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    Das Bild des Karsamstags

    Die Hektik des Rüsttags war mit Sonnenuntergang vorüber. Jerusalems jüdische Familien versammelten und sammelten sich in ihren Häusern zum vielstündigen Mahl, mit dem das Passahfest begann. In Teilen der Stadt war tagsüber die Aufregung noch angeheizt worden, weil die römischen Besatzer gegen Mittag auf Golgota ein paar Verbrecher exekutierten, darunter den religiösen Unruhestifter Jesus aus Galiläa. Gerade noch enthusiastisch als Bringer des Reiches Gottes und Israels Hoffnungsträger bejubelt, hatte ihn eine lawinenartige Katastrophe an den Schandpfahl des Kreuzes gebracht. Viel zu jung musste er die Schwelle zur Unterwelt überschreiten und jetzt ruhte er, von allen verlassen und hinter einem schweren Rollstein, im Dunkel und in der Totenstille eines bisher unbenützten Felsengrabs nahe der Hinrichtungsstätte. Im Gegensatz zu den anderen Staatsverbrechern wurde er nicht ins Massengrab geworfen. Joseph von Arimathäa, ein Mitglied des Hohen Rats, hatte sich ein Herz gefasst und Pilatus insgeheim um den Leichnam gebeten. Nachdem sich der Präfekt vom Ableben des Mannes überzeugt hatte, „schenkte“ er Joseph den toten Körper. Der Ratsherr kaufte eine reine Leinwand (Sindon) und bettete darin den eilig zum Begräbnis vorbereiteten Jesus zur Ruhe.

    Das Grabtuch sei wie ein „,fotografisches‘ Dokument“, so Papst Benedikt XVI. im Jahr 2010. Foto: dpa

    Die Hektik des Rüsttags war mit Sonnenuntergang vorüber. Jerusalems jüdische Familien versammelten und sammelten sich in ihren Häusern zum vielstündigen Mahl, mit dem das Passahfest begann. In Teilen der Stadt war tagsüber die Aufregung noch angeheizt worden, weil die römischen Besatzer gegen Mittag auf Golgota ein paar Verbrecher exekutierten, darunter den religiösen Unruhestifter Jesus aus Galiläa. Gerade noch enthusiastisch als Bringer des Reiches Gottes und Israels Hoffnungsträger bejubelt, hatte ihn eine lawinenartige Katastrophe an den Schandpfahl des Kreuzes gebracht. Viel zu jung musste er die Schwelle zur Unterwelt überschreiten und jetzt ruhte er, von allen verlassen und hinter einem schweren Rollstein, im Dunkel und in der Totenstille eines bisher unbenützten Felsengrabs nahe der Hinrichtungsstätte. Im Gegensatz zu den anderen Staatsverbrechern wurde er nicht ins Massengrab geworfen. Joseph von Arimathäa, ein Mitglied des Hohen Rats, hatte sich ein Herz gefasst und Pilatus insgeheim um den Leichnam gebeten. Nachdem sich der Präfekt vom Ableben des Mannes überzeugt hatte, „schenkte“ er Joseph den toten Körper. Der Ratsherr kaufte eine reine Leinwand (Sindon) und bettete darin den eilig zum Begräbnis vorbereiteten Jesus zur Ruhe.

    Die Geschichte und auch ihre Fortsetzung entnehmen wir den schriftlichen Berichten der Evangelisten. Vieles spricht jedoch dafür, dass wir darüber hinaus im Turiner Grabtuch einen stummen Augenzeugen besitzen, der seit seiner ersten Photographie 1898 überaus beredt ist. Leider klafft ein tiefer Überlieferungsspalt zwischen den Ereignissen und dem ersten gesicherten Nachweis dieses geheimnisvollen Tuchs. Scheinbar aus dem Nichts tauchte es vor mehr als 650 Jahren in der Champagne auf und seit 1578 wird es fast ununterbrochen im Dom zu Turin aufbewahrt. Schon bei seiner ersten öffentlichen Ausstellung kam es über seine Echtheit zu heftigem Streit, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Die „sensationellen“ Meinungen über dieses Leinen prallen erwartungsgemäß auch jetzt wieder stärker aufeinander: Denn ab dem 19. April wird die „Sancta Sindone“ zu Ehren des 200. Geburtstags von Don Bosco den Pilgern erneut, und bereits zum dritten Mal in diesem Jahrhundert, gezeigt.

    Aus dem reichhaltigen Angebot derzeitiger Meinungen seien nur einige genannt. Beispielsweise weiß ein englischer Anthropologe, dass das Grabtuch von den Templern produziert wurde, und ein Patristiker in Turin disqualifiziert in Blogs und rasch erscheinenden Publikationen alle, die je Argumente für die Echtheit des Tuches gesucht haben. Umgekehrt erklärt ein britischer Kunsthistoriker die Visionen der Jünger Jesu und damit ihren Auferstehungsglauben allein aus dem Grabtuch, während ein deutscher Journalist sich gar nicht erst „zum 100. Mal in der müßigen“ Frage der Echtheit „verheddert“, diese lieber gleich voraussetzt und flugs ein weiteres Grabtuch in Manoppello präsentiert, welches den Herrn im Moment der Augenöffnung bei seiner Auferstehung ablichtet. Aber dieses angeblich „zweite Grabtuch“ ist nur durch die lange Kulttradition als verehrungswürdiges Christusbild legitimiert. Wie eine Tagung der Wiener Katholischen Akademie vor wenigen Tagen gezeigt hat, ist es eine kunstvolle „Tüchleinmalerei“ der Zeit um 1500. Es kann weder die römische Veronica sein noch steht es auf Muschelseide.

    „Das Turiner Grabtuch braucht unsere Lügen nicht“, bemerkte vor Jahren ein guter Freund. Wie recht er hat! Seit dem Sophisten Gorgias († um 390 v. Chr.) wissen wir, dass Rhetorik alles und das Gegenteil davon zu beweisen vermag. Die lange intensive Beschäftigung mit der Materie hat mich gelehrt: das Turiner Grabtuch ist allein schon problematisch, aber auch eindrucksvoll genug. Das heute sehr weiche und schmiegsame Leinen misst etwa 440 x 110 Zentimeter, ist ungebleicht und aus zwei ungleich großen Stücken zusammengenäht. Beide Teile zeigen eine seltene Köper-Bindung mit einem charakteristischen Fischgratmuster. Der Stoff ist stark vergilbt, auf der bildleeren Unterseite weniger. Seit fast zwei Jahrzehnten liegt er flach in einem Argon-Safe, früher wurde er aber nur gefaltet oder gerollt aufbewahrt. Man kann das Tuch so klein falten, dass es am Ende in eine Aktentasche passt oder unter einem Wams zu verstecken ist (so wurde es 1553 in Vercelli tatsächlich vor plündernden Soldaten gerettet). Zahlreiche Spuren, besonders Verletzungen oder Verschmutzungen, zeugen von einer langen, wechselvollen Geschichte des Gewebes.

    Auch das erst aus einer Entfernung von zwei bis fünf Metern wirklich erfassbare Abbild im Grabtuch setzt sich aus zwei Teilen zusammen: aus direkten Wund- und Blutabdrücken eines Körpers und aus einer sich konturlos verlierenden gelblichen Verfärbung des Leinens im Bereich dieses Körpers. Auf Anhieb könnte man diesen Schatten für einen Feuchtabdruck halten: Kopf gegen Kopf ist die lebensgroße Vorder- und Rückansicht eines offenbar toten Mannes zu sehen, der seine Hände vor den Lenden überkreuzt hat. Das Bild ist eine Folge der Verfärbung der obersten Flachsfasern der Flachsfäden; es reicht nur 1/100 bis 1/60 Millimeter tief in das Leinen hinein. Seine Modellierung ergibt sich aus der unterschiedlichen Dichte der verfärbten Flachsfasern je Flächeneinheit. Diese Dichte ist am stärksten dort, wo der abgebildete Körperpunkt in kürzester Entfernung zum Tuch lag und umgekehrt. Körperpunkte, die mehr als vier Zentimeter vom Tuch entfernt waren, haben gar keine Flachsfasern mehr verfärbt. Das Abbild zeigt vor allem auf der Oberseite des Körpers einen 3D-Effekt – ein „Alleinstellungsmerkmal“, das es mit keinem alten Bild teilt, und das normalen Bildern fehlt. Im EDV-Bereich wird ein ähnlicher Effekt heute als „Heightmapping“ vor allem in der Kartographie verwendet. Er ist dafür verantwortlich, dass das Grabtuchbild wie ein Fotonegativ wirkt, ohne es wirklich zu sein.

    Das Turiner Grabtuch weist noch zahlreiche andere Eigenheiten auf. Zunächst wirkt das Bild wie eine orthogonale Projektion, ohne es wirklich zu sein. Ein kanadischer Mathematiker bewies, ausgehend von bestimmten Verzerrungen, experimentell, dass das Tuch ganz natürlich über dem Körper gelegen haben kann. Ferner fehlen typische Merkmale eines Kunstwerks, wie die bei Gemälden üblichen Konturen, aber auch ganze Körperpartien, wie die Flanken, der Hals und Teile der Schulter, die Unterschenkel etwa von der Mitte abwärts und die Vorderfüße. Von dem vollständigeren Rückenbild ist nur eine Fußsohle sozusagen in Abrollung abgebildet, was den Eindruck einer scheinbar unterschiedlichen Körperlänge des Toten erweckt. Viele Betrachter irritiert besonders der 18 Zentimeter messende sogenannte „epikranische“ Zwischenraum; damit wird das Fehlen eine Bildes zwischen dem Kopf der Vorder- und Rückseite bezeichnet. Man versteht ihn indessen leicht durch die Annahme einer Kopfbinde, die zudem das Fehlen des Bildes unterhalb des Kinns und die unnatürliche Lage der Haare erklären kann. Unabhängig davon hat jüngst Giuseppe Ghiberti, Ehrenpräsident der Diözesankommission für das Turiner Grabtuch, aus der Exegese des Johannestextes darauf hingewiesen, dass das Sudarium aufgrund seiner besonderen Lage sehr gut zu einer Kinnbinde stimmen könnte: offenbar war es „zusammengerollt und dann nicht mehr aufgelöst worden“.

    Viele Ärzte der verschiedensten Fachgebiete, vor allem Gerichtsmediziner, beschäftigten sich mit dem Grabtuch. Kaum einer davon hat es für das Werk eines Malers gehalten, und die meisten zweifelten nicht daran, dass das Tuch in vollendeter anatomischer Richtigkeit einen vollkommen nackten Mann von etwa 25 bis 40 Jahren zeigt, der gekreuzigt worden ist. Die Hände sind vor der Scham überkreuzt, was auf einen angehobenen Kopf und leicht angewinkelte Beine hinweist. Dabei ist das rechte Bein stärker angezogen. Die meisten Ärzte haben Leichenstarre konstatiert, und vor rund 20 Jahren hat man experimentell bewiesen: auf dem Abbild sind die Kontaktzonen an Schultern, Gesäß und Waden nicht symmetrisch erweitert, wie dies im Liegen bei Lebenden der Fall ist, selbst wenn sie sehr schlank sind.

    Das Turiner Grabtuch weist echtes Blut der Gruppe AB auf, das sich an den anatomisch exakten Stellen findet und den bei einer Kreuzigung mit folgender Grablegung zu erwartenden Verlaufsrichtungen entspricht. Diese Blutspuren sind größtenteils durch unmittelbare Berührung mit dem Körper entstanden, aber in einer Weise, dass jede nennenswerte Verkrustung oder Verwischung fehlt. Das weist auf einen relativ kurzen Kontakt zwischen Leiche und Leichentuch hin. Generell ist zu betonen, dass die Mediziner am Mann im Grabtuch viele Merkmale festgestellt haben, die vor allem für die Kreuzigung Jesu tradiert sind: erhebliche Gesichtsverletzungen; eine „Krönung“ mit Dornen; die Verwendung von Nägeln; keine Brechung der Unterschenkel, aber ein Stich in die rechte Brustseite noch in aufrechter Haltung; der Abfluss von Blut und wässrigem Serum aus dieser Seitenwunde; eine ehrenvolle Bestattung in einem kostbaren Leinen; offenbar herrschte Eile, da der Tote nackt ins Grab gelegt wurde. Auffallend ist die große Zahl von mehr als 100 Geißelhieben, was auf eine spezielle Züchtigung hinweist. Denn die Geißelung, wie sie bei einer Kreuzigung als Vorstrafe üblich war, fiel normalerweise harmloser aus, sollte doch der Delinquent die Vollstreckung des Urteils noch bewusst erleben. Pilatus wollte Jesus nur „erziehen“ und dann freigeben; und nach Johannes ließ er im Laufe des Verhörs die Geißelung in der Tat als selbstständige Strafe vollziehen, um Jesu Kreuzigung zu verhindern (dies mag neben anderem auch Jesu schnellen Tod verursacht haben). Von noch größerem Gewicht ist das Verschwinden des Leichnams aus seinem Totentuch vor dem Eintreten der Verwesung. Der Mathematiker Bruno Barberis hat berechnet, dass alle genannten „jesustypischen“ Merkmale des Grabtuchs nur auf einen einzigen unter 200 Milliarden Gekreuzigten wieder zuträfen. Selbstverständlich ist das kein zwingender Beweis, aber es sei doch angemerkt, dass in den letzten 2 000 Jahren maximal 200 Milliarden Menschen gelebt haben.

    Der Situation des Mannes im Grabtuch entspricht der Jesu am ersten Tag des Passahfestes: Er befindet sich in der Zwischenzeit des Todes, in seinem Leichentuch ruhend, das bald darauf alleine zurückbleibt. Vom leeren Grab berichten alle kanonischen und ein apokryphes Evangelium; daran gibt es nichts zu rütteln, mag auch das Nichtvorhandensein des Leichnams ohne Erscheinungen noch nicht konstitutiv für den Auferstehungsglauben gewesen sein. Der emeritierte Papst Benedikt XVI. und der Wiener Kardinal Schönborn haben 2010 zu Recht das Grabtuch als ein Bild des Karsamstags gewürdigt. Der Papst wies darauf hin, „dass das heilige Grabtuch wie ein ,fotografisches‘ Dokument ist, das ein ,Positiv‘ und ein ,Negativ‘ hat. Es ist wirklich so: Das dunkelste Geheimnis des Glaubens ist zur gleichen Zeit das hellste Zeichen einer Hoffnung, die keine Grenzen hat. Der Karsamstag ist das ,Niemandsland‘ zwischen Tod und Auferstehung, aber dieses ,Niemandsland‘ hat einer, der Einzige betreten, der es durchquert hat mit den Zeichen seines Leidens für den Menschen: ,Passio Christi. Passio hominis‘.“ Als Manifestation der Geschichte Jesu wird die (nach Ghiberti ohnehin im präwissenschaftlichen Bereich entschiedene) Echtheitsfrage des Grabtuchs sekundär. Von der „subjektiven Gewissheit“ zum Wissen, also der „subjektunabhängigen Wahrheit“, werden wir ohnehin nie vordringen. Nicht einmal, wenn es uns gelänge, das Leinen in die Zeit Christi zu datieren. Die Naturwissenschaften besitzen kein Experiment zur Wiederholung von „Auferstehung“ und die Geistes- und Geschichtswissenschaften sind ihrem Wesen nach „ungenaue Wissenschaften“, denen nur das Streben nach Wahrheit und die Bescheidung mit der Wahrscheinlichkeit bleibt. Das Turiner Grabtuch, was immer es ist, ist eine Realität, die Realität einer Kreuzigung, eine Mahnung an die Fähigkeit des Menschen zur grenzenlosen Grausamkeit und eine Hoffnung, dass das Böse nicht das letzte Wort hat

    Der Autor ist emeritierter Professor für Alte Geschichte an der Universität Würzburg.