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    Das Imaginäre ändert die Ordnung der Dinge

    Eigentlich wollte er Philosoph sein. Der belgische Maler René Magritte (1898–1967) hat sich in seinen Bilderrätseln den grundlegenden Verhältnissen zwischen Wort und Gegenstand gestellt. Dabei machte er es sich zur Lebensaufgabe, die Kunst der „Dummheit der Maler“ zu entreißen. Die hätten nur das bloß Optische hervorgehoben: „Wir sehen immer nur Realitäten... das Licht ist uns verhüllt“, schrieb Magritte 1954 in einem Essay über „Phänomenologie und Wahrheit“. Das Licht war für Magritte das Geistige – die „Geistige Malerei“ aber hatte er bisher völlig vermisst.

    Hier hat sich Magritte selbst porträtiert. An der Pfeife wird er sich nicht verbrennen, weil es keine Pfeife ist. Dies z...

    Eigentlich wollte er Philosoph sein. Der belgische Maler René Magritte (1898–1967) hat sich in seinen Bilderrätseln den grundlegenden Verhältnissen zwischen Wort und Gegenstand gestellt. Dabei machte er es sich zur Lebensaufgabe, die Kunst der „Dummheit der Maler“ zu entreißen. Die hätten nur das bloß Optische hervorgehoben: „Wir sehen immer nur Realitäten... das Licht ist uns verhüllt“, schrieb Magritte 1954 in einem Essay über „Phänomenologie und Wahrheit“. Das Licht war für Magritte das Geistige – die „Geistige Malerei“ aber hatte er bisher völlig vermisst.

    Magritte hatte schon früh Bezug zu den marxistischen Surrealisten um André Breton, Paul Éluard oder Louis Aragon. In seinem verkürzten Wörterbuch des Surrealismus schrieben Breton und Éluard über die surrealistische Erkenntnisart, sie sei eine „feste spontane Methode irrationaler Erkenntnis, die auf der kritisch-systematischen Objektivierung wahnhafter Assoziationen und Inspirationen beruht“. Die Prinzipien relativistischer Physik und der nicht-euklidischen Mathematik, die in den dreißiger Jahren Thema waren, heizten den Willen der Surrealisten zu einem „offenen Rationalismus“ zusätzlich an, in dem die Vernunft an das Irrationale angeglichen werden sollte. Auch Magritte versuchte in dieser Atmosphäre Fuß zu fassen, in der Kunst und Wissenschaft gleichermaßen durch den neuen Irrationalismus ins Rutschen zu kommen schienen. Ein Lektüreereignis hat ihn tief beeinflusst. In den „Gesängen des Moldoror“ des Comte de Lautréamont fand er eine Aussage über die Schönheit, sie sei „wie die unvermutete Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“. Die scheinbar zufällige Begegnung von Gegenständen sollte das bestimmende Merkmal der Kunst von Magritte werden.

    Die Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main zeigt in ihrer Ausstellung „Magritte – Der Verrat der Bilder“ 70 Meisterwerke von Magritte aus den 1920er bis in die 1960er Jahre. Der Kurator der Ausstellung erklärt: „Über Jahrhunderte galt eine durch Philosophie hermetisch abgeriegelte Hierarchie, die die Musik und Dichter über die Maler, die Worte meilenweit über die Bilder stellte... René Magritte hat sich mit dem Ausdruck ,dumm wie ein Maler‘, auf den sich auch die Pariser Surrealisten beriefen, nicht abgefunden.“ Wie sah die neue Zufälligkeit der Dinge auf Bilder bei Magritte aus? Wie hat er die verschiedenartigen Bestandteile seiner Bilder zusammengefügt, und nach welchem Kriterium? Zentral war für ihn ein Traum, über den er selbst berichtet: „1936 erwachte ich eines Nachts in einem Zimmer, in das man einen Käfig mit eingeschlafenem Vogel gestellt hatte. Ein großartiger Irrtum ließ mich in dem Käfig ein Ei anstelle des verschwundenen Vogels sehen. Damit besaß ich ein neues und erstaunliches poetisches Geheimnis, denn der Schock, den ich empfand, wurde eben durch die Verwandtschaft zweier Gegenstände – Käfig und Ei – hervorgerufen, während zuvor dieser Schock durch die Bewegung einander fremder Gegenstände hervorgerufen wurde.“ Diesen Traum hat Magritte in dem Bild „Die Wahlverwandtschaften“ gemalt, auf dem ein Vogelkäfig mit einem großen, beinahe raumfüllenden Ei zu sehen ist. Würde man sagen, das ist ein Käfig, passt jedoch zu diesen Worten in der Alltagserfahrung nicht, dass sich ein großes Ei darin befindet. In der künstlerischen Imagination ist es offenbar doch möglich, wenn die Worte nicht mehr einen Vorrang vor dem Bildlichen haben. Insofern sind Wort und Bild für Magritte gleichwertig. Dabei spielt er mit Gegensätzen, wie er sie dem „dialektischen Materialismus“ der marxistischen Surrealisten entnommen hatte. Im Beispiel des Ei-Käfigs war es Natürliches und Künstliches, im Beispiel des Bildes „So lebt der Mensch“ (1945) war es Innen und Außen. Hier ist der Blick aus einem Zimmer auf eine Landschaft das Thema und vor dem Fenster steht eine Staffelei mit einem Bild, das einen Ausschnitt der Landschaft zeigt. Es entsteht die Illusion, die Landschaft sei ein Bild auf der Staffelei und damit innerhalb des Zimmers, was aber nicht der Fall ist.

    Das wohl bekannteste Bild von Magritte hat, wie auch die Ausstellung, den Titel „Verrat der Bilder“, besser bekannt durch die Aufschrift „Dies ist keine Pfeife“. Auf dem Bild ist jedoch eine Pfeife zu sehen. Aber wenn jemand auf das Bild deutet und sagt, das ist ja eine Pfeife, irrt er im Sinne Magrittes. Der Maler merkte dazu an: „Ein Bild ist nicht zu verwechseln mit einer Sache, die man berühren kann. Können Sie meine Pfeife stopfen? Natürlich nicht! Sie ist nur eine Darstellung. Hätte ich auf mein Bild geschrieben, dies ist eine Pfeife, so hätte ich gelogen. Das Abbild einer Marmeladenschnitte ist ganz gewiss nichts Essbares.“

    Magritte zerreißt also die geläufige Verbindung von Wort oder Benennung und Gegenstand. Aber was ist dann der Gegenstand – die dargestellte Pfeife etwa? Zu diesem ursprünglichen Sinn der Dinge soll der Betrachter vordringen. Die Methode, verschiedene Gegenstände oder Worte zusammenzubringen, hat Magritte auch in der „Traumdeutung“ bei Sigmund Freud gefunden. Auch der Traum arbeitet mit Ähnlichkeiten, Verschiebungen, Analogien oder Konsonanzen, auf jeden Fall im ungehemmten Fließen von Assoziationen. Es ist also auch nicht zufällig oder beliebig, was Magritte malt. Seine Bilder sind stimmig, wie es die Träume sind. Ende der 60er Jahre trat er in einen Briefwechsel mit dem Philosophen Michel Foucauld, nachdem Magritte dessen Buch „Die Ordnung der Dinge“ gelesen hatte. Foucault schriebt dann 1973 ein Buch mit dem Titel „Dies ist keine Pfeife“.

    Eigentlich scheint es selbstverständlich zu sein, dass zwischen dem Bild und dem darauf Dargestellten ein Unterschied ist. Magritte ging es aber um Grundsätzliches. Er wollte Anerkennung für seine Kunst und diese aus der klassischen Ästhetik herauslösen, die den Geist und das Wort als der Kunst übergeordnet ansah. So soll nicht wie bei Platon das Schöne zum Licht des Guten führen und die Idee nicht wie bei Hegel zur Manifestation des Anschaulichen, noch sei das Schöne das, was gefällt, wie bei Kant. Magritte suchte dennoch immer wieder den Kontakt zu Philosophen, die er mitunter hart anging. So etwa den polnisch-belgischen Rechtsphilosophen Chaim Perelman, dem er in einem Brief schrieb, nachdem er ein Buch von Perelman erhielt: „Ich habe diese brillante Analyse des Bildes mit der Lust gelesen, die eine bestimmte ,Science-Fiction‘-Literatur verschafft, ohne in ihr eine Idee finden zu können, wo das Imaginäre, das Surreale und das Irreale so abgehandelt wären, wie sie es verdienen.“ Magritte las auch den Phänomenologen Maurice Merleau-Ponty sowie Martin Heidegger, um auf dem aktuellen Stand der philosophischen Diskussion zu sein. Denken, Mysterium, Poesie verschmolzen ihm so sehr, dass er schrieb: „Die gemalten Bilder, die das Mysterium evozieren, bekräftigen die Schönheit dessen, was weder Sinn noch Unsinn ist.“ Der Kompromiss zwischen dem Irrationalen der Surrealisten und der Wissenschaftlichkeit wurden ihm zum Ende seines Lebens immer wichtiger: „Das imaginäre, irreale Irrationale ist nicht zu verwechseln mit dem Irrationalen des Universums, mit dem die Poesie sich befasst.“ Dieses Imaginäre ist eben nicht das bloß Sinnliche, daran festzuhalten Magritte der klassischen Kunst vorwarf, sondern es hat geistige Qualitäten, weil es die Welt nicht abbildet, sondern künstlerisch neu schafft und damit auch neue Erlebnisräume. Im Hinblick auf diese geistigen Qualitäten fühlte sich Magritte mit den Philosophen verbunden und sah sich als einer von ihnen.

    Magrittes Versuch, sich dem Vorrang des Wortes und damit gewissermaßen dem Logos zu entziehen, führte ihn dazu, die Wirklichkeit zu fragmentieren. Zerteilte Körper und Landschaften, Schatten, Flammen, Silhouetten, Kerzen, Vorhänge sind die immer wiederkehrenden Bildelemente, um sich klassischen Ordnungen der Ästhetik zu entziehen. Gegen diese Auffassungen setzte Magritte das Kunstverständnis von Giorgio de Chirico, über dessen Bild „Das Lied der Liebe“ Magritte notierte: „1910 spielt Chirico mit der Schönheit, stellt sich vor und realisiert, was er will: er malt das ,Lied der Liebe‘, worin man Boxhandschuhe und das Antlitz einer antiken Statue vereinigt sieht. Er malt ,Melancholia‘ in einem Land mit hohen Fabrikschloten und endlosen Mauern. Diese triumphierende Poesie hat den stereotypen Effekt der traditionellen Malerei ersetzt. Es ist der vollständige Bruch mit den Denkgewohnheiten der Künstler, die Gefangene des Talents, der Virtuosität und all der kleinen ästhetischen Besonderheiten sind. Es handelt sich um eine neue Sicht, in der der Betrachter seine Isoliertheit wiederfindet und die Stille der Welt vernimmt.“ Die Bildschöpfung ist somit eine „Kunst der Ähnlichkeit“, die nicht vorher im Geist erzeugt wird, sondern im Akt des Malens stattfindet. Bereits Hegel hatte darauf hingewiesen, dass die Kunst der Zukunft keine sinnliche mehr sein wird, sondern eine geistige – Magritte ist einer der Vollender dieses Gedankens. Magritte, der sich nicht als Künstler, sondern als Denker bezeichnete, wurde doch zu einem der wichtigsten und auch populärsten Künstler des zwanzigsten Jahrhunderts.

    – „Magritte. Der Verrat der Bilder.“ Kunsthalle Schirn, Frankfurt am Main, Römerberg, 60311 Frankfurt am Main. Di., Fr. – So., 10.00 – 19.00 Uhr, Mi., Do., 10.00 – 22.00 Uhr.

    – Der Katalog „Magritte. Der Verrat der Bilder“, herausgegeben von Didier Ottinger, ist im Prestel Verlag München 2017 erschienen. 157 farbige Abbildungen, an der Kasse EUR 35.–