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    Das Land, das Gott los wurde

    Am 13. November jährte sich zum 50. Male, was sich in der Geschichte bis dahin nie ereignet hatte: Albanien erklärte sich zum ersten atheistischen Staat der Welt! Das Albanien des Diktators Enver Hoxha war das letzte stalinistische Land des Ostblocks, denn es hatte sich nach der Entstalinisierungsrede Chruschtschows 1956 auf die Seite Chinas gestellt. Es war auch das erste und einzige atheistische Land der Welt, das auch in der Verfassung jede religiöse Tätigkeit unter Strafe gestellt hatte. Darüber wurde im Westen lange geschwiegen. 1983 beschloss die Deutsche Bischofskonferenz, am Gebetstag für die verfolgte Kirche 1984 die Gläubigen der Volksrepublik Albanien in den Mittelpunkt des Gebetes und der Hilfe zu stellen. Das Internationale Werk „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ in Königstein und das in jenem Jahr in München entstandene deutsche Büro nahm diesen Entschluss auf, denn bereits 1982 hatte der Gründer des Werks, der als Speckpater bekannte Pater Werenfried van Straaten in seinem „Echo der Liebe“ auf die Tragik hingewiesen, dass Albanien das erste atheistische Land der Welt war. Auch auf dem Düsseldorfer Katholikentag 1982 hatte der Speckpater auf „den himmelschreienden Skandal“ in diesem europäischen Land aufmerksam gemacht.

    Church of St. Anthony in Kepi Rodonit
    Die Kirche St. Antonius am albanischen Kap Rodon wurde im 14. und 15. Jahrhundert gebaut, während der Zeit des Kommunism... Foto: dpa

    Am 13. November jährte sich zum 50. Male, was sich in der Geschichte bis dahin nie ereignet hatte: Albanien erklärte sich zum ersten atheistischen Staat der Welt! Das Albanien des Diktators Enver Hoxha war das letzte stalinistische Land des Ostblocks, denn es hatte sich nach der Entstalinisierungsrede Chruschtschows 1956 auf die Seite Chinas gestellt. Es war auch das erste und einzige atheistische Land der Welt, das auch in der Verfassung jede religiöse Tätigkeit unter Strafe gestellt hatte. Darüber wurde im Westen lange geschwiegen. 1983 beschloss die Deutsche Bischofskonferenz, am Gebetstag für die verfolgte Kirche 1984 die Gläubigen der Volksrepublik Albanien in den Mittelpunkt des Gebetes und der Hilfe zu stellen. Das Internationale Werk „Kirche in Not/Ostpriesterhilfe“ in Königstein und das in jenem Jahr in München entstandene deutsche Büro nahm diesen Entschluss auf, denn bereits 1982 hatte der Gründer des Werks, der als Speckpater bekannte Pater Werenfried van Straaten in seinem „Echo der Liebe“ auf die Tragik hingewiesen, dass Albanien das erste atheistische Land der Welt war. Auch auf dem Düsseldorfer Katholikentag 1982 hatte der Speckpater auf „den himmelschreienden Skandal“ in diesem europäischen Land aufmerksam gemacht.

    Seit dem 13. November 1967 sollte die kleine Volksrepublik zum ersten atheistischen Land der Welt werden. Vorausgegangen war schon im Februar jenes Jahres eine Rede Enver Hoxhas in Durazzo, nach deren Abschluss Lehrer und Schüler alle religiösen Gebäude der Stadt, Kirchen und Moscheen mit Brettern vernagelten. Nach offizieller albanischer Version zündete dieses Beispiel im ganzen Land, sodass bis zum Frühsommer desselben Jahres alle 268 katholischen Kirchen und fast 2 000 weitere religiöse Gebäude (orthodoxe Kirchen, Klöster und Moscheen) geschlossen, profaniert oder abgerissen waren. Dabei hätte die Bevölkerung spontan gehandelt, auch die Geistlichkeit habe „ihre Kutten freiwillig abgelegt“.

    Die Proteste in der Weltöffentlichkeit blieben damals spärlich. Auch als die neue Verfassung von 1976 entgegen der UNO-Menschenrechtserklärung jede religiöse Betätigung unter Strafe stellte, blieb Albanien weiter Mitglied der Vereinten Nationen. Artikel 37 der damaligen Verfassung erklärte: „Der Staat erkennt keinerlei Religionen an und unterstützt atheistische Propaganda, um in den Menschen die materialistische Weltanschauung zu verwurzeln.“ In Artikel 55 hieß es: „Verboten ist die Bildung jedweder Organisation mit faschistischem, antidemokratischem, religiösem und antisozialistischem Charakter. Verboten ist faschistische, religiöse, kriegstreiberische, antisozialistische Tätigkeit und Propaganda sowie die Erzeugung von Völker- und Rassenhass.“

    Nach dem Krieg die Verfolgung der Katholiken

    Die letzte Volkszählung der Vorkriegszeit hatte 1938 (bei damals 1,1 Millionen Einwohnern gegenüber heute über drei Millionen) 69 Prozent Muslime, 20,7 Prozent Orthodoxe und 10,2 Prozent Katholiken ergeben, wobei sich die Muslime in Sunniten und Angehörige des Bektashi-Ordens (mindestens 15 Prozent der albanischen Gesamtbevölkerung) gliederten. Bis 1967 hatte die autokephale albanische orthodoxe Kirche vier Diözesen gehabt. Für die Katholiken gab es die Erzdiözesen Durazzo und Skutari sowie die Bistümer Alessio, Pulat, Sape und die Abtei Nullius Orosh. Bereits nach 1945 setzte eine grausame Verfolgung der Katholiken ein. Die katholischen Orden wurden verboten, fast alle Bischöfe ermordet. Damals versuchte die Regierung durch Dekrete über die Religionsgemeinschaften eigene albanische Nationalkirchen zu schaffen. Am 4. Mai 1950 erging das Dekret „über die Billigung des Status der autokephalen orthodoxen Kirche von Albanien“, am 30. Juli 1951 „über die Billigung des Status der katholischen Kirche von Albanien“. Zugleich mit dem Dekret über die orthodoxe Kirche waren auch die Statuten der albanischen Bektashi-Gemeinde und der albanischen Moslemgemeinde gebilligt worden. Der national-kirchliche Charakter zeigt sich deutlich im Dekret über die Billigung des Status der katholischen Kirche von Albanien, von der es hieß, sie habe keinerlei organisatorische oder andere Kontakte zum Vatikan.

    Auch nach diesen Dekreten ging die Verfolgung weiter. 1959 wurden zwei katholische Priester und fünf Laien wegen angeblicher Zusammenarbeit mit dem jugoslawischen Geheimdienst zum Tode verurteilt. 1971 wurden im Lager Lushnja der 74 Jahre alte Priester Stjefen Kurti hingerichtet, weil er ein Kind getauft hatte. 1979 wurde Bischof Ernesto Çoba zu Tode geprügelt und 1980 der Jesuitenpater Anton Luli wegen der Taufe seiner Neffen zum Tode verurteilt. Seit 1967 war aber auch im ersten atheistischen Staat der Welt nicht jedes religiöse Leben verschwunden. In der Parteipresse erschienen von Zeit zu Zeit Artikel, die sich darüber beklagten, dass die religiösen Überzeugungen in vielen Albanern lebendig geblieben seien. Gelegentlich führte man Beispiele an, die zeigten, dass es auch nach dem Verbot jeder religiösen Tätigkeit noch Gläubige in Albanien gab.

    Die oben erwähnten hingerichteten Priester hatten auf Bitten von Müttern die Kinder getauft. Im Falle von Pater Luli erhielt die Mutter der getauften Kinder eine Strafe von acht Jahren Konzentrationslager. Auch Parteizeitungen geben zu, „dass viele Normen und ungeschriebene und religiöse Riten auch heute noch, besonders von den Alten, weiterhin auf die junge Generation übertragen werden“. Es gäbe sogar noch Kreuze und Ikonen in den Wohnungen und es würden Heiligenfeste begangen.

    Papst und Pater Werenfried vergaßen die Albaner nie

    Während sonst gegen das Unrecht in vielen Teilen der Welt protestiert wurde, gab es kaum Proteste gegen Albanien. Papst Johannes Paul II. hatte dagegen mehrfach zum Gebet für die verfolgten Christen in Albanien aufgerufen, so zum Beispiel bei seinem Besuch 1980 in Otranto, dem östlichsten Punkt des italienischen Stiefels. Anlass des Papstbesuches in der apulischen Hafenstadt war damals die 500-Jahrfeier des Martyriums von 800 Christen, die dort am 14. August 1480 niedergemetzelt worden waren.

    Unter dem Applaus der Zehntausenden, die an der Messfeier teilnahmen und denen er zuvor die Bedeutung des christlichen Martyriums erläutert hatte, forderte der Papst auf, den Blick über das Meer in das naheliegende Albanien zu wenden. Die dortige „heroische Kirche“ erleide seit langer Zeit schwerste Prüfungen und Verfolgungen, „bereichert durch das Zeugnis ihrer Märtyrer: Bischöfe, Priester, Ordensleute und einfache Gläubige“.

    Ausdrücklich gedachte Johannes Paul II. auch der Glaubenszeugen der anderen christlichen Konfessionen und monotheistischen Religionen, die in Albanien ein ähnliches Los wie die Katholiken erlitten. Er mahnte alle Christen an ihre Pflicht, denen nahe zu sein, die um ihres Glaubens willen Verfolgung erleiden und fügte hinzu: „Hier geht es um eine Solidarität, die allen Menschen und Gemeinschaften geschuldet wird, deren Grundrechte verletzt oder sogar vollkommen zertreten werden.“ Sehr oft versuche man, die christlichen Märtyrer als „politischer Verbrechen schuldig“ hinzustellen, fuhr der Papst fort und erinnerte, Christus selbst sei augenscheinlich aus diesem Motiv zum Kreuzestod verurteilt worden. Umso mehr müsse auch der heutige Christ das Glaubenszeugnis der zeitgenössischen Märtyrer würdigen.

    Pater Werenfried nahm sich das Anliegen des Papstes zu Herzen und half den Albanern außerhalb Albaniens, vor allem im damaligen Jugoslawien. In seinem Blatt „Echo der Liebe“ schrieb er 1982: „Das christliche Europa schläft weiter. Albanien bleibt Mitglied der Vereinten Nationen, ohne, wie Südafrika oder Israel, boykottiert zu werden. Europäische Staaten, die sich christlich nennen, treiben ungestört Handel mit Tirana. Niemand protestiert.

    Erfolgreiche Vorbereitung auf eine Wende

    Kurz nach der Erlassung des Hodscha-Dekretes feierte man den 500. Todestag des albanischen Nationalhelden Skanderbeg, der vom Papst wegen seines heldenhaften Widerstandes gegen die Türken mit dem Ehrentitel ,Athleta Christi‘ ausgezeichnet wurde. Wo sind jetzt die Athleten Christi? Wer verwahrt sich dagegen, dass in den Jahren 1967 und 1968 2 738 Kirchen, Klöster und Moscheen profaniert oder zerstört wurden? Wer protestiert, dass Priester, wie der greise Stefan Kurti, der auf Bitten einer Mutter ihr Kind getauft hatte, hingerichtet werden? Wer protestiert, dass die Kathedrale von Skutari in eine Sporthalle umgebaut wurde? Hier wird ein Volk in seinem tiefsten Wesen, in den Wurzeln seiner Existenz, in der Verbundenheit mit seinem Schöpfer geschändet. Hier dürfen wir nicht passiv bleiben. Zwar ist Albanien noch für uns geschlossen, aber wir helfen mit unserer Flüchtlingsabteilung den albanischen Flüchtlingen. In Süditalien und im Kosovo, dem Armenhaus Jugoslawiens, leben albanische katholische Minderheiten. Hier ist unsere offensive Hilfe nötig, um die Gläubigen zu unterstützen und die vielen Priesterberufe zu erhalten. Aus der Diözese Skopje-Prizren in Jugoslawien mit ihren 50 000 Katholiken stammt auch Mutter Teresa. Sie hat dort in Skopje bereits ein Kloster ihrer ,Missionarinnen der Liebe‘. Wenn der jetzt 76-jährige Enver Hodscha vor Gott Rechenschaft ablegen muss und sich in Albanien die Verhältnisse ändern, soll die geistliche Rückgewinnung Albaniens von hier aus ihren Anfang nehmen. Helft uns darum, das Wort Gottes in albanischer Sprache zu verbreiten und neue albanische Priester auszubilden. Helft mit Euren Spenden und Gebeten, damit wir an dem von Gott bestimmten Tag mehr tun können, als wir es vermögen.“

    Damals half „Kirche in Not“ der Diözese Skopje-Prizren, deren Gläubige Hilfe für den Druck zweier Gebetbücher und mehrere Katechismen erhielten. Der Albanerseelsorger in Stuttgart, Hil Kabashi, der nach der Wende in Südalbanien als Bischof wirkte, ermunterte seine Gläubigen, die als Gastarbeiter in Deutschland lebten, zu missionarischer Tätigkeit.

    Werenfrieds starker Glaube wurde erhört. Auch in Albanien wurde die kommunistische Regierung abgelöst und der Papst konnte die Gläubigen besuchen. Die ersten Bibeln, Katechismen und Gebetbücher, die das Land nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft erreichten, waren mit Hilfe von „Kirche in Not“ für den Kosovo gedruckt worden, von wo aus ausgebildete Priester nach Albanien gingen und Schwestern, die auch den ersten Karmel in Albanien gründeten.

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