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    Das Fluidum der Empathie

    Warum Demokratie nur funktioniert, wenn man Mitbürger nicht klein machen und erniedrigen will. Von Alexander Görlach

    Demonstration in Brüssel
    Eine lebendige Demokratie steht und fällt mit der Teilhabe ihrer Bürger.dpa Foto: Foto:

    Die Krise der Demokratie ist eine moralische Krise, weil sie von einem verletzten Gerechtigkeits- und Fairnessgefühl nach der Finanzkrise 2008 verursacht wurde. Diese Krise hat ihren eigenen Narrativ kreiert und hat dadurch eine Durchschlagskraft erreicht, die der liberalen Weltordnung dauerhaft schaden kann. Dieser Narrativ geht so: Korrupte Eliten teilen die Güter der Gesellschaft unter sich auf. Die Ordnung, die diese Eliten verteidigen, dient also zu nichts weiter als zur Verfestigung der Herrschaft der wenigen über die vielen. Die Verantwortlichen in Politik, Wirtschaft und den Medien arbeiten zusammen und stecken unter einer Decke. Die globale Migration sei die stärkste Waffe dieser Eliten. Damit versuchen sie, die angestammten Menschen in einen Verteilungskampf mit den Neuankömmlingen zu verstricken.

    Am Ende werde aus diesem Verteilungskampf ein Verdrängungskampf, den die Angestammten verlieren, handeln sie nicht sofort. Dieser Narrativ ist so stark, weil er sich der Archetypen, von denen René Girard spricht, ebenso bedient, wie er das Motiv der Entwürdigung, das Fukuyama als ein Entscheidendes sieht, dauerhaft am Kochen hält. Hier wird zu einer Zusammenarbeit aufgerufen, einer Kollaboration, die vormals Fremde miteinander in einer Schicksalsgemeinschaft zusammenschweißt. Es gibt ein neues „wir“, das gegen „die“ steht. Damit reiht er sich in die Phalanx der großen religiösen und ideologischen Narrative ein. „Die Empörten“, „die Entwürdigten“, „die 99 Prozent“, wie auch immer diese Gruppe von außen genannt wird, nach innen ist sie verbunden durch eine gemeinsame Vorstellung der Wirklichkeit und angetrieben von einem Impetus, diese Ordnung, die aus ihrer Sicht für sie nichts Gutes bedeutet, zu überwinden.

    Es handelt sich hierbei um einen Populismus, der die Somewheres gegen die Any-wheres in Stellung bringt. Er ist Ausdruck eines Protestes, der eine neue Form der Teilhabe fordert. Anstatt dass über sie hinweg geschaut wird, möchten die Menschen, dass sie im Zentrum dessen stehen, wofür die äußere Ordnung gebaut ist. Nichts weniger als eine am Menschen orientierte Wirtschaft und eine wahrhaft humane Gesellschaft zu bauen und zu erhalten, war die Idee der liberalen Weltordnung. Das angeborene Recht auf Teilhabe ist in den Verfassungen verbrieft. Teilhabe, die wiederum in bürgerlichen und sozialen Rechten zum Ausdruck kommt. Was dabei verstörend ist, ist, dass der Protest, als er als reiner Protest am ökonomischen System daherkam, schnell wieder in der Versenkung verschwunden war: Occupy oder Wir sind die 99 Prozent genauso wie die AfD in Deutschland konnten nur ein Strohfeuer entfachen. Allein auf Basis der berechtigten Kritik am ökonomischen System ging ihnen bald der Atem aus. Erst als die empfundene Entwürdigung und das Abgehängtsein verknüpft wurden, konnte mit den Flüchtlingen und den „starken Bildern“ der Funke der Entrüstung zum Feuer der Empörung werden.

    Der Narrativ, der dem zugrunde liegt, bricht mit einem wesentlichen Angelpunkt der liberalen Gesellschaft. Gesellschaften, die eine größere Zugangsgerechtigkeit und Fairness kennen, haben einen Sinn für das bonum commune, das Gemeinwohl, entwickelt. Die Frage, was das allgemeine Wohl bestimmt, kann nur dann beantwortet wer- den, wenn genügend Empathie aller vorhanden ist, um sich in die Lebenswelt der Mitmenschen einzufühlen. Es war bereits die Rede davon, dass diese Empathie unerlässlich ist für die Form der Demokratie, die wir heute praktizieren. Wer meint, dass eine etwaige Renovierung der Demokratie ohne Empathie-Überhang funktionieren würde, der täuscht sich. Nicht nur gibt es keine „illiberale Demokratie“, es wird auch niemals eine emphathiefreie Demokratie geben. Wenn wir sagen, dass künftig Repräsentation und Partizipation in einer Demokratie modifiziert werden, damit den neuen technologischen Möglichkeiten Rechnung getragen wird, lohnt es sich, auf Versuche zu schauen, die das bereits ins Auge gefasst haben. Das Konzept der deliberativen Demokratie, der „gut beratenen Demokratie“, das der Stanford-Professor James Fishkin aus der Taufe gehoben hat, funktioniert so: Eine Stadt streitet über die optimale Wasserversorgung oder ein neues Großprojekt. Bei einer algorithmisch genau bestimmten Zusammensetzung einer Interessenvertretung aller Gruppen in der Stadt, so Fishkins Forschungsergebnis, seien die Teilnehmer der Debatte geneigt, auf die Meinung der anderen zu hören und bei der Kompromissfindung aufeinander zuzugehen. Der Rückschluss ist, dass ein Gemeinwohl diskutiert und definiert werden kann, wenn alle, die zur Gemeinschaft gehören, ihre Spezifika, die ihre Identität ausmachen (Männer, Frauen, Migranten, religiöse Minderheiten, LGTB-Gruppen), in die Diskussion einbringen dürfen und als gleich-wertig, als gleich-würdig, behandelt werden. Das Neue an dem Fishkin-Konzept ist es, durch Algorithmen zu bestimmen, wer zu diesen Gruppen gehört und wie groß ihre Zahl in einer eigens für das Thema eingerichteten Stadtversammlung sein soll. Man kann argumentieren, dass das auch in der alten Zeit mit der Hilfe von Zensus-Angaben möglich gewesen wäre. Das Konzept „deliberative Demokratie“ anerkennt und versteht aber und kann so über das Alte hinausgehen, dass die politische Kommunikation, die Organisation um bestimmte Themen, heute anderen Mechanismen folgt. Der turbulente Prozess um den Start des Projekts Stuttgart 21 wäre mit Mitteln der deliberativen Demokratie anders verlaufen. Bei aller technologischer Neuerung bleibt der Kern des Demokratie-Updates immer noch die Empathie, die Bereitschaft, miteinander zu sprechen und aufeinander einzugehen. Deshalb ist es fraglich, ob in der polarisierten Situation, in der sich viele demokratische Gesellschaften heute befinden, das deliberative Modell eine Veränderung würde bringen können. Die Re-Tribalisierung der Gesellschaften ist insofern das Produkt einer ökonomischen Entwürdigung, die Menschen wahrnehmen. Mobilität und Kaufkraft werden eingeschränkt, den Jungen heute geht es schlechter als ihren Eltern, Aufstiegsversprechen sind schal und unglaubwürdig geworden. Die Ausgrenzung, die sich daraus ergibt, führt zu Zorn und zu Ressentiments. Umgekehrt gilt, dass dort, wo die Menschen ihr Leben in Würde führen können, das Gemeinwohl, das bonum commune einen Stellenwert einnimmt. Teil des Gemeinwohls ist die Teilhabe aller an den Segnungen des Wohlstands. Transmitter für den Ausgleich zwischen Interessen und das Fluidum jeder öffentlichen Debatte ist die Empathie, die den anderen in seinem Licht erscheinen lassen und nicht klein machen und erniedrigen will. Empathie richtig verstanden meint Menschlichkeit, Mitmenschlichkeit. Es ist eine Eigenart der europäischen Geistes- und Kulturgeschichte, einen solchen Humanismus zum Zentrum des Weltbildes zu machen.

    Der Autor ist Senior Fellow am „Carnegie Council for Ethics in International Affairs“ und Honorarprofessor für Ethik an der Universität Lüneburg. Der vorliegende Text ist ein Auszug seines Buches „Homo Empathicus. Von Sündenböcken, Populisten und der Rettung der Demokratie“, das am 20. Mai erscheint.

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