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    „Das verlorene Paradies“

    Vor 400 Jahren begann im Herzen Südamerikas das vielleicht größte missionarische Werk der katholischen Kirche, das zur Christianisierung eines ganzen Kontinents führte. Im „Jesuitenstaat von Paraguay“ führten Jesuiten die bis dahin nomadisch lebenden Indianer in festen Siedlungen zusammen, in sogenannten Reduktionen, in denen gemeinschaftlich gelebt und gearbeitet wurde. 150 Jahre lang hat dieses Werk Hunderttausenden von Indianern den Glauben an Christus gebracht und auch Schutz geboten vor der Ausbeutung durch die Kolonialherren. Als es dann 1767 von Menschenhand vernichtet wurde, sprach man nostalgisch von einem „verlorenen Paradies“.

    San Ignacio Mini, die besterhaltene und bestrestaurierte Jesuitenreduktion in Argentinien, liegt 56 Kilometer östlich vo... Foto: KNA

    Vor 400 Jahren begann im Herzen Südamerikas das vielleicht größte missionarische Werk der katholischen Kirche, das zur Christianisierung eines ganzen Kontinents führte. Im „Jesuitenstaat von Paraguay“ führten Jesuiten die bis dahin nomadisch lebenden Indianer in festen Siedlungen zusammen, in sogenannten Reduktionen, in denen gemeinschaftlich gelebt und gearbeitet wurde. 150 Jahre lang hat dieses Werk Hunderttausenden von Indianern den Glauben an Christus gebracht und auch Schutz geboten vor der Ausbeutung durch die Kolonialherren. Als es dann 1767 von Menschenhand vernichtet wurde, sprach man nostalgisch von einem „verlorenen Paradies“.

    Urchristliche Gemeinde, moderne Technik

    Am 16. Dezember 1609 sandte der Jesuitenobere von Paraguay eine Gruppe unter Leitung von Pater de Lorenzana und dem Guaraní-Indianer Arapizandu aus, um Schutzsiedlungen für Indianer zu gründen. 226 Kilometer südlich von Asunción errichteten sie 1610 das erste Schutzdorf für Indianer, San Ignacio Guazú. Als die Jesuiten 1549 nach Südamerika kamen, war die Missionierung der Bevölkerung der Hochkulturen Mexikos und der Anden in oberflächlicher Form bereits abgeschlossen, es blieb die schwierige Aufgabe, die Mission in die einfacheren Tieflandkulturen hineinzutragen, wo riesige, schwer zugängliche Räume am Ostabfall der Anden, im Amazonasbecken, sowie im La Plata Becken und der Pampa noch quasi unberührt waren. In diesen Gebieten legten die Jesuiten Schutzsiedlungen für Indianer an, die erste davon war die Guaraní-Mission im Grenzgebiet des heutigen Brasilien/Argentinien/Paraguay, wo bis zu 200 000 Indios in 33 Groß-Dörfern unter der Leitung von 60 Jesuiten ein blühendes Sozialwesen aufbauten. Es war das größte und kompakteste Indianerschutzgebiet der Jesuiten, dem man später den Namen „Jesuitenstaat von Paraguay“ gab. In diesen, im spanischen Sprachbereich Reduktionen (reducir=zusammenfüh- ren) genannten Schutz-Siedlungen kamen Elemente der urchristlichen Gemeinde, aber auch die neuesten europäischen Landwirtschafts- und Handwerkstechniken und künstlerisches Schaffen in Verbindung mit Sozialstrukturen der Indios aus der vorkolumbianischen Zeit zum Tragen. Zu den Zugeständnissen, die die „reduzierten“ Indios an die Padres machen mussten, gehörten unter anderem die sesshafte und häusliche Lebensweise, die Monogamie und der Verzicht auf Zauberei.

    Die „Reduktionen“ waren Missionssiedlungen, in denen die Indios, geschützt vor Übergriffen europäischer Kolonisten, ins christliche Leben europäischer Prägung eingeführt werden sollten. Nach Ansicht der Kolonisatoren, die von den Jesuiten geteilt wurde, waren die Indios noch nicht reif zum Gebrauch ihrer Freiheit. Anders als die Kolonisatoren zogen die Jesuiten jedoch daraus die Folgerung, dass die Indios, „schutzbedürftigen Kindern“ gleich, vor Ausbeutung zu bewahren und in Reduktionen durch geduldige Erziehungsarbeit allmählich zu höherer Zivilisation gebracht werden sollten. Die ersten Schutzsiedlungen für Indianer hatten seit 1550 zunächst die Dominikaner und Franziskaner angelegt. Deren Siedlungen scheiterten jedoch, weil ihnen die ökonomische Grundlage fehlte. Erst den Jesuiten gelang es, erfolgreich Mission im Sinne von Bekehrung mit einem kulturellen und wirtschaftlichen Neuanfang der Missionierten in ihren Reduktionen zu verbinden. Die Reduktionen waren nie ein Staat im Sinne eigener Souveränität, sie beruhten auf Konzessionen und Privilegien der jeweiligen Patronatsmacht, sie waren jedoch geschlossene Territorien, die für die Europäer Sperrgebiet waren. Für die Indios war die Zugehörigkeit zu einer Reduktion vollkommen freiwillig, wenn sie jedoch die Entscheidung getroffen hatten, ihre Urwaldsiedlungen zu verlassen, wurden aus Subsistenznomaden oft wirtschaftlich erfolgreiche, sesshafte Kleinbauern, die aus ihrer konstanten und konsequenten Arbeit heraus so viel Mehrproduktion erzielen konnten, dass sie ein System der sozialen Dienste und Sicherheit, der Ausbildung, der Förderung der Künste und der individuellen Talente nachhaltig unterhalten konnten.

    Aus Lehmhütten entstanden in wenigen Jahren Steinbauten und barocke Kirchen, die den europäischen in nichts nachstanden. In nur wenigen Jahren war in diesen Siedlungen der Sprung von der Steinzeit ins Barockzeitalter gelungen. Es gab gepflasterte Straßen, umgeben von Äckern, Pflanzungen, Rinderherden und Gewerbebetriebe; die ersten „Industriegebiete“ Südamerikas entstanden, wo Musikinstrumente, Glocken, Kircheninventar und Uhren in großer Perfektion handwerklich hergestellt wurden. Je zwei Missionare lenkten die Geschicke von 1 000 bis 5 000 Indios, deren Gemeinderat von ihren Kaziken ausgewählt wurde. In den Großkommunen, die Geld nicht einmal dem Namen nach kannten und mit Tauschhandel auskamen, gab es Weber und Gerber, Müller und Schlosser, Krankenpfleger, Orgelbauer, Bildhauer. Fast ebenso fortschrittlich wie die Technik in diesen Siedlungen waren die sozialen Gesetze. Alle männlichen erwachsenen Mitglieder einer Reduktion mussten die Hälfte ihrer Arbeitszeit von sechs Stunden am Tag für die Gemeinschaft arbeiten, die andere Hälfte stand ihnen zur privaten Verfügung (in Europa war damals die tägliche Arbeitszeit noch 12–14 Stunden). Die Verpflichtung, einen hohen Anteil der Arbeitsleistungen für das Gemeinwohl einzusetzen, war ein Element, das der indianischen Kultur und nicht dem Sozialismus entstammte. Die freiwillige Selbsteinbringung in die Gemeinschaft war das eigentliche stabilisierende Element in dem Sozialsystem der Reduktionen. Während die Jesuitenreduktionen wirtschaftlich vollkommen autark waren und nur Handel untereinander betrieben, war die Kolonialwirtschaft der Siedler fast ganz vom Mutterland abhängig. Aus all diesen Gründen ist es kaum erstaunlich, dass nach wenigen Jahren der Wohlstand der Reduktionen höher war, als in den Siedlungen der Europäer. Der soziale und wirtschaftliche Erfolg der Reduktionen wurde später den Jesuiten mit zum Verhängnis, weil er Begehrlichkeiten seitens der Kolonialmächte und der Siedlerbevölkerung weckte.

    Die Jesuiten organisierten das religiöse, politische und wirtschaftliche Leben in den Reduktionen, für den Erstkontakt mit den Indianern benutzten sie oft Musikinstrumente. Die Musik stimulierte die Leistungsbereitschaft der Indianer. Sie erlebte in den Reduktionen eine große Blüte, der große Komponist der Reduktionen war der italienische Jesuit Domenico Zipoli (1688– 1726). Aber schon vor ihm hatten Missionare die europäische Barockmusik in die Reduktionen gebracht. Schon bald bildeten die hochmusikalischen Guaraní-Indianer Chöre und Orchester und begannen, die Musik auf ihre Weise zu prägen. Musik war im Alltag der Reduktionen fest verankert. In kürzester Zeit verstanden es die Indianer, europäische Musik meisterhaft zu spielen. Ihre Chöre und Orchester führten schwierige achtstimmige Vespern, Messen, ja sogar Opern auf.

    Der Zeit im Rechtswesen um 200 Jahre voraus

    Das Zentrum der Kunst bildete das Barockstädtchen Santa María de Fé. Im Lauf von 160 Jahre kamen insgesamt etwa 2 500 vor allem spanische, portugiesische und italienische Ordensleute in die locker verbundenen Reduktionen, wo sie die geistlichen und weltlichen Ämter ausübten. 112 Padres kamen zwischen 1609 und 1767 auch aus dem deutschsprachigen Raum. Der Bedeutendste im Jesuitenstaat in Paraguay war Anton Sepp (1655–1732) aus Südtirol, der als Bildhauer, Orgelbauer und Kirchenbauer lange Santa María de Fé betreute. Von seinem Wirken zeugen noch einige Skulpturen in den heutigen Ruinen.

    Auch im Rechtswesen waren die Reduktionen autonom und der damaligen Zeit – nach Ansicht späterer Autoren – um 200 Jahre voraus. Montesquieu urteilte über die jesuitische Theokratie mit indianischer Selbstverwaltung: „Indem sie die Verwüstungen der spanischen Kolonialherren wiedergutmachte, begann sie eine der schwersten Wunden zu heilen, welche die Menschheit je empfangen hat.“ Was sie vollbrachten, nannte später Voltaire einen „Triumph der Menschlichkeit“. Dass die Reduktionen von ihrer Konzeption her eine Utopie waren, beweisen die zahlreichen Anfeindungen, denen sie ausgesetzt waren, sei es von Seiten der weltlichen Obrigkeit, sei es von Seiten der Siedler, die um ihren Zugriff auf indigene Arbeitskräfte fürchteten, aber auch von Seiten der Bischöfe, deren Rechte durch die Reduktionen, die nur den Jesuiten und damit direkt dem Papst unterstanden, beschnitten wurden.

    Der Hass der Kolonisten auf die Missionare erhielt Beistand von konkurrierenden kirchlichen Autoritäten in Spanien, aber auch von Europas Aufklärern, denen die Jesuiten als Handlanger eines herrschsüchtigen Katholizismus galten. 1767 redeten Intriganten am Madrider Hof dem schwachen Monarchen Karl III. ein, die Jesuiten wollten ihn vom Thron stürzen. Daraufhin erließ der König das Verbannungsdekret, das am 3. Juli 1767 umgesetzt wurde. Insgesamt deportierten die spanischen Soldaten 2 617 Missionare aus ganz Lateinamerika nach Europa. 200 ältere Priester überlebten die Deportationen nicht, viele starben später in den Verließen Lissabons und Madrids. Die Missionsindianer kehrten in die Wälder zurück, aus denen sie einst gekommen waren. Kolonisten strömten in die ihnen bis dahin verbotenen Reduktionen und rissen alle Güter an sich. Die Kirchen verfielen. Die Barockmusik geriet in Vergessenheit.

    Auch ein Sport, dessen Ursprünge im Dunkeln liegen, der später Europa und Südamerika mehr wie alles andere verbinden sollte, wurde in den Reduktionen gepflegt. Zwar sind die Spielregeln nicht überliefert, doch berichten zwei Jesuiten aus dem 18. Jahrhundert: „Diese Barbaren spielen den Ball noch immer mit dem Fuß statt mit der Hand – aber meisterlich!“ Gesellschaftstheoretiker sahen im „Jesuitenstaat“ von Paraguay Züge der „Utopia“ des Thomas Morus. Landreformer des 19. Jahrhunderts priesen die gerechte Landverteilung, Sozialisten das Kollektiveigentum an Produktionsmitteln in den Reduktionen. Die Padres entwickelten jedoch die Reduktionen nicht nach einem vorgefertigten Plan oder gar einer Ideologie. Es war ihre pragmatische Anpassungsbereitschaft, mit der sie eine kulturelle und soziale Ordnung schufen, die von Gleichheit geprägt und der regionalen Kolonialwirtschaft überlegen war. Der Paternalismus der Jesuiten führte die Indianer zwar zur Selbstverwaltung, für eine Selbstständigkeit hat die Zeit nicht mehr gereicht. In Paraguay, dessen heutige Landessprache, das Guaraní, einst auch die Sprache des Jesuitenstaates war, und der Matetee, das heutige Nationalgetränk, das Haupthandelsprodukt dieses Staates war, besinnt man sich immer mehr auf das jesuitische Erbe. „Die Reduktionen sind das goldene Zeitalter Paraguays, dort wurde die Theologie der Befreiung praktiziert, lange bevor deren Theorie geboren wurde“, erklärte der Präsident Paraguays und frühere Bischof Fernando Lugo, der selbst aus dem Gebiet der Jesuitenmissionen stammt.

    Geigenbau und Barockmusik

    Jesuiten brachten im 17. Jahrhundert die Kunst des Geigenbaus und der Barockmusik auch nach San José de Chiquitos, Bolivien, nahe der heutigen Stadt Santa Cruz. Nach der Vertreibung der Jesuiten gründeten um 1820 Franziskanermönche in dieser Region den Ort Ascension de Guarayos, in dessen Nähe die Indiosiedlung Urubichá liegt. Die Gemeinde von Urubichá wird seit 40 Jahren geleitet von dem Franziskanerpater Walter Neuwirth aus München zusammen mit Schwester Ludmila Wolf von den Franziskaner Tertiarschwestern aus Hall/Tirol. Schwester Ludmila Wolf gründete im Ort eine Musikschule für Barockmusik in der Tradition der alten Jesuitenreduktionen. Seit 1996 gibt es in Urubichá das 1. Festival Internacional de Música Barroca Americana Renacentista. (Festival der Musik aus Barock und Renaissance.) Heute bildet Urubicha einen der Schwerpunkte in Bolivien, wo klassische Musik auf klassischen Instrumenten gelehrt und praktiziert wird. Im Ort gibt es bereits sieben Geigenbauer, die Geigen wieder nach den alten Plänen der Jesuitenreduktionen herstellen. In Urubichá leben 450 praktizierende junge Musiker, 250 davon besuchen die Musikschule, in der die Jugendlichen des Dorfes eine perfekte musikalische Ausbildung erhalten. Die Franziskaner versuchen mit Erfolg, in diesem Ort bewusst mit Hilfe auch von Adveniat wieder an das alte Erbe der Jesuitenreduktion anzuknüpfen.