• aktualisiert:

    Das Wunder der göttlichen Schöpfung auf dem Seziertisch

    Im Mannheimer Museum Zeughaus stellt eine kulturhistorische Schau die Epoche des Barock erstmals in ihrem ganzen Facettenreichtum vor. Ausgestellt sind 300 Objekte der Jahre 1580 bis 1770, die in sechs thematischen Abteilungen dargeboten werden. Sie präsentieren den Barock als europäisches Phänomen in der Zeit der Glaubenskonflikte zwischen Katholiken und Protestanten, des Dreißigjährigen Krieges und der Entdeckung neuer Welten, des Hexenwahns und bahnbrechenden wissenschaftlichen Fortschritts.

    Auge Gottes ist immer präsent, hier in der Mannheimer Schlosskapelle. Foto: Veit-Mario Thiede

    Im Mannheimer Museum Zeughaus stellt eine kulturhistorische Schau die Epoche des Barock erstmals in ihrem ganzen Facettenreichtum vor. Ausgestellt sind 300 Objekte der Jahre 1580 bis 1770, die in sechs thematischen Abteilungen dargeboten werden. Sie präsentieren den Barock als europäisches Phänomen in der Zeit der Glaubenskonflikte zwischen Katholiken und Protestanten, des Dreißigjährigen Krieges und der Entdeckung neuer Welten, des Hexenwahns und bahnbrechenden wissenschaftlichen Fortschritts.

    Auf vielfältige Weise steht der Begriff „Raum“ im Blickpunkt. Aus China eingeführtes Porzellan weist uns auf die Faszination der Europäer für das Exotische hin. Im Barock wurden übrigens alle Güter aus fernen Ländern als „chinesisch“ bezeichnet. Ein besonders kostbares Stück ist eines der vom niederländischen Naturforscher Antoni van Leeuwenhoeck gebauten Mikroskope im 17. Jahrhundert. Zu seinen Entdeckungen beim Blick durch die Linse gehören rote Blutkörperchen und Bakterien. Ein englisches Linsenfernrohr (1769) steht für die Erforschung des Universums. Nicht zuletzt geht es um Illusionsräume. Die ausgestellten Entwürfe zu Deckengemälden für Schlösser und Kirchen beschwören die antike Götterwelt oder das christliche Himmelreich herauf.

    Eine zierliche, röhrchenartige Flohfalle erregt in der Abteilung „Körper“ die Aufmerksamkeit. Platziert wurden solche Objekte in den mit Mehl gepuderten Perücken. Zur Körperpflege scheuten die Menschen das Wasser, da es Krankheitskeime enthalten könnte. Man bevorzugte die „trockene Toilette“, bei der die Haut mit Tüchern abgerieben wurde, achtete auf saubere Wäsche und parfümierte sich. Denn nach damaliger Vorstellung reinigte Parfüm durch seinen Duft den Körper. Zeitgleich gab es unterschiedliche Körperideale. Üppige Schönheit präsentiert Jacob Jordaens auf seinem Gemälde der Susanna im Bade (um 1640). Rank und schlank zeigt sich hingegen die von Orazio Lomi Gentileschi gemalte „Büßende Maria Magdalena“ (um 1626) mit entblößtem Oberkörper. Makaber wirkt die kleine Wachsfigur des „Christus anatomicus“ (18. Jh.). Der wie tot am unsichtbaren Kreuz hängende Erlöser ist mit abnehmbarer Bauchdecke ausgestattet, so dass Rippen und innere Organe studiert werden können. „Die Menschwerdung Gottes ist hier auf drastische Weise ins Bild gesetzt“, wie Marion Maria Ruisinger in ihrem Katalogbeitrag erläutert. Im Barock bestand eine enge Verbindung zwischen Anatomie und Religion. Ruisinger erklärt: „Wenn ein Anatomieprofessor bei der Zergliederung eines Leichnams das perfekte Ineinandergreifen der Organe demonstrierte, führte er damit zugleich das Wunder der göttlichen Schöpfung vor Augen.“

    Ein zentrales Anliegen der Barockzeit war „Ordnung“. Sie zeigt sich in der Architektur, in systematisch angelegten Planstädten wie Mannheim mit seinem innerstädtischen Quadratraster oder den mit Zirkel und Lineal konstruierten Schlossgärten. Die Gesellschaft war mit dem Herrscher an der Spitze hierarchisch gegliedert. Die damals in den Naturwissenschaften eingeführten Ordnungssysteme sorgen bis heute für Überblick. Und auch die Zeit wurde neu geordnet: Papst Gregor XII. führte 1582 den Gregorianischen Kalender ein. Er galt zunächst nur für den Bereich der katholischen Kirche. Evangelische Gebiete hielten sich hingegen an den alten Julianischen Kalender. Das führte dazu, dass die beiden Konfessionen mehrere Kalendertage von-einander „getrennt“ lebten.

    Besonders augenfällig sind die konfessionellen Unterschiede auf dem Gebiet der kirchlichen Kunst. Peter Hersche urteilt in seinem Katalogaufsatz: „Qualitativ und quantitativ überragte die Kunstproduktion, besonders im sakralen Bereich, in den katholischen Ländern die in den protestantischen bei Weitem.“ Sie war wichtiges Element der auch „Gegenreformation“ genannten „Katholischen Reform“, mit der die römische Kirche gegen den Protestantismus Stellung bezog. Die barocke katholische Kunst setzt auf emotionalen Überschwang, will werben, wenn nicht gleich überwältigen. Sie fordert zum Mitleiden mit dem Erlöser sowie den Märtyrern auf – und will überschwängliche Vorfreude auf die Teilhabe am Himmelreich hervorrufen. Eindrucksvolles Beispiel für die auf das Gefühl der Betrachter abzielende katholische Überzeugungsarbeit ist das vom kurpfälzischen Hofbildhauer Paul Egell geschaffene Holzrelief mit dem Antlitz der heiligen Theresa von Avila (um 1744). Die Augen geschlossen, den Mund geöffnet, verkörpert sie vollkommene Hingabe an die visionäre Gotteserfahrung. Wie Theresa von Avila wurden auch die Jesuiten Ignatius von Loyola und Franz Xaver 1622 heiliggesprochen. Von Papst Paul III. 1540 als Orden anerkannt, trug die Gesellschaft Jesu mit ihren missionarischen Bemühungen bis hin zum chinesischen Kaiserhof wesentlich zur weltweiten Ausbreitung des katholischen Glaubens bei und tat sich in Europa durch die in Schulen und Universitäten geleistete Bildungsarbeit hervor.

    Schönheit durch ausgewogene Proportionen

    Ein prominenter Jesuitenschüler war Kurfürst Carl Theodor (1722–1799) von der Pfalz. Durch Erbfolge fiel ihm der bayerische Thron zu, so dass er 1778 seine Residenz von Mannheim nach München verlegte. In Mannheim und im nahen Schwetzingen haben er und sein Vorgänger Carl Philipp ein imposantes Erbe hinterlassen. Sie sorgten für den Bau der Mannheimer Jesuitenkirche, deren Patrone Ignatius von Loyola und Franz Xaver sind. Das im Zweiten Weltkrieg fast völlig zerstörte Innere wurde 1986 bis 2004 restauriert und rekonstruiert. Die Jesuitenkirche ist mit ihrem grünen Stuckmarmor, dem knapp 20 Meter aufsteigenden Hochaltar sowie den sechs im Original erhaltenen Seitenaltären von überwältigender Pracht.

    Das Mannheimer Schloss imponiert mit einer 440 Meter langen Schaufront und ist nach Versailles das zweitgrößte Barockschloss. Besondere Attraktionen sind das Schautreppenhaus und der mit Ahnengalerie ausgestattete Rittersaal. Das Jagdschloss Schwetzingen war Carl Theodors Sommerresidenz. Nach gründlicher Sanierung sind die historischen Schlossräume in der Beletage seit kurzem wieder zu besichtigen. Sie weisen die originale Ausstattung zur Zeit Carl Theodors und seiner Gemahlin Elisabeth Augusta auf. Vor der Schlossterrasse öffnet sich ein weiter Gartenraum: der so genannte „Zirkel“. Carl Theodors Hofgärtner Johann Ludwig Petri hat „dem Stil der Zeit gemäß versucht, Schönheit durch ausgewogene geometrische Proportionen zu erreichen“, wie Uta Schmitt im Gartenführer erklärt. Dieses mit Wasserspielen, Lindenalleen, von Blumenrabatten eingefassten Rasenflächen, Zierbeeten und zu verschnörkelten Ornamenten zurechtgeschnittenem Buchs geschmückte Gartenparterre gilt wegen seiner kreisrunden Grundform als eine in der barocken Gartenkunst weltweit einmalige Raumschöpfung.

    Bis 19.2.2017 im Museum Zeughaus der Reiss-Engelhorn-Museen, C5, Mannheim. Di.–So. und an Feiertagen 11–18 Uhr. Am 24. und 31.12. geschlossen. Informationen: Tel.: 06 21-2 93 31 50, Internet: www.barock2016.de. Eintritt: 12,50 Euro.

    Der im Verlag Schnell & Steiner erschienene Katalog kostet im Museum 28 Euro, im Buchhandel 34,95 Euro. Die Schlösser von Mannheim und Schwetzingen liegen an der „Barocken Burgenstraße“. Informationen: Tel.: 071 31-

    9 73 50 10, Internet: www.burgenstrasse.de