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    Das Wunder der Versöhnung

    Am 31. August 1939, also vor genau 75 Jahren, überfielen deutsche SS-Männer in polnischen Uniformen den deutschen Sender Gleiwitz in Oberschlesien. Mitgebracht hatten sie einen entführten Polen, der vor Ort ermordet und liegengelassen wurde. Er sollte als „Beweis“ für einen angeblichen polnischen Angriff dienen, um den sorgfältig geplanten Angriff Adolf Hitlers auf Polen zu rechtfertigen. Schon am 1. September 1939 feuerte das deutsche Schulschiff „Schleswig-Holstein“ bei Danzig auf polnische Verteidigungsanlagen. Zeitgleich wurde die polnische Kleinstadt Wieluñ bombardiert. Dabei starben rund 1 200 Menschen. Getroffen wurde auch das Allerheiligen-Hospital. Der Historiker Jochen Böhler bringt es auf den Punkt: „Der deutsche Überfall auf Polen war im Kern bereits ein Vernichtungskrieg.“

    Architekten der deutsch-polnischen Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Kardinäle Stefan Wyszynski und Karol Wojty... Foto: IN

    Am 31. August 1939, also vor genau 75 Jahren, überfielen deutsche SS-Männer in polnischen Uniformen den deutschen Sender Gleiwitz in Oberschlesien. Mitgebracht hatten sie einen entführten Polen, der vor Ort ermordet und liegengelassen wurde. Er sollte als „Beweis“ für einen angeblichen polnischen Angriff dienen, um den sorgfältig geplanten Angriff Adolf Hitlers auf Polen zu rechtfertigen. Schon am 1. September 1939 feuerte das deutsche Schulschiff „Schleswig-Holstein“ bei Danzig auf polnische Verteidigungsanlagen. Zeitgleich wurde die polnische Kleinstadt Wieluñ bombardiert. Dabei starben rund 1 200 Menschen. Getroffen wurde auch das Allerheiligen-Hospital. Der Historiker Jochen Böhler bringt es auf den Punkt: „Der deutsche Überfall auf Polen war im Kern bereits ein Vernichtungskrieg.“

    Wenn die Deutsche Bischofskonferenz in den nächsten Tagen gemeinsam mit der Polnischen Bischofskonferenz des deutschen Überfalls auf Polen und des Beginns des Zweiten Weltkriegs vor 75 Jahren gedenkt, und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, zum gemeinsamen Gedenken vom 31. August bis zum 2. September 2014 nach Gleiwitz und Warschau reisen wird, ist dies bei weitem nicht so normal und selbstverständlich, wie es den Zuschauern von „Tagesschau“ und „Heute“ heutzutage vorkommen mag. Eher sollte man es als veritables Wunder bezeichnen. Das Wunder der Versöhnung, das nicht „von selbst“ eintritt, weil die Zeit ja irgendwie alle Wunden heilt. Versöhnung ist ein heroischer Akt, wie die Nachkriegsgeschichte Polens und Deutschlands lehrt, in welcher die Kraft des christlichen Glaubens eine ungleich größere Rolle spielte, als vielen bewusst ist.

    Das eigentlich Erstaunliche an diesem Wunder ist, dass es die Opfer waren, welche die Initiative zur Versöhnung ergriffen. In den letzten Tagen des Zweiten Vatikanischen Konzils, im November 1965, überreichten die polnischen Bischöfe den deutschen Bischöfen ihren berühmt gewordenen Versöhnungsbrief mit dem spektakulären Satz an seinem Ende: „Wir gewähren Vergebung und bitten um Vergebung“. Dieser Brief blieb keine papierene Willenserklärung. Er entwickelte eine gewaltige und staunenswerte Kraft. Er muss als Beginn der zunächst vorsichtigen gegenseitigen Annäherung und schließlich der deutsch-polnischen Freundschaft gewertet werden. Sein Inhalt ist aber auch ein historisches Lehrstück über einen Kernsatz des „Vater unser“, des zentralen christlichen Gebets: „Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“. Dass die polnischen Bischöfe nicht nur Vergebung anboten, sondern auch um Vergebung baten, empfanden viele Polen zunächst als unangemessen und weit über das Ziel einer Christenpflicht hinausgehend angesichts der noch nicht lange zurückliegenden Gräuel der deutschen Besatzungszeit. In Wahrheit wurde hier jedoch eine für alle Zeiten verschlossen erscheinende Tür mit einem Schlüssel geöffnet, der letztlich nur aus dem christlichen Glauben verstanden werden kann.

    Eine „Relecture“, eine erneute Lektüre dieses so folgenreichen Briefes kann nur jedem Christen – gleich welcher Konfession – dringend ans Herz gelegt werden. Denn darin finden sich alle Elemente der Versöhnung, die heute gern leichtfertig als „vergessen und vergeben“ abgetan wird. Denn es ist paradoxerweise gerade die Erinnerung, die eine Grunddisposition der Versöhnung darstellt. In dem auch heute noch tief beeindruckenden Brief der polnischen an die deutschen Bischöfe wird daher zunächst an das Gemeinsame der beiden Völker erinnert – an die sich immer wieder auch fruchtbar kreuzende Geschichte des Glaubens der beiden Völker und deren gemeinsame Höhepunkte. Gerade diese Passagen spiegeln angesichts der unvorstellbaren Grausamkeit der deutschen Okkupation Polens bereits deutlich den Starkmut der Bischöfe und jene Nobilität, von der einst Goethe feststellte: „Denn höher vermag sich niemand zu heben, als wenn er vergibt“.

    Die Erinnerung an das grauenhafte, schuldhaft Trennende wurde jedoch in dem Schreiben nicht verdrängt. „Über unser armes Vaterland senkte sich eine furchtbare finstere Nacht, wie wir sie seit Generationen nicht erlebt hatten. Wir waren alle macht- und wehrlos. Das Land war übersät mit Konzentrationslagern, in denen die Schlote der Krematorien Tag und Nacht rauchten. Über sechs Millionen polnischer Staatsbürger, darunter der Großteil jüdischer Herkunft, haben diese Okkupationszeit mit ihrem Leben bezahlen müssen. Die führende polnische Intelligenzschicht wurde einfach weggefegt. Zweitausend polnische Priester und fünf Bischöfe (ein Viertel des polnischen damaligen Episkopates) wurden in Lagern umgebracht.“ Die in dem Brief dargelegten Erinnerungen an das Geschehene sind derart schmerzlich, dass die polnischen Bischöfe sich zum Innehalten gleichsam zwingen: „Wir wollen nicht alles aufzählen, um die noch nicht vernarbten Wunden nicht wieder aufzureißen. Wenn wir an diese polnische, furchtbare Nacht erinnern, dann nur deswegen, damit man uns heute einigermaßen versteht, uns selbst und unsere heutige Denkungsart.“

    Kaum erscheint es menschlich möglich, aber hier baten die polnischen Bischöfe ihre deutschen Kollegen tatsächlich um Verständnis für eine Reaktion, die jedem doch als mehr als verständlich vorkommen musste: das polnische Volk hegte, nur zwanzig Jahre nach Kriegsende, noch Argwohn, Misstrauen und eine ausgeprägte Antipathie gegen die Deutschen, die in einem brutalen und ungerechten Überfall auf Polen nicht nur den Zweiten Weltkrieg eröffnet, sondern in diesem die Vernichtung und Ausrottung des polnischen Volkes zu erreichen gesucht hatten. Die polnischen Bischöfe als Teil des Volkes von Opfern baten um Verstehen bei den deutschen Bischöfen als Teil des Volkes der Täter. Was vielen Polen zunächst durchaus sauer aufstieß, bezeichnete wiederum eine Initialzündung zur Wiederherstellung der Grundvoraussetzung für Vergebung: Ein – um ein überstrapaziertes Modewort aufzugreifen – Herstellen von „Augenhöhe“, die angesichts der noch sehr wachen Erinnerung an jene zerstörerische Philosophie von „Herrenmenschen“ und „Untermenschen“ und den daraus resultierenden abgrundtief unmenschlichen Handlungen von Deutschen an Polen alles andere als selbstverständlich war. Tatsächlich war hier im zuvor in seiner Entwicklung historisch nachgezeichneten gemeinsamen Glauben ein Ansatz gegeben, der in anderen Kontexten ausgeschlossen erscheinen musste.

    In Deutschland herrschte zu dieser Zeit noch einerseits tiefe, sprachlose Scham über das Geschehene, andererseits aber auch Verdrängung des Furchtbaren, das aus dem Volk der Deutschen hervorgegangen war. Zudem hatte auch das deutsche Volk gelitten, insbesondere die Millionen Flüchtlinge aus dem Osten, das nun polnisches Staatsgebiet war. Diese hatten Heimat, Hab und Gut und oft genug auch ihre Würde verloren. Die Interpretation ihres Verlustes als einer stellvertretenden „gerechten Strafe“ für die deutschen Verbrechen leuchtete den Betroffenen weniger ein als den Opfern nationalsozialistischer Gewalt. Dies hatte durchaus auch politische Implikationen. Ein gegenseitiges Verstehen oder auch nur Annähern im Verständnis schien nahezu ausgeschlossen. Das Anerkennen der Opfer, dass das Volk der Täter – aus dem, wie die Bischöfe in ihrem Brief anerkannten, auch manche dem Hass und Vernichtungswillen widerstanden und teils dafür auch mit ihrem Leben bezahlt hatten – überhaupt eine Erklärung für das polnische „Generationsproblem“ verdiente, war die Grundvoraussetzung, ein Gespräch über die tiefen historischen Gräben hinweg überhaupt möglich zu machen: „Wenn echter guter Wille beiderseits besteht – und das ist wohl nicht zu bezweifeln – dann muss ja ein ernster Dialog gelingen und mit der Zeit gute Früchte bringen, trotz allem, trotz aller heißer Eisen. Es scheint uns gerade im ökumenischen Konzil ein Gebot der Stunde zu sein, dass wir diesen Dialog auf bischöflicher Hirtenebene beginnen, und zwar ohne Zögern, dass wir einander näher kennenlernen, unsere gegenseitigen Volksbräuche, den religiösen Kult und Lebensstil, in der Vergangenheit verwurzelt und gerade durch diese Kulturvergangenheit bedingt.“ Die deutschen Bischöfe, deren Antwort ansonsten vielen Polen lange unzulänglich erscheinen sollte, erkannten diesen Brückenschlag sogleich als Kernstück für die Chance einer echten Versöhnung: „Wir sind Kinder des gemeinsamen himmlischen Vaters.“ Auf dieser Basis konnten Deutsche und Polen wieder beginnen, miteinander zu sprechen. Auch wenn die kommunistische Regierung Polens alles tat, um die verständliche Reserviertheit vieler Polen gegenüber dem Vorstoß ihrer Bischöfe als Keil zu nutzen, den sie zwischen die polnische Bevölkerung und ihre Bischöfe rammte, war schließlich die innere Kraft des Versöhnungsbriefes stärker.

    Der emeritierte Bischof von Oppeln, Alfons Nossol, nannte den Brief der polnischen Bischöfe „eine wahre christliche Geste, radikaler Ausdruck christlicher Nächstenliebe und Feindesliebe.“ Tatsächlich zeigt die im Wortsinne übermenschliche Friedensgeste der polnischen Bischöfe nicht nur, dass Vergebung ein wahres Himmelsgeschenk ist, das auf Erden ganz reale Folgen zu zeitigen vermag, sondern sie gibt auch den Blick frei auf die geballte Radikalität dessen, was Christen glauben. Sie weist direkt auf das Geschehen am Kreuz.

    Anlässlich der Seligsprechung Maximilian Kolbes im Jahre 1971, welche die polnischen und deutschen Bischöfe gemeinsam erbeten hatten, verglich Papst Paul VI. den polnischen Märtyrer, der im Konzentrationslager Auschwitz stellvertretend für einen Mitgefangenen in den Tod im Hungerbunker gegangen war, mit Jesus Christus, der durch seinen Tod am Kreuz aus Liebe zu uns Menschen Versöhnung für alle Menschen erwirkt hat. 1982 brachten die Bischöfe Polens und Deutschlands anlässlich des Besuchs von Papst Johannes Paul II. – als Erzbischof von Krakau seinerzeit Mitunterzeichner des polnischen Versöhnungsbriefes – in Auschwitz ihre Bitte vor, Pater Kolbe heiligzusprechen. „Damit wirkte Maximilian Kolbe in der Zeit des Kalten Krieges – geistig und spirituell – als Versöhner zwischen Deutschland und Polen“, so Erzbischof Ludwig Schick, der Vorsitzende der Kommission Weltkirche der Deutschen Bischofskonferenz, anlässlich des fünften Europäischen Workshops zum Umgang mit der gewaltbelasteten Geschichte von Auschwitz vor wenigen Tagen. „Weil Menschen und Nationen immer wieder schuldig aneinander werden, europäisch und international, muss eine Kultur der Versöhnung aufgebaut werden.“ Maximilian Kolbe sei, so Schick, „Märtyrer, Zeuge, Vorbild, Inspirator und Moderator von Versöhnung in gewaltbelasteter Gegenwart“ in Auschwitz gewesen und sei heute Wegbegleiter für eine humane, von Versöhnung, Frieden, Gerechtigkeit und Solidarität gekennzeichnete Welt. Darüber hinaus wird aber auch ganz real, dass Entäußerung, Opfer und Stellvertretung keine ferne, komplizierte und womöglich unvorstellbare theologische Theorie, sondern erlebbarer Kern der christlichen Glaubensgeheimnisse sind: Voraussetzung für Versöhnung ist Vergebung. Von Gott her und vom Menschen her. Diese setzt immer einen heroischen Akt, ein über sich selbst Hinauswachsen, voraus. Vergebung, so der polnische Papst Johannes Paul II., das sei die Kraft Christi, die im wechselvollen Geschehen der Menschen und Völker wirksam ist. Der deutsche Papst Benedikt XVI. unterstrich die Worte seines Vorgängers: „Nichts kann die Welt verbessern, wenn das Böse nicht überwunden wird, und das Böse kann nur durch die Vergebung überwunden werden.“ In diesem Sinne werden die polnisch-deutschen Gedenkstunden der nächsten Tage von lebendiger Erinnerung, großer Dankbarkeit und dem unbedingten Willen zum Guten in die Zukunft hinein geprägt sein.