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    Das grüne Männchen

    Über Kassel wacht ein grünes Männchen, das sich bei näherer Betrachtung zu einem über acht Meter großen Koloss auswächst. Die weithin sichtbare Monumentalstatue des Herkules ist das Wahrzeichen der Stadt. Der grün patinierte Kupfermann hat auf seinem steinernen Unterbau die absolute Lufthoheit im Bergpark Wilhelmshöhe, der seit 2013 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Im November dieses Jahres hat der splitternackte Tugendheld seinen 300. Geburtstag. Doch schon jetzt feiert eine Ausstellung im Schloss Wilhelmshöhe den beliebten Muskelprotz. Sie umfasst Bilder und Skulpturen von der Antike bis zur Gegenwart.

    Gipsabdruck des Herkules Farnese. Foto: VMT

    Über Kassel wacht ein grünes Männchen, das sich bei näherer Betrachtung zu einem über acht Meter großen Koloss auswächst. Die weithin sichtbare Monumentalstatue des Herkules ist das Wahrzeichen der Stadt. Der grün patinierte Kupfermann hat auf seinem steinernen Unterbau die absolute Lufthoheit im Bergpark Wilhelmshöhe, der seit 2013 zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. Im November dieses Jahres hat der splitternackte Tugendheld seinen 300. Geburtstag. Doch schon jetzt feiert eine Ausstellung im Schloss Wilhelmshöhe den beliebten Muskelprotz. Sie umfasst Bilder und Skulpturen von der Antike bis zur Gegenwart.

    Vorbild für den Kasseler Kupferkoloss ist die Marmorskulptur des Herkules Farnese. Ihre Wiederentdeckung im Jahr 1546 verdankt sie Papst Paul III., der auf der Suche nach antiken Bildwerken Ausgrabungen in den Thermen des römischen Kaisers Caracalla veranlasste. Paul III. gehörte der Adelsfamilie Farnese an. Er ließ seinen Prachtfund im Innenhof des Palazzo Farnese aufstellen. Heute befindet sich die im späten 2. Jahrhundert gefertigte Skulptur im Nationalmuseum von Neapel. Ihr Schöpfer ist laut Inschrift „Glykon der Athener“. Er kopierte ein nicht erhaltenes Urbild aus Bronze, das die Forscher dem Griechen Lysipp zuschreiben und auf 330 bis 320 vor Christus datieren. Seine Bilderfindung war offenbar sehr beliebt. Erhalten sind zahlreiche Kopien und Varianten. Die Schau zeigt den Herkules vom Typus Farnese auf einer Kupfermünze (241/242 n. Chr.), als bemalte Statuette aus Terrakotta (röm. Kaiserzeit) sowie in Fragmenten von Marmorskulpturen.

    Als getreueste Wiedergabe von Lysipps Original gilt der in den Caracalla-Thermen gefundene, an die drei Meter große Herkules Farnese. Sein imposanter Gipsabguss ist ausgestellt. Herkules stützt seine linke Achsel auf einen spitzen Felsbrocken, über den er das Fell des nemeischen Löwen geworfen und an den er seine Keule gelehnt hat. Sein Blick ist nachdenklich gesenkt. Trotz der Ruhepose sind alle Muskeln angespannt. Der hinter den Rücken geführte rechte Arm macht uns darauf aufmerksam, dass Herkules nicht nur von vorn, sondern auch von hinten betrachtet werden möchte. In der „Hinterhand“ hält er die drei Äpfel aus dem Garten der Hesperiden. Das Löwenfell und die Äpfel weisen auf zwei der zwölf Taten hin, die Herkules in Diensten des Königs Eurystheus vollbrachte. Er erwürgte mit bloßen Händen den Löwen von Nemea. Mit dessen Unverwundbarkeit garantierendem Fell schützte Herkules fortan seinen Körper. An die vom hundertköpfigen Drachen Ladon und den Töchtern der Nacht – den Hesperiden – bewachten goldenen Äpfel gelangte er durch eine List. Dazu traf er mit Atlas eine Vereinbarung. Er trug für Atlas das Himmelszelt, während der die ewiges Leben verheißenden Äpfel raubte. Doch nach der Tat hatte Atlas keine Lust, sich das schwere Himmelszelt wieder auf die Schultern zu laden. Herkules bat ihn, es nur noch einmal kurz zu übernehmen, damit er sich auf das dauerhafte Tragen der Last vorbereiten könne. Atlas willigte ein – und Herkules machte sich mit den Äpfeln davon.

    Dem Herkules Farnese huldigen seit seiner Wiederentdeckung Maler, Bildhauer und Kunstliebhaber. Sie feiern ihn als mustergültige Verkörperung kraftvoller Schönheit. Auch Landgraf Carl von Hessen stattete der berühmten Skulptur auf seiner im Dezember 1699 angetretenen viermonatigen Italienreise einen Besuch ab. Auf seiner Tour interessierte sich der Landgraf besonders für die Wasserkünste in Gartenanlagen. Er suchte nämlich nach Anregungen für seine bereits im Bau befindlichen Wasserspiele auf dem Carlsberg bei Kassel, der heute Wilhelmshöhe heißt. Sie sind mit den Kaskaden, den mit Skulpturen aus der griechischen Mythologie ausgestatteten Grotten und dem Oktogonbauwerk, auf dem die Pyramide mit dem Kasseler Herkules steht, der barocke Teil der heutzutage zweimal pro Woche veranstalteten Wasserkünste.

    Die Kassler Kupferkopie des Herkules Farnese ist ein technisches und künstlerisches Meisterwerk. Für dessen Ausführung in den Jahren 1714 bis 1717 berief Landgraf Carl den Augsburger Goldschmied Johann Jacob Anthoni nach Kassel. Er verwirklichte seine auf über acht Meter vergrößerte Kopie mit Hilfe eines damals außergewöhnlichen Verfahrens. Die Figur ist ein stabiles „Leichtgewicht“ von 2,5 Tonnen.

    Der zweite Ausstellungsteil präsentiert Herkules in der Kunst vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Dabei kommt der Tugendheld nicht immer gut weg. So zeigt ihn Rubens auf seinem Gemälde „Der trunkene Herkules“ (1615–1620) als dermaßen berauscht, dass er von zwei Gestalten aus dem Gefolge des Weingottes Bacchus gestützt werden muss. Markus Lüpertz degradiert ihn mit seiner scheckig bunt bemalten Bronzeskulptur (2010) zur kopflastigen Missgestalt. Beachtenswert ist Adolf Menzels filigrane Bleistiftzeichnung „Herkules und Kaskade in Wilhelmshöhe bei Kassel“ (1841).

    Von Künstlern und Karikaturisten eigens zum 300. Geburtstag des Kasseler Herkules angefertigte Arbeiten beschließen die Schau. So mancher scheint dabei keinen rechten Zugriff auf den Koloss gefunden zu haben. Gelungen ist hingegen Ernst Kahls Beitrag, der wie ein mit Deckfarben gemaltes Plakat aussieht: „Der Kasseler Herkules. Die Monumentalskulptur im Spiegel der Kunst“ (2017). Zu sehen sind drei mal drei Motive, darunter Herkules aufgebläht und gestreift wie eine der Figuren Niki de Saint Phalles, auf dem Kopf stehend wie die Motive von Georg Baselitz, spindeldürr wie die Skulpturen Alberto Giacomettis oder in der Manier Christos verhüllt und eingeschnürt.

    www.museum-kassel.de