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    Das starke Gute

    Das „Dasein des Menschen“ ist gegenwärtig als solches gefährdet. Diesen schlichten wie monumentalen Satz hat der Philosoph Rémi Brague vor knapp 200 Zuhörern seiner Abschiedsvorlesung vom Guardini-Lehrstuhl in München gesprochen – darunter etwa der Philosoph Robert Spaemann. Es ist gut, dass der Mensch und die Menschheit auf Erden ist – dies muss der Philosoph zuerst mit Gründen zeigen können, wenn er das „Dasein des Menschen“ retten will, und dafür braucht es einen „starken Begriff des Guten“, hält Brague gegen die Gefahr – und gegen modische postmoderne Philosophen wie Gianni Vattimo, der alle „starken“ Begriffe der Philosophie wie die des Wahren oder Guten einer Gewalttätigkeit verdächtigt, die ins Politische umschlagen muss, und stattdessen Begriffe wie das „schwache Gute“ vorschlägt, die lediglich noch einen Minimalkonsens darüber abbilden, was Menschen für gut halten.

    Professor Rémi Brague bei seiner Abschiedsvorlesung am Dienstag vom Guardini-Lehrstuhl an der Ludwig-Maximilians-Univers...

    Das „Dasein des Menschen“ ist gegenwärtig als solches gefährdet. Diesen schlichten wie monumentalen Satz hat der Philosoph Rémi Brague vor knapp 200 Zuhörern seiner Abschiedsvorlesung vom Guardini-Lehrstuhl in München gesprochen – darunter etwa der Philosoph Robert Spaemann. Es ist gut, dass der Mensch und die Menschheit auf Erden ist – dies muss der Philosoph zuerst mit Gründen zeigen können, wenn er das „Dasein des Menschen“ retten will, und dafür braucht es einen „starken Begriff des Guten“, hält Brague gegen die Gefahr – und gegen modische postmoderne Philosophen wie Gianni Vattimo, der alle „starken“ Begriffe der Philosophie wie die des Wahren oder Guten einer Gewalttätigkeit verdächtigt, die ins Politische umschlagen muss, und stattdessen Begriffe wie das „schwache Gute“ vorschlägt, die lediglich noch einen Minimalkonsens darüber abbilden, was Menschen für gut halten.

    Mehrere Ursachen benennt Brague in München, warum heute die Menschheit (durch sich selbst) gefährdet ist. Da droht die Möglichkeit der Vernichtung durch militärische Waffen – ob durch Kernwaffen oder biologische oder in Zukunft nanotechnologischer Waffen, ist hier gleichgültig. Und es droht, so Brague zum Erstaunen nicht weniger Zuhörer, die Praxis der „Verhütungsmittel“ – und damit der selbst verschuldete Geburtenrückgang infolge verweigerter Fortpflanzung. Dabei lässt sich, um Brague zu ergänzen, der Begriff „Verhütungsmittel“ als Teil für ein Größeres lesen: Der Mensch technisiert die Fortpflanzung insgesamt, siehe die Zeugung im Reagenzglas (IVF), und überführt sie so in einen warenförmigen, dem ökonomischen Marktgesetz von Angebot und Nachfrage gehorchenden, die Methode der Rationalisierung anwendenden Produktionsprozess mit allen Konsequenzen, die bis hin zur Selektion reichen (Präimplantationsdiagnostik, Designerbabys).

    Da die Auslöschung der Menschheit durch Geburtenrückgang auf den ersten Blick weniger spektakulär geschieht als durch den plötzlichen Ausbruch von Krieg und Katastrophen, braucht es hier auch eine andere Art und Weise, den Fortbestand der Menschheit zu rechtfertigen, arbeitet Brague eine aus seiner Sicht wichtige Differenz heraus. Im Fall von Kriegen und Umweltkatastrophen klingt es nämlich plausibel, zu argumentieren, dass diese von Übel sind, um die Menschen gegen Aufrüstung und Umweltverschmutzung zu mobilisieren. Für immer mehr Menschen in der Gegenwart leuchtet es dagegen nicht in gleicher Weise ein, dem Argument beizupflichten, dass der Geburtenrückgang, gleichsam das „natürliche Aussterben“ der Menschheit, so Brague, ein Übel ist. Die darin zum Ausdruck kommende „Infragestellung der Legitimität des Menschen“ als solchen, das ist nach Brague nun für den Philosophen das eigentlich bewegende Problem.

    In diesem Zusammenhang macht er eine menschliche „paradoxe Lust der Selbstschadenfreude“ in der jüngeren Geistesgeschichte aus. Vor allem gegenüber dem griechischen und biblischen Menschenbild wird die Auszeichnung des Menschen hintertrieben, wenn etwa ein lediglich noch gradueller Unterschied zwischen Mensch und Tier behauptet wird, so Brague. Diese „Selbstschadenfreude“ schlägt dann um in die Forderung, den Menschen gänzlich abzuschaffen, weil er „antiquiert“ (Günter Anders) sei, oder weil er die übrigen Arten gefährde (Ulrich Horstmann).

    Vorbereitet wurde diese merkwürdige Art menschlicher Selbstdemütigung im 20. und 21. Jahrhundert für Brague in der Neuzeit durch ein Denken, für das beispielhaft Thomas Hobbes steht. Denn dieser definiert als Endzweck politischer Gemeinschaft nicht mehr ein höchstes Gut, sondern arbeitet mit dem Verweis auf das „summum malum“, also das höchste Übel. Grund für die politische Vergemeinschaftung ist demnach die Furcht, die Einhegung und Beherrschung des höchsten Übels. In den Mittelpunkt des Denkens der Neuzeit rückt also das „reibungslose Funktionieren einer Menschengruppe“, so Brague – und verdrängt die Frage nach dem Guten.

    Parallel dazu verschärft sich in der Neuzeit seit Leibniz bis hin zu verschiedenen Philosophien des 20. Jahrhunderts, wie der Martin Heideggers, die philosophische Frage, warum etwas ist, und nicht vielmehr nichts – wobei diese Frage in der Philosophiegeschichte zu allen Zeiten gestellt wurde. Das Neue an der neuzeitlichen und modernen Diskussion der Frage ist für Brague dabei aber, dass das Nichts mehr und mehr vor dem Sein ausgezeichnet wird. Die Gewichte verschieben sich. Wer die Frage stellt, warum etwas ist, und nicht vielmehr nichts, geht anscheinend unter der Hand davon aus, so beobachtet Brague, dass das Nichts eine Selbstverständlichkeit ist, das Sein jedoch eine Erklärung braucht.

    An diese Stelle geht nun Brague – mit Argumenten von Henri Bergson – zur Gegenargumentation über: Zur heutigen „paradoxen Lust der Selbstdemütigung“, die Symptom der Gefährdung des „Daseins des Menschen“ an sich ist, hat Hobbes'sches Funktionalisierung aller menschlichen Gemeinschaft ebenso beigetragen wie die neuzeitlich-moderne Auszeichnung des Nichts. In beidem wird die „Gesamtheit des Seienden“ immer irgendwie mit einem „Akt der Vernichtung“ zusammengedacht. Aber, und das ist der Einwand: Der „Akt der Vernichtung“ kann nicht allein gedacht werden, er braucht als Voraussetzung immer etwas, was vernichtet werden soll. Das Nichts als das Vernichtete ist das Zweite, das Sein als das, was vernichtet wird, das ihm voraus- und zugrundeliegende Erste. Insofern ist für Brague das Sein als das erste weniger erklärungsbedürftig als das Nichts als das zweite. Hier ist die Sollbruchstelle, so Brague, an der er das „starke Gute“ aus der Tradition heraus wieder – nicht neu! – legitimieren, das Gute – gegen beinahe alle heutigen philosophischen Trends – also „metaphysisch“ begründen will. Oder mit anderen Worten: Brague geht es um die „Befreiung des Begriffs des Guten aus der Gefangenschaft der Moral“.

    Der scheidende Inhaber des Guardini-Lehrstuhls redet damit nicht einer Unmoral das Wort – oder dem Verzicht auf begründetes, moralisches Handeln. Im Gegenteil. Aber er will zeigen, dass, um das „Dasein des Menschen“ als etwas Gutes zu begründen, es nicht reicht, sich über ein moralisches Regelwerk zu verständigen und Ethik zu betreiben. Für Brague ist die Arbeit am „starken Begriff des Guten“ eine „Baustelle“, wie er in München sagt. Aber er gibt erste Hinweise, auf was er bauen möchte: Kant, Platon und den Neuplatonismus. Brague geht es nicht um das, „was unserem Tun eine Regel gibt“, sondern um „etwas, was es rechtfertigt, dass es ein Subjekt dieses Tuns geben soll“. Oder um es alttestamentarisch zu sagen, wie Brague seine Abschlussvorlesung schließt: „Wähle das Leben.“

    Weshalb diese Abschlussvorlesung kein Schluss ist, sondern eher ein hoffnungsvoller Anfang für eine Wiederaneignung, die die Welt so dringend braucht. Auf dass das Publikum noch mehr höre vom „starken Guten“ von Rémi Brague.