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    Das vorrangige Ziel ist die Ganztagsschule

    In ihrem „Chancenspiegel 2013“ sieht die Bertelsmann Stiftung noch immer keine Chancengerechtigkeit in der Leistungsfähigkeit der deutschen Schulsysteme verwirklicht. Auch wenn es eine leichte Verbesserung gebe. Das Ergebnis ist deshalb so bedeutend, weil Bildungschancen Lebenschancen sind, wie es in der Studie heißt. Die Frage ist nur, wie kommt die Stiftung zu ihren Ergebnissen und sind sie wirklich repräsentativ?

    Die Ganztagsschule soll alle Zweifel an der Bildungstheorie beseitigen. Aber Ob im Schultyp der einzige Weg zur Förderun... Foto: dpa

    In ihrem „Chancenspiegel 2013“ sieht die Bertelsmann Stiftung noch immer keine Chancengerechtigkeit in der Leistungsfähigkeit der deutschen Schulsysteme verwirklicht. Auch wenn es eine leichte Verbesserung gebe. Das Ergebnis ist deshalb so bedeutend, weil Bildungschancen Lebenschancen sind, wie es in der Studie heißt. Die Frage ist nur, wie kommt die Stiftung zu ihren Ergebnissen und sind sie wirklich repräsentativ?

    Es waren die Universitäten Universitäten Dortmund und Jena, die an der Studie beteiligt waren. Ein Blick auf die Ziele des Instituts für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Technischen Universität Dortmund zeigt, dass es hier um Chancengleichheit im zentralisierten Abitur und um Kompetenzerwerb gehen soll. Dabei ist in Erinnerung zu rufen, dass der Begriff der Kompetenzentwicklung um das Jahr 2000 den bis dahin populären Gedanken der Schlüsselqualifikation abgelöst hat. Es ging also etwa in Mathematik nicht mehr primär darum, gut rechnen zu können, sondern Lösungswege, also Kompetenzen, zu lernen. Was aber ein Verlust in der routinemäßigen Beherrschung des Rechnens ist. Unter den Forschungszielen des IFS werden das bundesweite Zentralabitur und die Ganztagsschule genannt. Das Institut zielt also auf Vereinheitlichung des Schulsystems ab, um den Zugriff von Seiten des Staates auf die Schüler den ganzen Tag ausüben zu können und diese Kontrolle zentral zu verwalten. Interessant ist, in diesem Zusammenhang in der Chancenstudie zu lesen, dass die Ganztagsschule die Förderschule allmählich überflüssig macht. Wobei die Ganztagsschule ja damit erzwungen wurde, dass das neunjährige Gymnasium zugunsten des achtjährigen abgeschafft wurde und man nun mehr Zeit zum Unterrichten brauchte, so hieß es. In der Ganztagsschule sieht der Chancenspiegel die eigentliche Möglichkeit, Defizite im Bildungswesen abzubauen.

    In der Durchlässigkeit zum Gymnasium sieht die Studie noch immer einen erheblichen Mangel – hier habe sich wenig verändert. Die geringe Durchlässigkeit gilt für alle Schulsysteme. Und der Bildungserfolg hänge im Grundschulbereich noch immer stark von der sozialen Herkunft der Schüler ab: „Bei Kindern aus Familien höherer Sozialschichten lässt sich bei der Lesekompetenz bundesweit ein durchschnittlicher Vorsprung vor Kindern aus Familien niedrigerer Sozialschichten von 81 Punkten messen. Das entspricht einem Leistungsvorsprung von etwa einem Schuljahr.“ Die mangelhafte Förderung von Schülern knüpft die Studie im wesentlichen an die geringen Investitionen ins Bildungswesen. Doch auch hier steht die Förderung nur im Zusammenhang mit dem Gedanken der Ganztagsschule: „Mit Blick auf die empirische Forschung gilt aber gerade die gebundene Ganztagsschule als wirksamer im Hinblick auf die Bildungschancen der Kinder und Jugendlichen.“

    Wird hier nicht bei allem empirischen Messen und Vergleichen unterschlagen, dass Förderung etwas mit der Qualität der fördernden Maßnahmen zu tun hat? Man vermisst in der Studie den Nachweis, warum das Heil ausschließlich in der Ganztagsschule liegen soll und nicht in der Qualität des Förderns selbst, anstatt in der Qualität des Schultyps. Stattdessen heißt es: „Bis auf Niedersachsen haben die Bundesländer beim Ausbau der Ganztagsschule vor allem in die offene Form investiert – und nicht in die gebundene Form, die eher allen Schülern zugutekommt und soziale Benachteiligungen mindert.“ Und warum will die Bertelsmann-Studie die gebundene Ganztagsschule? Dieser Schultyp bedeutet: Die Schüler haben an mindestens vier Wochentagen zuverlässig nachmittags Schule. Die Anwesenheit am Nachmittag ist an allen Tagen verbindlich. An der offenen Ganztagsschule sind die Nachmittage wahlweise ganztägig. Die gebundenen Ganztagsklassen werden auch von der ersten bis zur vierten Klassen eingeführt, im Unterschied zum offenen Schultyp. Wird dies flächendeckend verwirklicht, dann wären die Kinder von der Ganztagskita bis zum Abitur die ganze Woche ganztägig unter staatlicher Aufsicht. Nur so, behauptet die Studie, sei effiziente Förderung möglich und Investition in Schulbildung sinnvoll. Weil die südlichen Bundesländer den Schulen mehr Wahlfreiheit bezüglich des offenen und gebundenen Schultyps lassen, kommt die Studie zu der Aussage: „Die Chancen, eine Ganztagsschule zu besuchen, sind in den Stadtstaaten und im Osten höher als im Süden Deutschlands.“ Chancengleichheit wird also immer vor dem Hintergrund des Einheitsgedankens im Hinblick auf den Schultyp, die Ganztagsschule, untersucht. Ohne die Frage zu beantworten, warum das so sein muss. Förderung im freien Wettbewerb der Schultypen ist in der Chancenstudie kein Thema.

    Die Durchlässigkeit von der Grundschule auf das Gymnasium sieht die Studie als besonderes Manko. In Berlin, Brandenburg, Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern ist der Übergang am häufigsten, die mittleren Anteile haben Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt sowie Thüringen und die geringste Zahl der Übergänge gibt es in Baden-Württemberg, Bayern, Bremen und Schleswig-Holstein. Dass hier zuletzt Bayern und Bremen unter den Ländern mit den geringsten Übergängen genannt sind, die in ihren Anforderungen immer als höchst verschieden eingestuft wurden, zeigt die Problematik, hier noch verbindliche Kriterien der Messung aufstellen zu können: „Die vermehrte Entkopplung von Schulart und Schulabschluss durch neu etablierte Schularten lässt nicht mehr zwangsläufig einen Rückschluss von besuchter Schulart auf den wahrscheinlich zu erwerbenden Abschluss zu.“ Solche Unterschiede sind es, die die Forderung nach einem Zentralabitur aufkommen lassen.

    Die Macher der Studie bemängeln grundsätzlich, dass Kitas und Schulen zu wenig Geld erhalten. Weil der Chancenspiegel als Grundlage für Wissenschaft und Politik verstanden wird, wurde bei der Vorstellung der Studie ein Nationaler Bildungsrat empfohlen, der für mehr Geld und Reformen sorgen soll. Also auch hier der Einheitsgedanke, der den Föderalismus der Bildung durch nationale Entscheidungen ersetzen und regelmäßig Vergleiche zwischen den Bundesländern durchführen soll.

    Es muss bedauert werden, dass im „Chancenspiegel 2013“ immer nur auf die Veränderung von Strukturen gesetzt wird und nicht auf die Vermittlung von Lehrinhalten, wie bei dem eingangs erwähnten Unterschied von Kompetenzen und Schlüsselqualifikationen. Dass die „Chancengerechtigkeit eher im Schneckentempo vor-angeht“, muss keineswegs nur am Schultyp liegen. Und schon gar nicht am Fehlen von Ganztagsschulen.