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    Das Martyrium des Langstreckenläufers

    Louis „Louie“ Zamperini (1917–2014) wird in den Vereinigten Staaten als Held gefeiert. Über die Geschichte des italienischen Einwandererjungen, der es in die Leichtathletikmannschaft der Olympischen Spiele 1936 schaffte, während des Krieges in japanische Kriegsgefangenschaft geriet und dort zum Glauben fand, veröffentlichte Laura Hillebrand im Jahre 2010 das Buch „Unbeugsam: eine wahre Geschichte von Widerstandskraft und Überlebenskampf“ (Originaltitel: „Unbroken: A World War II Story of Survival, Resilience, and Redemption“).

    Louis „Louie“ Zamperini (Jack O'Connell, Mitte) verbrachte mehr als zwei Jahre in einem japanischen Gefangenenlager. Lag... Foto: Universal

    Louis „Louie“ Zamperini (1917–2014) wird in den Vereinigten Staaten als Held gefeiert. Über die Geschichte des italienischen Einwandererjungen, der es in die Leichtathletikmannschaft der Olympischen Spiele 1936 schaffte, während des Krieges in japanische Kriegsgefangenschaft geriet und dort zum Glauben fand, veröffentlichte Laura Hillebrand im Jahre 2010 das Buch „Unbeugsam: eine wahre Geschichte von Widerstandskraft und Überlebenskampf“ (Originaltitel: „Unbroken: A World War II Story of Survival, Resilience, and Redemption“).

    Auf der Grundlage der Lebensbeschreibung Louie Zamperinis durch Laura Hillebrand entstand der nun anlaufende Spielfilm „Unbroken“ nach einem Drehbuch von Joel und Ethan Coen, Richard LaGravenese sowie William Nicholson. Regie führte Angelina Jolie, die damit nach ihrem Regiedebüt über den bosnisch-serbischen Bürgerkrieg „In the Land of Blood and Honey“ (DT vom 23.2.2012) ihre zweite Regiearbeit vorlegt. Die Haupthandlung bildet Zamperinis Erlebnisse im Zweiten Weltkrieg: Zu den bedeutungsschweren Klängen der Filmmusik von Alexandre Desplat findet hoch über den Wolken eine gewaltige Luftschlacht mit B24-Bombern statt. Der elfmal für den Oscar nominierte, regelmäßig für die Filme der Coen-Brüder arbeitende Kameramann Roger Deakins gestaltet diese Schlacht mit einer beeindruckenden Choreografie. Einer der Bombenschützen in einem amerikanischen Flugzeug ist Louie Zamperini (Jack O’Connell). Dank eines waghalsigen Manövers des Piloten Russell Allen „Phil“ Phillips (Domhnall Glason) können sie notlanden. Wenig später versagen jedoch die Motoren des Ersatzflugzeuges während einer Rettungsmission im Südpazifik. Beim Absturz in den Ozean kommen acht der elf Insassen ums Leben. Louie, Phil und Sergeant Francis „Mac“ McNamara (Finn Wittrock) treiben wochenlang auf einem Schlauchboot im offenen Meer. Mac hält 33 Tage durch, stirbt aber an Hunger und Dehydration. Nach 47 Tagen werden Louie und Phil von der japanischen Marine aufgegriffen und in ein Kriegsgefangenenlager gesperrt. Louies' Gefangenschaft dauerte mehr als zwei Jahre, in denen er vom Gefängnis-Kommandanten Mutsuhiro Watanabe (Miyaji) mit immer neuen sadistischen Methoden gequält wurde.

    In Rückblenden erzählt Regisseurin Angelina Jolie als Parallelgeschichte, wie aus dem nichtsnutzigen Sohn italienischer Einwanderer in Kalifornien einer der besten Langstreckenläufer der Welt wurde: Louie (als Junge von C.J. Valleroy dargestellt) verbringt den Tag mit kleineren Gaunereien, weshalb er recht bald mit der Polizei Bekanntschaft macht. Erst als sein Bruder Pete (Alex Russell) Louies Talent für den Langstreckenlauf entdeckt, hat der Junge ein Ziel. Er lernt, sich anzustrengen und hart zu trainieren. Die Belohnung: die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1936. Obwohl Louie mit einer fantastischen Endrunde im 5 000 Meter-Endlauf als Achter ins Ziel kommt, ist er noch zu jung. Erst bei den Olympischen Spielen Tokyo 1940 wird er in der Lage sein, um eine Medaille zu kämpfen. Doch dazu wird es nicht kommen: Als 1939 der Zweite Weltkrieg ausbricht, werden die Spiele abgesagt. Louie meldet sich freiwillig für die amerikanische Luftwaffe.

    Während der Gefangenschaft übersteht Louie fast übermenschliche Qualen, wobei die Anklänge an das Leiden Christi immer wieder deutlich werden, etwa wenn Louie nicht nur die andere Wange hinhalten soll, sondern er von den eigenen Mitgefangenen geschlagen werden soll, insbesondere aber, wenn er einen schweren Balken stemmen soll – das Bild erinnert unweigerlich an eine Kreuzigungsszene. Die religiösen Bezüge sind allzu deutlich: Nicht nur Phil betet immer wieder, auch Louie selbst wird in höchster Not Gott ein Gelöbnis machen – im Nachspann klärt „Unbroken“ den Zuschauer auf, dass nach dem Krieg Versöhnung ein wichtiges Anliegen für Louie Zamperini wurde. Insofern scheint es folgerichtig zu sein, dass Angelina Jolie ihren Film im Vatikan vorstellte und dabei mit Papst Franziskus zusammentraf.

    Dennoch gelingt es Angelina Jolie kaum, diese interessanten Fragen befriedigend zu inszenieren. Die Eintönigkeit gehört zwar zu solchen Gefangenenfilmen. Meisterhaft stellte dies etwa Frank Darabont 1994 in seinem Film „Die Verurteilten“ („The Shawshank Redemption“) dar, bei dem übrigens Roger Deakins ebenfalls die Kamera führte. Das liegt größtenteils daran, dass die Hauptfigur in „Die Verurteilen“, der von Tim Robbins verkörperte Andy Dufresne, ein komplexer Charakter ist. Demgegenüber nimmt sich Louie Zamparini in „Unbroken“ völlig eindimensional aus.

    In dieses Bild passt es, dass Angelina Jolie eine schwarz-weiße Zeichnung der Gegner bietet: Die Amerikaner sind durchweg gut, die Japaner durchweg böse. Selbst wenn es den Anschein hat, dass die Japaner Louie menschlich behandeln, erweist sich dies als eine Finte, um ihn vor den Karren ihrer Propaganda zu spannen. Der einzige Japaner, der ein Gesicht erhält, ist außerdem ausgerechnet der sadistische Lagerkommandant Watanabe.

    Insgesamt enttäuscht „Unbroken“, weil hier Regisseurin Angelina Jolie im Gegensatz zu ihrer ersten Regiearbeit „In the Land of Blood and Honey“ und trotz der handwerklich soliden Leistung von „Unbroken“ die emotionale Kraft der Geschichte Louie Zamperinis kaum zu visualisieren vermag.