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    Das Wagnis der Erkenntnis

    In der inzwischen imposanten Reihe: „Das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft“ legt der Herausgeber Christoph Böhr als zehnten Band die Schrift von Richard Schaeffler: „Unbedingte Wahrheit und die endliche Vernunft“ vor.

    Bereits für den heiligen Hieronymus war Schriftlichkeit ein wesentliches Hilfsmittel der Wahrheitsfindung. Foto: IN

    In der inzwischen imposanten Reihe: „Das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft“ legt der Herausgeber Christoph Böhr als zehnten Band die Schrift von Richard Schaeffler: „Unbedingte Wahrheit und die endliche Vernunft“ vor.

    Schaeffler, inzwischen über 90 Jahre alt, zählt zu den bedeutendsten Religionsphilosophen der Gegenwart. Er lehrte in Bochum und München, zunächst als Inhaber des Lehrstuhles für Philosophisch-Theologische Grenzfragen, dann als Gastprofessor für Religions- und Geschichtsphilosophie. Der hier vorgestellte Sammelband nimmt Aufsätze zu beiden Forschungsfeldern auf. Insgesamt sind es acht Beiträge, die seit 1990 entstanden. Drei von ihnen sind Originalbeiträge, die erstmals veröffentlicht werden. Dieses Buch entspricht nicht dem Muster klassischer Sammelbände mit mehreren Autoren. Es handelt sich auch nicht um eine Werkschau eines einzelnen Autors, der zusammenträgt, was bisher nur an verborgener Stelle veröffentlicht worden ist oder noch gar nicht. Vielmehr durchzieht diese Studie ein Problemstrang, der zu Schaefflers Lebensthema geworden ist: Das Ringen des Menschen um Erkenntnis. So fügen sich die einzelnen Studien zu einem integralen Ganzen. Sie ergänzen und durchdringen einander. Der Leser hat nie den Eindruck, auf einem weiten Feld unterwegs zu sein. Er spürt vielmehr, dass hier jemand versucht, ein schwieriges Feld zu bestellen.

    Zu Schaefflers Leitsätzen gehört die Einsicht, dass die Wirklichkeit immer komplexer ist, als der Mensch sie in seinem Bemühen um Erkenntnis zum Ausdruck bringen kann. Schaeffler zeigt dies in dem hier vorgestellten Buch unter anderem am Beispiel der Kopernikanischen Wende, die einen neuen Zugang zu einer philosophischen Theologie eröffnet hat. Sie entlastete Gott von der Aufgabe, die Welt zu erklären, und machte deutlich, dass die Gottesfrage nicht am Ende, quasi als letzter Teil der Erkenntnis, sondern am Anfang steht. Sie eröffnet den Weg zur Erkenntnis.

    In einem anderen Beitrag wendet er sich der Suche des Menschen nach Sinn, nach einem sinnvollen Leben, zu. Dabei er stößt auf die Besonderheit menschlichen Tuns: „Nur wenn der Zusammenhang sinnvoll ist, kann auch das Einzelne, das sich in diesen Zusammenhang einfügt, sinnvoll sein“, schreibt er. Denn es komme stets auf den Gesamtzusammenhang an, in dem die einzelne Handlung des Menschen steht.

    Bemerkenswert ist auch sein Beitrag zum Verhältnis von Philosophie und Geschichte. Hier geht es ebenso wenig wie im Verhältnis von Theologie und Philosophie um eine Fortsetzung des alten Streites zur Bedeutung und Rangfolge der verschiedenen Fakultäten, sondern ganz im Gegenteil um ihren jeweiligen Beitrag zur Erkenntnis. Schaefflers Philosophie setzt auch hier ganz lebenspraktisch mit der Frage an: „Warum schreiben Menschen auf, was sie gesehen und gehört haben, gewollt und getan, erlitten und erlebt haben, worüber sie mit anderen Menschen einig geworden sind oder keinen Konsens finden konnten?“ Sie tun es, weil sie das Geschehene so festhalten wollen, wie es ihrer Meinung nach wirklich gewesen ist. Damit rückt die Wahrheit in den Mittelpunkt der Betrachtung. Spätestens hier wird deutlich, warum beide Disziplinen aufeinander angewiesen sind. Der Philosoph wird von dem Historiker daran erinnert, die Wahrheit nicht abseits der Geschichte zu suchen, sondern als deren inneres Moment. Und welche Gegenleistung kann der Philosoph dem Historiker anbieten? Er kann ihn darauf hinweisen, dass es nicht ausreicht, Geschichte als subjektive Erfahrung zu beschreiben. Sie bleibt stets ein Komplex von Möglichkeitsbedingungen. Es genüge nicht, schreibt Schaeffler, „die mannigfachen Einflüsse einer Gesellschaft auf das Anschauen, Denken und Wollen der Individuen zu beschreiben; es kommt darauf an, auch die gesellschaftlichen Beziehungen, in denen das Individuum steht, in ihrer transzendentalen Bedeutung zu erfassen“.

    Die hier ausgewählten drei Beispiele aus dem weiten Spektrum von Schaefflers Erkenntnisphilosophie können nicht mehr als dazu einladen, sich mit seinen Schriften näher zu beschäftigen. Der Leser stößt zu neuen Ufern vor. Er entdeckt Zusammenhänge, die ihm zuvor verschlossen waren und beginnt über seine Einsichten und sein Wissen erneut nachzudenken. Schaeffler lehrt, aber er belehrt nicht. Er fordert dazu auf, die eigene Meinung und Ansicht zu überprüfen. Menschliches Erkennen gründet auf Dialog, auf das Wechselspiel von Frage und Antwort in Vergangenheit und Gegenwart. Dieses Wechselspiel gestaltet er. „Es ist der Anspruch der Sache“, schreibt der Herausgeber in einer Würdigung, „der das Subjekt dazu aufruft, seine subjektiven Ansichten und Absichten kritisch zu überprüfen und so eigene Befangenheiten und Vorurteile durch die Freiheit des Urteils zu überwinden.“ Schaefflers Erkenntnisphilosophie lädt den Menschen zum Urteil ein, aber sie verweist darauf, sorgsam und umsichtig damit umzugehen. Sie erstickt nicht im Relativismus, der zur Beliebigkeit wird; sie setzt Maßstäbe. Sie macht deutlich, warum jedwede Form des Dogmatismus und Absolutismus fehl am Platze ist. Der Mensch kann die Welt deuten und er kann sie erkennen – muss sich aber immer bewusst sein: die Wahrheit und die Wirklichkeit sind jeweils größer als jene Gesichtspunkte, derer wir in unserer Erkenntnis habhaft werden können: veritas semper maior.

    Richard Schaeffler: Unbedingte Wahrheit und endliche Vernunft. Möglichkeit und Grenzen menschlicher Erkenntnis. Hrsg. von Christoph Böhr. Springer VS Verlag, Wiesbaden 2017 Reihe: Das Bild vom Menschen und die Ordnung der Gesellschaft, 239 Seiten, EUR 33,99