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    „Das ganze Haus summte von Geschichten“

    „So war der Anfang gemacht, ein Anfang freilich, der unter dem Aspekt der Einschränkung stand“, schreibt Gertrud Fussenegger in „So gut ich es konnte. Erinnerungen 1912–1948“. Eine Schriftstellerin, die anzufangen wusste. „Ich stand jeden Morgen mit zwei brennenden Fragen auf: Was stelle ich den Meinen auf den Tisch, damit sie davon halbwegs satt werden können? Und: Wie komme ich mit meiner Tagesarbeit zurecht, damit ich am Abend so viel Kraft und Ruhe finde, um meine Arbeit zwei, drei Stunden weiterzubringen? (...) Ich schrieb bis Mitternacht und darüber hinaus, stand aber oft zwischen zwei und drei wieder auf, um das Geschriebene zu korrigieren.“

    „So war der Anfang gemacht, ein Anfang freilich, der unter dem Aspekt der Einschränkung stand“, schreibt Gertrud Fussenegger in „So gut ich es konnte. Erinnerungen 1912–1948“. Eine Schriftstellerin, die anzufangen wusste. „Ich stand jeden Morgen mit zwei brennenden Fragen auf: Was stelle ich den Meinen auf den Tisch, damit sie davon halbwegs satt werden können? Und: Wie komme ich mit meiner Tagesarbeit zurecht, damit ich am Abend so viel Kraft und Ruhe finde, um meine Arbeit zwei, drei Stunden weiterzubringen? (...) Ich schrieb bis Mitternacht und darüber hinaus, stand aber oft zwischen zwei und drei wieder auf, um das Geschriebene zu korrigieren.“

    Kürzlich widmete sich zum einjährigen Todestag der Schriftstellerin Gertrud Fussenegger (1912–2009) der Münchner Presseclub in einem Gedenkabend ihrem Lebenswerk, einem OEuvre von beinah 60 Titeln, bestehend aus Romanen, Novellen und Erzählungen. Sie studierte Geschichte, Kunstgeschichte und Philosophie in München und Innsbruck, promovierte 1934. In zwei Jahren, am 8. Mai 2012, wäre ihr 100. Geburtstag gewesen. Sie wurde in Pilsen in Böhmen geboren. Ihre Enkelin Caroline Juls, die diesen Abend mit einer halbstündigen Lesung aus „Jirschi und das Pianino“ schmückte, kommentierte mit einem Lächeln den Spruch ihrer Großmutter, vorgetragen von Rudolf Krulich: in Böhmen würde alles, was geschieht, gleich zu Weltgeschichte werden. Ihn verbindet eine besondere Geschichte mit Gertrud Fussenegger, die er in den Worten zusammenfasst: „Wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über.“

    Aber wer war diese vornehme alte Dame, worüber hat sie wirklich geschrieben? Dieter Borchmeyer, Präsident der Bayerischen Akademie der Schönen Künste in München, Ordinarius für Literaturwissenschaft der Universität Heidelberg und Laudator des Abends, beschreibt Gertrud Fussenegger in einem Gespräch mit Michael Ragg, Geschäftsführer der Domspatz-Agentur und Veranstalter der Soirée, als eine charismatische Figur. Ihr „verwittertes Gesicht“ sei sehr eindrucksvoll gewesen, als Hörerin und Hörer hätte man im Bann ihrer Persönlichkeit gestanden, so Borchmeyer. Die Schriftstellerin muss noch einmal neu gelesen werden, heißt es da, sie sei eine Schriftstellerin der Zukunft. Im Vorwort ihrer Autobiographie notiert sie: „DASEIN ist immer auch SO-SEIN und SO-SEIN eine aus Millionen Möglichkeiten. Wer hat entschieden, dass eben dies eine Möglichkeit wurde? Was hat darüber entschieden? Früher sprach man von Gottes Willen. Doch wieviel Willkür war damit seinem Willen zugetraut? Heut sprechen wir von Zufall. Doch woher fällt Zufall zu?“ Ja, auch ohne sie persönlich noch kennenlernen zu dürfen: Der an diesem Abend im Presseclub gezeigte DVD-Ausschnitt stellt dem Publikum eine alte Dame vor, an der man die, den Künstlerinnen und Künstlern eigene, Egozentrik eher vermisst, es sei ihr, so der Laudator, nicht sehr wichtig gewesen, über sich selbst zu sprechen. Ihre Stimme sei kräftig und tief gewesen, sie hätte sich stets an die Redezeit und das vorgegebene Thema gehalten. Was ein erfülltes Leben ausmache, sagte sie Ragg in einem Interview, sei eine redliche Arbeit, für andere Menschen da zu sein und eben der Blick hinüber, in die andere große Welt. Menschen, die nur auf Geld und Konsum schauen würden, täten ihr leid. Christliche Literatur beschreibt sie als eine Literatur, die das Transzendente ernst nehme. Sie sei eine Frau großer Güte und Neugierde gewesen, eine christliche Persönlichkeit, erinnert sich Borchmeyer. Auf die Kritik, der sie immer wieder aufgrund ihrer Vergangenheit ausgesetzt gewesen sei, hätte sie mit tiefem Verständnis reagiert. Ihr literarischer Lebensweg sei der Versuch einer ständigen Aufarbeitung politischer Verführung, damit dies in Zukunft nicht wieder geschehen würde. Dennoch gab es auch Dinge, die Gertrud Fussenegger nicht so gern hörte, so beispielsweise Borchmeyers gegen den Strich gebürstete Lesart des Léon Bloy und der Marie Curie in „Zeit des Raben. Zeit der Taube.“ Marie Curie, das Porträt einer modernen Heiligen? Wie Honoré de Balsac und Gerhard Hauptmann sei auch Gertrud Fussenegger hin und wieder beim Schreiben unter ihr eigenes Niveau gegangen, hieß es an diesem Abend, es sei nicht alles gut gewesen, was sie geschrieben hätte.

    Warum hat sie heute einen schweren Stand in der literarischen Szene? Zwei Aspekte wurden herausgearbeitet. Zum einen sei Fussenegger in jungen Jahren auf den Nationalsozialismus hereingefallen. Aber, und das sei ihr hoch anzurechnen, sie habe das nie versteckt, so der Laudator. Ihr literarisches Werk solle dazu dienen, eine Verführung unmöglich zu machen, indem sie die Hintergründe der Verführung aufdecken würde. Zum anderen sei sie eine leidenschaftliche Erzählerin. Die Erzählkunst sei in den 60er Jahren stark in Misskredit geraten, dies würde sich heute wieder ändern. Fussenegger schrieb 1968 „Die Pulvermühle“, einen Kriminalroman, in welchem sich die Menschen mit der Vergangenheit auseinandersetzten. Die Detektivgeschichte bringt Aufhellung in das kriminelle Dunkle und zusätzliche Aufhellung in die persönliche Vergangenheit der einzelnen Romanfiguren. In „Federspiel“, einer literarischen Metamorphose des Spielens mit einer Schreibfeder, geht es darum, nicht mehr erzählen zu dürfen. Der Autor schreibt nicht mehr. Eine damals für modern angenommene Ästhetik wollte das Erzählen verhindern, stattdessen spielte sich die Entfaltung der Gedanken in einem inneren Monolog ab.

    „Das ganze Haus summte von Geschichten“, schreibt sie jedoch selbstbewusst in ihrer Autobiographie. Am gehaltvollsten bleibt der Klang ihrer eigenen Worte im Ohr. Auf dem 3. internationalen Kongress „Treffpunkt Weltkirche 2008“ in Augsburg hält sie vor mehr als 1 000 Zuhörerinnen und Zuhörern den Eröffnungsvortrag. Sie erzählt von einer Reise aus dem Jahr 1952, die sie durch Frankreich führte. Sie war den Spuren der Kriege gefolgt, demjenigen von 1870/71, demjenigen von 1914–18 und demjenigen von 1939–45. Der Weg führte sie zu den Kriegerfriedhöfen, zu den fassungslosen Millionengräbern, zu Steinen und Kreuzen, zu menschlichen Gebeinen, nach Reims, Amiens, Verdun, Straßburg. Vor dem Anblick der großen Kathedralen, der Vierungen, der Altäre, der Hallen und der Tore sei sie plötzlich fast verstummt, sagt sie. Hier hätte sie erfahren, was Glaube sei. Sie spricht von einer tiefen, einzigartigen Erfahrung. Nachdenklich verweist die 96-Jährige auf den „Geisterkampf“. Sie meint damit die aktuelle Auseinandersetzung zwischen dem Darwinismus und der christlichen Schöpfungsgeschichte. Fussenegger spricht von einem Bekenntnis zur Schutzmacht Gottes, zu seiner Vatergüte. Wir seien gewusst von Gott, tiefer gewusst als wir uns selbst wissen könnten. Dies Wissen sei im Leben eingeschlossen und aufgehoben – die Weise dieses Wissens erahnen wir dankend.

    Sie selbst bezeichnete den dreitägige Aufenthalt in Augsburg als den Höhepunkt ihres Lebens und fragt: „Werden Sie noch an mich denken, wenn ich tot bin?“

    Von Monika Gatt