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    Das metaphysische Defizit ausgleichen

    Professor Christoph Ohly über eine Tagung der Ratzinger-Schülerkreise in Castel Gandolfo, die sich neu organisieren. Von Alexander Riebel

    Professor Christoph Ohly bekam Einblicke in das vorbildliche Leben von Papst em. Benedikt XVI. Foto: Privat

    Herr Professor Ohly, die Ratzinger-Schülerkreise haben am Wochenende bei einem Treffen in Castel Gandolfo die Gedanken und Überlegungen des emeritierten Papstes Benedikt XVI. zu Staat, Kirche und Gesellschaft aufgegriffen. Was ist erörtert worden?

    Im Mittelpunkt der Tagungsarbeit stand ein Vortrag des langjährigen Richters am Bundesverfassungsgericht, Udo di Fabio, der heute als Professor am Institut für Öffentliches Recht der Universität Bonn lehrt. Er hat sich in den vergangenen Jahren eingehend zu den Fragen von Staat, Kirche und Gesellschaft geäußert. Papst Benedikt war es ein Anliegen, mit ihm einen ausgewiesenen und renommierten Kenner der Materie als Referenten für die beiden Schülerkreise zu gewinnen. Professor di Fabio hat dafür in einem wahrlich beeindruckenden Vortrag die These vom sogenannten „metaphysischen Defizit“ entwickelt und dargelegt.

    Was ist darunter zu verstehen?

    Damit ist im weitesten Sinne die Tatsache angesprochen, dass sich Bereiche der Wissenschaft, der Politik, der Gesellschaft, aber auch des Rechts vom Transzendenten, oder etwas vereinfacht gesagt, vom Glauben und damit von dem verabschiedet haben, was über die menschliche Erkenntnisfähigkeit hinausgeht und doch oft genug Erkenntnis- und Motivationsgrund für Überzeugungen, Handlungen aber auch konkrete Gesetze gewesen ist. So werde beispielsweise das Recht heute in seinen Bereichen revidiert, verändert, vergrößert und somit auch stets komplexer. Doch gerade die starke Ausdifferenzierung des Rechts, die nicht selten zu seiner Nichtbeachtung führe, mache dieses metaphysische Defizit erkennbar. Das Recht bedürfe einer erneuerten Sicht auf die Quellen seiner Erkenntnis, die ihm Anspruch und Wirkkraft verleihen.

    Ein Thema bei Professor di Fabio war die metaphysische Beziehung notwendiger Ordnungen – wie wurde das Verhältnis von Metaphysik in Menschenhand und Naturrecht gesehen. Gab es auch eine Diskussion über das Naturrecht?

    Das ist eine umfangreiche Thematik, für die man nun weit ausholen müsste. Aber im Zusammenhang mit den Ausführungen von Professor di Fabio ist natürlich auch die Bedeutung der Lehre vom Naturrecht erwähnt oder im weitesten Sinne an die Auffassung von grundlegenden und den Menschen unterschiedlicher Religionen und Weltanschauungen verbindenden Überzeugungen erinnert worden. Sozusagen als Stichwort kann hier das bekannte Gespräch zwischen dem Philosophen und Soziologen Jürgen Habermas und Kardinal Joseph Ratzinger im Jahre 2004 in der Katholischen Akademie in München Erwähnung finden. In der Diskussion der Schülerkreise haben dann vor allem Themen wie die Menschenrechte, die unantastbare Würde des Menschen oder auch die Gewissensfreiheit eine zentrale Rolle gespielt, nicht zuletzt im Zusammenhang mit den aktuellen Fragen im Bereich der medizinischen Ethik.

    Worin gründet das Problem des Verhältnisses von Staat, Kirche und Gesellschaft und welche Lösungsvorschläge wurden angedacht?

    Ich kann hier natürlich nicht die detailreiche Argumentation des Vortrags von Professor di Fabio wiedergeben. Doch plädierte er vor allem unter Zustimmung zu dem von Papst Benedikt insbesondere in seiner bekannten Regensburger Rede beschriebenen Verhältnis von Glaube und Vernunft und ihres unterschiedenen Aufeinanderverwiesenseins für eine verstärkte Sichtbarmachung tragender Grundlagen des Rechts, die sich aus dem Glauben und der denkerischen Kraft des Menschen und damit aus der Verantwortung gegenüber seiner geschenkten Freiheit entwickeln. Als Beispiele führte er zum einen den Gottesbezug in der Präambel unseres Grundgesetzes an, zum anderen die Dimensionen der verfassungsrechtlichen Struktur der Staatsgewalt. Demnach stehen Glaube und Religion nicht außerhalb der Welt, sind aber ebenso wenig mit ihr kongruent. Die Kirche muss sich deshalb zur Vermeidung einer Selbstgefährdung ihres Glaubens in eine begründete Distanz zur Welt und Politik begeben, gleichzeitig sie jedoch zu durchdringen versuchen. Die wirklich tiefreichenden Überlegungen des Referenten wurden im Anschluss an den Vortrag mit großer Zustimmung bedacht, zugleich aber auch in der konstruktiven Diskussion einer kritischen Sicht unterzogen.

    Inwiefern spielen auch Laien im Problem von Kirche und Staat mit und wurden auch innerkirchliche Fragen angesprochen, die möglicherweise der Lösung im Wege stehen?

    Die von Ihnen angeführte Thematik habe ich in Castel Gandolfo im Rahmen eines kurzen Vortrags zur sogenannten „Gesunden Laizität“ ansprechen können, der zusammen mit weiteren Statements aus den Schülerkreisen die Diskussion fortführte. Damit ist entgegen der Vorstellung eines radikalen Laizismus die Auffassung sowohl des Zweiten Vatikanischen Konzils als auch der Gedanke bei Joseph Ratzinger / Papst Benedikt verbunden, dem gemäß Staat und Kirche zwei voneinander getrennte, autonome Wirklichkeiten sind, die aber in ihrem Dienst an denselben Menschen in einer sinnvollen Verbindung stehen. Wir haben es danach mit einer institutionellen Trennung zu tun, die aber nicht absolut ist, sondern sich eben in „gesunder“ Weise um Formen der Kooperation bemüht, die den Menschen zugutekommen. So ist der säkulare Staat religiös und weltanschaulich neutral, steht aber mit der Kirche und den Religionsgemeinschaften um der Menschen willen in einem wichtigen Bezug des Zusammenwirkens. Und umgekehrt setzt sich die Kirche nicht mit dem Staat gleich, sondern weiß sich, biblisch gesprochen, als „Sauerteig“ in Politik und Gesellschaft. Und damit wird eine Aufgabe jedes Gläubigen deutlich, insbesondere aber der Laien, an ihrem jeweiligen Platz als Christ zu wirken, ob beispielsweise als Abgeordnete im Parlament, als Kulturschaffende oder in den sozial-caritativen Bereichen.

    Wurden auch Fragen der Neuevangelisierung angesprochen?

    Gerade das Verständnis der gesunden Laizität kann die Bedeutung eines notwendigen Tauf- und Sendungsbewusstsein aller Gläubigen in einem säkularen Umfeld verdeutlichen. Der Christ, der sich der Bedeutung des Glaubens für das Heil des Lebens, aber auch für das Zusammenleben von Menschen vergewissert, wird die Notwendigkeit der Vertiefung des Glaubens durch das Gebet, die Katechese, den Empfang der Sakramente und das geistliche Leben erkennen und die Glaubenskraft auch in die verschiedenen Zusammenhänge seines Lebens hinein bezeugen. Kurz gesagt: Die Neuevangelisierung steht mit der wirksamen Präsenz des christlichen Glaubens und der Kirche in der Gesellschaft in einem untrennbaren Zusammenhang. Und Christen erweisen sich dann in einer säkularisierten Gesellschaft als „kreative Minderheiten“ (Benedikt XVI.), die aus der Kraft des Glaubens in sie hineinwirken und mitgestalten.

    Der ursprüngliche Schülerkreis steht vor einer Neuausrichtung, weil er allmählich von jüngeren Händen übernommen wird. Wie gestaltet sich die Entwicklung und was ist zu erwarten?

    Auf Initiative von Papst Benedikt ist im Jahre 2008 erstmals eine kleine Gruppe jüngerer Theologen zum Treffen des Schülerkreises in Castel Gandolfo eingeladen worden. In den vergangenen Jahren ist es dadurch zu einer guten und vertrauensvollen Zusammenarbeit gekommen, die auf Seiten des Schülerkreises vor allem durch P. Stephan Horn sehr weise gefördert wurde. Doch klar blieb immer, dass es sich um zwei verschiedene Kreise handelt, die einen, die bei Professor Ratzinger gearbeitet haben, die anderen, die sich in ihrem Studium oder in ihrem konkreten wissenschaftlichen Arbeiten intensiv mit der Theologie des emeritierten Papstes auseinandersetzen. Im vergangenen Jahr ist dann der Neue Schülerkreis auf Bitte von Papst Benedikt als eingetragener Verein konstituiert worden, um auf dieser rechtlichen Basis auch auf Zukunft hin seine Theologie zu durchdringen und sie in ihren Charakteristika durch Symposien, Publikationen und andere wissenschaftliche Formate zu fördern. Ein Anliegen ist es sicher auch, sie dadurch in ihrer Relevanz für den Glauben sowie für das geistliche Leben als Christ zu verdeutlichen.

    Können Sie etwas zum Empfang des Schülerkreises durch Benedikt XVI. in den vatikanischen Gärten sagen?

    In diesem Jahr hatte je eine kleinere Gruppe aus beiden Schülerkreisen die Möglichkeit zu einer Begegnung mit dem emeritierten Papst in seinem Wohnsitz, dem ehemaligen Kloster Mater Ecclesiae in den vatikanischen Gärten. Als Vorsitzender des Neuen Schülerkreises konnte ich mit Kardinal Koch und meinen beiden Mitbrüdern aus dem Vorstand dabei sein. Wir haben Papst Benedikt in einer körperlichen Verfassung angetroffen, die auf sein hohes Alter verweist. Doch gerade seine geistige Wachheit und Klarheit, die gepaart sind mit gelassener Heiterkeit und spürbarem inneren Frieden, haben mich persönlich sehr beeindruckt. Man merkt wirklich, wie vorbildlich er in der Stille dieses Hauses seinen Dienst des Gebets und der Hingabe für die Kirche lebt.

    Bearbeitet von Dr. Alexander Riebel

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