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    „Das elfte Gebot der Borgia“

    Am Dienstag hat das ZDF in Hamburg die zweite Staffel des Historischen Mehrteilers „Borgia“ der Presse vorgestellt. Die erste Staffel der internationalen Produktion, die vom ZDF mitfinanziert wurde, lief mit mittlerweile in 85 Ländern und war ein großer Zuschauererfolg. Die zweite Staffel wurde von März bis November 2012 in Tschechien und Italien gedreht.

    Die Schauspieler Isolda Dychauk (als Lukrezia) und John Doman (als Papst Alexander VI.) in einer Szene der ZDF-Serie „Bo... Foto: Driscoll

    Am Dienstag hat das ZDF in Hamburg die zweite Staffel des Historischen Mehrteilers „Borgia“ der Presse vorgestellt. Die erste Staffel der internationalen Produktion, die vom ZDF mitfinanziert wurde, lief mit mittlerweile in 85 Ländern und war ein großer Zuschauererfolg. Die zweite Staffel wurde von März bis November 2012 in Tschechien und Italien gedreht.

    Historienfilme leben vom Wiedererkennungswert. Die historischen Fakten sind mehr oder weniger bekannt, interessant ist ihre dramaturgische Umsetzung, die den Zuschauer in das Geschehen hineinnimmt.

    Anders beim Historischen Mehrteiler „Borgia“, dessen zweite Staffel das ZDF in sechs Folgen ab dem 30. September zur Prime Time um 20.15 Uhr ausstrahlen wird: Die historischen Fakten um den berüchtigten Rodrigo Borgia, der von 1492 bis 1503 als Papst Alexander VI. auf dem Stuhl Petri saß, dienen quasi nur als Hintergrund für den persönlichen Weg dreier Protagonisten dieser Zeit: Alexanders VI. selbst sowie seiner unehelichen Kinder Cesare und Lucretia Borgia.

    „Ich habe eine ganz klare Vorstellung von dem spirituellen Weg, auf dem sich die drei Hauptfiguren befinden. Alles, was ich in Szene setzen lasse, trägt zur Entwicklung des Weges der jeweiligen Figur bei“, so Tom Fontana, der Drehbuchautor dieser internationalen Produktion, an der Schauspieler und Produktionsmitarbeiter aus 19 verschiedenen Ländern beteiligt sind. „Es geht um Spiritualität – um den Kampf, Gott zu finden oder Gott zu ersetzen. Jede der drei Hauptfiguren kämpft ständig darum, die eigene Seele zu finden: Rodrigo macht in dieser Staffel viele Höhen und Tiefen durch, er begibt sich auf eine richtige Achterbahnfahrt. John Doman macht einen unglaublich guten Job und trifft seine Figur jedes Mal genau auf den Punkt. Lucretia muss sehr viele Hürden bestreiten, muss mit der Schuld am Tod ihres Bruders Juan fertigwerden und sich mit dem Sinn und dem zukünftigen Weg ihres Lebens auseinandersetzen. Isolda Dychauk zeigt dies in einer unglaublichen Tiefe. Ihr Charakter fährt eine sehr kurvige Straße entlang, und sie schafft es, jede Kurve zu kratzen, ohne dass der Wagen dabei umstürzt. Mark Ryders Darstellung von Cesare in dieser Staffel wird die Fans absolut umhauen. Er versteht Cesar auf einer emotionalen sowie physischen Ebene sehr viel tiefgehender als er das in der ersten Staffel getan hat. Cesare ist nicht einfach zu spielen, und er ist auch kein Charakter, mit dem man immer sympathisiert.“

    Fakten und Fiktion vermischen sich, können vom Zuschauer nicht voneinander getrennt werden. Fontana sagt zwar: „Wir versuchen, so nah wie möglich an den geschichtlichen Fakten zu bleiben“, fügt aber unmittelbar hinzu: „solange sie nicht mit der Dramaturgie in Konflikt kommen“. Auch müsse er als Autor immer wieder in die Handlung eingreifen, um eine Figur von X nach Y zu bringen. „Ich weiß, dass X geschehen ist, und ich weiß dass Y geschehen ist, aber dazwischen gibt es keine Information, und so muss ich mir etwas Plausibles ausdenken.“ In der zweiten Staffel, die die drei Jahre zwischen 1497 und 1500 abdeckt – die erste begann mit dem Regierungsantritt Alexanders VI. im Jahre 1492 und die dritte wird voraussichtlich mit seinem Tod 1503 enden – treten Persönlichkeiten auf wie Savonarola, Machiavelli, Leonardo da Vinci und Michelangelo.

    „Wenn Machiavelli auftritt, ist es sehr wichtig zu sehen, wie Cesare Borgia und Machiavelli zusammen anfangen zu denken“, so Christoph Schrewe, Regisseur der Episoden 2 und 6. „Cesare wird zum Renaissancemenschen, der sich befreit vom Mittelalter, wo Gott alles diktiert hat. Und wir schauen den zentralen Charakteren dieser Zeit zu, wie sie gemeinsam nachdenken und den neuen Menschen entwerfen, ein Menschenbild entwerfen, in dem wir heute leben. In der Zweiten Staffel sehen wir, wie das, was wir heute leben, was wir heute denken entstanden ist“.

    Die Vermittlung eines solchen Geschichtsbildes, das von der Vorstellung einer Überwindung des „finsteren Mittelalters“ durch die „helle Neuzeit“ geprägt ist, ist eine entscheidende Grundlage der Serie. Mark Ryder, der die Figur des Cesare Borgia verkörpert, bringt dieses – etwas naive – Geschichtsbild auf den Punkt: „Ende des 15. Jahrhunderts dominierte die Religion alles. Es gab einfach keine Menschen, die nicht an Gott geglaubt haben. Religion war so sehr Teil des alltäglichen Lebens, dass ein Kerl, der daherkam und sagte: ,Wisst ihr was, ich glaube nicht, dass es einen Gott gibt!‘, für verrückt erklärt wurde. Cesare glaubt, dass er sein eigenes Schicksal bestimmen kann. Es ist das Erwachen des Atheismus.“ Dawkins lässt grüßen.

    Zwar wendet Fontana sich betont von den Quellen ab, die gleich nach dem Tod Alexanders VI. entstanden sind und diesem grenzenlose Ausschweifungen bis hin zum Inzest vorwarfen, um einen politischen Wiederaufstieg der Borgias zu verhindern. Dennoch durchziehen nach Borgia-Klischee Nacktszenen, Sex und brutale Gewalt alle Folgen; die erste Staffel durfte das ZDF nur in zensierter Form ausstrahlen. Dass die zweite Staffel keineswegs gemäßigter sein wird, macht Papstdarsteller John Doman deutlich: „Die Fans von Borgia können sich auf einen wahren Fernsehgenuss freuen. Die Dinge werden verrückter und verrückter. Zwischen allen Borgias passieren lauter sexuelle Dinge, es wird einfach vollkommen irrsinnig, und ich glaube, die Leute werden es lieben!“

    Eine seriöse filmische Aufarbeitung des dunkeln Kapitels, das der Borgiapapst Alexander VI. in der Kirchengeschichte darstellt, durch einen gläubigen Katholiken – Fontana wurde katholisch erzogen, sagt von sich selbst, dass er an die Institution der Kirche glaube und viele ihrer Werte teile – und ihre Ausstrahlung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur besten Sendezeit hätte großes Potenzial gehabt, zum besseren Verständnis der Kirchengeschichte in der Öffentlichkeit beizutragen. „Borgia“ wird diesem Anspruch nicht gerecht – und stellt ihn auch nicht. Die Serie kommt nicht über das Niveau des Slogans hinaus, mit dem das ZDF für die zweite Staffel wirbt: „Das elfte Gebot der Borgia: Vergiss die anderen zehn“.