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    Das Leben der Nomaden ändert sich

    In seinem Spielfilmdebüt konzentriert sich Regisseur Mirlan Abdykalykov auf das Leben einer Familie in einem Tal Kirgistans. Bereits die ersten Bilder stellen dem Zuschauer die Weite der Landschaft und die Verbindung der Menschen mit der Natur vor Augen. Die Verbundenheit der in einer Jurte lebenden Familie mit dem Tal gehört genauso zu ihrem Selbstverständnis wie die Pferdezucht, von der sie leben. In der Abgeschiedenheit des Tales lebt der alte Pferdehirte Tabyldy (Tabyldy Aktanov) mit seiner Frau Karachach (Anar Nazarkulova), der Schwiegertochter Shaiyr (Taalaikan Abazova) und deren siebenjähriger Tochter Umsunai (Jibek Baktybekova). Obwohl das Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter immer wieder Spannungen erzeugt, blieb Shaiyr mit seiner Tochter bei den Schwiegereltern, als ihr Mann bei Versuch ertrank, Pferde aus dem nahen Fluss zu retten. An der Stelle, wo der Sohn vom Fluss weggerissen wurde, hat der alte Tabyldy eine Art Erinnerungsmal aufgestellt. Dorthin geht er auch immer wieder, um des Sohnes zu gedenken.

    Der weise Hirte Tabyldy (Tabyldy Aktanov) macht seine Enkelin Umsunai (Jibek Baktybekova) mit den Traditionen der kirgis... Foto: Neue Visionen

    In seinem Spielfilmdebüt konzentriert sich Regisseur Mirlan Abdykalykov auf das Leben einer Familie in einem Tal Kirgistans. Bereits die ersten Bilder stellen dem Zuschauer die Weite der Landschaft und die Verbindung der Menschen mit der Natur vor Augen. Die Verbundenheit der in einer Jurte lebenden Familie mit dem Tal gehört genauso zu ihrem Selbstverständnis wie die Pferdezucht, von der sie leben. In der Abgeschiedenheit des Tales lebt der alte Pferdehirte Tabyldy (Tabyldy Aktanov) mit seiner Frau Karachach (Anar Nazarkulova), der Schwiegertochter Shaiyr (Taalaikan Abazova) und deren siebenjähriger Tochter Umsunai (Jibek Baktybekova). Obwohl das Verhältnis zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter immer wieder Spannungen erzeugt, blieb Shaiyr mit seiner Tochter bei den Schwiegereltern, als ihr Mann bei Versuch ertrank, Pferde aus dem nahen Fluss zu retten. An der Stelle, wo der Sohn vom Fluss weggerissen wurde, hat der alte Tabyldy eine Art Erinnerungsmal aufgestellt. Dorthin geht er auch immer wieder, um des Sohnes zu gedenken.

    Im Gegensatz zum Familienoberhaupt sieht seine Frau Karachach einiges eher negativ. Sie meckert darüber, dass ihre Enkelin zu lange im Bett bleibt, sie versteht kaum, dass Shaiyrs älterer Sohn Ulan (Myrza Subanbekov) in die Stadt gezogen ist, um zu studieren ... Insbesondere beobachtet sie argwöhnisch die Annäherungsversuche des Meteorologen Ermek (Jenish Kangeldiev), der auf die schöne Witwe Shaiyr allzu offensichtlich ein Auge geworfen hat. „Das Wetter aufzuschreiben – was ist das für ein Beruf?“ Offenbar befürchtet die alte Frau, dass sich ihre Schwiegertochter für ein sesshaftes Leben in der Stadt entscheiden könnte. Als Ulan in den Ferien nach Hause kommt, erzählt er ganz begeistert vom Stadtleben, von Dingen wie Kino oder Diskothek, von denen seine kleine Schwester Umsunai noch nie gehört hatte.

    Denn die Geschichten, die Umsunai von ihren Großeltern hört, stammen vielmehr aus der Tradition der kirgisischen Nomaden. Es sind Mythen etwa von Menschen, die sich in Tiere verwandeln. Und weil das Mädchen eine große Sehnsucht nach ihrem Vater spürt, ist sie bald davon überzeugt, dass ihr Vater – wie der Jäger in der Erzählung des Großvaters – in den Adler verwandelt wurde, der über das Tal zieht.

    Nach und nach hält die Moderne Einzug ins Leben im abgeschiedenen Tal. Auf Ulans Erzählungen vom Leben in der Stadt folgt Ermeks Ankündigung, dass er dort eine Stelle angeboten bekommen hat. Die entscheidende Wende geschieht aber, als Tabyldy von der Nachricht überrascht wird, dass eine neue Eisenbahnlinie durch das Tal gebaut werden soll. Bald darauf tauchen tatsächlich Baumaschinen auf. Auf Felsbrocken aufgemalte rote Zahlen markieren offenbar die Trasse, die gebaut werden soll. Sie kontrastieren stark mit den Zeichnungen, die auf ähnlichen Felsen die Urahnen hinterlassen hatten. Die Zeichnen der Zeit stehen auf Veränderung.

    Dennoch zeigt „Nomaden des Himmels“ so gut wie ausschließlich eine friedliche, ursprüngliche Welt, die von der Kamera teils in Totalen eingefangen wird: Eine schöne Gebirgslandschaft mit schneebedeckten Gipfeln im Hintergrund hinter Wiesen in sattem Grün. Das Überleben in ihr bedeutet zwar schwere Arbeit, aber hier folgt das Leben einem natürlichen Rhythmus. Dementsprechend fließt der Film in langen Einstellungen ohne hektische Schnitte dahin. In einer Welt ohne Internet und Mobiltelefon, ja sogar ohne Fernseher und sonstige Geräte schreitet das Leben im Gleichklang der Jahrhunderte. Genauso wie sie mögen die Großeltern der Großeltern gelebt haben, und ihre Großeltern ebenso.

    Diese Welt, die von Regisseur Mirlan Abdykalykov mit halbdokumentarischem Blick eingefangen wird, steht jedoch in vollem Umbruch. Zwar zeigt er kaum Bilder der Stadt, aber insbesondere Ulans begeisterte Erzählungen beschwören diese Kulisse – für die Großeltern eher ein Horrorszenario – herauf. Denn „Nomaden des Himmels“ handelt eigentlich vom Übergang eines von der Natur und den uralten Mythen geprägten Lebens in die Moderne. Dieser Umbruch wird an den drei Generationen, die in derselben Jurte leben, ablesbar: Die Großeltern sind noch in den alten Traditionen fest verankert, aber Shaiyr schwankt zwischen dem traditionellen Leben und einer neuen Lebensweise in der Stadt. Dass ihr Sohn Ulan auch nach dem Studium in der Stadt bleiben wird, wissen im Grunde schon alle: Nicht nur die Freizeitangebote, von denen er schwärmt, ziehen ihn an. Für einen Architekturstudenten scheint eben nur eine Stadt Berufsaussichten zu bieten. Dass sich die Zeiten geändert haben, wird Tabyldy immer bewusster. Spätestens beim Anblick der schweren Baugeräte ist aus der Vorahnung Gewissheit geworden. Zwar zeigt er sich offener als seine Frau für die Lebensweise, von der sein Enkel erzählt. Aber: Ist das noch ein Leben für ihn? Obwohl sich dadurch ein Gefühl der Melancholie über den Film legt, nimmt sich „Nomaden des Himmels“ keineswegs als ein lautes Plädoyer für die Erhaltung der traditionellen Lebensweise von Nomadenvölkern aus. Mirlan Abdykalykov nimmt vielmehr eine beobachtende Position ein. Der Übergang von der traditionellen in die moderne Lebensweise erscheint denn auch als Teil einer Entwicklung, die nicht aufzuhalten ist.

    „Nomaden des Himmels“ wurde im letzten Jahr von Kirgistan für den Oscar in der Kategorie „nichtenglischsprachiger Film“ vorgeschlagen.