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    „Das wiedervereinigte Deutschland stellt sich hier seiner Vergangenheit“

    Eine neue Erinnerungsstätte: Zum 70. Jahrestag des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 („Operation Walküre“) wurde am ehemaligen Sitz des Ersatzheeres im Oberkommando des Heeres „Bendlerblock“, der jetzigen „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“, die Dauerausstellung „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ nach aktuellen museumspädagogischen Gesichtspunkten neu gestaltet. Dadurch, dass die alte kleinteilige Struktur aus an Fluren aneinandergereihten ehemaligen Diensträumen aufgebrochen wurde, entstanden großzügige Räume. Zusammen mit der hellgrauen Farbigkeit der Wände und den hellgrünen Tonakzenten schaffen sie einen im Vergleich zur alten Ausstellung überaus freundlicheren Raumeindruck.

    Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Die Dauerausstellung ist neu eröffnet, hier mit dem Themenbereich „Stauffenberg und d... Foto: Georg Engels, Braun Engels Gestaltung (Ulm)

    Eine neue Erinnerungsstätte: Zum 70. Jahrestag des Umsturzversuches vom 20. Juli 1944 („Operation Walküre“) wurde am ehemaligen Sitz des Ersatzheeres im Oberkommando des Heeres „Bendlerblock“, der jetzigen „Gedenkstätte Deutscher Widerstand“, die Dauerausstellung „Widerstand gegen den Nationalsozialismus“ nach aktuellen museumspädagogischen Gesichtspunkten neu gestaltet. Dadurch, dass die alte kleinteilige Struktur aus an Fluren aneinandergereihten ehemaligen Diensträumen aufgebrochen wurde, entstanden großzügige Räume. Zusammen mit der hellgrauen Farbigkeit der Wände und den hellgrünen Tonakzenten schaffen sie einen im Vergleich zur alten Ausstellung überaus freundlicheren Raumeindruck.

    Ziel der neu konzipierten Ausstellung, so der Leiter der Gedenkstätte Johannes Tuchel bei der feierlichen Eröffnung der Ausstellung in Gegenwart von Bundeskanzlerin Angela Merkel und des Regierenden Bürgermeisters von Berlin Klaus Wowereit, sei, Menschen zu zeigen, die den Widerstand wagten: „Was sie motivierte, was sie taten, was sie auf sich nahmen“ im Gegensatz zu den Angepassten im Nazi-Deutschland. Die Dauerausstellung besteht aus 18 Themenbereichen. Dazu gehören der Widerstand aus der Arbeiterbewegung, der Widerstand aus christlichem Glauben und der Widerstand von Künstlern und Intellektuellen. Dargestellt wird ebenso das Attentat Georg Elsers vom 8. November 1939 wie der Umsturzversuch vom 20. Juli 1944, der Kreisauer Kreis, der Widerstand von Jugendlichen, die Weiße Rose und die Rote Kapelle. Dazu kommen die sogenannten „stillen Helden“ und der Widerstand von Juden sowie von Sinti und Roma. Im Innenhof des Bendlerblocks befinden sich darüber hinaus die Bronzestatue „Junger Mann mit gebundenen Händen“ sowie eine Gedenktafel mit den Namen der am 20. Juli 1944 erschossenen Offiziere.

    Diese breitgefächerte Ausstellung verdeutliche, so Johannes Tuchel, dass es „Handlungsspielräume, Alternativen zur Anpassung“ gab. „In der Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus steht die Frage nach den Handlungsspielräumen des Einzelnen unter den Bedingungen der Diktatur im Zentrum der übergreifenden Fragestellung. Die Auseinandersetzung mit dem Widerstand gegen den Nationalsozialismus besitzt so nicht nur eine historische, sondern auch eine prinzipielle Dimension, denn sie schärft den Blick für die Verletzung von demokratischen Grundwerten und Menschenrechten zu jeder Zeit und an jedem Ort und für mögliche Reaktionen darauf.“

    Auf diese prinzipielle Dimension ging Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrer Rede ein. Dazu zitierte sie Henning von Tresckow: „Das Attentat muss erfolgen (...). Sollte es nicht gelingen, so muss trotzdem in Berlin gehandelt werden. Denn es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass die deutsche Widerstandsbewegung vor der Welt und vor der Geschichte unter Einsatz des Lebens den entscheidenden Wurf gewagt hat. Alles andere ist daneben gleichgültig.“ Die am Widerstand Beteiligten hätten sich zuletzt einzig ihrem Gewissen und nicht oder nicht mehr dem Staat und seiner Diktatur verpflichtet gefühlt.

    Dennoch seien die Widerständler eine kleine Minderheit gewesen, so Bundeskanzlerin Merkel: „Viel zu viele Deutsche haben den Aufstieg der Nationalsozialisten 1933 mitgetragen oder gar begeistert gefeiert. Viel zu viele schauten in den Jahren danach einfach weg oder zuckten nur mit den Schultern, wenn ihre jüdischen Nachbarn benachteiligt, verfolgt, abgeholt, deportiert, gequält und ermordet wurden.“ Dies übertrage „eine immerwährende Verantwortung für die Zukunft“. Dies „sind wir nicht nur den Opfern, sondern auch uns selbst heute schuldig.“ Das Aufbegehren gegen den millionenfachen Mord zeige allerdings auch „ein anderes Deutschland“. Damit hätten die Frauen und Männer des Widerstands „Anknüpfungspunkte für einen Neuanfang nach 1945 (geschaffen) – für ein Deutschland, das die unantastbare Würde des Menschen als ersten Satz in seinem Grundgesetz verankert hat“.

    Der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit schloss in seiner Würdigung der „Männer des 20. Juli“ ausdrücklich ihre Frauen ein, weil sie es „mitgetragen haben und auch Mit-Leidtragende wurden“. Darüber hinaus wies der Regierende Bürgermeister von Berlin darauf hin, dass in der Gedenkstätte Deutscher Widerstand „endlich Bedeutung erlangte, was lange Zeit keine Beachtung fand“. Aufgrund von Ressentiments seien sie lange Zeit als Verräter angesehen worden: „Man traute ihnen nicht recht über den Weg.“ Nachdem im Kalten Krieg auch über Deutungshoheit und die Geschichtsbilder gestritten worden sei, habe endlich die Wiedervereinigung ein Fenster für eine neue Deutung der deutschen Verantwortung geöffnet. „Das wiedervereinigte Deutschland stellt sich im Bendlerblock seiner Vergangenheit.“ Wowereit hob ebenfalls hervor, dass die Gedenkstätte „nicht von oben verordnet wurde, sondern auf die Initiative von Überlebenden und ihren Angehörigen zurückgeht“, die sich dafür eingesetzt haben. Sie sei deshalb „Ausdruck bürgerlicher Verantwortung“. Dass die Dauerausstellung nicht nur den Männern und Frauen des 20. Juli gewidmet sei, sondern weiteren Personen des Widerstands, zeige dass „Widerstand in allen Teilen der Gesellschaft vorhanden war, was die Angepassten umso stärker ins Unrecht setzt.“

    Gedenkstätte Deutscher Widerstand. Stauffenbergstraße 13–14, 10785 Berlin. Eingang über den Ehrenhof. Der Eintritt ist frei.