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    „Das Auge hört mit“

    Romano Guardini in seiner Dankesrede nach der Verleihung der Ehrenbürgerschaft in Isola Vicentina im Jahr 1963: „Fast alle meine Gedanken sind nämlich unter unseren Bäumen hier in Isola entstanden und gereift. Unter ihnen bin ich nachdenkend umhergegangen; habe dann den Ertrag an den Schreibtisch gebracht und niedergeschrieben, um darauf wieder hinauszugehen und weiter zu meditieren. Nehmen Sie diese Beziehung nicht als eine dekorative Zufälligkeit; hier besteht wirklich ein Zusammenhang. Der Baum mit seiner hohen Gestalt, mit der schönen Mannigfaltigkeit seiner Formen, seinem stillen Leben und seiner ruhigen Gegenwärtigkeit hängt in einer besonderen Weise – ich wüsste sie nicht zu analysieren – mit dem Geist des Menschen, seinem denkenden und fühlenden Leben zusammen.“

    Romano Guardini in seiner Dankesrede nach der Verleihung der Ehrenbürgerschaft in Isola Vicentina im Jahr 1963: „Fast alle meine Gedanken sind nämlich unter unseren Bäumen hier in Isola entstanden und gereift. Unter ihnen bin ich nachdenkend umhergegangen; habe dann den Ertrag an den Schreibtisch gebracht und niedergeschrieben, um darauf wieder hinauszugehen und weiter zu meditieren. Nehmen Sie diese Beziehung nicht als eine dekorative Zufälligkeit; hier besteht wirklich ein Zusammenhang. Der Baum mit seiner hohen Gestalt, mit der schönen Mannigfaltigkeit seiner Formen, seinem stillen Leben und seiner ruhigen Gegenwärtigkeit hängt in einer besonderen Weise – ich wüsste sie nicht zu analysieren – mit dem Geist des Menschen, seinem denkenden und fühlenden Leben zusammen.“

    Diese Sätze sind nicht als naiver Naturalismus oder gar Pantheismus falsch zu verstehen, vielmehr besinnt sich der deutsch-italienische und vor allem geisteswissenschaftliche „Grenzgänger“ Guardini in dieser Dankesrede auf Zeiten im immer wieder aufgesuchten Haus seiner Mutter. So werden wesentliche Inspirationsquellen seines tiefgründigen und spannungsreichen Lebensweges vor Augen gestellt, dabei beruft er sich mit den geschilderten Gedanken auf keinen Geringeren als Platon, welcher in der Gemeinschaft von Meister und Schülern gedacht und gelehrt hat. Jene Denkgemeinschaft geschah nicht in einem sterilen „funktionsorientierten“ Vorlesungs- oder Seminarraum, sondern in der von ihm geprägten Akademie. Dieser uns heute so vertraute Begriff der Akademie stammt jedoch von einem Park in der Nähe von Athen, welcher dem Gott Akademos geweiht war. Platons eigener Garten, in dem er sich denkend und lehrend zu ergehen pflegte, war demnach als Akademie benannt. Auch bei der berühmten Rede im platonischen „Phaidros“ über die Liebe des Geistes zu den hohen Dingen sitzt der Schüler von Sokrates mit dem Meister am Fluss Ilissos unter einer Platane.

    Mit den angedeuteten Schilderungen und vielen eigentlich noch aufzuführenden Beispielen seines Oeuvres kann erahnt werden, dass Guardini als Meister des Sehens – nicht nur im analytischen Sinne, sondern vor allem von einer sich inspirieren lassenden Seite aus – für Philosophie und Theologie Bahnbrechendes geleistet hat. Er zeichnet in geniehafter, hellsichtiger Klarheit über die Form des sich Zeigenden die Fülle des Lebendigen nach, als „etwas, das quillt, strömt, sich weitet. Jenes Etwas, das Form flieht, löst, sprengt.“ In dieser Vielfalt dynamisch-pulsierender Möglichkeiten sieht er aber zugleich auch wieder die tödliche Einseitigkeit des Phänomens: Lebendige Fülle kann nur gedacht werden, wenn sie ein Mindestmaß an Form besitzt, sonst ist sie füllhaftes, ja tödliches Chaos.

    Diese Gefahr der Einseitigkeit sieht Guardini bis in unsere Zeit hinein in verschärfter Weise präsent: Die moderne Technik legt allen Sinn in die Form. Präzision, schärfste, formale Durcharbeitung, Ordnung, Methode, Prüfung und Herrschaft sind das Positive, aber leider einseitig Betonte. So ist für Guardini Form nur die eine Seite seines spannungsvoll-konträren, jedoch nicht kontradiktorischen Gegensatzdenkens.

    Was liegt eigentlich bei Guardini näher, diese Formvollendetheit in der Wahrnehmung des pulsierend Lebendigen in einem umfangreichen, sehr detaillierten Bildband ansichtig werden zu lassen? Max Oberdorfer hat sich der arbeitsintensiven Recherchen und Dokumentationen als hervorragender Fotograf (berufenes Mitglied in der Gesellschaft für Photographie) in beeindruckender Weise angenommen. In Zusammenarbeit mit der Guardini-Nestorin, Professor Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, konnte er die inhaltliche Konzeption und deren editorische Bewältigung hervorragend und innovativ umsetzen.

    Ausgehend von seinem grundlegenden Gegensatzdenken weitet sich der Kreis der Guardini-Rezeption stetig aus; insofern war es sehr geschickt, dem Bildband neben dem Vorwort des Herausgebers auch die Nestorin selbst mit einem hinführenden Geleit zu Wort kommen zu lassen. In diesem Geleit, wie auch im ganzen Band, wird der neueste Stand der Forschung berücksichtigt, was etwa mit der erstmaligen Veröffentlichung des erst kürzlich aufgefundenen Manuskriptes von Josef Weiger mit der Frage „Wer war Romano Guardini“ bestens wiedergegeben wird.

    In einer sicherlich folgenden Zweitauflage sollten störende Kleinigkeiten beseitigt sein: Mangelnde Genauigkeit bei Zitaten und deren für die Lektüre lästigen Quellennennung am Schluss des Bandes, fehlende wichtige Bildunterschriften oder Erklärungen – etwa zu der häufig genannten Fanny Kempner.

    Mit allen im Band geschilderten Details wird ein weiterer wichtiger Baustein für die so wichtige Kontextualisierung der eindrucksvollen Biographie und vor allem für das Werk Guardinis zur Verfügung gestellt. Besonders gelungen ist hierbei die Wiedergabe der Grenzgänge Guardinis, etwa seine Äußerungen zu den Künsten im Abschnitt „Leuchtende Farben“, wo Guardini hellsichtig die Eindrücke von einer Ausstellung mit Gemälden Emil Noldes seinem Freund Josef Weiger mitteilt: „Mir war vor ihm [...] als ob mir jetzt erst die Augen für die Farbe aufgetan wären.“ Generell wird seine Sensibilität für Farben, überhaupt zu den Künsten sehr schön im Bild und Text dokumentiert: „Blau ist überhaupt Freude. Blau erquickt.“ In den Bildern von Burg Rothenfels, den Dokumenten der graphischen Gestaltung der Schildgenossen, besonders in der Gegenüberstellung von originalem und aktuellem Bildmaterial und dies immer wieder sekundierend mit Textpassagen aus der Feder Guardinis oder seiner Freunde, entsteht eine Ahnung, dass im aufmerksamen Sehen, im formvollendeten Wahrnehmen des gegebenen Lebendigen eine Denktiefe vorhanden ist, welche tatsächlich aufhorchen lässt: Das Auge hört also doch mit.

    Von Albrecht Voigt