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    Das „Agnus Dei“ des Papstes – ein österlicher Brauch vergangener Zeiten

    „Unter allen sachlichen Sacramentalien nehmen die vom Papste geweihten Wachsfiguren, welche von dem auf ihnen abgedrückten Bilde des Lammes Gottes ihren Namen tragen und durch ihren reinen, jungfräulichen Stoff die unbefleckte himmlische Reinheit der Menschheit Christi sinnbilden, die erste Stelle ein“, merkte Matthias Joseph Scheeben (1835–1888) über das „Agnus Dei“ an.

    „Fischen“ der „Agnus Dei“ durch Papst Pius XII. Foto: Archiv Nersinger

    „Unter allen sachlichen Sacramentalien nehmen die vom Papste geweihten Wachsfiguren, welche von dem auf ihnen abgedrückten Bilde des Lammes Gottes ihren Namen tragen und durch ihren reinen, jungfräulichen Stoff die unbefleckte himmlische Reinheit der Menschheit Christi sinnbilden, die erste Stelle ein“, merkte Matthias Joseph Scheeben (1835–1888) über das „Agnus Dei“ an.

    Die zerstückelte Osterkerze wurde an Gläubige verteilt

    Der Ursprung dieses wächsernen Medaillons reicht bis in die Frühzeit des Christentums zurück. Schon im 5. Jahrhundert wurde in Rom die Osterkerze zerstückelt und die Wachsstückchen an die Gläubigen ausgeteilt – zum Gebrauch gegen Unwetter und alle möglichen Gefahren des täglichen Lebens. Da das Wachs der Osterkerze für die Vielzahl der Gläubigen nicht mehr ausreichte, begann man schon im 8. Jahrhundert, größere Mengen von Wachs zu weihen. Aus diesen formte man kleine Stücke und drückte ihnen ein Siegel mit dem Abbild des göttlichen Lammes – Agnus Dei – auf.

    Seit dem Beginn des 15. Jahrhunderts galt die Osterwoche als Weihetermin; in der Regel wurde die Zeremonie am Donnerstag der Oktav vorgenommen. Mit dem Pontifikat Martins V. (Oddone Colonna, 1417–1431) begannen die Päpste, die Weihe und Austeilung des Agnus Dei an sich zu ziehen. Paul II. (Pietro Barbo, 1464–1471) legte dann mit einer Bulle die päpstliche Reservation auf dieses Sakramentale auch rechtlich fest. Gegen Mitte des 16. Jahrhunderts wurden die Zeremonien niedergeschrieben, die in dieser Form vierhundert Jahre Gültigkeit behalten sollten.

    Am Donnerstag der Osteroktav begab sich der Papst in einen der großen Säle des Apostolischen Palastes. Dort er wurde er mit Schultertuch, Albe, Zingulum, einer weißen, perlenbestickten Stola, Mantum (dem weiten Papstmantel) und der Mitra bekleidet. Vor den Papst wurde ein Gefäß mit Wasser gestellt. Er segnete das Wasser und goss dann in Kreuzform Balsam und Chrisam in das Gefäß. Dann gab man mit Hilfe eines silbernen Schöpflöffels das Gemisch in mehrere bereitgestellte Wannen, die mit Wasser gefüllt waren.

    Der Papst gab eine Anzahl der Wachsmedaillons in eines der Behältnisse hinein und „taufte“ sie. An den übrigen Wannen versahen diese Aufgabe die Kardinäle. Zu der Zeremonie sang die Päpstlichen Schola den Osterhymnus „Ad regias Agni dapes“. Nach einer kurzen Zeitspanne – ein Chronist vermerkte hierfür die Dauer eines Ave Maria – „fischten“ der Papst und die Kardinäle die Agnus Dei mit silbernen Schöpfkellen aus den Wannen heraus. Die Medaillons wurden zum Abtrocknen auf weiße Tücher niedergelegt und bis zum Ostersamstag in der Cappella Paolina des Apostolischen Palastes aufbewahrt.

    Am Morgen des Ostersamstags wohnte der Papst in der Sixtinischen Kapelle der Messe bei, die ein Mitglied des Kardinalskollegiums zelebrierte. Nach der Kommunion brachten Kleriker die geweihten Agnus Dei aus der Capella Paolina zur Sixtina. An der Schwelle zur Kapelle sangen sie mit lauter Stimme: „Sancte Pater, isti sunt Agni novelli, qui annunciaverunt vobis Alleluja – Heiliger Vater, dies sind die neuen Lämmer, die Euch das Alleluja verkündet haben.“ Alle antworteten mit einem „Deo gratias, Alleluja – Dank sei Gott, Alleluja!“. Noch zweimal wurde diese Ankündigung wiederholt, bis einer der Kleriker vor dem Papst niederkniete und diesem die geweihten Wachsmedaillons präsentierte.

    Jeder der anwesenden Kardinäle trat nun an den Thron des Papstes heran. Die Purpurträger hielten ihm ihre Mitra, die „cornua“ (Hörner) nach unten gekehrt, entgegen. Der Papst legte einige Agnus Dei in sie hinein. Die Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte folgten dem Beispiel der Kardinäle, Die Beichtväter von Sankt Peter empfingen die ihnen zugedachten Agnus Dei in ihren umgedrehten schwarzen Biretten. Danach wurden die Mitglieder des Päpstlichen Hofs, die beim Heiligen Stuhl akkreditierten Botschafter und alle übrigen Anwesenden vom Papst mit dem Agnus Dei bedacht.

    Auf dem Wachsmedaillon das Lamm Gottes

    Die übriggebliebenen Agnus Dei wurden vom Papst bei Audienzen und besonderen Feierlichkeiten verteilt oder Gläubigen zu besonderen Anlässen übersandt. Die Weihe nahmen die Päpste nicht jedes Jahr vor, sondern nur im ersten und in jedem siebten Jahre ihres Pontifikates (eine Ausnahme machte man zu den Heiligen Jahren). Das Agnus Dei besaß ovale Form und zeigte auf der Vorderseite das Lamm Gottes mit der österlichen Siegesfahne und der Umschrift „Ecce Agnus Dei“ sowie darunter das Wappen, den Namen und das Regierungsjahr des Papstes; auf der Rückseite war ein Heiligenbild oder eine biblische Szene abgebildet.

    Die Herstellung der Wachsmedaillons war zunächst dem Erzdiakon der Lateranbasilika anvertraut worden, dann übernahm der päpstliche Sakristan diese ehrenvolle Aufgabe, später wurde dem Apotheker des Päpstlichen Hofs das Mandat hierzu übertragen. Als die Zahl der zu weihenden Agnus Dei immer stärker anstieg, wurden die Medaillons von den Mönchen und Nonnen der Klöster Santa Pudenziana, S. Croce in Gerusalemme und Santa Cecilia in Trastevere angefertigt. Das geweihte Agnus Dei galt als Schutz in vielen Nöten und Bedrängnissen, gegen Blitz, Feuer, Unwetter und Überschwemmungen. Man hing sich das Agnus Dei in Kapseln um den Hals, um den Teufel, Dämonen und böse Menschen abzuwehren. Man trug es vor Gericht gegen Meineid und falsche Zeugen. Auf Reisen galt es als besonderer, ja unentbehrlicher Schutz. Es wurde in Burgfriede, Stadttürme und hohe Gebäude eingemauert, um sie vor dem Einschlag des Blitzes zu bewahren. Die Wachsmedaillons streute man in kleinen Partikeln auf die Felder aus, um den Boden fruchtbarer zu machen. Zum Schutz der Äcker wurden sie oft auch in Feldkappellen aufbewahrt.

    Bleibt die erhoffte Wirkung aus, war der Glaube schwach

    Es blieb nicht aus, dass sich die Reformatoren des bei den Gläubigen hochgeschätzten Medaillons und seiner Kräfte „annahmen“. Protestanten und Anglikaner machten keinen Hehl aus ihrer Verachtung. Martin Luther spottete, das „Agnus Dei, vom Papst geweihet, soll mehr tun, als Gott selber zu tun vermag“. Elisabeth I. von England sprach abfällig von „popish trumperies – päpstlichem Plunder“. Sie erließ Gesetze, die unter Androhung schwerster Strafen die Einfuhr und den Besitz des Agnus Dei verboten.

    All dies tat der Verehrung keinen Abbruch. Da die Päpste aber die Gefahr eines aufkommenden Aberglaubens erkannten, wurden sie nicht müde, vor einem magischen Verständnis des Wachsmedaillons zu warnen. So hieß es in einer Instruktion Papst Benedikts XIV. (Prospero Lambertini, 1740–1758) über den rechten Gebrauch des Agnus Dei: Wenn die erhoffte Wirkung nicht eintrete, so „sei das nicht einem Mangel an Kraft in der heiligen Sache, sondern entweder dem schwachen Glauben und Andachtsgeist der Gebrauchenden, oder einer anderen Gott bekannten und von ihm in Betracht gezogenen Ursache zuzuschreiben“.

    Päpstliche Agnus Dei wurden bis in die sechziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts geweiht und verteilt, dann jedoch verschwinden sie aus den Liturgien des Päpstlichen Hofs. Unter der Bezeichnung „Agnus Dei“ werden auch heute noch Wachsmedaillons hergestellt und verkauft, sie können jedoch nicht mehr mit denjenigen gleichgesetzt werden, die einst von den Päpsten geweiht wurden.