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    Das Kloster begründete blühendes Leben

    Wie Sakralkunst die Stadt prägt: 1 000 Jahre Fuldaer Geschichte Von Tilmann Asmus Fischer

    Aus dem Franziskanerkloster auf dem Frauenberg: „Franziskus-Kerzen“, erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Foto: Fischer

    Es ist gleich ein vierfaches Jubiläum, das Fulda – die Stadt des Bonifatius und Sitz der Deutschen Bischofskonferenz – in diesem Jahr begehen kann. Der Klostergründung durch Sturmius 744 und der Weihe der Ratgar-Basilika vor 1 200 Jahren gilt es ebenso zu gedenken wie der Beisetzung König Konrads I. in Fulda 919 und der Verleihung von Münz-, Markt- und Zollrecht vor 1 000 Jahren. Das letzte der Jubiläen nimmt eine Ausstellung im Vonderau Museum zum Ausgangspunkt, auf das zurückliegende Jahrtausend der Stadt zu blicken.

    Auch heute die Präsenz von Glaube und Kirche

    Auch wenn dies unter einem dezidiert wirtschaftsgeschichtlichen Blickwinkel geschieht, ist die Schau gerade auch unter kirchengeschichtlichen Gesichtspunkten von Interesse. Denn es gelingt ihren Machern immer wieder, die unterschiedlichen Wechselbeziehungen zwischen Kirche- und Wirtschafts- oder Sozialgeschichte zu akzentuieren. Dass dies insbesondere für die Phasen von Mittelalter bis Frühneuzeit der Fall ist, die Kirche hingegen ab dem Zeitalter der Säkularisierung als ökonomischer Faktor in den Hintergrund tritt, braucht nicht zu verwundern.

    Ausführlich hebt der erste Teil der Ausstellung, der sich der Zeit ab 744 annimmt, die konstitutive Bedeutung der Kirche und ihrer Mission für den Wirtschaftsstandort Fulda hervor, der erst ausgehend von der Klostergründung und der sich in ihrem Umfeld entwickelnden Handwerkersiedlung entstehen konnte. Mit dem kirchlichen Leben an der Fulda verbindet sich die Etablierung eines Metiers, das eine – heute freilich weniger prägende – Konstante des örtlichen Handwerks bildet: der Sakralkunst. Hiervon zeugen als Vertreter der mittelalterlichen Buchkunst oder Malerei etwa ein Sakramentarfragment aus dem 10. Jahrhundert und ein Evangeliar aus dem 11. Jahrhundert; dabei produzierte das Fuldaer Skriptorium nicht nur für den eigenen Bedarf, sondern exportierte auch prächtige Reliquiare an auswärtige Kirchen.

    Als wirtschaftlicher Akteur kommt die Kirche jedoch nicht nur als Produzent und Abnehmer von sakraler Kunst, sondern vielmehr bis zur Säkularisierung auch aufgrund ihrer hoheitlichen Funktion in den Blick. So war die Abtei mit der Privilegierung von 1019 Münzherr – und damit von wortwörtlich prägender Bedeutung. Hiervon vermitteln Fuldaer Münzen unterschiedlicher Epochen einen Eindruck. Zugleich war die kirchliche Herrschaft in Fulda selbst auch in nicht unerheblichem Umfang Auftragnehmer und Abnehmer der örtlichen Wirtschaft – und derjenigen Händler, die seltene Güter aus der Ferne nach Fulda importierten.

    Dies beleuchtet in eindrücklichem Maße diejenige Abteilung der Ausstellung, die sich mit der Hofhaltung des Fürstbischofs zu Zeiten des Fürstbistums Fulda befasst: So erfährt der Ausstellungsbesucher, dass der Fürstbischof zum Wohle der städtischen Zünfte den Handel mit auswärtigen Konkurrenzprodukten untersagte – ausgenommen von Gütern, die vor Ort nicht produziert werde konnten, jedoch für die fürstbischöfliche Hofhaltung notwendig waren. Und so stehen in den Vitrinen unter anderem ein Blumentopf mit dem Wappen des Fürstabtes Amand von Buseck, der 1744 von der Fayence-Manufaktur Fulda hergestellt worden war, neben exotischen Raritäten wie einer Koralle und einem Straußenei. Als Förderer der örtlichen Wirtschaft tritt der Fürstbischof sodann auch als Gründer der Städtischen Vorschusskasse 1789 in Erscheinung, die Händlern und Handwerkern in ökonomisch prekärer Lage aushalf. Klar benennt die Ausstellung die Konsequenzen, die das Ende der kirchlichen Landesherrschaft im Rahmen der napoleonischen Umwälzungen für die Stadt hatte: Nach Kriegszerstörungen, Säkularisierung 1802 und mehreren Wechseln der Landesherrschaft kam Fulda 1815 schließlich zum Kurfürstentum Hessen. Damit fehlte ihm nicht nur der frühere Mäzen – der freilich weiterhin als Bischof in Fulda residierte –, hinzukam, dass die Stadt nun in Kurhessen für den neuen Landesherrn von sowohl geographisch als auch ökonomisch randständiger Bedeutung war.

    Wie sich die Fuldaer Wirtschaft dennoch – zumal im Zuge der Mechanisierung, später der Industrialisierung in verschiedenen Produktionszweigen – in den kommenden mehr als 200 Jahren behaupten konnte, ist Gegenstand des letzten Teils der Ausstellung. Auch wenn die Kirche hier nicht mehr als ökonomischer und wirtschaftspolitischer Akteur in Erscheinung tritt, bezeugen doch einzelne Konsumprodukte die anhaltende Präsenz von Glaube und Kirche am Oberlauf der Fulda: Es finden sich „St.-Michaels-Kerzen“ mit dem Bild der Michaelskirche auf der Verpackung und „Franziskus-Kerzen“ mit demjenigen des Franziskanerklosters auf dem Frauenberg.

    An das noch im 20. Jahrhundert blühende Kunsthandwerk erinnern nicht zuletzt gerade Stücke der Sakralkunst. Und so bleibt am Ende der Ausstellung ein wenig Wehmut, wenn Abendmahlsgeschirr der Gold- und Silberwarenhandlung Rauscher und ein Messbuch der Buchbinderei Fleischmann an zwei Unternehmen erinnern, die – nach auf mehrere Generationen zurückblickender Unternehmenstradition – in den 1980er und 1990er Jahren die Produktion einstellen mussten.

    Informationen zur Ausstellung „1000 Jahre Münz-, Markt- und Zollrecht: Fulda handelt. Fulda prägt“: www.fulda.de

    Von Tilmann Asmus Fischer

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