• aktualisiert:

    Das große „Ja“ zum Leben

    Wir erleben unsere Welt als eine gebrochene. Überall verlaufen Risse. Was uns einst noch groß und wichtig war, scheint an Glanz verloren zu haben. Kurzum: Die Moderne hat alle Gewissheiten und Wahrheiten demontiert, die einheitsstiftenden Ordnungssysteme haben an Bedeutung verloren. Was bleibt, ist eine magielose Anything-Goes-Mentalität und eine Haltung, der nichts mehr heilig ist. Man könnte auch sagen: der Unernst regiert die Welt. Man gibt sich im Leben wie in der Kunst als ironisch und dandyhaft. Zu sehr an etwas zu hängen oder sich einen festen Entwurf zu geben, birgt schnell die Gefahr, als naiv oder sentimental abgetan zu werden. Daraus folgt, dass der Pragmatismus über Ideale gesiegt hat, dass Nüchternheit Vorrang gegenüber Überschwang und Größe genießt. Aber erfüllt dies noch unsere Bedürfnisse? Genügt uns der Unernst, um unserem Dasein Sinn zu verleihen? Der spätmoderne Mensch, umgeben von den kalten Oberflächen der Touchscreens, sehnt sich nach Gefühl, mehr noch: Seine geheime Sehnsucht gilt den außerordentlichen und einzigartigen Momenten, den echten Erlebnissen, den Augenblicken von Inwendigkeit.

    Es muss ja nicht immer gleich die Nation sein, die pathetische Gefühle erzeugt. Manchmal genügt zum Beispiel der kulture... Foto: dpa

    Wir erleben unsere Welt als eine gebrochene. Überall verlaufen Risse. Was uns einst noch groß und wichtig war, scheint an Glanz verloren zu haben. Kurzum: Die Moderne hat alle Gewissheiten und Wahrheiten demontiert, die einheitsstiftenden Ordnungssysteme haben an Bedeutung verloren. Was bleibt, ist eine magielose Anything-Goes-Mentalität und eine Haltung, der nichts mehr heilig ist. Man könnte auch sagen: der Unernst regiert die Welt. Man gibt sich im Leben wie in der Kunst als ironisch und dandyhaft. Zu sehr an etwas zu hängen oder sich einen festen Entwurf zu geben, birgt schnell die Gefahr, als naiv oder sentimental abgetan zu werden. Daraus folgt, dass der Pragmatismus über Ideale gesiegt hat, dass Nüchternheit Vorrang gegenüber Überschwang und Größe genießt. Aber erfüllt dies noch unsere Bedürfnisse? Genügt uns der Unernst, um unserem Dasein Sinn zu verleihen? Der spätmoderne Mensch, umgeben von den kalten Oberflächen der Touchscreens, sehnt sich nach Gefühl, mehr noch: Seine geheime Sehnsucht gilt den außerordentlichen und einzigartigen Momenten, den echten Erlebnissen, den Augenblicken von Inwendigkeit.

    Wo so viel Schein und Kulissen vorherrschen, offenbart sich umso mehr der Wunsch nach Authentizität. Als würde man bereits von einem Relikt sprechen, äußert sich dies alles in einem zentralen Affekt: dem Pathos. Geboren aus dem Leiden des Helden in der antiken Tragödie, hat es durch die Kulturgeschichte hindurch eine beachtliche Karriere hingelegt. Man denke an all die theologischen Texte, man denke an den sublimen Ton eines Klopstocks und Stefan Georges.

    Während wir in deren Texten die erstaunlichen Blüten und Glanzlichter jener Ausdrucksweise vernehmen, stellt dessen Ingebrauchnahme durch politische Regime die Kehrseite des Pathos dar. Gerade Diktaturen und repressive Machtapparate bedienen sich gern der überschwänglichen und bewegenden Rede, um Manipulationskräfte freizusetzen. Dass Literatur und Kunst seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen Ernüchterung, Komik und Melancholie pendelt und allen voran das Pathos scheuen, scheint die Konsequenz aus dem Missbrauch pathetischer Rhetorik zu sein. Und selbst Demokratien sind davor nicht gefeit. Vergegenwärtigt sich der Westen, was Donald Trumps nicht gerade Minderheiten mobilisierende Slogans wie „We will make America great again“ oder „America first“ ernsthaft bedeuten, so verbirgt sich dahinter keineswegs eine Heilsbotschaft. Sein pathetischer Gestus verschleiert die Wahrheit hinter markigen Sprüchen. Statt Weltoffenheit und Verantwortungsbewusstsein – Attribute, die klassischerweise für die transatlantische Großmacht in Anschlag genommen werden – implizieren sie Abschottung und Protektionismus. Sein Pathos erweist sich als Angriff auf das Weltbürgertum (nach außen), als Kampfansage gegen Offenheit (nach innen), wo sich Einwanderer als nicht native americans zukünftig wohl wenig Hoffnungen machen dürfen.

    Nichtsdestotrotz scheint das Pathos ein grundmenschliches Bedürfnis zu sein. Es rührt uns und lässt uns sensibel für das Bedeutungstragende werden. Es vermag uns über die Alltäglichkeit des Lebens hinauszuheben und uns empfänglich zu machen. Um auch an dieser Stelle nicht an echter Inbrunst zu sparen, sei gesagt: Es versöhnt und befriedet uns. Mögen alle Kritiker zu Recht Vorbehalte gegenüber dem Bau der Elbphilharmonie gehabt, mögen sie zu Recht das Kostendesaster beklagt haben, so konnte allerdings am Abend der Eröffnung des monumentalen Baus am Hamburger Hafen niemand ernsthaft die Rolle des Zweiflers oder Bedenkenträgers einnehmen. Die Aura des Raums, und dann am Schluss des Konzerts der vierte Satz aus Beethovens 9. Sinfonie, Schillers „Ode an die Freude“ – wer konnte sich diesem überwältigenden Ereignis entziehen? Wer ließ sich nicht mitreißen von der gewaltigen Stimmung? Man spürte selbst hinter den Fernsehbildschirmen die Entfesselung, welche von der Musik wie auch dem Gebäude an sich ausging.

    Zugleich wurde jedem deutlich, dass diese Zelebration den individuellen Horizont weit übersteigt. Denn das Pathos sorgt beim Individuum nicht nur für Gänsehaut, sondern dass es sich als Teil von etwas Größerem begreift. Es gemeindet ein und erzeugt einen kollektiven Resonanzraum. Für Hölderlin war diese persuasive und evokative Kraft der überschwänglichen Rede jenes Moment, an dem der einzige Mensch ins Kollektiv eingehen konnte: „Statt offener Gemeine sing ich Gesang./ So spielt, von erfreulichen Händen/ Wie zum Versuche berühret, eine Saite/ Von Anfang.“ Jene Verse aus seinem Gedicht „Der Mutter Erde“ greifen auf die orphische Kraft der Dichtung selbst zurück. Das Poetische bringt das Dissonante und Zerrissene zusammen und stellt einen Organismus her. Es ist ein Chor der Vielstimmigkeit, eine Art Volkskörper, wie ihn Hölderlin, geboren und aufgewachsen in einem von Duodezfürstentümern dominierten und zerrissenen deutschsprachigen Raum, sich wohl nur erträumen konnte. Um die ernüchternde Realität zu erneuern, bedarf es eines einheitsstiftenden Mittels, eben eines erfüllenden Pathos. Schon bei dem schwäbischen Oden- und Elegiendichter hatte diese utopische Vereinigung der Menschen im Gesang eine durch und durch religiöse Färbung – liegt doch den kirchlichen Ritualen wie Messen, Vespern, Eucharistien, sakraler Musik, Bibellesung dasselbe Prinzip zugrunde. Erst das Hohe und Feierliche schafft die Basis für Transzendenz und vermag eine Brücke zum verlorenen Paradies zu bauen. Rar sind solche Orte und Anlässe geworden, wo das reine und ungebrochene Pathos noch wirkt. Mitunter wird es als Kitsch verkannt und als Naivität abgetan. Dabei könnte es allen voran im digitalen Zeitalter eine konstitutive Rolle spielen. Wo immer wir auf Bildschirme schauen, drohen wir in den Bann der Simulation zu geraten. Dem inwendig pathetischen Ton wohnt hingegen Wahrhaftigkeit inne. Man kann es fühlen, erleben, aber niemals imitieren. Es ist da oder nicht und garantiert ein unverstelltes Gefühl in Zeiten, in denen das Echte zur Mangelerscheinung geworden ist.

    Nicht zuletzt der islamistische Terrorismus macht sich diesen Umstand zunutze, indem er das Pathos des Märtyrers wie auch von dessen Anhängerschaft beschwört. Wer dem Salafismus anheimfällt, den haben die Versprechungen auf eine Gruppe der Gleichdenkenden verführt. Sein Schicksal stellt er der Ideologie zufolge in den Dienst eines höheren Zwecks, den einer absolut geltenden und zugleich pervers missdeuteten Religion. Mit Köpfungsvideos und Gesten der Gewalt, Anschlägen von verheerendem Ausmaß verfechten die Führer jenes radikalen Islams eine Pathetik des Todes. Wie der französische Poststrukturalist und Philosoph Jean Baudrillard noch in jüngeren Schriften darlegt, sei dessen Realisierung noch immer superlativisch, weil es in einer durchökonomisierten Welt kein Tauschmittel gegen ihn gäbe. Wer den Tod aus politischer Überzeugung wählt, erfährt und erzeugt eine uneingeschränkte Totalität.

    Und der Westen? Dem mangelt es an einem eigenen Pathos, einem Pathos des Lebens, einem, für das es sich ebenso zu kämpfen lohnt. Denn die Demokratie als Wert ist längst ausgehöhlt und erscheint vielen als stumpfes Schwert. All die Trumps und Le Pens machen es vor: Dem Liberalismus setzen sie das Monolithische und die Abschottung entgegen – auch mit einfachen Slogans, denen es mit (zur Realität werdenden) Bildern wie einer Mauer zu Mexiko nicht an der nötigen Stilisierung und Übertreibung fehlt. Kann es überhaupt noch eine Form der großen Rede jenseits politischer Extreme geben?

    Am Ende mag wohl nur die Rückbesinnung auf die Kultur bleiben, auf Theater, Literatur, Musik, Film und Kunst. Zu zeigen, dass zum Beispiel Goethe und Beethoven nicht nur für ein Vorgestern stehen, sondern mehr noch: gar für eine moderne Vielfalt, die kulturelle Wurzeln mit kosmopolitischer Grundhaltung verbindet, könnte der Nukleus eines neuen westlichen Pathos' sein. Es ist der Geist Europas. Bis heute wirkt er in sämtlichen Bereichen der Kunst fort. Am deutlichsten vielleicht in der Literatur, wo etwa mit Robert Menasse ein zeitgenössischer Europaessayismus entstanden ist. Er knüpft an die Geschichte an, spinnt sie fort und sieht in ihr die für die Zukunft noch weiter zu entfaltende Anlage. Das Pathos des Westens sollte somit ein umfassendes „Ja“ sein, zu seiner religiösen, humanistischen und weltbürgerlichen Tradition, ein Pathos wider Tod und Vernichtung, ein Pathos, das sich selbst ernst nimmt.