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    Das Gegebene: Ein harmloser Begriff mit Sprengkraft

    Eine Zivilreligion entsteht nicht einfach aus sich selbst heraus, sondern nur unter gewissen Bedingungen. Hierzu gehören auch metaphysische Bedingungen, oder besser gesagt deren Verlust. Die Entwicklung zur Neuzeit macht diesen Bruch deutlich, der sich auf unterschiedlichen Gebieten vollzogen hat. Auf einem der Hauptschlachtfelder des Übergangs sind die Symptome besonders deutlich: in der Philosophie – hier sind die Veränderungen auch begrifflich ablesbar, die eine Zivilreligion nach sich ziehen mussten.

    Eine Zivilreligion entsteht nicht einfach aus sich selbst heraus, sondern nur unter gewissen Bedingungen. Hierzu gehören auch metaphysische Bedingungen, oder besser gesagt deren Verlust. Die Entwicklung zur Neuzeit macht diesen Bruch deutlich, der sich auf unterschiedlichen Gebieten vollzogen hat. Auf einem der Hauptschlachtfelder des Übergangs sind die Symptome besonders deutlich: in der Philosophie – hier sind die Veränderungen auch begrifflich ablesbar, die eine Zivilreligion nach sich ziehen mussten.

    Die Neuzeit glaubt, endgültig im Diesseits angekommen zu sein. Von den Wissenschaften über die Künste bis in den Alltag hat sie es sich angewöhnt, alles selbst in die Hand zu nehmen. Sie, die eigene Handlungsmuster entwickelt hat gegenüber dem vorausgehenden Mittelalter, hatte zu ihrem Leitgedanken die Konstruktion gemacht; die Neuzeit wollte nichts mehr lassen, wie es war. Das Sein oder An-sich-Sein des mittelalterlichen Denkens und Glaubens hat die Neuzeit zu verdrängen versucht und durch die Methode ausgewechselt.

    Einer der ersten, der sich bewusst des methodisch-wissenschaftlichen Denkens bedienten und das auch in einer Schrift „Von der Methode des richtigen Vernunftgebrauchs und der wissenschaftlichen Forschung“ zum Ausdruck brachte, war Descartes, der forderte, „niemals eine Sache für wahr anzunehmen, von der ich nicht evidentermaßen erkenne, dass sie wahr ist; d.h. sorgfältig alle Übereilung und Vorurteile zu vermeiden und nichts in mein Wissen aufzunehmen, als was sich so klar und deutlich darbot, dass ich keinen Anlass hatte, es in Zweifel zu ziehen.“ Weil nur unsere Gedanken in unserer Macht seien, könne auch nichts anderes Grund unseres Wissens sein. „Nachdem ich mich so von diesen Regeln überzeugt habe und sie mit den Glaubenswahrheiten, die unter meinen Überzeugungen immer den ersten Platz gehabt haben, beiseite gesetzt hatte, meinte ich bezüglich meiner übrigen Überzeugungen frei zu sein für das Unternehmen, mich ihnen zu entledigen.“ Nichts, was zuvor gegeben war, wie transzendente Wahrheiten, war in dieser neuen Philosophie länger akzeptiert und die „Aufhebung des Gegebenen“ wurde geradezu zum Kennzeichen der Neuzeit.

    Hinter diesem harmlos klingenden Begriff des Gegebenen verbergen sich Weltbilder. Denn in der klassischen Metaphysik war das Gegebene die göttliche Ordnung, das Naturrecht, das in der Ontologie gedachte Sein, ja Gott selbst als Grund des Seins, des Erkennens und Handelns. So schreibt Fritz Kern in seinem klassischen Werk „Recht und Verfassung im Mittelalter“ über die damalige ganz selbstverständliche Auffassung über das göttlich Richtige: „Recht ist das Rechte, das Richtige, das Redliche, das Vernünftige. Das göttliche, das natürliche, das moralische Recht ist nicht über, neben oder außerhalb des positiven Rechts, sondern ,das Recht‘ ist göttlich, natürlich, moralisch und positiv zugleich, wenn wir überhaupt diese spaltenden Begriffe von außen daran herantragen dürfen.“ Thomas Hobbes missversteht dann das thomistische „Jedem das Seine“ als ein Grundprinzip göttlich garantierter Gerechtigkeit und sieht darin die Gefahr des „Ein jeder ist des anderen Wolf“. Auf dieser Grundlage konstruiert er den ersten Versuch einer neuzeitlichen Vernunftlehre des Rechts, glaubt aber nicht an die Durchsetzung der Vernunft und fordert über der Vernunft den starken Mann, den er den sterblichen Gott nennt – Leviathan. Hobbes dachte dabei wohl an Oliver Cromwell, der einem der Richter im Prozess gegen den englischen König Karl I. die Hand mit der Feder führte, weil dieser Richter das Todesurteil nicht unterschreiben wollte: Der Leviathan stand nun über dem Gesetz. Damit war es mit der alten Naturrechtslehre auf dem Gebiet des Rechts erst einmal vorbei. Das von Natur gegebene Recht wurde durch Rechtssetzungen von Staaten ersetzt. Setzung und Gegebenheit werden nun zu einem die Neuzeit beherrschenden Denkmuster und Begriffspaar.

    Bei Immanuel Kant ist das Gegebene zur theoretischen Größe geworden. Es bezeichnet das Andere, das sinnliche Material, auf das sich die Begriffe beziehen sollen, das, was das erkennende Subjekt mit seinen Kategorien zur gegenständlichen Welt erst „bearbeitet“. Damit wurde das Erkennen nicht mehr zum Nachbilden eines passiven Verstandes, sondern zur Konstruktion. Das Gegebene ist bei Kant nicht mehr als ansich seiend bestimmt, sondern das, was im Horizont von Raum und Zeit auftaucht, die Kant beide als Formen des Subjekts ansieht und nicht als auf der Seite des Gegenstands oder Seins. Das Gegebene ist immer gegeben für ein Subjekt – wäre es nach Kant nämlich ein Ding an sich, dann wäre es ja als solches Gewusstes aufs Subjekt bezogen und damit ein aufgehobenes Ding an sich, also wieder ein Gegebenes für das Subjekt. Ist man einmal in dieser Mühle drin, gibt es kein Entrinnen mehr.

    Was hier geschehen ist, wird häufig mit der autonomen Selbstsetzung der Vernunft bezeichnet. Es war der Versuch damaliger Philosophen, im Erkennen nichts anderes gelten zu lassen, als was jeder andere Denker oder auch Laie auf diesem Gebiet überprüfen kann. Der konstruierende Charakter der sich selbst setzenden Vernunft sollte jegliche Transzendenz als Erklärungsgrund der Welt ausschalten. Dies galt ebenso in der Ethik, im Rechtsdenken und in der Begründung des Staates, der schon in der frühen Neuzeit wie bei Rousseau die Religion als nicht vereinbar mit dem Gemeinwesen erklärte und nur die Zivilreligion anerkennen wollte.

    Die Verschärfung des Gedankens, dass das (transzendentale logische) Ich zugleich Grund seiner selbst und der Welt sei, hat dann Fichte unternommen. In seiner Terminologie heißt es: „Das Ich setzt sich selbst“. Der Gedanke der Setzung und Konstruktion der Welt ist hier weiterentwickelt. Aber erst bei Hegel kommt dieser Gedankengang zum Höhepunkt, er stellt die Verhältnisse der klassischen Metaphysik vollends auf den Kopf. War das Sein dem Mittelalter der höchste Begriff, gerät es bei Hegel an die unterste Stelle. Sein ist ihm die „unbestimmte Unmittelbarkeit“, damit das „leere Denken“ und „in der Tat Nichts und nicht mehr noch weniger als Nichts“. Bei Thomas von Aquin war das göttliche Sein noch das Maß für alles Geschöpfliche, für den menschlichen Verstand und die Natur. In seiner Schrift „Von der Wahrheit“ schrieb der heilige Thomas: „So ist folglich der göttliche Verstand maßgebend und nicht gemessen, unser Verstand aber gemessen und nicht maßgebend für die Naturdinge, sondern nur für die künstlichen.“

    Hegel verabschiedet das Sein, es triumphiert die Reflexion

    Hegel dagegen verfolgte ein antiontologisches Programm, indem er sich jede Bestimmung an sich selbst widersprechen ließ – das Sein ist damit bei Hegel nicht mehr das mit sich Identische und in sich Ruhende, sondern der Widerspruch, der zu seiner Aufhebung drängt. Das Sein wird bei Hegel durch die Reflexion aufgehoben, die allerdings nicht die Reflexion eines konkreten Subjekts ist, sondern die Selbstaufhebung des Seins ins Wesen bezeichnet er als Reflexion. Hegel will sagen, dass das Sein unselbstständig ist und die Reflexion immer schon, wörtlich zurückgebogen, bei ihm war: Es gebe keine Unmittelbarkeit eines Seins, das schon vorgegeben ist, sondern nur seine Vermittlung, oder wie Hegel sagt, Setzung durch die Reflexion, die immer schon beim Sein war und das Rückkehren von ihr ist. Bei Hegel liest sich das so: „Die Reflexion also findet ein Unmittelbares vor, über das sie hinausgeht und aus dem sie Rückkehr ist. Aber diese Rückkehr ist erst das Voraussetzen des Vorgefundenen. Dieses Vorgefundene wird nun darin, dass es verlassen wird; seine Unmittelbarkeit ist die aufgehobene Unmittelbarkeit.“

    Damit will Hegel Kants Programm des Gegebenen erledigt haben. Denn war bei Kant das Gegebene noch unabhängig von der Rationalität, so ist die Unmittelbarkeit des Seins bei Hegel völlig in den Reflexionsprozess aufgehoben. Hegels sah seine dialektische Methode ausdrücklich als Überwindung der klassischen Metaphysik; über den Unterschied zwischen dem Ansichseienden und dem, was vom Denken gesetzt ist, schreibt er: „Es ist dies ein Unterschied, der nur der dialektischen Entwicklung angehört, den das metaphysische Philosophieren, worunter auch das kritische (Kants) gehört, nicht kennt; die Definitionen der Metaphysik wie ihre Voraussetzungen, Unterscheidungen und Folgerungen wollen nur Seiendes und zwar Ansichseiendes behaupten und hervorbringen.“

    Diese Äußerungen aus der theoretischen Philosophie mit ihrer Parteinahme für die Eigenbestimmtheit der Vernunft hatte natürlich auch Konsequenzen für das Auffassen der Religion durch die Philosophie. Um die Einheit von Glauben und Wissen, wie sie noch das Mittelalter gezeigt hat, war es erst einmal geschehen. Der Glaube war dann auch für Kant nicht mehr Handlungsgrund für den Menschen, sondern allein seine Vernunftbestimmtheit. Zu Beginn seiner Schrift „Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft“ heißt es: „Die Moral, sofern sie auf dem Begriffe des Menschen, als eines freien, eben darum aber auch sich selbst durch seine Vernunft an unbedingte Gesetze bindenden Wesens, gegründet ist, bedarf weder der Idee eines andern Wesens über ihm, um seine Pflicht zu erkennen, noch einer andern Triebfeder als des Gesetzes selbst, um sie zu beobachten. Wenigstens ist es seine eigene Schuld, wenn sich ein solches Bedürfnis an ihm vorfindet, dem aber alsdann auch durch nichts anders abgeholfen werden kann; weil, was nicht aus ihm selbst und seiner Freiheit entspringt, keinen Ersatz für den Mangel seiner Moralität abgibt.“ Kant wollte damit keineswegs den Glauben und die Religion in Abrede stellen, allerdings, dass diese in Fragen der Moral kein Handlungsgrund sein können. Eben weil in dem Form-Material-Schema von Vernunft und Gegebenem der Glaubensinhalt ein materialer, gegebener Bestimmungsgrund des Handelns wäre und materiale Gründe seien relativ. Dennoch könne es der Vernunft nicht gleichgültig sein, welchen Begriff sie sich vom Endzweck aller Dinge mache. Darum schreibt Kant auch: „Moral also führt unumgänglich zur Religion, wodurch sie sich zur Idee eines machthabenden moralischen Gesetzgebers außer dem Menschen erweitert, in dessen Willen dasjenige Endzweck (der Weltschöpfung) ist, was zugleich der Endzweck des Menschen sein kann und soll.“

    Dass das Gegebene wie auch das Verständnis der Moral, anders als in der klassischen Metaphysik, bei Kant rein und einzig durch vernunftgeprägte Begriffe aufgefasst wird, liegt auf der Hand. Auch bei Hegel hat die Religion nicht die letztlich begründende Rolle, die er dann übergeordneten allgemeineren logischen Bestimmungsverhältnissen zuspricht. Die Zivilreligion spielt allerdings eine große Rolle bei Hegel, sie ist geradezu eine Voraussetzung für den modernen Staat mit seiner Bildung von Gewissen und Moralität.

    Die Religion war aus der philosophischen Theorie über die Begründung der Welt verschwunden. Der Preis dafür ist für die nachmittelalterliche Vernunft-Philosophie hoch, denn auf einmal gab es durch die Vernunftbindung nur noch zwei Möglichkeiten, entweder das System oder den Skeptizismus. Diese Alternative wurde weder in der Antike noch im Mittelalter diskutiert. Wenn die Transzendenz abgeschnitten ist, muss entweder das philosophische System gelingen, das Halt geben soll oder man gleitet in den Skeptizismus im Hinblick auf die Wahrheitsfrage ab. Und das ist bis heute so, das Werk Richard Rortys ist ein prominentes Beispiel hierfür.

    Der Weg zur Zivilreligion: Die zerstörte Glaube-Vernunft-Einheit

    Der Soziologe Niklas Luhmann hat die Zivilreligion einmal als Religion ohne Erbsünde bezeichnet. Wenn die Religion relativiert wird und ihre Wahrheit nicht mehr auf sie selbst bezogen ist, sondern dem Erhalt von anderem untergeordnet, wie etwa öffentlichen Einrichtungen, wird sie nur noch funktional. Die Bedingung aber dafür war, dass aus der Einheit von Glaube und Vernunft die Vernunft abstrakt zur Herrschaft kam.

    Von Alexander Riebel