Zauber.

    Der ersehnte Ruhm ist für den jungen Musiker nur außerhalb Polens zu gewinnen. Doch in ganz Europa brechen Unruhen aus; Russland will junge Polen zu den Waffen rufen, es riecht nach Aufruhr. Der Vater drängt zur Abreise. Schweren Herzens nimmt Chopin Abschied von der Heimat. Elsner und ein paar Studenten halten in einem Vorort seine Kutsche an, überreichen ihm eine Silberschale mit polnischer Erde und singen ein eigens komponiertes Lied: „Geboren im polnischen Land, soll Dein Talent überall glänzen“. Wenn Du auch unser Land verlässt, bleibt doch Dein Herz bei uns.“ Als hätten sie gewusst, dass Chopin seine Heimat nie mehr wiedersehen sollte.

    Über Breslau, Dresden und Prag reist er nach Wien. Er komponiert; die traditionelle Sonatenform erfüllt seine Anforderungen an eine neue „romantische“ Musik nicht mehr. Komplexe Struktur und abwechslungsreicher emotionaler Verlauf – dafür schienen ihm Formen wie Scherzo und Ballade geeigneter. Voll Sorge wegen des polnischen Aufstands und erfüllt von Heimweh vergehen die Tage. Auf die Nachricht von der Einnahme Warschaus durch die Russen reagiert er in düsteren Tagebuch-Einträgen: „Ich verzweifle – aber was hilft es? – Gott! Gott! Bewege die Erde, sie soll die Unmenschen dieses Jahrhunderts verschlingen.“ Endlich, im Juni 1831, erhält er einen Pass. Über München und Stuttgart geht es nach Paris, in die Stadt, die ihm zum endgültigen Durchbruch verhelfen sollte. Dank der Fürsprache des Komponisten und Hofkapellmeisters Ferdinand Paër öffnen sich dem jungen Polen die Tore zur Pariser Musikwelt.

    Der Durchbruch gelingt mit einem Konzert in den „Salons Pleyel“. Chopin spielt mit überwältigendem Echo sein Klavierkonzert f-moll. Binnen weniger Tage ist er berühmt. Jetzt endlich hat er genug Klavierschüler, lebt in geordneten Verhältnissen. Die Pariser Gesellschaft ist entzückt, doch Frédéric Chopin plagen Heimweh und Depressionen. Hört man sie aus der Wehmut der Polonaisen und Mazurken, die in diesen Jahren entstehen?

    Das „grässliche Gemisch von Gefühlen“ sollte Chopin sein Leben lang begleiten. In Dresden und Leipzig, wo er 1835 Mendelssohn-Bartholdy und das Ehepaar Schumann kennenlernt, begegnet ihm auch eine siebzehnjährige Polin, Maria Wodzinska, in die er sich hemmungslos verliebt. Doch die Familie löst die Verlobung. Chopin bricht das Herz. Die Briefe Marias bündelt er, steckt sie in einen Umschlag, versiegelt ihn und schreibt darauf: „Mein Unglück“.

    Rückkehr zur Kirche

    Glücklicher war für ihn der Sommer 1838: Chopin erliegt der Werbung von Madame Dudevant, besser bekannt als George Sand. Die unkonventionelle, Zigarren rauchende Person in Männerkleidern hat er beim ersten Kennenlernen als „unsympathisch“ empfunden. Doch die emanzipierte Schriftstellerin lässt nicht locker. Chopin, beeindruckt von der Intelligenz und Erfahrung der sechs Jahre älteren Frau, fühlt sich immer mehr zu ihr hingezogen. Im Winter 1838/39 verbringen die beiden den literarisch berühmt gewordenen „Winter in Mallorca“. Bis zum Bruch – aus bis heute nicht geklärten Gründen – im Jahr 1847 leben sie zusammen.

    Sein Leben lang litt Chopin an einer Krankheit, die ihm den frühen Tod bereitete. Man hielt sie für Tuberkulose, neue Erkenntnisse sprechen von Mukoviszidose. Die Trennung von George Sand lässt seine Gesundheit dramatisch schlechter werden. Die Fürsorge der Freunde, der Rat der Ärzte stellen ihn so weit her, dass er am 16. Februar 1848 ein Konzert in der Salle Pleyel geben kann – es sollte sein letzter Pariser Auftritt werden.

    Schülerinnen überreden ihn zu einer Reise nach London und Schottland, von der er todkrank zurückkehrt. Am 16. November 1848 spielt er in London zum letzten Mal öffentlich. Anfang 1849 entsteht als letztes unvollendetes Werk eine Mazurka. Als Chopin das Bett nicht mehr verlassen kann, setzt eine Pilgerfahrt an sein Krankenlager ein. Unter den Besuchern ist auch ein polnischer Priester, Aleksander Je³owicki. Chopin kennt ihn noch aus seiner Warschauer Schulzeit. Vergeblich versucht Je³owicki, den distanzierten Chopin in den Schoß der Kirche zurückzuholen.

    Erst fünf Tage vor seinem Tod lässt sich Chopin überreden, den Pater zu empfangen. Auf Bitten seiner Schwester und anwesender Freunde beichtet er und empfängt Krankensalbung und Eucharistie. Am 17. Oktober 1849, nachts gegen zwei Uhr, stirbt Chopin. Seine sterbliche Hülle wird nach dem Requiem in der Kirche La Madeleine auf dem Pariser Friedhof „Pere Lachaise“ beigesetzt. Doch sein Herz soll, wie es beim Abschied aus Warschau gesungen wurde, auf seinen ausdrücklichen Wunsch hin in der Heimat ruhen: In einer Cognacflasche soll es seine Schwester nach Warschau mitgenommen haben, wo es in der Heilig-Kreuz-Kirche ruht.

    Von Werner Häußner